{"id":10660,"date":"2003-11-14T09:59:12","date_gmt":"2003-11-14T09:59:12","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10660"},"modified":"2012-06-24T14:15:52","modified_gmt":"2012-06-24T12:15:52","slug":"10660","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/11\/10660\/","title":{"rendered":"L&auml;nger Arbeiten ohne Lohn?"},"content":{"rendered":"<p>Um die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf die Besch\u00e4ftigten abzuladen fordern Politik und Wirtschaft die R\u00fcckkehr zur 40-h-Woche und flexible Arbeitszeiten.<\/p>\n<p>von Ronald Luther, Rostock<!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<div class=\"moz-text-html\" lang=\"x-western\">\n<div>\n<p>Denn: <span style=\"font-style: italic;\">\u201eL\u00e4ngere Arbeitszeiten f\u00fchren zu mehr Besch\u00e4ftigung.<\/span>\u201c, so Hans Werner Busch, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. (S\u00fcddeutsche Zeitung, 11. November 2003)<br \/> W\u00e4ren diese Worte um 11.11 Uhr gefallen, h\u00e4tte man sie vielleicht noch unter \u201eKarnevalsulk des Tages\u201c verbuchen k\u00f6nnen. Aber leider nein: sie waren ernst gemeint. Obwohl im Oktober 2003 genau 4.151.800 offiziell erwerbslos gemeldet waren, sollen die Besch\u00e4ftigten l\u00e4nger arbeiten.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Kuscheln mit Folgen <\/span><\/p>\n<p>Es war zu erwarten, dass das Unternehmerlager angesichts der Anbiederungs-Taktik der Gewerkschaftsf\u00fchrungen immer frecher wird. Nach dem Verrat des Streiks der IG Metall in Ostdeutschland f\u00fcr die Einf\u00fchrung der 35-h-Woche durch die IG Metall-F\u00fchrung waren noch unversch\u00e4mtere Forderungen seitens der Wirtschaft absehbar gewesen. Denn wenn die Unternehmer von der Gewerkschaftsf\u00fchrung die Hand gereicht bekommen, dann ziehen sie eben die KollegInnen gleich \u00fcber den Tisch. Nach dem Beginn der Angriffe auf die Tarifautonomie legen jetzt die Herren in den Chefetagen der Banken und Konzerne eine Schippe nach. Hierzu soll die Metalltarifrunde genutzt werden. &#8222;<span style=\"font-style: italic;\">Wir k\u00f6nnen nicht einfach eine reine Geldrunde nach alter V\u00e4ter Sitte machen. In der Arbeitszeit brauchen wir mehr Spielraum &#8211; und zwar nach oben&#8220;<\/span>, sagte Kannegiesser. (Financial Times online, 10. November 03) Martin Kannegie\u00dfer ist Chef des Unternehmerverbandes Gesamtmetall.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Arbeiten nach Gutsherrenart <\/span><\/p>\n<p>Die vermeintliche Schw\u00e4che der IG Metall ausnutzend wird nun von Politik und Wirtschaft gefordert, die Folgen der Weltwirtschaftskrise f\u00fcr die Metallwirtschaft auf den R\u00fccken der Besch\u00e4ftigten abzuladen. Das hei\u00dft f\u00fcr die KollegInnen &#8222;ma\u00dfvolle&#8220; Lohnforderungen sowie l\u00e4ngere und flexiblere Arbeitszeiten. Dabei sollen die Betriebe selbst entscheiden, ob Mehrarbeit n\u00f6tig ist und ob sie bezahlt wird. Was nichts anderes als die weitere Aushebelung der Tarifautonomie bedeutet. In der Praxis sieht das dann so aus: Bei Opel soll in der Produktion nur noch 30 Stunden gearbeitet werden. Die Deutsche Telekom will die Arbeitszeit von 38 auf 34 Stunden verk\u00fcrzen, der Energiekonzern EnBW die 4-Tage-Woche einf\u00fchren. (IGM online, 13-11.03) Alles nat\u00fcrlich ohne Lohnausgleich. Geht es diesen Konzernen irgendwann wieder besser, dann sollen die KollegInnen auch 40 h in der Woche arbeiten.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">IG Metall: Kampftruppe oder Schw\u00e4chling? <\/span><\/p>\n<p>Die S\u00fcddeutsche Zeitung online vom 11. November 03 sieht dabei die Unternehmerseite in besserer Position: \u201eDie IG Metall kann nur verlieren. Streitet sie in der nun beginnenden Tarifrunde ernsthaft f\u00fcr deutlich mehr Geld und sperrt sie sich gegen die Arbeitgeberforderung nach l\u00e4ngeren Arbeitszeiten, wird sie in Zeiten der Wirtschaftkrise als verantwortungsloser Gierschlund gelten. Geht sie f\u00fcr ihre Forderung gar in den Arbeitskampf, wird sie als \u00fcble Krawalltruppe dastehen \u2013 schlie\u00dflich hat sie in Ostdeutschland gerade erst ein beispielloses Streik-Desaster angerichtet. Begn\u00fcgt sie sich aber mit den mageren 1,4 Prozent mehr Lohn, welche die Arbeitgeber anbieten, so werden ihre Mitglieder die angeschlagene IG Metall als Schw\u00e4chling verachten.\u201c So kennen wir das: geht es mit der Wirtschaft aufw\u00e4rts, dann sollen wir Lohnzur\u00fcckhaltung \u00fcben, um den &#8222;zarten&#8220; Wirtschaftsaufschwung nicht zu gef\u00e4hrden. Geht es mit der Wirtschaft abw\u00e4rts, dann sollen wir Lohnk\u00fcrzungen hinnehmen, um den irgendwann kommenden Wirtschaftsaufschwung nicht zu gef\u00e4hrden. Ergebnis: Zahlen tun immer die KollegInnen, den Reibach hingegen macht stets die Wirtschaft.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Vom Tariftraum zum Alptraum! <\/span><br \/> \u00a0<br \/> Die gr\u00f6\u00dfte Angst haben die Gewerkschaftsf\u00fchrer vor dem Tag, an dem sie nicht mehr mit am Tisch sitzen und &#8222;Sozialpartner&#8220; spielen d\u00fcrfen. So warnte zwar der stellvertretende IG-Metall-Chef Berthold Huber: Zus\u00e4tzlich geleistete Arbeit f\u00fchre nicht zwingend zu neuen Arbeitspl\u00e4tzen, sondern w\u00fcrde eher Stellen gef\u00e4hrden. Huber schlug aber auch moderatere T\u00f6ne an: Er warnte vor \u201eTariftr\u00e4umen\u201c. Die Gewerkschaft m\u00fcsse ein verl\u00e4sslicher Partner sein, der mittelfristig Trends wie gesamtwirtschaftliches Wachstum, Produktivit\u00e4tsentwicklung und Investitionstendenzen ber\u00fccksichtige. Auch eine l\u00e4ngere Laufzeit des Tarifvertrags schloss Huber nicht aus.\u201c (S\u00fcddeutsche Zeitung online, 11. November 03) Huber sieht also die Gewerkschaften als Doktor am Krankenbett des Kapitalismus und die KollegInnen d\u00fcrfen die Rechnung bezahlen. <br \/> Um die KollegInnen aus ihren &#8222;Tariftr\u00e4umen&#8220; zu rei\u00dfen beschloss die IG Metall-Spitze inzwischen eine Lohnforderung von vier Prozent in der kommenden Tarifrunde. Das w\u00e4re &#8222;die niedrigste Lohnforderung der Metaller seit mehr als einem Jahrzehnt.&#8220; (Frankfurter Rundschau online, 11. November 03) Au\u00dferdem soll im sogenannten &#8222;Entgeltrahmenabkommen&#8220; (ERA) festgelegt werden, dass 1,39 Prozentpunkte der Lohnerh\u00f6hung abgezweigt werden, um die Einkommen von Arbeitern und Angestellten anzugleichen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Ungehorsam von Unten gegen Gehorsam von Oben! <\/span><\/p>\n<p>Diesen vorauseilenden Gehorsam wird die IG Metall-F\u00fchrung aber diesmal der Mitgliedschaft schwer mit schwacher Mobilisierungsf\u00e4higkeit begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Denn die riesige Beteiligung der Gewerkschaftsbasis an der Gro\u00dfdemonstration gegen Sozialkahlschlag vom 1. November in Berlin zeigt, dass die KollegInnen in den Betrieben bereit sind, den Generalangriff von Wirtschaft und Politik zur\u00fcckzuschlagen. Viele Transparente aus den Betrieben forderten sogar einen Generalstreik gegen Sozialkahlschlag und Lohnraub. Der vorauseilende Gehorsam der Gewerkschaftsspitze zeigt aber auch, dass sich die Metallgewerkschafter nicht auf ihre F\u00fchrung verlassen k\u00f6nnen, wenn sie ernsthaften Widerstand erreichen wollen. Dazu ist weiter Initiative von unten n\u00f6tig und der Aufbau einer k\u00e4mpferischen Opposition als Alternative zur bisherigen Gewerkschaftsf\u00fchrung.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf die Besch&auml;ftigten abzuladen fordern Politik und Wirtschaft die R&uuml;ckkehr zur 40-h-Woche und flexible Arbeitszeiten.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[122,11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10660"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10660"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10660\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}