{"id":10656,"date":"2003-11-12T12:30:33","date_gmt":"2003-11-12T12:30:33","guid":{"rendered":".\/?p=10656"},"modified":"2003-11-12T12:30:33","modified_gmt":"2003-11-12T12:30:33","slug":"10656","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/11\/10656\/","title":{"rendered":"Wie weiter nach dem 1. November? &#160;"},"content":{"rendered":"<p>  Anwort der SAV auf J&#252;rgen Els&#228;sser&#160;><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  J&#252;rgen Els&#228;sser legt in der Jungen Welt vom 10. November 2003 seine   Ansichten zum &quot;Wie weiter nach der Demonstration am 1. November&quot; dar.   Die SAV h&#228;lt es f&#252;r notwendig auf diesen Artikel einzugehen. Wir   dokumentieren hier den Artikel aus der Jungen Welt und unsere Antwort.<br \/><b><span><br \/>(DGB-SPD)x(MLSekten)=NSB   <\/span><\/b><br \/>von J&#252;rgen Els&#228;sser<\/p>\n<p>Nach der   Demonstration vom 1. November diskutieren die Organisatoren die weiteren   Schritte Es sei &#187;nicht aussichtsreich&#171;, gegen eine 95prozentige Mehrheit   im Bundestag zu demonstrieren &#8211; so hatte der DGB-Vorsitzende Michael   Sommer begr&#252;ndet, wieso die Gewerkschaftsspitzen sich nicht an der   bundesweiten Mobilisierung zum 1. November beteiligten. Sommer hat sich   geirrt, weil ihm offensichtlich die Entstehungsgesetze f&#252;r eine neue   soziale Bewegung (NSB) nicht bekannt waren: Ein solches Ph&#228;nomen tritt   gerade dann auf, wenn die parlamentarische Opposition versagt und sich   die Frustrierten eigene Organisationen au&#223;erhalb der etablierten   Parteistrukturen schaffen m&#252;ssen. Insofern wirkte das Einknicken der   SPD-Linken bei der Abstimmung der Hartz-Gesetze im Bundestag ebenso   mobilisierend wie die dreisten Demonstranten-Schelte der Gr&#252;nen-Chefin   Angelika Beer (&#187;absolute Orientierungslosigkeit&#171;) und der   Fraktionsvorsitzenden Katrin G&#246;ring-Eckardt (&#187;Aufstand der   Besitzstandswahrer&#171;).<br \/>Ein kleiner Blick zur&#252;ck: Den Begriff   &#187;neue soziale Bewegung&#171; erfanden westdeutsche Professoren, die damit   auch das Ende des traditionellen Klassenkampfes beschreiben wollten,   Ende der siebziger Jahre. Neu war aber eigentlich nur die   Anti-Atombewegung &#8211; Frauen- und Friedensbewegung hatte es schlie&#223;lich   auch schon in den drei&#223;iger oder f&#252;nfziger Jahren gegeben, wenn auch   kommunistisch beeinflu&#223;t. Die Bauplatzbesetzung zur Verhinderung eines   Atomkraftwerkes im s&#252;dbadischen Wyhl 1975 erschien zun&#228;chst als ein   folkloristischer Aufstand der Kaiserst&#252;hler Bauern und Winzer. Das   &#228;nderte sich schlagartig, als ein Jahr sp&#228;ter ein AKW-Baugel&#228;nde in   Brokdorf regelrecht angegriffen wurde, und zwar nicht von einzelnen   Spinnern, sondern von einer 20000k&#246;pfigen Menge. Linken aus dem   nahegelegenen Hamburg war es gelungen, mit ortsans&#228;ssigen   B&#252;rgerinitiativen gute Kontakte zu kn&#252;pfen und das kampferprobte   Publikum der Hansestadt zu einem Gel&#228;ndespiel in den Elbmarschen zu   motivieren. Da&#223; die Polizei mit seltener Brutalit&#228;t dagegen vorging,   fachte die Proteste weiter an: Bei der folgenden Demonstration in   Brokdorf zum Jahresende 1976 kamen schon 30 000, nun bekamen auch die   Polizisten Keile.<br \/>Im Jahre 1977 breiteten sich die Aktivit&#228;ten wie   ein Fl&#228;chenbrand aus. Entscheidend daf&#252;r waren zwei Punkte: Zum einen,   da&#223; die wesentlichen Fraktionen der radikalen Linken Profilierungss&#252;chte   zur&#252;ckstellten und ihre Agitationsk&#252;nste &#252;berparteilich in den Dienst   der entstehenden Initiativgruppen stellten. Dies traf vor allem auf die   Autonomen, die man damals noch Spontis nannte, und den bei den   Brokdorf-Protesten impulsgebenden Kommunistischen Bund (damals noch mit   Thomas Ebermann und J&#252;rgen Trittin) zu. Demgegen&#252;ber nahm der Einflu&#223;   der zahlreichen Sektierergruppen schnell ab, ohne da&#223; man sie   ausschlie&#223;en mu&#223;te. Genauso wichtig war, da&#223; eine Sozialdemokratisierung   der Bewegung verhindert werden konnte. Die SPD hatte die Atomgegner   zun&#228;chst ignoriert oder angep&#246;belt. Doch nach der Verbreiterung der   Proteste im Zuge der Brokdorf-Demonstrationen schaltete man in der   Bonner Parteibaracke um: Man schickte SPD-nahe Vorzeige-&#214;kologen ins   Rennen und fabrizierte mit den antikommunistischen Teilen der   B&#252;rgerinitiativen eigene Demonstrationsb&#252;ndnisse. Nein zur Atomkraft,   aber auch nein zu den Chaoten &#8211; so lautete die Parole. Am 19. Februar   1977 kam es zu einem wichtigen Kr&#228;ftemessen: Die Kundgebung der linken   B&#252;rgerinitiativen am Baugel&#228;nde in Brokdorf war gerichtlich untersagt   worden, stattdessen wurde eine SPD-vertr&#228;gliche Ersatz-Demo im   nahegelegenen Itzehoe anberaumt. Doch die Linken hielten am verbotenen   Marsch fest und setzten diesen trotz martialischem Polizeiaufgebot   durch. Weil ihnen 30000 Demonstranten folgten und den SPD-nahen Kr&#228;ften   in Itzehoe nur 15000, war die Autonomie der Bewegung f&#252;rs erste   gesichert.<br \/>Vieles spricht daf&#252;r, da&#223; sich die Proteste gegen Agenda   2010 und Hartzgesetze nach ihrem Erfolg am 1. November in einer   &#228;hnlichen Situation befinden. Es gibt einerseits kommunistische Gruppen   wie MLPD, Sozialistische Alternative Voran (SAV) und Linksruck, die die   Idee f&#252;r den 1. November hatten und f&#252;r die Mobilisierung an der Basis   wichtig waren, aber durch ihren F&#252;hrungsanspruch und ihre   Wortradikalit&#228;t immer wieder Leute abschrecken. Auf der anderen Seite   haben Organisationen wie ATTAC, die Berliner Landesver&#228;nde von IG BAU   und ver.di sowie die PDS lange gez&#246;gert, die Demonstration zu   unterst&#252;tzen, dann jedoch ohne Legitimierung durch die bundesweiten   Vorbereitungsstrukturen die Sache in die Hand genommen. Das wird von den   einen als Putsch gesehen, um den Einflu&#223; der Radikalen zu brechen.   Andere vertreten, da&#223; die Demonstration nur so aus der Sektiererecke   herausgekommen und zu einem Erfolg geworden ist.<br \/>Opfer des   Machtkampfes k&#246;nnten die zahlreichen Basisgruppen werden, die jetzt   &#252;berall entstanden sind. Stellvertretend hei&#223;t es in einem Brief des   Rhein-Main-B&#252;ndnisses Gegen Sozialabbau und Billigl&#246;hne: &#187;Wir sehen mit   Sorge, da&#223; die Auseinandersetzung um die Organisierung der Demonstration   am 1. 11. zu einer Spaltung der Kr&#228;fte f&#252;hren k&#246;nnte, die den 1.11.   getragen haben.&#171; Die Kollegen rufen dazu auf, unbedingt die Arbeit des   bundesweiten Tr&#228;gerkreises fortzusetzen, der auf mehreren Treffen mit   teilweise 150 und mehr Teilnehmern die Berliner Gro&#223;aktion organisiert   hat. Eine weiterf&#252;hrende Konferenz war schon vor der Demonstration f&#252;r   den 13. Dezember festgelegt worden. Die Frankfurter Gruppe, die bereits   Ausrichter der bundesweiten Treffen der Hartz-B&#252;ndnisse war, hat nun die   Vorbereitung der Konferenz &#252;bernommen und bittet um z&#252;gige Anmeldung (<a href=\"mailto:mkoester@web.de\">mkoester@web.de<\/a>).<\/p>\n<p><i>aus:   Junge Welt vom 10. November 2003<\/i><\/p>\n<p><b><span>Antwort der SAV:<\/span><\/b><\/p>\n<p>J&#252;rgen   Els&#228;sser kritisiert in seinem Artikel zur &#8222;NSB&#8220; (Neuen Sozialen   Bewegung) unter anderem die SAV (Sozialistische Alternative). Das ist   sein gutes Recht und wir setzen uns gerne solidarisch mit jeder Kritik   auseinander. Schade ist es nur, wenn diese aus dahingeschriebenen   Behauptungen besteht, die nicht belegt werden und einfach nicht den   Realit&#228;ten entsprechen. Jeder Mensch, der an den Vorbereitungen zur   Demonstration am 1. November teilgenommen hat, kann nur lachen, wenn   SAV, Linksruck und MLPD in diesem Zusammenhang in einem Atemzug genannt   werden. Els&#228;sser schreibt diese drei Organisationen h&#228;tten die Idee zur   Demo gehabt. Das ist falsch. Die Idee zur Demo hatte die SAV und   SAV-Mitglieder haben dann die Unterst&#252;tzung im Netzwerk f&#252;r eine   k&#228;mpferische und demokratische verdi, in der Gewerkschaftslinken und bei   den Anti-Hartz-Initiativen gewonnen und dort f&#252;r die Durchf&#252;hrung der   Aktionskonferenz vom August geworben. Els&#228;sser schreibt diese   Organisationen h&#228;tten zwar gute Mobilisierungsarbeit geleistet, w&#252;rden   aber durch ihren F&#252;hrungsanspruch und ihre Wortradikalit&#228;t andere   abschrecken. Die SAV ist von Beginn an f&#252;r eine m&#246;glichst breite   Einbeziehung aller Kr&#228;fte eingetreten, die die Agenda 2010 und den   Sozialabbau ablehnen. Vor allem in den Gewerkschaften haben   SAV-Mitglieder f&#252;r eine Unterst&#252;tzung der Demo gek&#228;mpft. Wir haben an   der Ausarbeitung des Demonstrationsaufufes teilgenommen und uns daf&#252;r   eingesetzt, dass dieser zum Beispiel eine gewerkschaftliche Beteiligung   nicht von vorne herein ausschlie&#223;t. Wir haben uns von Beginn an gegen   die Versuche der MLPD ausgesprochen die Redeliste bei der Kundgebung zu   dominieren. Wir wollten eine repr&#228;sentative Vorbereitungsstruktur und   haben in keiner Situation einen F&#252;hrungsanspruch f&#252;r die Demonstration   formuliert.<br \/>Els&#228;ssers Gegen&#252;berstellung &#8222;Sekten &#8211; ATTAC\/verdi   Berlin\/PDS &#8211; Basisinitiativen&#8220; trifft die Problemlage nicht. Die   Dominanzversuche der MLPD im Vorfeld der Demo konnten nicht akzeptiert   werden. So n&#246;tig es war die Verh&#228;ltnisse bei der Vorbereitung der Demo   dem realen Aufruferkreis anzupassen, so falsch und unsensibel war das   Vorgehen von ATTAC, verdi Berlin und anderen, weil sie nicht ausreichend   versucht haben die bundesweiten Strukturen einzubeziehen. Genauso   bedenklich ist es aber, wenn das Rhein-Main-B&#252;ndnis ohne Absprache mit   den f&#252;r den 1.11. entscheidenden Kr&#228;ften nun im Alleingang eine   Aktionskonferenz ausrufen will.<br \/>Zum Vorwurf von Wortradikalit&#228;t:   Allerdings sind wir der Meinung, dass die Kampfma&#223;nahmen gegen Regierung   und Kapital versch&#228;rft werden m&#252;ssen. Wir stellen deshalb die Forderung   auf, dass ein eint&#228;giger Generalstreik durch die Gewerkschaften   organisiert werden soll. Diese Forderung ist heute noch vielen   GewerkschafterInnen zu &#8222;radikal&#8220;, aber sie hat auf der Demonstration   auch viel Unterst&#252;tzung gewonnen und auch viele der GewerkschafterInnen,   die einen Generalstreik im Moment nicht unterst&#252;tzen halten eine Debatte   dar&#252;ber f&#252;r legitim. Verschrecken kann man damit nur diejenigen, die gar   nicht gegen Schr&#246;der k&#228;mpfen wollen. Wir sind auch der Meinung, dass in   den Gewerkschaften und in der &#8222;NSB&#8220; f&#252;r eine sozialistische Perspektive   gestritten werden muss. Dies machen wir nicht zur Bedingung f&#252;r unsere   konstruktive Mitarbeit in B&#252;ndnissen, aber wir verzichten nicht darauf   und halten den Aufbau einer sozialistischen Kraft f&#252;r eine dringliche   Aufgabe, um Bewegungen, wie sie sich jetzt entwickelt eine Perspektive   jenseits der kapitalistischen Marktwirtschaft aufzuzeigen. Das man daf&#252;r   neuerdings in der jungen Welt kritisiert wird, wundert mich schon.<br \/>Konkret   schlagen wir f&#252;r den weiteren Aufbau der Bewegung vor, dass einerseits   der Druck in den Gewerkschaften erh&#246;ht werden muss. Die   Gewerkschaftsf&#252;hrungen auf allen Ebenen d&#252;rfen nicht aus der   Verantwortung gelassen werden. Sie m&#252;ssen aufgefordert werden   Streikma&#223;nahmen zu ergreifen, eine gewerkschaftliche Massendemonstration   auszurufen (die um ein vielfaches gr&#246;&#223;er w&#228;re als der 1.11.) und einen   eint&#228;gigen Generalstreik zu organisieren. Gleichzeitig d&#252;rfen die   Kr&#228;fte, die den Erfolg vom 1.11. erreicht haben (und damit meinen wir   alle Beteiligten: von den Initiatoren der Aktionskonferenz im August bis   zu verdi Berlin, ATTAC etc.) nicht darauf warten, dass die Verh&#228;ltnisse   in den Gewerkschaften sich &#228;ndern. Es m&#252;ssen weiter unabh&#228;ngige   Initiativen ergriffen werden. Die Aktionskonferenz sollte am 13.12.   durchgef&#252;hrt und von allen beteiligten Kr&#228;ften gemeinsam durchgef&#252;hrt   werden. &#220;berall sollten Protest- und Streikb&#252;ndnisse ins Leben gerufen   werden. Ein weiterer dezentraler Aktionstag k&#246;nnte zu ersten   koordinierten betrieblichen und &#246;rtlichen Streikma&#223;nahmen f&#252;hren. Eine   weitere Idee ist die Durchf&#252;hrung eines gro&#223;en Widerstandskongress in   den ersten Monaten des n&#228;chsten Jahres, wo tausende AktivistInnen   zusammen kommen und &#252;ber Alternativen zu Agenda 2010 und Kapitalismus   diskutieren k&#246;nnten. Es sollte bei dem geplanten internationalen   Aktionstag im Fr&#252;hjahr 2004 eine n&#228;chste bundesweite Gro&#223;demonstration   angesetzt werden. Ist das zu radikal und abschreckend, lieber J&#252;rgen   Els&#228;sser?<\/p>\n<p><i><span>Sascha Stanicic, SAV-Bundessprecher<\/span><\/i>&#160;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Anwort der SAV auf J&#252;rgen Els&#228;sser&#160;<br \/>\n    ><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[104],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10656"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10656"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10656\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10656"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10656"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}