{"id":10629,"date":"2003-10-11T13:47:54","date_gmt":"2003-10-11T13:47:54","guid":{"rendered":".\/?p=10629"},"modified":"2003-10-11T13:47:54","modified_gmt":"2003-10-11T13:47:54","slug":"10629","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/10\/10629\/","title":{"rendered":"&#8222;Reformen&#8220; f&uuml;r die Reichen"},"content":{"rendered":"<p>&#x84;Hart aber leider unvermeidbar&#x93;, das ist der Standardsatz mit dem weiterer Sozialabbau jeden Tag aufs neue gerechtfertigt wird. Stimmt das? Gibt es wirklich keine Alternative zu Hartz, R&uuml;rup und Agenda 2010?  Hier sind unsere Antworten auf h&auml;ufig aufgestellte Behauptungen.<\/p>\n<p>  von Georg K&uuml;mmel, K&ouml;ln<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<b>&#x84;So wie bisher kann&#x92;s doch nicht weitergehen&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Diesem Satz kann tats&auml;chlich jedeR zustimmen. Wer will schon, dass es weiter Massenarbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel, marode St&auml;dte gibt? Dieses System ist krank, das sieht jedeR. Allein diese Erkenntnis sagt aber nichts dar&uuml;ber aus, ob die vorgeschlagene Therapie die richtige ist. &#x84;So kann es nicht weitergehen&#x93;, dachte auch der Schwinds&uuml;chtige im Mittelalter. Und weil niemand anderes da war, ging er zum Kurpfuscher. Der pflichtete ihm bei, &#x84;So kann es nicht weiter gehen&#x93; und lie&szlig; den Kranken zur Ader. Der Patient starb zwar an dieser Behandlung, aber das war dem Kurpfuscher egal, denn er hatte noch etwas verdient. <br \/>  Bevor sich die Bev&ouml;lkerung eines ganzen Landes  der von Unternehmern und Regierung vorgeschlagenen Behandlung unterzieht, sollte man sich fragen: wie haben denn diese &#x84;Kuren&#x93; in der Vergangenheit gewirkt? Wem haben sie gen&uuml;tzt und wem geschadet? Stimmt das &uuml;berhaupt, was uns da st&auml;ndig &uuml;ber die Ursachen der Krise erz&auml;hlt wird? <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Wir haben &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Wer ist &#x84;wir&#x93; und was sind &#x84;unsere Verh&auml;ltnisse&#x93;? Die Realeinkommen der ArbeitnehmerInnen in Deutschland sind von 1993 bis 2001 um 5,5 Prozent gesunken. (Einigkeit, Zeitschrift der Gewerkschaft NGG, 3\/2003). Es gab zwar Lohnerh&ouml;hungen, aber nach Abzug der Inflationsrate und wegen erh&ouml;hten Steuern und Sozialversicherungen blieb unter dem Strich weniger Einkommen als vor elf Jahren. Im selben Zeitraum sind die Einkommen aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen netto um 39,7 Prozent gestiegen. (Einigkeit, 3\/03) <br \/>  Die ArbeitnehmerInnen haben also bestimmt nicht &#x84;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse&#x93; gelebt. <br \/>  Was sind die konkreten &#x84;Verh&auml;ltnisse&#x93; in Deutschland? Die reichsten zehn Prozent der Bev&ouml;lkerung besitzen 42 Prozent  des gesamten Verm&ouml;gens, das entspricht 3,8  Billionen Euro. (Lexikon aktuell 2004).  Damit k&ouml;nnte man rein rechnerisch 15 Jahre lang die gesamten Ausgaben des deutschen Bundeshaushalts bezahlen. <br \/>  Die untersten 20 Prozent haben, abgesehen von Gebrauchsgegenst&auml;nden wie Auto und M&ouml;bel, &uuml;berhaupt kein Verm&ouml;gen (S&uuml;ddeutsche Zeitung, 20. September 03). &Uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse leben die Reichen, aber auch Bundestagsabgeordnete mit ihren Bez&uuml;gen und Di&auml;ten von monatlich 10.500 Euro und Gewerkschaftsvorsitzende wie der ver.di-Chef Bsirske mit 13.500 Euro pro Monat. <br \/>  Und wer soll nun daf&uuml;r bezahlen, dass diese Damen und Herren in den letzten Jahren noch reicher geworden sind? Wir alle, au&szlig;er nat&uuml;rlich diejenigen, die tats&auml;chlich &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse leben. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Die Kassen sind doch leer&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Das sagen die Stadtk&auml;mmerer, das sagen die Finanzminister von L&auml;ndern und Bund. Mit diesem Argument soll jeder Protest im Keim erstickt werden. Doch: Wieso war fr&uuml;her mal mehr Geld in den Kassen, wieso ist jetzt Ebbe? <br \/>  W&auml;ren die Bruttoeinkommen der Unternehmer 1998 genauso besteuert worden wie 1980, w&auml;ren rund 51 Milliarden Euro mehr in den &ouml;ffentlichen Kassen (Rainer Roth, Das Kartenhaus, 1999). Die Gewerbesteuereinnahmen f&uuml;r die Kommunen sind eingebrochen. Viele Gro&szlig;konzerne zahlen gar keine Steuern mehr. <br \/>  Der Hammer kommt aber noch: Die Reichen bleiben nicht nur ungeschoren, sie erwartet weiterer Geldsegen. Der Spitzensteuersatz soll noch mal gesenkt werden, von 48,5 auf 42 Prozent. Das bringt den Reichen sechs Milliarden Euro j&auml;hrlich, einem Einkommensmillion&auml;r bleiben im Monat 5.600 Euro mehr auf dem Konto (ver.di, Wirtschaftspolitische Informationen, 7\/2003). <br \/>  Alle Regierungen, ob im Bund, in den L&auml;ndern oder in den Gemeinden, reden einer &#x84;Sparpolitik&#x93; das Wort. Was sie betreiben ist jedoch keine Spar- sondern eine beispiellose Umverteilungspolitik &#x96; von unten nach oben. <br \/>  Die Steuergeschenke der j&uuml;ngsten Zeit, die ausschlie&szlig;lich dem Kapital zugute kamen, haben die Staatskassen dem Bankrott n&auml;her gebracht; die Ursachen daf&uuml;r liegen jedoch tiefer. Seit der internationalen Rezession Mitte der siebziger Jahre f&uuml;hrt die kapitalistische Krise &#x96; angesichts zunehmender Armut und Arbeitslosigkeit &#x96; zu sinkenden Einnahmen und  zu steigenden Ausgaben. <br \/>  Da die Unternehmer immer weniger profitable Anlagem&ouml;glichkeiten in der Produktion finden, dr&auml;ngen sie zudem auf die Pl&uuml;nderung &ouml;ffentlichen Eigentums. Die Wiedereinf&uuml;hrung der Marktwirtschaft in Ostdeutschland hat die bereits dra&shy;ma&shy;ti&shy;sche Verschuldung schlie&szlig;lich in noch schwindelerregendere H&ouml;hen getrieben. Mittlerweile betragen die &ouml;ffentlichen Schulden 1,3 Billionen Euro. <br \/>  Dieser Schuldenberg spricht nicht f&uuml;r immer neue &#x84;harte Sparopfer&#x93;, die den Besch&auml;ftigten, Erwerbslosen, Sozialhilfe&shy;em&shy;pf&auml;n&shy;ger&shy;In&shy;nen abverlangt werden sollen, sondern gegen die Geschenke f&uuml;r die Reichen und gegen das kapitalistische Profitsystem. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Die Einschnitte sind schmerzhaft, aber sie werden zu mehr Arbeit und Einkommen in der Zukunft f&uuml;hren.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Dieses Argument h&ouml;ren wir nun schon seit Jahren. Selbst die direkt von der Regierung veranlasste hunderttausendfache Arbeitsplatzvernichtung bei Bahn, Post, Telekom und &ouml;ffentlichem Dienst wurde als Mittel zur Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen verkauft. Der Platz in dieser Zeitung w&uuml;rde bei weitem nicht ausreichen, um alle Verschlechterungen zu dokumentieren, die von den verschiedenen Regierungen der breiten Masse der Bev&ouml;lkerung in den vergangenen Jahrzehnten verordnet wurden. <br \/>  Und was ist das Ergebnis? Arbeitspl&auml;tze und Aufschwung? Das genaue Gegenteil ist der Fall. Rekordarbeitslosigkeit und eine wirtschaftliche Dauerkrise. <br \/>  Die Klug-Redner und Sabine-Christiansen-Talk-G&auml;ste aller Schattierungen werden jetzt einwenden: &#x84;Ja das war eben noch nicht ausreichend, die Kur war noch nicht radikal genug&#x93;. Man zeige uns ein einziges Land auf der Erde, wo Unternehmer und Regierung der Meinung sind, dass nun das Ziel erreicht sei, dass genug gek&uuml;rzt worden sei &#x96; man zeige uns ein einziges Land, in dem die Unternehmer nicht dar&uuml;ber klagen, dass die L&ouml;hne, Sozialabgaben und Steuern f&uuml;r sie immer noch zu hoch sind. <br \/>  Dabei gibt es L&auml;nder, die radikalere Ma&szlig;nahmen ergriffen haben. In Europa ist das insbesondere Gro&szlig;britannien unter Thatcher und dann unter Blair. Selbst in Staaten wie Chile, in der zeitweise eine Milit&auml;rdiktatur dem Kahlschlagprogramm der Unternehmer freie Fahrt verschaffte, hat das weder den Appetit der Banken und Konzerne irgendwann stillen k&ouml;nnen, noch wurden die versprochenen Ergebnisse erzielt. <br \/>  Wenn es einen Aufschwung gab, dann war es erstens ein Aufschwung f&uuml;r die Reichen, zweitens wurden die sozialen Probleme in der Gesellschaft trotz Aufschwung gr&ouml;&szlig;er und drittens war er vor&uuml;bergehend. Aber wider besseren Wissens wird das M&auml;rchen von der heilsamen Wirkung der K&uuml;rzungspolitik t&auml;glich neu erz&auml;hlt:  vom Konzernchef &uuml;ber den Kanzler bis zum Kommentator in einer beliebigen  Provinzzeitung. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Wenn wir nicht wettbewerbsf&auml;hig bleiben, gehen Auftr&auml;ge und Arbeitspl&auml;tze ins Ausland.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Das ist ein besonders beliebtes Argument, um Belegschaften und Bev&ouml;lkerung einzusch&uuml;chtern. Der einzige Haken bei der Sache ist, dieses Argument wird gegen&uuml;ber jeder Bev&ouml;lkerung und jeder Belegschaft in jedem Land benutzt. In &Ouml;sterreich, Italien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden &#x96; &uuml;berall wird gerade genau mit diesem Argument versucht, das Rentenalter heraufzusetzen oder K&uuml;rzungshaushalte durchzusetzen. <br \/>  Der Wettbewerbsvorteil wird also sofort wieder gegeneinander aufgehoben. Wenn in einem Stadion alle aufstehen, um besser sehen zu k&ouml;nnen, sieht keiner besser &#x96; nur vorher sa&szlig;en alle bequemer. Wo soll denn das Ende dieses Wettbewerbs-Wettlaufes sein? Rente erst mit  67 Jahren dann mit 70, dann mit 75 Jahren? Verl&auml;ngerung der Wochenarbeitszeit auf 41 Stunden und wenn alle 41 Stunden arbeiten auf 45 Stunden und dann auf 50 Stunden? <br \/>  Es gibt keine Grenze. Selbst wenn wir uns alles gefallen lassen w&uuml;rden, selbst wenn wieder die Kinderarbeit eingef&uuml;hrt w&uuml;rde und alle nur noch Wassersuppe essen w&uuml;rden,  w&uuml;rde das keines der Probleme l&ouml;sen, weil in allen anderen L&auml;ndern mit Verweis auf die billige deutsche Konkurrenz die L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen ebenfalls auf ein Niveau wie vor &uuml;ber hundert Jahren gedr&uuml;ckt w&uuml;rden. Noch ist es nicht so weit, aber die ganze Entwicklung geht genau in diese Richtung und geht so lange weiter, wie wir uns nicht entschieden zur Wehr setzen. <br \/>  Das sind eigentlich gewerkschaftspolitische Binsenweisheiten, aber seit ein paar Jahren erz&auml;hlen die Gewerkschaftsspitzen ihren Mitgliedern, dass Lohnverzicht und Flexibilisierung Arbeitspl&auml;tze sichern w&uuml;rde. <br \/>  Wenn sich die ArbeiterInnen in der Vergangenheit auf die Argumentation mit der Wettbewerbsf&auml;higkeit eingelassen h&auml;tten, dann h&auml;tten wir heute noch den 12 oder 14 Stunden-Tag, denn der kapitalistische Konkurrenzkampf ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Von Anfang an standen nicht nur die Kapitalisten verschiedener L&auml;nder gegeneinander, sondern auch die Kapitalisten im Lande selbst &#x96; und sie haben versucht, mit Hinweis auf den billigen Konkurrenten, jede Forderung abzulehnen. <br \/>  Die einzige Alternative ist der gemeinsame Kampf f&uuml;r angemessene L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen in Deutschland und &uuml;ber L&auml;ndergrenzen hinweg. <br \/>  Und tats&auml;chlich k&auml;mpfen in anderen L&auml;ndern, in Frankreich, Italien, Spanien, &Ouml;sterreich, aber auch in S&uuml;dkorea oder Brasilien, ArbeiterInnen gegen Renten-&#x84;reformen&#x93; und Sozialabbau. Indem sie sich wehren, schlagen sie den Unternehmern in Deutschland die Argumente von der billigen ausl&auml;ndischen Konkurrenz aus der Hand. H&ouml;chste Zeit, dass wir das umgekehrt hier auch tun. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;F&uuml;r Erwerbslose m&uuml;ssen Anreize zur Arbeit geschaffen werden.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Das unterstellt, die Erwerbslosen wollten nicht arbeiten. Es gab im August 356.000 offene Stellen und 4,3 Millionen offiziell gemeldete Erwerbslose. Eine gewisse Zahl offener Stellen ist rein organisatorisch unvermeidbar, weil nicht jede Stelle am selben Tag besetzt werden kann, an dem sie gemeldet wird. Wie sollen die Anreize aussehen, die das Wunder vollbringen, bei 356.000 offenen Stellen 4,3 Millionen Erwerbslosen eine Stelle zu verschaffen? <br \/>  Erwerbslose sollen gezwungen werden k&ouml;nnen, jede Arbeit, jede noch so schlechte Bezahlung an einem beliebigen Ort in Deutschland anzunehmen. Da auch die drakonischsten Ma&szlig;nahmen nichts an der Zahl der offenen Stellen &auml;ndern k&ouml;nnen, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Es geht nur darum, Geld bei den Erwerbslosen einzusparen &#x96; um das aber politisch leichter durchsetzen zu k&ouml;nnen, muss man sie als Faulenzer hinstellen. <br \/>  Die Ma&szlig;nahmen in dem Hartz-Konzept zielen gleichzeitig auf die 34 Millionen, die noch eine Anstellung haben. Ihre L&ouml;hne und Geh&auml;lter sollen durch billige LeiharbeiterInnen vom Arbeitsamt gesenkt werden. Der K&uuml;ndigungsschutz soll weiter gelockert werden. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, soll noch mehr Angst vor m&ouml;glicher Arbeitslosigkeit bekommen und sich noch tiefer ducken. <br \/>  Wer entlassen wurde, kann innerhalb von zw&ouml;lf Monaten alles verlieren, was er bisher hatte, weil es nach zw&ouml;lf Monaten h&ouml;chstens noch Sozialhilfe gibt (zun&auml;chst muss man seine gesamten Ersparnisse aufbrauchen), weil man gezwungen werden kann, die Wohnung und den Bekanntenkreis aufzugeben, um 300 km weiter nach S&uuml;den oder Norden zu ziehen, um dort irgendeinen schlechtbezahlten, berufsfremden Job anzunehmen. <br \/>  Bei all&#x92; dem kommt es nicht darauf an, dass es weder im Norden noch im S&uuml;den, weder gut bezahlte noch schlecht bezahlte Jobs f&uuml;r 4,3 Millionen gibt und es kommt ja nur darauf an, dass man Besch&auml;ftigten mit diesem Schicksal drohen und so die L&ouml;hne senken und Besch&auml;ftigte einsch&uuml;chtern kann. Die &#x84;modernen&#x93; Instrumente der Arbeitsmarktpolitik sind in Wahrheit so modern wie die alte Peitsche des antiken Sklaventreibers. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Die Sozialhilfebetr&uuml;ger liegen uns auf der Tasche.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Unter 2,7 Millionen Sozialhilfeempf&auml;ngern hat die Bild-Zeitung genau eine Person ausfindig gemacht: &Uuml;ber einen Monat diskutierte die Republik &uuml;ber &#x84;Florida-Rolf&#x93;. In einem Monat entgehen dem Staat aber &uuml;ber eine Milliarde Euro aufgrund von Umsatzsteuerbetrug, insgesamt etwa 14 Milliarden Euro im Jahr. (Internetdienst Deutscher Bundestag, 30. Juli 2003). <br \/>  Nur zum Vergleich: 14 Milliarden Euro &#x96; daf&uuml;r h&auml;tte &#x84;Florida-Rolf&#x93; 614.035 Jahre lang jeden Monat 1.900 Euro Sozialhilfe kassieren k&ouml;nnen. Aber dar&uuml;ber wurde nicht diskutiert. <br \/>  Umsatzsteuerbetrug ist ein Delikt der Unternehmen, da schaut man lieber nicht so genau hin. Die deutsche Steuergewerkschaft teilt in einem Flugblatt Ende September mit, dass Gro&szlig;betriebe im Durchschnitt nur alle f&uuml;nf bis zehn Jahre kontrolliert werden, Mittelbetriebe nur alle 30 Jahre! <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Wenn wir die Steuern f&uuml;r die Reichen und f&uuml;r Unternehmen erh&ouml;hen gehen sie ins Ausland.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Immer wieder wird &uuml;ber deutsche Million&auml;re und deutsche Firmen berichtet, die ihre Wohn- oder Firmenadresse ins Ausland verlegen, um noch weniger Steuern zu bezahlen, als sie es ohnehin schon tun. Damit soll auch Propaganda gegen Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Reiche und Unternehmen gemacht werden. Es w&auml;re aber leicht, diesen Steuerfl&uuml;chtigen einen Riegel vorzuschieben &#x96; wenn das politisch gewollt w&auml;re. <br \/>  Auch wenn sie im Ausland wohnen, (oder so tun), haben sie immer noch Eink&uuml;nfte und Eigentum hierzulande und man k&ouml;nnte sie durch Gesetzes&auml;nderungen zwingen, daf&uuml;r Steuern zu bezahlen. Einfacher ist es aber, die entsprechenden Besitzt&uuml;mer in Gemeineigentum zu &uuml;berf&uuml;hren; die ehemaligen Eigent&uuml;mer k&ouml;nnen dann ihren Wohnsitz einnehmen, wo sie wollen. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Die Ausl&auml;nder sind schuld an der hohen Arbeitslosigkeit.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Zur Klarstellung: Die sogenannten Ausl&auml;nder sind in Wahrheit Inl&auml;nder, sie haben nur keinen deutschen Pass. Es gibt weder regional noch international noch historisch einen urs&auml;chlichen Zusammenhang zwischen der Zahl der  Erwerbslosen einerseits und der Anzahl von &#x84;Ausl&auml;ndern&#x93; andererseits. Wenn die Zahl der Ausl&auml;nderInnen f&uuml;r die Arbeitslosigkeit in Deutschland verantwortlich w&auml;re, wie ist es dann zu erkl&auml;ren, dass es in Ostdeutschland die wenigsten Ausl&auml;nderInnen, aber die h&ouml;chste Arbeitslosigkeit gibt? Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass in der Zeit von 1960 bis 1970, als 2,3 Millionen Ausl&auml;nderInnen nach Westdeutschland kamen, die Wirtschaft damals stark wuchs und zeitweise praktisch Vollbesch&auml;ftigung herrschte? <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Die Gesellschaft wird immer &auml;lter. Rentenk&uuml;rzungen und h&ouml;heres Rentenalter sind deshalb unvermeidbar.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Diese Aussage w&auml;re nur richtig, wenn die Arbeitsproduktivit&auml;t nicht mehr steigen w&uuml;rde, es also keinen technischen Fortschritt mehr g&auml;be. Die Arbeitsproduktivit&auml;t steigt aber jedes Jahr. In den letzten elf Jahren ist sie um 23,9 Prozent gestiegen (Transnet, Tarifinfo 1\/2003). <br \/>  Das bedeutet: Die selbe Anzahl Besch&auml;ftigter kann heute fast ein viertel mehr Menschen mit Waren und Dienstleistungen versorgen als vor elf Jahren. Und zwar bei gleichem Lebensstandard. <br \/>  Im Vergleich zum Wachstum der Arbeitsproduktivit&auml;t hat die Zahl der alten Menschen nur wenig zugenommen. W&auml;re der technische Fortschritt allen Menschen zugute gekommen, dann h&auml;tte man sogar die Renten, L&ouml;hne und Geh&auml;lter erh&ouml;hen und die Arbeitszeit weiter verk&uuml;rzen k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Das Gesundheitswesen ist unbezahlbar geworden.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  Die Ausgaben im Gesundheitswesen sind zwar gestiegen, ihr Anteil an dem Bruttosozialprodukt ist aber gleich geblieben. <br \/>  Das Problem liegt in den sinkenden Einnahmen der Kassen. Die richten sich n&auml;mlich nach der Anzahl der Besch&auml;ftigten und der H&ouml;he ihrer L&ouml;hne und Geh&auml;lter. Die L&ouml;hne und Geh&auml;lter lagen im Schnitt der letzten Jahre nur wenig &uuml;ber der Inflationsrate (wegen den gestiegenen Steuern und Sozialabgaben verringerten sich die Realeinkommen der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten in den letzten Jahren). <br \/>  Allein innerhalb der vergangenen zw&ouml;lf Monate nahm die Zahl der Erwerbst&auml;tigen in Deutschland um 660.000 ab. (Mai 2003 gegen&uuml;ber Mai 2002, Arbeitsamt, Presseinformation 6. August 2003) Das sind 660.000 Menschen, die Bev&ouml;lkerung einer mittleren Gro&szlig;stadt, f&uuml;r die weiter Arztrechnungen, Medikamente und Krankenhausaufenthalte bezahlt werden m&uuml;ssen, w&auml;hrend ihr Eigenanteil und der Arbeitgeberanteil an den Kassenbeitr&auml;gen weggefallen sind. <br \/>  Wer aber glaubt, dass die sogenannte Gesundheitsreform zu einer Kostensenkung im Gesundheitswesen f&uuml;hren w&uuml;rde, der hat das Ziel dieser Reform nicht verstanden. Es geht nicht um die Kosten, sondern darum, wer sie bezahlt. Die Arbeitgeber wollen weniger bezahlen, die privaten Versicherer wollen ihr Gesch&auml;ft vergr&ouml;&szlig;ern, die Pharmakonzerne wollen weiter Milliarden verdienen. Echte Kostend&auml;mpfung, zum Beispiel durch Ausweitung der Gesundheitsvorsorge, F&ouml;rderung des Breitensports, weniger Stress am Arbeitsplatz sind nicht vorgesehen. <\/p>\n<p>  <b>&#x84;Wir k&ouml;nnen ja doch nichts &auml;ndern.&#x93;<\/b> <\/p>\n<p>  &#x82;Die da oben machen ja doch was sie wollen.&#x92; &#x82;Es wehrt sich ja niemand&#x92;.  So oder &auml;hnlich denken viele. <br \/>  Eines stimmt: Angesichts des gr&ouml;&szlig;ten Sozialabbaus in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist der bisherige Widerstand erschreckend klein.  Aber was ist die Ursache daf&uuml;r? <br \/>  Widerstand muss organisiert werden. Was ist mit den Gewerkschaften? Warum organisieren sie keinen Widerstand oder warum rufen sie nur zu Demonstrationen auf, wo Streik und Generalstreik das Mindeste w&auml;re, um Unternehmer und Regierung Paroli zu bieten? <br \/>  Die Gewerkschaftsf&uuml;hrung argumentiert: Erstens sind wir nicht grunds&auml;tzlich gegen Reformen und zweitens wollen die Leute ja gar nicht protestieren. <i>&#x84;[&#8230;] zu den bundesweiten Protesten gegen die Agenda 2010 kamen nur 90.000 Menschen. Die Demonstrationen wurden umgehend eingestellt&#x93;<\/i>, schreibt die Gewerkschaft ver.di in ihrer Mitgliederzeitschrift f&uuml;r Oktober. <br \/>  Aber wieso kamen so wenig zu den Demonstrationen? Das hat mehrere Gr&uuml;nde: <br \/>  Erstens haben viele KollegInnen inzwischen mitbekommen, dass die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen die Proteste gar nicht ernst meinen, sondern ein doppeltes Spiel spielen. ver.di-Vorsitzender Bsirske zum Beispiel erkl&auml;rt einerseits richtig, es ginge bei den ganzen Pl&auml;nen um <i>&#x84;Senkung der Einkommen, Senkung der Sozialleistungen, Umverteilung von unten nach oben&#x93;<\/i> (Publik, Oktober 2003). Aber ver.di und alle anderen Gewerkschaften sitzen selber mit in den &#x84;Reform&#x93;-Kommissionen unter Hartz und R&uuml;rup, in genau den Kommissionen also, in denen es <i>&#x84;nur um Umverteilung von unten nach oben geht&#x93;<\/i>. DGB-Chef Sommer und andere Gewerkschaftsf&uuml;hrer erkl&auml;ren, die Reformen seien sozial ungerecht, nur um direkt danach zu beteuern, man werde sie kritisch und konstruktiv begleiten und weiter den Dialog suchen. Und dann sollen die Massen zu den Demonstrationen kommen? Und was bekamen die zu h&ouml;ren, die dennoch mitgefahren sind? Was wurde als n&auml;chster Schritt angek&uuml;ndigt, wenn die Regierung und Unternehmer bei ihren Pl&auml;nen bleiben? Nichts, rein gar nichts. <br \/>  Zweitens konnte auf dieser Grundlage gar nicht richtig mobilisiert werden. In den meisten Orten und Betrieben wurden weder Flugbl&auml;tter verteilt, noch Leute angesprochen und so weiter. <br \/>  Drittens denken eine Menge Leute zu recht, dass Demonstrationen allein die K&uuml;rzungspl&auml;ne nicht stoppen werden. <br \/>  Viertens wissen die meisten keine Antwort auf die Frage, was denn die Alternative zu den K&uuml;rzungsma&szlig;nahmen w&auml;re. G&auml;be es eine starke Arbeiterpartei, dann k&ouml;nnte die die Fakten und Argumente, die wir hier aufgef&uuml;hrt haben, millionenfach bekannt machen. Die Gewerkschaftsspitzen heute weigern sich, ihre Verantwortung wahr zu nehmen. <br \/>  Die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen haben mit ihrer praktischen Politik der letzten Jahre der Propaganda der Gegenseite indirekt recht gegeben: Wer jahrelang faule Kompromisse und niedrige Tarifabschl&uuml;sse macht, wer &Ouml;ffnungsklauseln zustimmt, wer Privatisierung mittr&auml;gt, wer Co-Management betreibt und in K&uuml;rzungskommissionen sitzt, der vermittelt den (falschen) Eindruck, es g&auml;be keine grundlegende Alternative zu der gegenw&auml;rtigen Politik. <br \/>  Das alles wirkt l&auml;hmend und demobilisierend. <br \/>  Die meisten Menschen wissen tats&auml;chlich noch nicht, was da alles auf sie zukommt. Aber nach Meinungsumfragen sind sich zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung bewusst: da kommt nichts Gutes. Deshalb darf man jede Wette eingehen: Wenn morgen die Gewerkschaftsf&uuml;hrung ihren Kurs &auml;ndern w&uuml;rde und sagen w&uuml;rde: &#x84;Agenda 2010, Hartz- und Gesundheits-&#x91;Reformen&#x91; machen nur die Reichen reicher. Wir rufen alle, die gegen diese Pl&auml;ne sind, zum gemeinsamen, umfassenden Streik auf&#x93;, dann w&uuml;rden wie in Italien, Spanien, Frankreich und &Ouml;sterreich Millionen diesem Aufruf  zum Generalstreik folgen. <br \/>  Und das w&uuml;rde an der Politik was &auml;ndern! Wenn ein Streik-Tag nicht reichen w&uuml;rde, dann m&uuml;sste man f&uuml;r drei Tage, und dann f&uuml;r eine Woche zum Streik aufrufen. Vor allem w&uuml;rde dadurch deutlich, welche Macht die Besch&auml;ftigten haben. Das h&auml;tte enorme Auswirkungen auf die gesamte Politik und w&uuml;rde noch viel weitreichendere Fragen aufwerfen: Wer regiert in wessen Interessen das Land? Was f&uuml;r ein System haben wir und was brauchen wir? <br \/>  Mit einer solchen Bewegung und den daraus folgenden politischen Diskussionen kann auf jeden Fall die Grundlage geschaffen werden, die K&uuml;rzungsma&szlig;nahmen zu stoppen. <br \/>  Man muss allerdings auch sagen: Dieser Erfolg w&auml;re sofort wieder gef&auml;hrdet, denn dieses Wirtschaftssystem ist in der Krise und sie wird noch sch&auml;rfer werden. Die Folgen sollen den Arbeitenden und Erwerbslosen aufgeb&uuml;rdet werden. <br \/>  Letztendlich brauchen wir eine Alternative zu diesem System, n&auml;mlich eine demokratisch geplante Wirtschaft und eine demokratisch organisierte Gesellschaft &#x96; eine sozialistische Demokratie. <\/p>\n<p>  <b>Die Zukunftspl&auml;ne des Herrn Rogowski <\/b> <\/p>\n<p>  Rogowski, Chef des Bundes der deutschen Industrie macht deutlich, wo es lang gehen soll. Einige Punkte aus seinem Horrorkatalog genannt &#x84;Zukunftsplan&#x93; beziehungsweise einem Stern-Interview von ihm: <br \/>  &#8211; <i>&#x84;Alle Staatsbetriebe, alle staatlichen Beteiligungen m&uuml;ssen konsequent privatisiert werden &#x96; um mindestens 50 Prozent in den n&auml;chsten drei Jahren.&#x93; <\/i>(Rogowski, Stern, 23. September 03) <br \/>  &#8211; Abschaffung der parit&auml;tisch finanzierten Sozialversicherungen <br \/>  &#8211; Reduzierung des staatlichen Bildungssystems auf ein Minimum, daf&uuml;r Spitzenforschung und Elitenf&ouml;rderung <br \/>  &#8211; Spitzensteuersatz unter 30 Prozent senken (Rot-Gr&uuml;n senkt ihn bereits von 47 auf 42 Prozent) <br \/>  &#8211; Aufr&uuml;stung der Bundeswehr und Expansion der R&uuml;stungsindustrie <br \/>  &#8211; Aufbrechen des Fl&auml;chentarifvertrages, mehr betriebliche Regelungen von Lohn und Arbeitszeit <br \/>  &#8211; K&uuml;ndigungsschutz erst bei Betrieben mit mehr als 20, im Osten erst ab 80 MitarbeiterInnen <br \/>  &#8211; Abschaffung von Feiertagen, wie Himmelfahrt, andere Feiertage auf das Wochenende verlegen <br \/>  &#8211; <i>&#x84;eine l&auml;ngere Grundarbeitszeit, eine l&auml;ngere Lebensarbeitszeit, eine l&auml;ngere Wochenarbeitszeit &#x96; 40 Stunden ohne vollen Lohnausgleich, und die k&ouml;nnen nach oben und unten schwanken&#x93;<\/i> (Rogowski im Stern) <br \/>  &#8211; effektiven Niedriglohnsektor einf&uuml;hren <br \/>  &#8211; Er hat auch klare Erwartungen an die Regierung: <i>&#x84;Er [Schr&ouml;der] muss an der Regierung bleiben, er muss diese Agenda 2010 umsetzen, ohne Abstriche, eins zu eins &#x96; und oben noch was drauf durch die Opposition&#x93;<\/i> (Stern, 23. September 03)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#x84;Hart aber leider unvermeidbar&#x93;, das ist der Standardsatz mit dem weiterer Sozialabbau jeden Tag aufs neue gerechtfertigt wird. Stimmt das? Gibt es wirklich keine Alternative zu Hartz, R&uuml;rup und Agenda 2010?  Hier sind unsere Antworten auf h&auml;ufig aufgestellte Behauptungen.<\/p>\n<p> von Georg K&uuml;mmel, K&ouml;ln<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[154],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10629"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10629"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10629\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10629"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}