{"id":10550,"date":"2003-07-04T10:31:23","date_gmt":"2003-07-04T10:31:23","guid":{"rendered":".\/?p=10550"},"modified":"2003-07-04T10:31:23","modified_gmt":"2003-07-04T10:31:23","slug":"10550","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/07\/10550\/","title":{"rendered":"Gr&ouml;&szlig;te Streikwelle seit Mai 68 erfasst Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Millionen im Streik gegen Angriffe auf das Rentensystem<\/p>\n<p>  von Olaf van Aken, Aachen<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n&#x84;<i>Bei uns regiert nicht die Stra&szlig;e<\/i>&#x93;, mit diesen Worten reagierte der konservative Premierminister Raffarin auf die Massenbewegung gegen die Pl&auml;ne seiner Regierung, die Lebensarbeitszeit im &ouml;ffentlichen Dienst von 37,5 Jahren auf 40 Jahre zu erh&ouml;hen. &#x84;Die Stra&szlig;e&#x93; demonstriert jedoch in den letzten Wochen eindrucksvoll, dass sie entschlossen ist, massiven Widerstand gegen die neoliberale Politik der Regierung zu leisten. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Angesto&szlig;en wird die Bewegung von den LehrerInnen, die seit November 2002 gegen die sogenannte Dezentralisierung (Ausgliederung von 110.000 Sozialp&auml;dagogInnen, technischen Angestellten, und so weiter aus dem nationalen Bildungssektor als Schritt zu weiterer Privatisierung) protestieren. Bei Bekanntwerden der geplanten Angriffe auf die Rente im &ouml;ffentlichen Dienst tritt Anfang Mai eine Schule nach der anderen in den Streik. Am 13. Mai streiken und demonstrieren 2,4 Millionen in 115 St&auml;dten: 70 Prozent des Schulpersonals, 57 Prozent der Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Dienst mit Beteiligung von ArbeiterInnen aus der Privatindustrie. Am 25. Mai demonstrieren 1,5 Millionen in Paris. Hauptforderung in dem Meer aus Menschen und roten Fahnen, mal gesungen, mal geschrieen: unbefristeter gemeinsamer Generalstreik.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Radikalisierung der Bewegung<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Von Anfang an ist es Ziel der streikenden LehrerInnen, die Eltern, andere Sektoren des &ouml;ffentlichen Dienstes und die Besch&auml;ftigten der Privatindustrie mit in den Kampf zu ziehen: Es entwickeln sich &#x84;Grill-Streikposten&#x93; von Sch&uuml;lern, Eltern und Lehrern vor den Schulen, Stra&szlig;enblockaden von EisenbahnerInnen, LKW-FahrerInnen und LehrerInnen, interprofessionelle (privat \/ &ouml;ffentlich gemeinsam) Streikkomitees in einigen St&auml;dten, Streikdelegationen besuchen ArbeiterInnen in Fabriken (zum Beispiel bei Renault in Rouen). Auf vielen Transparenten sieht man die Forderung &#x84;<i>37,5 Arbeitsjahre f&uuml;r alle<\/i>&#x93; (in der Privatindustrie liegt sie bei 40 Jahren). <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Diese Herangehensweise f&uuml;hrt dazu, dass die Spaltungsversuche der Regierung (&#x84;<i>privilegierte Lehrer<\/i>&#x93;, &#x84;<i>Streik geht zu Lasten der Sch&uuml;ler<\/i>&#x93;) kaum fruchten. 60 Prozent der Bev&ouml;lkerung unterst&uuml;tzen den Streik. Am 3. Juni streiken und demonstrieren 1,5 Millionen. Alleine in Marseille sind es 240.000 &#x96; die bisher gr&ouml;&szlig;te Demo der Stadt. Der gesamte &ouml;ffentliche Sektor, aber auch gro&szlig;e Teile des Privatsektors beteiligen sich: unter anderem Chemie- und MetallarbeiterInnen, ArbeiterInnen der gro&szlig;en Autofabriken, Besch&auml;ftigte von Banken und Call-Centern, Supermarktangestellte. Insgesamt streiken 45 Prozent aller Besch&auml;ftigten. Laut der Zeitung &#x84;Lib&eacute;ration&#x93; schlie&szlig;en sich der dynamischen und lebendigen Demo in Paris auch Friseure und ihre KundInnen an, zum Teil mit Lockenwicklern im Haar. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die gro&szlig;e Beteiligung der industriellen Arbeiterklasse ist ein gro&szlig;er Fortschritt. Obwohl sie nicht direkt von den Rentenpl&auml;nen betroffen sind, verstehen viele ArbeiterInnen, dass nur ein Generalstreik aller Besch&auml;ftigten die Regierung zum R&uuml;ckzug zwingen kann. Sie verstehen, dass die Angriffe auf die Rente nur der Anfang sind, und dass als n&auml;chstes die Zerschlagung des Gesundheitssystems, die Privatisierung der gro&szlig;en Gas- und Elektrizit&auml;tswerke (EDF\/GDF) und der Post und vieles mehr auf der Tagesordnung stehen. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Der Slogan &#x84;<i>Tous ensemble<\/i>&#x93; ist anders als bei dem gro&szlig;en Streik im &ouml;ffentlichen Dienst 1995 Realit&auml;t geworden. Die Streikbewegung erfasst alle Schichten der Arbeiterklasse, auch die Sch&uuml;lerInnen und Studierenden beteiligen sich (fast alle gr&ouml;&szlig;eren Unis sind im Streik). Der Ruf nach einem Generalstreik wird lauter und der Druck auf die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen steigt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Forderung nach Generalstreik<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#x84;<i>Einen Generalstreik kann man nicht so einfach ausrufen<\/i>&#x93;, so die Meinung von Thiebault, Chef der CGT, der zweitgr&ouml;&szlig;ten, aber k&auml;mpferischsten und damit wichtigsten Gewerkschaft. Blondel (FO) meint, dass ein Generalstreik soziale Unruhen hervorriefe und vermieden werden m&uuml;sse. Die Gewerkschaft UNSA spricht von der Notwendigkeit eines &#x84;<i>sozialen Marathons<\/i>&#x93; und der Chef der gr&ouml;&szlig;ten Gewerkschaft CFDT, Ch&eacute;r&egrave;que unterzeichnet (ohne jegliche Absprachen) direkt nach dem gro&szlig;artigen Streiktag am 13. Mai die Vereinbarung mit der Regierung zur &#x84;Rentenreform&#x93;. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen sabotieren von Anfang an die Bewegung. Sie rufen die Besch&auml;ftigten des &ouml;ffentlichen Dienstes zu einem &#x84;nationalen Aktionstag&#x93; nach dem anderen auf und zerm&uuml;rben mit dieser Salamitaktik die AktivistInnen. Um eine noch gr&ouml;&szlig;ere Radikalisierung zu verhindern, lassen sie zwischen allen nationalen Streiktagen mindestens eine Woche verstreichen, unternehmen keine ernsthaften Anstrengungen, die industrielle Arbeiterklasse zu mobilisieren und weigern sich, einen unbefristeten Generalstreik auszurufen. Stattdessen sprechen sie von der allgemeinen Notwendigkeit von Reformen und von ihrer Verhandlungsbereitschaft. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Trotzdem w&auml;chst der Druck der Gewerkschaftsbasis und Force Ouvri&egrave;re (FO) ruft Anfang Juni zum Generalstreik auf. Leider ohne Konsequenzen, da sich alle anderen Gewerkschaftsf&uuml;hrer am 10. Juni bei einem gro&szlig;en Meeting in Marseille dagegen aussprechen. Und das in der Stadt, die sich seit Wochen de facto im Generalstreik befindet! <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Wegen dieser Blockade-Politik ist die Bewegung an einem toten Punkt angelangt: die Streikbeteiligung und die Demos werden kleiner und die zum Teil seit acht Wochen streikenden LehrerInnen, Speerspitze und treibende Kraft der Bewegung, kehren nach und nach in die Schulen zur&uuml;ck. Der Sozialminister Fillon bescheinigt in einem Interview Thiebault eine vern&uuml;nftige Haltung und gratuliert ihm dazu, dass er eine Verallgemeinerung, eine Ausweitung der Bewegung verhindert hat.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Ein Aufruf der wichtigsten Gewerkschaften, vor allem der CGT, zu einem unbefristeten Generalstreik w&auml;re massenhaft befolgt worden und die Pl&auml;ne der Regierung h&auml;tten innerhalb weniger Tage vom Tisch gefegt werden k&ouml;nnen. Das h&auml;tte auch die parallel stattfindende Massenbewegung gegen Rentenk&uuml;rzungen in &Ouml;sterreich befl&uuml;geln und die Arbeiterklasse in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern ermutigen k&ouml;nnen, gegen den sozialen Kahlschlag massiven Widerstand zu leisten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Hei&szlig;er Herbst<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Bewegung in Frankreich ist jedoch nicht vorbei. Es gibt zwar eine gewisse Entt&auml;uschung bei den AktivistInnen, aber alle sehen die bald beginnenden Sommerferien nur als kurze Pause an. Sie wollen Anfang September die Streiks wieder aufnehmen und die Regierung (und auch die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen) noch massiver unter Druck setzen. Die meisten Streikenden sehen einen unbefristeten Generalstreik als einziges Mittel, um diesen Kampf gegen die Herrschenden und ihre Regierung zu gewinnen. Ein mehrt&auml;giger Generalstreik k&ouml;nnte die Regierung in allen Punkten zum R&uuml;ckzug zwingen und zu Fall bringen. Eine noch gr&ouml;&szlig;ere Politisierung und Radikalisierung kann entstehen und dann wird die Forderung nach einer neuen Arbeiterpartei und einer Arbeiterregierung an Unterst&uuml;tzung gewinnen. Das Potenzial und die Stimmung, aber auch Ans&auml;tze f&uuml;r Kampfstrukturen (Streikkomitees) f&uuml;r einen &#x84;zweiten Mai 68&#x93; sind vorhanden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Gauche R&eacute;volutionnaire <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Mitglieder von Gauche R&eacute;volutionnaire (Revolution&auml;re Linke, Schwesterorganisation der SAV) f&uuml;hrten in Rouen die Bewegung mit an, trieben in allen Streikversammlungen die Einbeziehung der ArbeiterInnen des Privatsektors voran, motivierten und politisierten in ihren Schulen und Betrieben ihre KollegInnen und intervenierten bei allen gr&ouml;&szlig;eren Demos. Unsere Forderungen nach einem unbefristeten Generalstreik und dem Aufbau einer neuen Arbeiterpartei sind bei den KollegInnen sehr gut angekommen und viel diskutiert worden. In den kommenden K&auml;mpfen wird die Ablehnung des Systems massiv zunehmen, sich die Frage nach einer Alternative zum Kapitalismus vermehrt stellen und das Interesse an unseren Ideen, an unserer revolution&auml;ren Organisation steigen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\"><font  face=\"Times New Roman, serif\">In den letzten zwei Monaten ist die franz&ouml;sische Arbeiterklasse auf eindrucksvolle Art und Weise auf die politische B&uuml;hne zur&uuml;ckgekehrt. Die dynamischen, k&auml;mpferischen und kreativen Streiks, Demos und Aktionsformen haben viele (auch ganz neue Schichten der Arbeiterklasse) begeistert, ermutigt und politisiert. Mai und Juni 2003 haben die Kampfkraft und -bereitschaft und die potenzielle Macht der Arbeiterklasse gezeigt und diese gro&szlig;artige Bewegung ist eine deutliche Warnung an die Kapitalisten und ihre konservative Regierung. Fortsetzung folgt &#8230; <\/font><\/font> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Millionen im Streik gegen Angriffe auf das Rentensystem<\/p>\n<p> von Olaf van Aken, Aachen<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[151],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10550"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10550"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10550\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}