{"id":10545,"date":"2003-07-02T09:11:08","date_gmt":"2003-07-02T09:11:08","guid":{"rendered":".\/?p=10545"},"modified":"2003-07-02T09:11:08","modified_gmt":"2003-07-02T09:11:08","slug":"10545","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/07\/10545\/","title":{"rendered":"Vorw&auml;rts in die Vergangenheit?"},"content":{"rendered":"<p>Regierung und Kapital wollen zur&uuml;ck ins 19. Jahrhundert. Ein Kurswechsel der Gewerkschaften ist n&ouml;tig, um das zu verhindern<\/p>\n<p>  von Sascha Stanicic<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\">Kaum ein Tag vergeht ohne neue Vorschl&auml;ge irgendeines Bundesministers oder Oppositionspolitikers f&uuml;r die Senkung des Lebensstandards der arbeitenden und arbeitslosen Bev&ouml;lkerung. Es scheint geradezu einen Wettbewerb der zerst&ouml;rerischen Phantasie zu geben, den die etablierten b&uuml;rgerlichen Parteien unter sich und mit den Medien und Arbeitgebervertretern austragen. Garniert wird diese Kampagne gegen die Errungenschaften von 150 Jahren K&auml;mpfen der organisierten Arbeiterbewegung mit einer in der Bundesrepublik nicht vergleichbaren Hetze gegen die Gewerkschaften. Clement, Rogowski und die Springer-Presse stellen die Welt auf den Kopf: sie pr&auml;sentieren sich und ihre Vorschl&auml;ge f&uuml;r ein soziales Kettens&auml;genmassaker als fortschrittlich und modern, w&auml;hrend all diejenigen, die das in Frage stellen, konservative Blockierer geschimpft werden. <\/div>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"><\/div>\n<p> Wenn all das nicht so verdammt ernst w&auml;re, k&ouml;nnte man sich glatt dar&uuml;ber am&uuml;sieren. Aber es ist ernst, sehr ernst. Regierung und Kapital wollen das Rad der Geschichte zur&uuml;ckdrehen. Der sogenannte Sozialstaat soll zerschlagen, fr&uuml;hkapitalistische Verh&auml;ltnisse eingef&uuml;hrt werden. Warum? Die strukturelle Krise der kapitalistischen Wirtschaft seit Beginn der 70er Jahre hat schon in den letzten Jahrzehnten die Weltmarktkonkurrenz enorm wachsen lassen und eine neoliberale Offensive ausgel&ouml;st, die zu Massenarbeitslosigkeit, Privatisierungen, Sozialabbau und Lohnsenkungen gef&uuml;hrt hat. Die aktuelle Rezession versch&auml;rft das noch einmal. Sie dr&uuml;ckt auf die Profitraten. Diese sollen auf dem R&uuml;cken der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten und Erwerbslosen gesteigert werden. Die Gewerkschaften sind, trotz der angepassten Politik ihrer F&uuml;hrungen, ein Hindernis dieses Ziel zu erreichen. Also muss ihre Macht nachhaltig eingeschr&auml;nkt werden. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> In der Bundesrepublik hat ein Machtkampf zwischen Kapital und Arbeit begonnen, wie es ihn in der Nachkriegsgeschichte noch nicht gegeben hat. Die von der IG Metall-F&uuml;hrung zu verantwortende Niederlage des Streiks f&uuml;r die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland ist ein erster Punktsieg f&uuml;r die Kapitalisten. Dieser wird ihr Selbstbewusstsein steigern, die Offensive gegen die Arbeiterklasse fortzusetzen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Das Kapital f&uuml;hrt diesen Kampf mit allen Mitteln und ist sich seines Charakters sehr bewusst. Die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen haben den Ernst der Lage scheinbar noch nicht erkannt. Sie formulieren weder deutliche politische Alternativen noch verfolgen sie eine erfolgversprechende Kampfstrategie. Aber es ist f&uuml;nf vor Zw&ouml;lf. Ein Kurswechsel ist n&ouml;tig, um zu verhindern, dass die Gewerkschaften weitere Niederlagen erleiden.<\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Angriffe<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Ein Trommelfeuer von Angriffen auf die sozialen Rechte und den Lebensstandard prasselt auf die Masse der Bev&ouml;lkerung herab. Riester-Rente, Hartz, R&uuml;rup, Agenda 2010 &#x96; das sind die Stichworte Schr&ouml;derscher Regierungspolitik. Sie stehen f&uuml;r Rentenk&uuml;rzungen, Lohndr&uuml;ckerei, Abbau von Leistungen f&uuml;r Arbeitslose, Aufweichung des K&uuml;ndigungsschutzes, Streichung des Krankengeldes aus der gesetzlichen Krankenversicherung, Eintrittsgeld beim Arztbesuch, Erh&ouml;hung der Zuzahlungen bei Medikamenten und Krankenhausaufenthalten, Verl&auml;ngerung der Laden&ouml;ffnungszeiten, Privatisierungen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Gleichzeitig nimmt der Druck in den Betrieben und Verwaltungen massiv zu. Kaum ein Betrieb, in dem nicht &uuml;bertarifliche Leistungen abgebaut wurden, es nicht zu Arbeitsverdichtung und Arbeitsplatzvernichtung gekommen ist. Tats&auml;chlich sind &uuml;ber sieben Millionen Menschen arbeitslos. Immer mehr m&uuml;ssen sich bei Leih- und Zeitarbeitsfirmen verdingen, wo sie zu miesen Arbeitsbedingungen niedrige L&ouml;hne erhalten. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Steuergeschenke f&uuml;r die Reichen, Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit haben zu einer tiefen Krise der &ouml;ffentlichen Haushalte gef&uuml;hrt. Im Mai verk&uuml;ndete Finanzminister Eichel ein Loch von 126 Milliarden Euro bis 2005. Bund, L&auml;nder und Kommunen sind &uuml;berschuldet. 15 Prozent der Steuereinnahmen werden laut Gewerkschaft ver.di alleine f&uuml;r die Zinszahlungen an die Banken ausgegeben. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Reaktion? &Ouml;ffentliches Eigentum wird verscherbelt. Die Folgen solcher Privatisierungen sind in der Regel Arbeitsplatzabbau, Verschlechterung der Dienstleistungen, Erh&ouml;hung von Geb&uuml;hren. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Den Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Dienst werden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gek&uuml;rzt, der Berliner Senat hat den Arbeitgeberverband verlassen und begeht Tarifbruch. Bei Bildung und &ouml;ffentlichen Einrichtungen wird gek&uuml;rzt und geschlossen wie verr&uuml;ckt. So sollen zum Beispiel in Hamburg die Berufsschulgeb&auml;ude, die Wasserversorgung und die M&uuml;llabfuhr privatisiert werden. In Berlin wurde die Lernmittelfreiheit abgeschafft, Kita-Geb&uuml;hren erh&ouml;ht, Schwimmb&auml;der geschlossen und Wohnungen privatisiert. In K&ouml;ln sieht ein kommunales K&uuml;rzungspaket unter anderem den Einstieg in die Privatisierung der St&auml;dtischen Kliniken und den Abbau von 2.500 Arbeits- und Ausbildungspl&auml;tzen bei der Stadt vor. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Jugend ist  besonders betroffen. Fast 500.000 Jugendliche unter 25 Jahre sind erwerbslos. Im Herbst werden zwischen 70.000 (offizielle Sch&auml;tzung) und 200.000 (gewerkschaftliche Sch&auml;tzung) Schulabg&auml;ngerInnen keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Gleichzeitig will Schr&ouml;der solche jungen Menschen dazu zwingen einen Billigjob annehmen zu m&uuml;ssen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> All das ist schon schlimm genug. Diese Ma&szlig;nahmen verschlechtern nicht nur dauerhaft den Lebensstandard und die Lebensbedingungen fast der gesamten Bev&ouml;lkerung. Sie werden die Gesellschaft in vielerlei anderer Hinsicht ver&auml;ndern. Verrohung, steigende Kriminalit&auml;t, Zunahme psychischer Krankheiten, steigende Selbstmordrate und nicht zuletzt die Gefahr, dass die rechten Rattenf&auml;nger von NPD und anderen faschistischen Gruppen die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen ausnutzen k&ouml;nnen &#x96; das bedeutet Kapitalismus im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Agenda 2010 erst der Anfang<\/span> <\/p>\n<div  style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif; font-weight: bold;\"> <\/div>\n<p>  Aber aus Sicht der Kapitalisten und ihrer vielen Parteien ist das erst der Anfang. Nachdem die deutsche Wirtschaft in den letzten beiden Quartalen zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren in die Rezession abgerutscht war und alle ernsthaften WirtschaftsexpertInnen keinen Optimismus verspr&uuml;hen, sondern eine lange Phase von Stagnation und Rezession &auml;hnlich der letzten zw&ouml;lf Jahre in Japan immer wahrscheinlicher wird, wird der Ruf nach weitergehenden Ma&szlig;nahmen laut. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Kanzler Schr&ouml;der erkl&auml;rte auf dem SPD-Sonderparteitag am 1. Juni, dass die Agenda 2010 erst der Anfang sei. Der Spiegel schrieb im Mai: &#x84;Die B&uuml;rger werden sich darauf einstellen m&uuml;ssen, dass nahezu von allem, was bisher gilt, das Gegenteil eintritt: Die Zweiklassenmedizin &#x96; kommt. Die Rente &#x96; schmilzt. Der Abbau von Sozialleistungen ist unvermeidbar.&#x93; Der SPD-Generalsekret&auml;r Scholz (ein typischer Fall einer Diagonalkarriere von links unten nach rechts oben) liefert dazu eine ideologische Neuausrichtung f&uuml;r die Sozialdemokratie: &#x84;Der Sozialstaat ist &#8230; kein Instrument zur Herstellung einer gerechteren Verteilung.&#x93; Dass die SPD nichts mehr mit einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums am Hut hat, hatte sie zwar sp&auml;testens seit 1998 in ihrer praktischen Regierungspolitik bewiesen, aber selten so offen formuliert. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Sesselfurzer der Nation haben die Rolle der Anheizer in diesem Klassenkrieg der Kapitalisten gegen die abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten und Erwerbslosen &uuml;bernommen: Friedrich Merz und Guido Westerwelle (immer unterst&uuml;tzt und angetrieben vom Scharfmacherboss Nummer 1 Michael Rogowski). <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Schr&ouml;der verpackt seine Angriffe gegen die Gewerkschaften in soziale Demagogie. So hat er in seiner Regierungserkl&auml;rung vom 14. M&auml;rz diesen noch eine wichtige gesellschaftliche Rolle attestiert. Letztlich will er den Gewerkschaftsf&uuml;hrerInnen die M&ouml;glichkeit geben, freiwillig nachzugeben. Wenn diese dazu nicht bereit sind, droht er mit gesetzlichen Eingriffen in das Tarifrecht. Westerwelle und Merz erkl&auml;ren den Gewerkschaften offen einen Krieg, den Schr&ouml;der leise zu f&uuml;hren begonnen hat. Sie alle wollen an die grundlegenden Strukturen des Sozialstaates heran und haben vier Fragen ausgemacht an denen sie die Gewerkschaften herausfordern wollen und ihre Macht brechen wollen: den Fl&auml;chentarifvertrag, das Streikrecht, die betriebliche Mitbestimmung und den K&uuml;ndigungsschutz.<\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Klassenkampf von oben<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Der Fl&auml;chentarifvertrag geh&ouml;rt zu den gr&ouml;&szlig;ten Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Er verhindert, dass einzelne Belegschaften ihren Bossen ausgeliefert sind und erpresst werden k&ouml;nnen. Dadurch, dass L&ouml;hne, Arbeitszeiten und so weiter nicht auf betrieblicher Basis sondern auf regionaler Basis f&uuml;r bestimmte Wirtschaftszweige ausgehandelt beziehungsweise erk&auml;mpft werden, k&ouml;nnen die Gewerkschaften diese Standards f&uuml;r alle ArbeitnehmerInnen verteidigen. Das Tarifrecht regelt auch das Streikrecht f&uuml;r ArbeitnehmerInnen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Unternehmer und kapitalistischen Parteien versuchen nun den Fl&auml;chentarifvertrag und das Streikrecht auszuhebeln. Eine steigende Zahl von Unternehmen sind schon aus den Arbeitgeberverb&auml;nden ausgetreten, vor allem in Ostdeutschland. Damit verlassen sie auch die Tarifbindung und versuchen Haustarifvertr&auml;ge abzuschlie&szlig;en, die in der Regel f&uuml;r die Besch&auml;ftigten schlechter sind als die geltenden Fl&auml;chentarifvertr&auml;ge, beziehungsweise sie erkl&auml;ren ihre Betriebe zum tariffreien Raum. Im einzelnen Betrieb wird dann noch versucht die Gewerkschaften aus den Verhandlungen heraus zu halten. Jedoch ist nur die Gewerkschaft berechtigt zum Streik aufzurufen, ein Betriebsrat zum Beispiel nicht. Die Untergrabung des Fl&auml;chentarifvertrages und die Forderung nach flexibler Verhandlung auf betrieblicher Basis, um die wirtschaftlichen Unterschiede ber&uuml;cksichtigen zu k&ouml;nnen, hat vor allem zum Ziel, die potenzielle Macht der Gewerkschaften zu brechen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Das war auch das eigentliche Ziel der Verweigerungshaltung der Metallarbeitgeber in der Tarifauseinandersetzung zur Arbeitszeit in Ostdeutschland. Sie wollten in einer Zeit, in der sie scharfe Angriffe auf die Arbeiterklasse durchf&uuml;hren, verhindern, dass diese mit einer offensiven Forderung zur Verbesserung ihrer Situation erfolgreich sein kann. Ein Sieg der IG Metall h&auml;tte eine Signalwirkung auch f&uuml;r andere Auseinandersetzungen gehabt. Gleichzeitig sahen sie die M&ouml;glichkeit der Gewerkschaft eine empfindliche Niederlage beizubringen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Mit einer unvergleichlich unversch&auml;mten Propagandakampagne wurden die ostdeutschen KollegInnen als Wirtschaftssaboteure und Wahnsinnige dargestellt. Doch die Bosse betrieben nicht nur Propaganda. Das medienwirksam inszenierte (und nicht notwendige) Einfliegen von Streikbrechern bei Federal Mogul in Dresden, die direkten Interventionen von ostdeutschen  Mi&shy;nisterpr&auml;sidenten und Landesministern (bis dahin, dass der brandenburgische Wirtschaftsminister Streikbrecher in einen Betrieb gef&uuml;hrt hat) und die gerichtlichen Entscheidungen, dass sich Streikposten den Streikbrechern nicht mehr als drei Meter n&auml;hern d&uuml;rfen und IG Metall-Chef Zwickel ein Strafgeld von 25.000 Euro wegen Werksblockaden durch Streikposten angedroht wurde &#x96; all das k&uuml;ndigt eine neue, harte Gangart von Regierung und Kapital gegen die Gewerkschaften an. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Ziel ist die Zerschlagung des Fl&auml;chentarifs und die Aush&ouml;hlung des Streikrechts. Der Fl&auml;chentarif zur Arbeitszeit in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie ist das erste Opfer dieser Unternehmeroffensive. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> CDU\/CSU haben dar&uuml;ber hinaus angek&uuml;ndigt auch das Betriebsverfassungsgesetz angehen zu wollen, sprich: die Rechte der Betriebsr&auml;te und Jugend- und Auszubildendenvertretungen einzuschr&auml;nken. Und sie wollen den K&uuml;ndigungsschutz drastisch einschr&auml;nken und erst bei Betrieben ab zwanzig Besch&auml;ftigten einsetzen lassen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Es muss klar sein: es geht hier nicht nur um die eine oder andere Stunde mehr oder weniger Arbeitszeit, es geht nicht nur um ein paar Lohnprozente, es geht nicht nur um die H&ouml;he des Renten- oder Krankenversicherungsbeitrags. Es geht um viel mehr. Den ArbeitnehmerInnen und ihren Gewerkschaften wird gerade der Krieg erkl&auml;rt. Die Frage stellt sich: Widerstand oder Kapitulation?<\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\"> Widerstand oder Kapitulation?<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Der Streikabbruch in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie durch die IG Metall-F&uuml;hrung hat einmal mehr gezeigt: F&uuml;r die Besch&auml;ftigten stellt sich die Aufgabe einen Krieg an zwei Fronten zu f&uuml;hren: auf der einen Seite gegen die faktische Gro&szlig;e Koalition aller Bundestagsparteien und das Kapital, auf der anderen Seite gegen die eigenen Gewerkschaftsf&uuml;hrerInnen. Diese bereiten eine Kapitulation vor. Sie haben politisch schon lange vor der neoliberalen Doktrin kapituliert und nicht mehr die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, sondern Co-Management auf allen Ebenen betrieben. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Ob Zustimmung zu Privatisierungen, zu Arbeitsplatzabbau und Betriebsschlie&szlig;ungen oder miese Tarifabschl&uuml;sse &#x96; meistens lagen die Gewerkschaftsb&uuml;rokratInnen im Bett mit den Unternehmern. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Regierung und Kapital haben aber mit der Agenda 2010 nicht nur das Tempo der Angriffe erh&ouml;ht. Sie wollen die Gewerkschaftsb&uuml;rokratie auch nicht weiter in die Ausarbeitung der Sozialschweinereien einbinden. Denn das hat trotz der fast grenzenlosen Kooperationsbereitschaft von Zwickel und Co immer bedeutet, etwas Sozialkosmetik zu betreiben. Schlie&szlig;lich sind diese auch von den Mitgliedsbeitr&auml;gen ihrer Mitglieder abh&auml;ngig und m&uuml;ssen wenigs-tens etwas das Gesicht wahren, damit dieser Geldfluss nicht versiegt. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die nun anstehenden Angriffe richten sich gegen das Herzst&uuml;ck gewerkschaftlicher Macht in der Bundesrepublik. Regierung und Kapital wollen diese Macht nachhaltig beschneiden und sind auf Konfrontationskurs gegangen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Reaktion der Gewerkschaftsbonzen ist ein Skandal. Der rechte Fl&uuml;gel um den IG BCE-Chef Hubertus Schmoldt stellt sich offen auf die Seite der Regierung. Aber auch Zwickel und Bsirske haben ihrer Verbalopposition keine Mobilisierung gegen die Agenda 2010 folgen lassen, sondern eine Demobilisierung. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Schlimmer noch: der Streikabbruch in Ostdeutschland kommt einer Einladung an die Unternehmer gleich, in die Offensive zu gehen. Die IG-Metall-F&uuml;hrung hatte gedacht, die Unternehmer durch begrenzte Streiks zu einem Kompromiss zwingen zu k&ouml;nnen &#x96; so wie es in den letzten Jahrzehnten immer funktioniert hat. Sie haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ein Sieg w&auml;re m&ouml;glich gewesen, wenn die ganze Kampfkraft der Gewerkschaft in die Waagschale geworfen worden w&auml;re &#x96; in Ost und West. Eine solche Eskalation des Streiks h&auml;tte aber unweigerlich auch den Widerstand gegen die Agenda 2010 angeheizt und der Gewerkschaftsf&uuml;hrung einen Strich durch ihren Kapitulationskurs gemacht. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Diese &#x84;KollegInnen&#x93; haben die Profitlogik der kapitalistischen Marktwirtschaft verinnerlicht und spielen den Arzt am Krankenbett des Kapitalismus. Aber auch ihre Medizin trifft die Masse der Bev&ouml;lkerung. Sie sehen ihre erste Aufgabe darin, das kapitalistische System zu verteidigen und die Belegschaften unter Kontrolle zu halten. Sie sind die Agenten der Bosse in den Reihen der Arbeiterbewegung. Wer sich auf diese F&uuml;hrung verl&auml;sst, ist verloren!<\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\"> Aufgaben der Gewerkschaften<\/span> <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p>  Der Unmut an der Basis ist gro&szlig;. Das Vertrauen in die F&uuml;hrung gering. Kampfbereitschaft ist vorhanden &#x96; wenn es denn um echte Kampfma&szlig;nahmen geht. Schon im letzten Jahr hatte sich der Druck so weit aufgebaut, dass es in den Tarifrunden in der Metall- und Bauindustrie zu Streiks und im &ouml;ffentlichen Dienst zu einer riesigen Warnstreikwelle kam. In der IG Metall zeigt sich die Stimmung daran, dass der als k&auml;mpferischer geltende Peters sich gegen den rechten Berthold Huber in der Vorauswahl zum Gewerkschaftsvorsitzenden durchsetzen konnte und es zum Streik f&uuml;r die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland gekommen ist. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die innergewerkschaftliche Kritik am Ostmetallerstreik ging von den Betriebsratsf&uuml;rsten der gro&szlig;en westdeutschen Betriebe aus, nicht von den einfachen KollegInnen. Diese sind den GewerkschafterInnen im Osten in den R&uuml;cken gefallen, weil sie Konflikten mit ihren Arbeitgebern aus dem Weg gehen wollten. Viele KollegInnen waren bereit an Solidarit&auml;tsaktionen mit den ostdeutschen MetallerInnen teilzunehmen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Auch auf &ouml;rtlicher Ebene gibt es eine Reihe von Protesten und K&auml;mpfen. In Schweinfurt hatten 4.000 MetallerInnen die Arbeit niedergelegt um gegen die Agenda 2010 zu streiken. In verschiedenen Betrieben ist es zu Streiks gegen Arbeitsplatzabbau und Betriebsschlie&szlig;ung gekommen, bis hin zum Hungerstreik im Bahnausbesserungswerk Opladen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Gewerkschaften m&uuml;ssen in die Offensive und die Herausforderung von Regierung und Unternehmern annehmen.<\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Was w&auml;re dazu n&ouml;tig?<\/span> <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p>  1. Ein politischer Kurswechsel. Das DGB-Programm zur Agenda 2010 formuliert keine politische Alternative, die einen Ausweg aus der Krise aufzeigen k&ouml;nnte. Die Gewerkschaften m&uuml;ssen mit dem Profitprinzip der kapitalistischen Marktwirtschaft brechen. N&ouml;tig dazu w&auml;re eine Auswechslung der F&uuml;hrungen von IG Metall und ver.di bei den im Herbst anstehenden Gewerkschaftstagen. K&auml;mpferische KollegInnen sollten sich auf GegenkandidatInnen zu den offiziellen Vorschl&auml;gen verst&auml;ndigen, die sich den Interessen ihrer Mitglieder verpflichtet f&uuml;hlen, einen k&auml;mpferischen Kurs vertreten und sich an Spitzenfunktionen in der Gewerkschaft nicht bereichern, sondern ihre Funktion&auml;rsgeh&auml;lter auf die H&ouml;he eines durchschnittlichen Facharbeiterlohns beschr&auml;nken. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> 2. Es muss eine Informations- und Mitgliederwerbungskampagne in den Betrieben, Verwaltungen und in der &Ouml;ffentlichkeit durchgef&uuml;hrt werden. In der Vergangenheit wurden Millionen in die Wahlkampfkampagnen zur Unterst&uuml;tzung der SPD gesteckt. Jetzt sollten Millionen in Flugbl&auml;tter, Plakate, Fernseh- und Kinospots und Veranstaltungen gesteckt werden, die zum Kampf gegen die Agenda 2010 und f&uuml;r Arbeitszeitverk&uuml;rzung, eine Umverteilung von oben nach unten, die Schaffung von Ausbildungspl&auml;tzen und so weiter eintritt. Begonnen werden sollte eine solche Kampagne mit Betriebsversammlungen in allen Betrieben und lokalen, regionalen und bundesweiten Konferenzen von Betriebs-, Personalr&auml;ten und Vertrauensleuten. Verbunden mit echten Kampfma&szlig;nahmen k&ouml;nnte der Mitgliederr&uuml;ckgang der letzten Jahre zu einem neuen Zustrom umgekehrt werden. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> 3. Der DGB und die Einzelgewerkschaften sollten zu einer bundesweiten Gro&szlig;demonstration mobilisieren, die die sofortige R&uuml;cknahme der Agenda 2010 fordert. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> 4. Der DGB und die Einzelgewerkschaften sollten sofort mit der Vorbereitung eines eint&auml;gigen Generalstreiks beginnen, als Warnung an die Bundesregierung, dass es zu einer Eskalation von Widerstand und K&auml;mpfen kommen wird, wenn die Agenda 2010 nicht zur&uuml;ckgenommen wird. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Initiativen von unten n&ouml;tig<\/span> <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p>  Solche Ma&szlig;nahmen wird die Gewerkschaftsf&uuml;hrung nicht umsetzen, wenn sie durch die eigene Basis nicht dazu gezwungen wird. Deshalb ist es n&ouml;tig, dass die AktivistInnen in den Betrieben selber Initiativen ergreifen. Der Zusammenschluss kritischer und k&auml;mpferischer KollegInnen an der Basis und deren bundesweite Vernetzung ist dazu ein wichtiger Schritt. Diese m&uuml;ssen mit dem Ziel betrieben werden, eine programmatische und personelle Alternative zu den bestehenden Gewerkschaftsf&uuml;hrungen aufzubauen. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Der &#x84;Initiative zu Vernetzung der gewerkschaftlichen Linken&#x93; kommt dabei eine besondere Aufgabe zu. Gerade nach dem Auswerkauf des Ostmetallerstreiks muss sie in die Offensive gehen! Sie sollte eine Kampagne starten, die die obigen Vorschl&auml;ge gezielt in die Gewerkschaften tr&auml;gt. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Dabei d&uuml;rfen die KollegInnen, die nicht (mehr) in den Gewerkschaften organisiert sind, nicht &uuml;bergangen werden. Die Entscheidung des Chemiekreises (eines Zusammenschlusses kritischer IG-BCE-Mitglieder), sich auch f&uuml;r Nicht-GewerkschafterInnen zu &ouml;ffnen, ist in diesem Zusammenhang ein richtiger Schritt. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Schritte zur Durchf&uuml;hrung einer bundesweiten Gro&szlig;demonstration und lokaler Streikaktionen k&ouml;nnen auch ohne die Zustimmung der Gewerkschaftsf&uuml;hrungen ergriffen werden. Die Strukturen der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung (wie Attac und den Sozialforen), Erwerbslosengruppen und andere Initiativen k&ouml;nnen dabei eine Rolle spielen und sollten dazu einbezogen werden. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Neue Arbeiterpartei<\/span> <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\">  <\/div>\n<p> Der Widerstand gegen die Offensive der Kapitalisten darf nicht auf der betrieblichen und gewerkschaftlichen Ebene stehen bleiben. Die Bosse haben heute viele Parteien, die ihre Interessen vertreten. Die ArbeiterInnen, Erwerbslosen und Jugendlichen haben keine starke Partei. Die Zeit ist reif f&uuml;r den Aufbau einer neuen Arbeiterpartei, die konsequent gegen die Profitgier des Kapitals und f&uuml;r die Interessen der Besch&auml;ftigten, Erwerbslosen und Jugendlichen k&auml;mpft. <\/p>\n<div style=\"text-align: left; font-family: times new roman,times,serif;\"> <\/div>\n<p> Die Gewerkschaften m&uuml;ssen mit der SPD brechen und an die Aufgabe herangehen, eine neue politische Interessenvertretung f&uuml;r ArbeitnehmerInnen aufzubauen. Eine solche Partei m&uuml;sste offen sein f&uuml;r alle AktivistInnen und Organisationen der Bewegungen gegen die kapitalistische Globalisierung und gegen Krieg, Attac und anderer sozialer Bewegungen, der Gewerkschaften und f&uuml;r Linke aus SPD, Gr&uuml;nen und PDS, die bereit sind mit diesen Parteien zu brechen. Linke GewerkschafterInnen sollten die Idee einer neuen Arbeiterpartei in die Gewerkschaften und die kommenden K&auml;mpfe tragen. Gleichzeitig sollten M&ouml;glichkeiten von lokalen Wahlb&uuml;ndnissen von AktivistInnen aus Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und linken Organisationen genutzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regierung und Kapital wollen zur&uuml;ck ins 19. Jahrhundert. Ein Kurswechsel der Gewerkschaften ist n&ouml;tig, um das zu verhindern<\/p>\n<p> von Sascha Stanicic<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[151],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10545"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10545"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10545\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10545"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10545"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10545"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}