{"id":10495,"date":"2003-05-13T13:20:40","date_gmt":"2003-05-13T11:20:40","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10495"},"modified":"2013-06-05T10:50:43","modified_gmt":"2013-06-05T08:50:43","slug":"10495","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/05\/10495\/","title":{"rendered":"Der Generalstreik 1948"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gegen einen kapitalistischen Umweg \u2013 f\u00fcr ein sozialistisches und demokratisches Deutschland<\/strong><\/p>\n<p><em>Artikel aus der VORAN (der Vorl\u00e4uferzeitung der Solidarit\u00e4t) vom Dezember 1988<\/em> <\/p>\n<p>Der 12. November 1948 war ein dunkler, tr\u00fcber Freitag. Das ist nicht weiter au\u00dfergew\u00f6hnlich. Aber da\u00df an einem normalen Werktag von Flensburg bis Augsburg, von G\u00f6ttingen bis K\u00f6ln die Arbeit ruht &#8211; das ist in der ganzen Nachkriegzeit nicht mehr vorgekommen.<\/p>\n<p>Der DGB hatte in der amerikanischen und der britischen Besatzungszone &#8211; der sogenanten Bi-Zone &#8211; zum 24-st\u00fcndigen Generalstreik aufgerufen. Diesem Aufruf waren von den 11,7 Millionen Besch\u00e4ftigten in der Doppelzone \u00fcber 9 Millionen gefolgt. An diesem Tag streikten mehr als dreimal so viel Arbeiter wie in allen Streiks in den 20 darauffolgenden Jahren zusammen\u00adgenommen.<\/p>\n<p>Heute wird von der Zeit nach dem 2. Weltkrieg meist der Eindruck erweckt, als sei es geradewegs &#8211; mit Hilfe der Alliierten Amerikaner, Briten und Franzosen &#8211; im Westen Deutschlands von der Hitlerdiktatur zur \u201eDemokra\u00adtie&#8220; gegangen. Diese Darstellung ent\u00adspricht nicht der Wahrheit. Die Jahre 1945 bis 1952 waren gekennzeichnet von heftigen Klassenk\u00e4mpfen, und die b\u00fcrgerlich-parlamentarische Demo\u00adkratie war keinesfalls das erkl\u00e4rte Ziel der Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lke\u00adrung. Im Gegenteil &#8211; es war klar, da\u00df das kapitalistische System direkt f\u00fcr die 12 Jahre Hitlerdiktatur verantwortlich war und da\u00df es auf diesem Weg, wollte man derartige Ausw\u00fcchse f\u00fcr die Zu\u00adkunft vermeiden, nicht weiterging.<\/p>\n<p>Die im Interesse der Bourgeoisie lie\u00adgende Hauptfunktion des Faschismus war die v\u00f6llige Zerschlagung einer der st\u00e4rksten und k\u00e4mpferischsten Arbei\u00adterbewegungen der Welt, der deut\u00adschen, gewesen. Ihre Parteien und Ge\u00adwerkschaften wurden zerst\u00f6rt, die mei\u00adsten der f\u00fchrenden Aktivisten hinge\u00adrichtet oder mu\u00dften emigrieren. Von allen politisch Verfolgten brachten die Arbeiterorganisationen die gr\u00f6\u00dften Opfer.<\/p>\n<h4>Hinrichtungen<\/h4>\n<p>Der Faschismus konnte zwar die Or\u00adganisationen der Arbeiterbewegung zerschlagen &#8211; er konnte aber nicht alle die ca. 1,3 Millionen Parteimitglieder der SPD und KPD oder die ca. 5 Millio\u00adnen Gewerkschaftsmitglieder physisch ausrotten. Trotz der noch in den letzten Kriegsjahren vorgenommenen 25.000 Hinrichtungen an politischen Gefange\u00adnen gab es weiterhin aktive Wider\u00adstandsgruppn. Sicher waren diese Gruppen und die Arbeiterklasse insgesamt durch 12 Jah\u00adre Naziterror und sechs Jahre Krieg zu geschw\u00e4cht, um den Faschismus von innen zu besiegen. Aber es waren gera\u00adde diese Wiederstandsgruppen sowie ehemalige Mitglieder der beiden gro\u00dfen Arbeiterparteien, die noch w\u00e4hrend des Zusammenbruchs des Faschismus ak\u00adtiv wurden. <\/p>\n<p>So gelang es zum Beispiel im Ruhrge\u00adbiet einigen illegalen Betriebszirkeln, die Sprengung von Schachtanlagen durch SS-Wehrmachtverb\u00e4nde zu ver\u00adhindern. In vielen F\u00e4llen \u00fcbernahmen die spontan gebildeten Betriebsr\u00e4te oder Betriebsaussch\u00fcsse die Leitung der Fabriken.<\/p>\n<p>Der gleiche Proze\u00df vollzog sich in den Kommunen. Auch hier entwickelten sich aus Widerstandsgruppen und Aktivisten der Arbeiterbewegung \u201eAntifa-Komitees&#8220; oder \u201eVolkskomitees&#8220;. Ihre erste Aufgabe war es, den Wider\u00adstand versprengter Nazieinheiten nach M\u00f6glichkeit zu unterbinden und die Versorgung der Bev\u00f6lkerung mit Le\u00adbensmitteln sicherzustellen.<\/p>\n<p>All diese Aktivit\u00e4ten waren vorerst gepr\u00e4gt durch die Notwendigkeit, das \u00dcberleben zu sichern. Mit der Niederla\u00adge des Faschismus brach fast automa\u00adtisch der b\u00fcrgerliche Staatsapparat und die kapitalistische Herrschaft in den Be\u00adtrieben zusammen. Es war also auf der einen Seite ein Vakuum entstanden, welches zun\u00e4chst nur durch die sich wieder organisierende Arbeiterbewe\u00adgung gef\u00fcllt werden konnte.<\/p>\n<h4>R\u00e4tebewegung<\/h4>\n<p>Auf der anderen Seite mu\u00df diese \u201eR\u00e4\u00adtebewegung&#8220; aber auch als eine Folge der Lehren gesehen werden, die gro\u00dfe Teile der Arbeiterklasse aus dem Fa\u00adschismus gezogen hatten. Als eine der Ursachen f\u00fcr den Sieg des Faschismus 1933 wurde allgemein die Spaltung der Arbeiterbewegung zwischen SPD und KPD angesehen, die, verst\u00e4rkt durch die jeweilige Parteif\u00fchrung &#8211; eine Ein\u00adheitsfront gegen den Faschismus un\u00adm\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig erkannte man, da\u00df der Faschismus eine Folge des kapitalisti\u00adschen Systems war, nur eine grausame\u00adre Spielart b\u00fcrgerlicher Herrschaft. Das neu aufzubauende Deutschland konnte also nur ein sozialistisches sein. Diese Stimmung spiegelt sich nicht nur auf dem Papier wieder, sondern auch bei praktischen Aktionen.<\/p>\n<p>Bereits am 19.4.1945, also fast einen Monat vor der offiziellen Kapitulation Nazideutschlands, fand das erste illega\u00adle Treffen der Betriebsr\u00e4te aus sechs verschiedenen Ruhrst\u00e4dten statt, Man beschlo\u00df die sofortige Wiederaufnah\u00adme der Produktion unter der Leitung der Betriebsr\u00e4te, in enger Zusammenar\u00adbeit mit den \u00f6rtlichen Antifa-Komitees. <\/p>\n<p>Als Tagesaufgabe wurde allgemein die strikte Entnazifizierung, die Soziali\u00adsierung der Schwerindustrie und des Ei\u00adgentums der Kriegsverbrecher gesehen. Ein amerikanischer Historiker schrieb 1949 \u00fcber die Betriebsr\u00e4te und die Anti\u00adfa-Komitees folgendes: \u201eFast aus\u00adnahmslos wurden die alliierten Trup\u00adpen bei der Besetzung gr\u00f6\u00dferer deut\u00adscher St\u00e4dte von Delegationen linker Antifaschisten empfangen, die fertige Programme, Kandidaten f\u00fcr die \u00f6rtli\u00adche Verwaltung und Unterst\u00fctzung bei der Durchf\u00fchrung der Entnazifizierung bereithielten.&#8220;<\/p>\n<h4>Neue Ordnung<\/h4>\n<p>Die vorherrschende Stimmung der Arbeiterklasse dr\u00fcckte sich auch in den damaligen Reden der beiden f\u00fchrenden Nachkriegsgewerkschafter aus, Hans B\u00f6ckler und Fritz Tarnow; \u201eDer Kapi\u00adtalismus liegt in seinen letzten Z\u00fcgen.&#8220; \u201eDie Gegenwart geht schwanger mit ei\u00adner neuen Ordnung&#8230;Es kann kein Zweifel sein, da\u00df die Uhr der freien, privatkapitalistischen Produktions\u00adordnung abgelaufen ist.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings einen grundlegen\u00adden Unterschied zwischen einem Tot\u00adkranken und einer Leiche. Der Kapita\u00adlismus bricht nicht einfach zusammen, vielmehr bedarf es dazu der bewu\u00dften Aktion der Arbeiterbewegung &#8211; also auch der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Sehr fr\u00fch erkannten die Besatzungs\u00adm\u00e4chte, in welcher bedrohten Lage sich der Kapitalismus in Deutschland be\u00adfand. Zwar kamen den USA und Gro\u00df\u00adbritannien der Niedergang eines der m\u00e4chtigsten Konkurrenten sehr gele\u00adgen. Eine erfolgreiche sozialistische Re\u00advolution in Deutschland mit unabseh\u00adbaren internationalen Folgen barg al\u00adlerdings ein wesentlich h\u00f6heres Gefah\u00adrenpotential in sich als ein Wiederer\u00adstarken des deutschen Kapitals.<\/p>\n<p>Die westlichen Besatzungsm\u00e4chte taten also alles, um den Wiederaufbau der Arbeiterorganisationen zu verhin\u00addern oder zumindest zu verlangsamen. So wurde zum Beispiel die KPD in Tei\u00adlen des Ruhrgebiets erst Mitte Septem\u00adber 1945 wieder zugelassen. Die spon\u00adtan in Hamburg gebildete \u201eSozialisti\u00adsche Freie Gewerkschaft&#8220; mit 50.000 Mitgliedern wurde f\u00fcnf Wochen nach ihrer Gr\u00fcndung verboten. Von den 194 Antr\u00e4gen auf Gr\u00fcndung \u00f6rtlicher Ge\u00adwerkschaften wurden im Fr\u00fchjahr 1946 von der britischen Besatzungsmacht nur 51 genehmigt. Erst ab Januar 1946 war es den noch gezwungenerma\u00dfen lo\u00adkal beschr\u00e4nkten Gewerkschaften ge\u00adstattet, Beitr\u00e4ge zu sammeln und \u00f6f\u00adfentlich Mitglieder zu werben.<\/p>\n<h4>Entnazifizierung<\/h4>\n<p>Ein weiteres Hindernis bei der Wie\u00adderherstellung des Kapitalismus in Deutschland war f\u00fcr die Besatzungs\u00adm\u00e4chte die deutsche Bourgeoisie selbst. An eine Restauration des alten Systems war ohne diese ehrenwerten Herren nicht zu denken. Doch waren sie zum \u00fcberw\u00e4ltigenden Teil Nazis gewesen. Es war also gef\u00e4hrlich, ihnen offen die Herrschaft direkt zu \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Eine Entnazifizierung, die diesen Na\u00admen verdient, war aber deshalb von An\u00adfang an ausgeschlossen. Die Ursache f\u00fcr viele betriebliche K\u00e4mpfe 1945 war dann auch gerade die nicht durchge\u00adf\u00fchrte Entnazifizierung. Die Forderung danach war sehr h\u00e4ufig direkt verbun\u00adden mit der nach einer Enteigung der Betriebe. Sehr oft sa\u00dfen ja gerade die \u201eFabrikherren&#8220; als Kriegsverbrecher auf der Anklagebank.<\/p>\n<p>Blo\u00dfe Verhandlungen, wie etwa zwi\u00adschen der \u00f6rtlichen Gewerkschaft und dem Essener Oberb\u00fcrgermeister mit der britischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rde \u00fcber die entsch\u00e4digungslose Enteignung des Krupp-Konzerns, mu\u00dften scheitern. Den Versuchen, eine S\u00e4uberung der Be\u00adtriebe von Nazis durch isolierte Streik\u00adma\u00dfnahmen durchzusetzen, wurde mit Verhaftungen der Betriebsr\u00e4te und mit Panzern begegnet.<\/p>\n<p>Um die alten kapitalistischen Besitz\u00adverh\u00e4ltnisse abzusichern, wurde seit Mai 45, solange sich die Fabrikbesitzer der Schein-Entnazifizierung unterzie\u00adhen mu\u00dften, eine Treuh\u00e4nderschaft eingef\u00fchrt. Ehemalige leitende Ange\u00adstellte f\u00fchrten im Auftrag der Milit\u00e4rre\u00adgierung die Betriebe. Jede innerbetrieb\u00adliche Auseinandersetzung wurde damit fast automatisch zu einem Konflikt mit den Milit\u00e4rs.<\/p>\n<h4>Entflechtung<\/h4>\n<p>Eine weitere Ma\u00dfnahme zur Stabili\u00adsierung des kapitalistischen Systems in Westdeutschland war die sogenannte Entflechtung und Dezentralisierung be\u00adsonders der Chemie-und der Stahlindu\u00adstrie. Damit sollte &#8211; ohne das kapitalisti\u00adsche System entscheidend zu schw\u00e4\u00adchen &#8211; ein Wiederaufstieg der deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt behin\u00addert werden. Gleichzeitig sch\u00fcrte die Entflechtung, also die angebliche \u201eBe\u00adseitigung&#8220; der Kartelle und Monopole die Illusion, gerade in der sozialdemo\u00adkratischen Partei und der Gewerk\u00adschaftsf\u00fchrung, die Westalliierten k\u00f6nnten einer sozialistischen Entwicklung Deutschlands zustimmen.<\/p>\n<p>Dieser Wunschglaube h\u00e4tte bereits im Dezember 46 durch die Realit\u00e4ten endg\u00fcltig zerst\u00f6rt sein m\u00fcssen. Obwohl sich 72% der hessischen Bev\u00f6lkerung bei einer Volksbefragung f\u00fcr die Ver\u00adstaatlichung der Schl\u00fcsselindustrien ausgesprochen hatten, wurde dieser Pa\u00adragraph durch die Milit\u00e4rs aus dem Landesverfassungsentwurf gestrichen. Die Lehren aus dem hessischen Experi\u00adment wurden gezogen &#8211; alle weiteren geplanten Volksabstimmungen \u00fcber Sozialisierung wurden von den Milit\u00e4r\u00adbeh\u00f6rden verboten. <\/p>\n<p>Dennoch wurden in den Jahren I946 und Anfang 1947 noch einige Zugest\u00e4ndnisse erreicht &#8211; allerdings erst nach heftigen K\u00e4mpfen der Arbeiter. Besonders im Ruhrgebiet kam es zu Streiks vor allem der Bergarbeiter, nachdem im Herbst 1946 die Lebensmittelversorgung fast v\u00f6llig zusammengebrochen war und die britische Milit\u00e4rregierung weitere Sonderschichten von den Kum\u00adpels verlangte. <\/p>\n<p>Im November 1946 sprachen sich 89,9% der betroffenen Bergleute gegen Sonderschichten aus und machten ihre eventuelle Zustimmung von der Soziali\u00adsierung der Kohlengruben und der \u201eVolkskontrolle \u00fcber die Nahrunmittelversorgung&#8220; abh\u00e4ngig. In D\u00fcsseldorf und im Raum Essen kam es zu Streiks und Demonstrationen, im Februar 1947 streikten die Bergarbeiter in fast allen Industriest\u00e4dten des Ruhrgebiets. In Wuppertal schlossen sich die Bauar\u00adbeiter in einem Solidarit\u00e4tsstreik an. Im M\u00e4rz reichten 95 Delegationen, ge\u00adw\u00e4hlt von \u00fcber 100.000 Bergarbeitern und Angestellten, in nordrhein-westfalischen Landtag einen Antrag ein mit der Forderung nach \u201eentsch\u00e4digungs\u00adloser Enteignung der kriegsverbrecheri\u00adschen Kohlebarone an Rhein und Ruhr.&#8220; Dieser Antrag wurde abgelehnt &#8211; mit den Stimmen der SPD-Fraktion <\/p>\n<h4>\u201eAufruhr&#8220;<\/h4>\n<p>Die Antwort: eine enorme Streikwel\u00adle der Arbeiter im Ruhrgebiet. H\u00f6he\u00adpunkt dieser Streikwelle war ein zweit\u00e4\u00adgiger Streik von 334.000 Arbeitern und Angestellten. Am ersten April gab es in Braunschweig sogar einen General\u00adstreik.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden sah sich die britische Milit\u00e4rregierung gezwungen, die parit\u00e4tische Mitbestimmung im Montanbereich zuzulassen &#8211; nat\u00fcrlich aus politischem Kalk\u00fcl, wie aus einem Bericht des britischen Kontrolloffiziers Harris Burland vom 11.7.47 hervor\u00adgeht. Er begr\u00fcndet hier die Notwendig\u00adkeit, \u201eden Arbeitern und Gewerkschaf\u00adten Anteil an der Verantwortung des Managements zu geben&#8220; damit, da\u00df diese Ma\u00dfnahmen \u201eauf lange Sicht be\u00addeuten, Arbeiterunruhe in der Industrie zu verhindern&#8220;.<\/p>\n<p>Das war das Zuckerbrot. Aber auch die Peitsche fehlte nicht. So gab Oberst Newman, der amerikanische Komman\u00addant, \u00fcber Rundfunk bekannt: \u201eStreiks oder andere Umtriebe gegen die Politik der Milit\u00e4rregierung, die in irgendeiner Weise die Forderungen oder Pl\u00e4ne der Besatzungsmacht gef\u00e4hrden k\u00f6nnten, werden in Hessen nicht geduldet wer\u00adden; dabei spielt es keine Rolle, ob ihr Zweck ein politischer oder ein anderer sein m\u00f6ge. Jede Person oder Gruppe von Personen, die so handelt, wird be\u00adstraft werden, und vergessen Sie nicht, da\u00df nach den Gesetzen der Besatzungsarmeen und der Milit\u00e4rregierung die Schuldigen sogar mit der Todesstrafe belegt werden k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<h4>Marshallplan<\/h4>\n<p>Trotz der Erfolge der Arbeiter schritt die Wiederherstellung und Festigung der Macht der Kapitalisier) weiter fort. So wurde im Juni 1947 das \u201eEurop\u00e4i\u00adsche Hilfsprogramm&#8220;, besser bekannt als Marshallplan, verk\u00fcndet. Hierbei handelte es sich um ein wirtschaftliches Wiederaufbauprogramm, das mit ame\u00adrikanischen Hilfeleistungen durchge\u00adf\u00fchrt werden sollte. Diese wurden aller\u00addings nicht bedingungslos gegeben, wie aus der Direktive vom Juli &#8217;47 an Gene\u00adral Clay, Chef der amerikanischen Zone, klar hervorging: \u201eW\u00e4hrend es zwar Ihre Pflicht ist, dem deutschen Volke die M\u00f6glichkeit zu geben, die Grunds\u00e4tze und Vorteile einer freien Wirtschaft kennenzulernen, werden Sie in der Fra\u00adge des \u00f6ffentlichen Besitzes von Unter\u00adnehmungen in Deutschland nur ein\u00adschreiten, wenn es sich darum handelt, sicherzustellen, da\u00df jegliche Entscheidung f\u00fcr oder gegen das \u00f6ffentliche Be\u00adsitzverh\u00e4ltnis frei und durch normales Vorgehen innerhalb einer demokrati\u00adschen Regierungsform getroffen wird&#8230; Bis zu einer endg\u00fcltigen Entscheidung \u00fcber die Form und die Rechte der deut\u00adschen Zentralregierung d\u00fcrfen Sie keine Ma\u00dfnahmen in Bezug auf ein \u00f6ffentli\u00adches Besitzrecht billigen&#8230;&#8220;. <\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsf\u00fchrung bef\u00fcrch\u00adtete zwar, da\u00df die amerikanische Mili\u00adt\u00e4rregierung die Kreditvergabe von der Preisgabe bzw. dem Aufschub einer So\u00adzialisierung der Industrie abh\u00e4ngig ma\u00adchen w\u00fcrde. Dennoch entschlo\u00df sie sich, dem Marshall-Plan zuzustimmen.<\/p>\n<h4>Wirtschaftsrat<\/h4>\n<p>Zur selben Zeit, auch im Juni 47, wurde bizonal der Wirtschaftsrat ge\u00adgr\u00fcndet. Er bestand aus 52 Abgeordne\u00adten und hatte das Recht, Anordnungen f\u00fcr die verschiedenen Wirtschaftgebiete zu beschlie\u00dfen: allgemeine Wirtschafts\u00adpolitik, Finanzen, Ern\u00e4hrung, Land\u00adwirtschaft, Verkehr, Nachrichtenwe\u00adsen. Allerdings mu\u00dften diese Anord\u00adnungen noch durch die Milit\u00e4rregie\u00adrung gebilligt werden.<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung dieses Rates zeigte deutlich eine St\u00e4rkung der pro-kapitalistischen Elemente. Die b\u00fcrgerli\u00adchen Parteien waren mit 29, SPD mit 20 und KPD mit 3 Abgeordneten vertre\u00adten.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurde ein Exekutivrat gew\u00e4hlt, der aus je einem Vertreter je\u00addes Landes bestand und von der Lan\u00addesregierung ernannt wurde. Er sollte die Beschl\u00fcsse des Wirtschaftsrates aus\u00adf\u00fchren und schlug die Direktoren f\u00fcr die einzelnen (Verwaltungs-) Aussch\u00fcs\u00adse vor, die die Funktion von Ministerien erf\u00fcllten. In diesem Gremium hatte die SPD die eindeutige Mehrheit. Aller\u00addings \u00fcberlie\u00df die SPD nach heftigen Auseinandersetzungen mit der CDU, zwischen Exekutivrat und Wirtschafts\u00adrat, alle Direktorenposten der CDU.<\/p>\n<p>Warum handelte die SPD-F\u00fchrung so und gab damit dem b\u00fcrgerlichen La\u00adger freie Hand? Vielleicht findet sich ei\u00adne Erkl\u00e4rung daf\u00fcr beim 2. Parteitag der SPD nach Hitler, am 29. Juni 1947 in N\u00fcrnberg. In seinem Einleitungsreferat dr\u00fcckte Schumacher, damaliger Parteivorsitzender, seine Verachtung f\u00fcr die \u201eCliquen eines l\u00e4ngst \u00fcberholten Wirt\u00adschaftssystems&#8220; aus &#8211; andererseits begr\u00fc\u00dfte er den Marshallplan und die Ein\u00adrichtung des Wirtschaftsrates. Immer noch herrschte die Perspektive vor, der \u201eRestkapitalismus&#8220; (Schuma\u00adcher) sei nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig. \u00dcber Reformen, Verhandlungen und auf par\u00adlamentarischem Wege sollte ein \u201ege\u00adrechteres&#8220; System nach dem Muster ei\u00adner parlamentarischen Demokratie er\u00adreicht werden, wobei weite Bereiche der Industrie verstaatlicht sein sollten. <\/p>\n<p>Auf die Kraft einer mobilisierten Ar\u00adbeiterklasse sollte jedoch nicht zur\u00fcck\u00adgegriffen werden, um ja die jeweilige Milit\u00e4rregierung nicht zu ver\u00e4rgern. Vor allem von der britischen Milit\u00e4rre\u00adgierung wurde eher Unterst\u00fctzung er\u00adwartet &#8211; regierte in Gro\u00dfbritannien doch die Labour Party (brit. Arbeiter\u00adpartei).<\/p>\n<p>Aber sowenig die F\u00fchrung der La\u00adbour Party in Gro\u00dfbritannien die Macht der Kapitalisten brach, genauso\u00adwenig verhinderte sie deren erneute St\u00e4rkung in der britisch besetzten Zone. Im Laufe des Jahres 47 war die britische Regierung immer weniger in der Lage, die Kosten der Besatzung zu tragen. Diese wurden dann von den amerikanischen Besatzern \u00fcbernommen, was na\u00adt\u00fcrlich einen wachsenden Einfiu\u00df der USA in der britischen Zone zur Folge hatte.<\/p>\n<h4>Streikwelle<\/h4>\n<p>Auch Anfang 1948 hatte sich an der schlechten Versorgungslage der Bev\u00f6l\u00adkerung noch nichts ge\u00e4ndert. Anfang Januar beschlie\u00dfen die Gewerkschaften in Bayern, f\u00fcr den 23. Januar einen 24-st\u00fcndigen Generalstreik auszurufen. Sie fordern die \u201erestlose Erfassung der gesamten Erzeugung von Nahrungs\u00admitteln unter Zugrundelegung eines den Bed\u00fcrfnissen des Gesamtvolkes ge\u00adrecht werdenden Erfassungssystems&#8220; und strengere Bestrafung von Schie\u00adbern. Der Aufruf ist erfolgreich.<\/p>\n<p>Auch in anderen Landesteilen g\u00e4rt es, vor allem in Nordrhein-Westfalen. So schreibt die Gewerkschaftszeitung Der Bund am 14.2.48: \u201eDie Erregung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung \u00fcber das v\u00f6llige Versagen der Ern\u00e4hrungswirt\u00adschaft hat das Nordrhein- und Ruhrge\u00adbiet zu einem brodelnden Kessel ge\u00admacht. Die berechtigte Emp\u00f6rung der Massen machte sich in gewaltigen Streiks und Demonstrationen in allen gr\u00f6\u00dferen Industriegebieten Luft. Teils flammten diese Aktionen spontan auf, zum Teil aber vollzogen sie sich auf\u00adgrund von Funktion\u00e4rsbeschl\u00fcssen und unter der festen F\u00fchrung der \u00f6rtlichen Gewerkschaften. Alle Streiks waren im voraus befristet und in der Regel auf die Dauer von 24 Stunden festgelegt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Druck auf die Gewerkschaftsf\u00fchrung, einen allgemeinen General\u00adstreik auszurufen, war so stark, da\u00df Hans B\u00f6ckler, Werner Hansen und Christian Feiten auf einer Sitzung am 30.Januar alle M\u00fche hatten, ihn zu ver\u00adhindern. B\u00f6ckler sagte, nur \u201eangesichts einer durchaus zum B\u00f6sen hinf\u00fchren\u00adden Entwicklung&#8220; wolle er die &#8222;auf Mit\u00adbestimmung in der Wirtschaft einge\u00adstellten Organisationen auf Wirt\u00adschaftskampf&#8220; umstellen. Und das, ob\u00adwohl General Clay ihm schon 1947 ge\u00adsagt hatte, er sei Repr\u00e4sentant einer Re\u00adgierung des privaten Unternehmer\u00adtums, man k\u00f6nne von ihm nicht verlan\u00adgen, die Sozialisierung zu f\u00f6rdern. Die Entwicklung zum B\u00f6sen war also schon l\u00e4ngst eingetreten. Nur widerstrebend beugt sich eine Mehrheit der auf der Sitzung Anwesen\u00adden ihrer F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Im Juni wurde erneut deutlich, in welche Richtung das Zusammenspiel von Unternehmerverb\u00e4nden, Wirtschaftsverwaltung und Besatzungsmacht geht: Ein Abk\u00f6mmling der kon\u00adservativen Stahldynastie Reusch wurde vom Wirtschaftsrat in die Stahlkom\u00admission berufen. Sofort erhob sich der Widerstand von Seiten der Arbeiter: In verschiedenen Orten sprachen sich in einer Urabstimmung 90% der Metaller f\u00fcr Streik aus, falls Reuschs Ernennung nicht zur\u00fcckgenommen wird. Dieser wurde dann auch prompt zur\u00fcckgezo\u00adgen.<\/p>\n<h4>W\u00e4hrungsreform <\/h4>\n<p>Die W\u00e4hrungsreform im August 48 trieb erneut die Arbeiter massenhaft auf die Stra\u00dfe. Denn: Das Geld wurde zwar abgewertet, aber der Besitz von Grund und Boden, Produktionsmitteln oder gehorteten Waren wurde nicht miteinbezogen. Die Folge: Die Preise schos\u00adsen in die H\u00f6he, denn sowohl das Bewirtschaftungsesetz als auch der bis da\u00adhin g\u00fcltige Preisstop wurden gelockert. Aber die L\u00f6hne stiegen nur um 15%, der Lohnstop blieb weiterhin in Kraft (er galt von 1946 bis Dezember 1948!).<\/p>\n<p>Zwar waren die Schaufenster pl\u00f6tz\u00adlich wieder voll der lange entbehrten Waren, aber die Lage der Arbeiter hatte sich nicht verbessert. Sie antworteten mit gro\u00dfen Demonstrationen: In Frankfurt waren 50.000, in M\u00fcnchen 100.000, in D\u00fcsseldorf Zehntausende auf der Stra\u00dfe. \u00dcberall in NRW wurden K\u00e4uferstreiks gegen die Wucherpreise organisiert.<\/p>\n<p>Als dann im Oktober Ludwig Ehrhard, damaliger Direktor der Verwal\u00adtung f\u00fcr Wirtschaft, in einer Rede die Gewerkschaftsf\u00fchrung angriff, war die\u00adse endlich bereit, Ma\u00dfnahmen f\u00fcr einen Generalstreik einzuleiten. Auf einerTagung des DGB-Beirats am 26. Oktober in M\u00fcnster wurde zun\u00e4chst ein 48-Stunden-Generalstreik in allen drei Westzo\u00adnen gefordert. Damit aber waren die Gewerkschaftsf\u00fchrer der amerikani\u00adschen Zone nicht einverstanden. Sie forderten, die Dauer des Streiks auf 24 Stunden zu beschr\u00e4nken. Die Vertreter der franz\u00f6sischen Zone schlossen sich der Streikforderung \u00fcberhaupt nicht an.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen kam es schon in mehreren St\u00e4dten zu spontanen De\u00admonstrationen gegen die Politik Ehrhards. In Stuttgart gingen dabei Schau\u00adfenster einiger Luxusl\u00e4den zu Bruch; gegen Automobile, damals Symbole privaten Reichtums, wurden Steine ge\u00adschleudert.<\/p>\n<h4>Generalstreik<\/h4>\n<p>Die amerikanische Besatzungsmacht hatte Angst, vollends die Kontrolle zu verlieren und verh\u00e4ngte ein Ausgehver\u00adbot \u00fcber die ganze Stadt. Die b\u00fcrgerli\u00adche Presse fing ein gro\u00dfes Lamento an \u00fcber die \u201eDikatur von links&#8220;. Die Ge\u00adwerkschaftsf\u00fchrung nahm diese \u201eVor\u00adf\u00e4lle&#8220; zum Anla\u00df, f\u00fcr den am 12.11. ge\u00adplanten Generalstreik der Bizone alle \u201eKundgebungen, Versammlungen oder sonstigen Zusammenk\u00fcnfte&#8220; zu unter\u00adsagen. <\/p>\n<p>Auch wurde der Generalstreik nicht so genannt, sondern es war die Rede von \u201eArbeitsruhe&#8220; oder \u201eDemonstra\u00adtionen des gewerkschaftlichen Willens&#8220; &#8211; allerdings ohne Demonstrationen. <\/p>\n<p>Trotz alledem war die Resonanz auf den Aufruf \u00fcberw\u00e4ltigend. In der Nacht vom 11. auf den 12. November schlugen Arbeiter-Klebe-Kolonnen \u00fcberall Flug\u00adbl\u00e4tter an mit unter anderem folgenden Forderungen:<\/p>\n<p>\u2014 Planung und Lenkung im gewerblich-industriellen Sektor, insbesondere f\u00fcr Rohstoffe, Energie und Kredite so\u00adwie f\u00fcr den Au\u00dfenhandel und den Gro\u00dfverkehr<\/p>\n<p>\u2014 \u00dcberf\u00fchrung der Grundstoffindu\u00adstrie und Kreditinstitute in Gemein\u00adwirtschaft<\/p>\n<p>\u2014 Demokratisierung der Wirtschaft und gleichberechtigte Mitwirkung von Gewerkschaften in allen Organen der wirtschaftlichen Selbstverwaltung.<\/p>\n<p>Am Freitag, dem 12. November, standen alle R\u00e4der still. H\u00e4tte es eine machtvollere Demonstration des Wil\u00adlens der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ein System der demokratischen Planwirtschaft geben k\u00f6nnen? Aber die Gewerkschaftsf\u00fchrung und die SPD-F\u00fchrung griffen die enorme Kampfbereitschaft der Arbeiter, Frau\u00aden und Jugendlichen nicht auf und ver\u00adspielten die Chance, den Kapitalismus in den Westzonen zu besiegen und so die Grundlage zu legen f\u00fcr ein vereinig\u00adtes, sozialistisches Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Lesehinweise:<\/strong> <\/p>\n<p>Beier, Gerhard: Der Demonstrations- und Gene\u00adralstreik vom 12. November 1948, Ffm 1975<\/p>\n<p>U. Schmidt\/T. Fichter Der erzwungene Kapitalis\u00admus, Berlin 1972<\/p>\n<p>Schmidt, Eberhard: Die verhinderte Neuordnung 1945-1952, Ffm 1970<\/p>\n<p>Pirker. Theo: Die SPD nach Hitler, Bad Godesberg 1965<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen einen kapitalistischen Umweg \u2013 f\u00fcr ein sozialistisches und demokratisches Deutschland<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,78,90],"tags":[274],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10495"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10495\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}