{"id":10404,"date":"2003-03-12T16:54:03","date_gmt":"2003-03-12T16:54:03","guid":{"rendered":".\/?p=10404"},"modified":"2003-03-12T16:54:03","modified_gmt":"2003-03-12T16:54:03","slug":"10404","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/03\/10404\/","title":{"rendered":"Was ist Sozialismus?"},"content":{"rendered":"<p>von Martin Birkner und Harald Mahrer<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n&#8222;Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor,&#8230;&#8220; (Karl Marx; Das Kapital, MEW 23, S. 92) Bei Marx und Engels finden sich solche S&auml;tze sp&auml;rlich. Aussagen &uuml;ber die zuk&uuml;nftige sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft waren schon eher die Sache der sogenannten &#8222;utopischen Sozialisten&#8220;, wie Fourier, Morus oder St. Simon, die in ihren Arbeiten der phantasievollen Ausgestaltung der Zukunftsgesellschaft breiten Raum widmeten.<\/p>\n<p>  Genau dagegen wandten sich Marx\/Engels. Sie wollten in einer umfassenden Art und Weise die Gesellschaft analysieren und gleichzeitig eine Handlungsanleitung f&uuml;r die ArbeiterInnenklasse liefern. Sie erkannten, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft, die durch den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital charakterisiert ist, sich der Mensch als &#8222;Gattungswesen&#8220; nicht &#8222;jeder nach seinen F&auml;higkeiten, jeder nach seinen Bed&uuml;rfnissen&#8220; entwickeln k&ouml;nne.<\/p>\n<p>  Erst durch den revolution&auml;ren Akt der Vergesellschaftung der Produktionsmittel tritt die Menschheit &#8222;vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit&#8220; (Engels), und &#8222;an Stelle der alten b&uuml;rgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegens&auml;tzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung f&uuml;r die freie Entwicklung aller ist.&#8220; (Kommunistischen Manifest). Das bedeutet, dass die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zwar ein notwendiger Akt zur Befreiung des &#8222;Gattungswesens&#8220; Mensch ist, keineswegs jedoch ein hinreichender. Marx und Engels konnten und wollten kein Szenario des Kommunismus entwerfen, da eine Gesellschaft, die nicht mehr auf der unabdingbaren Basis eines Klassenwiderspruchs aufgebaut ist, qualitativ unterschiedliche Widerspr&uuml;chlichkeiten und Mechanismen aufweisen wird. Und die wiederum k&ouml;nnen durch unsere &#8222;Eingebundenheit&#8220; in eine Klassengesellschaft h&ouml;chstens vermutet, nicht aber wissenschaftlich erkannt werden.<\/p>\n<p>  <b>Die Diktatur des Proletariats<\/b><\/p>\n<p>  Marx und Engels sprachen sinngem&auml;&szlig; von der &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; als ersten Schritt zur Befreiung des Menschen von der Unterdr&uuml;ckung durch den Menschen. In den letzten Jahrzehnten hat dieser Begriff einen negativen Beigeschmack bekommen. Die Schuld daran tragen die stalinistischen Diktaturen im ehemaligen Ostblock, die sich den klassischen &#8222;marxistischen&#8220; Sprachgebrauch aneigneten und somit diskreditierten. Dazu kommt noch, dass in der heutigen Sprache der Begriff &#8222;Diktatur&#8220; &#8211; durch die Erfahrungen des 20. Jahrhundert mit faschistischen und Milit&auml;rdiktaturen &#8211; g&auml;nzlich negativ besetzt ist. Marx und Engels verstanden den Staat als Instrument der Unterdr&uuml;kkung einer Klasse durch eine andere &#8211; als Klassenstaat. Der kapitalistische Staat ist somit unabh&auml;ngig von seiner konkreten Form &#8211; egal ob Demokratie, Monarchie, Diktatur, Faschismus etc. &#8211; eine Diktatur einer Minderheit (der Bourgeoisie) &uuml;ber die Mehrheit (das Proletariat).<\/p>\n<p>  Die Formel von der &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; besagt in diesem Sinn nichts anderes, als die Herrschaft der Mehrheit &uuml;ber die Minderheit, und das stellt auch das qualitativ Neue an einer solchen Gesellschaft dar. Die &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; ist also jene Gesellschaftsform, mittels welcher das Proletariat seine Herrschaft nach einer siegreichen Revolution gegen&uuml;ber der unterlegenen Bourgeoisie absichert. Es w&auml;re ja auch naiv zu glauben, dass sich die Bourgeoisie mehr oder weniger kampflos geschlagen g&auml;be. Somit beschw&ouml;rt jede Revolution mehr oder weniger auch die Konterrevolution&auml;re &#8211; also den &#8222;&Uuml;berlebenskampf&#8220; der Bourgeoisie, herauf. Gegen diese Konterrevolution muss sich das siegreiche Proletariat verteidigen und das gelingt eben mit dem Aufbau einer Gesellschafts- und Staatsstruktur, die diesen Zwecken entspricht.<\/p>\n<p>  <b>Sozialistische Demokratie<br \/> <\/b> <br \/>  Der Begriff &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; wird heute nicht mehr verwendet. Der schale Beigeschmack ist trotz des Zusammenbruchs des Stalinismus geblieben. Daher wird heute von MarxistInnen von &#8222;sozialistischer Demokratie&#8220; gesprochen. Ein Widerspruch? Keineswegs: Sozialistische Demokratie hat nichts gemein mit &#8222;Diktaturen&#8220;, wie sie der Kapitalismus hervorgebracht hat; in Chile, im Faschismus etc.. Sozialistische Demokratie ist die organisierte Einbeziehung aller in alle Angelegenheiten der Gesellschaft. An die Stelle von &#8222;gro&szlig;en M&auml;nnern&#8220;, die die Geschicke der Welt leiten und die Geschichte schreiben, tritt eine Heerschar von &#8222;kleinen Leuten&#8220; (M&auml;nner, Frauen, Alte, Junge, &#8230;), die in frei gew&auml;hlten Komitees, gemeinsam den Lauf der Dinge er&ouml;rtern und L&ouml;sungen, die sich an den Bed&uuml;rfnissen der Menschen und nicht der Profite orientieren, finden und umsetzen.<\/p>\n<p>  Die Gew&auml;hlten sind der W&auml;hler-Innenschaft jederzeit rechenschaftspflichtig, jederzeit absetzbar und sie genie&szlig;en keinerlei materielle Privilegien. Ihr Einkommen entspricht dem Durchschnittseinkommen. Diese Komitees wird es auf allen Ebenen geben, in den Fabriken, in den Gr&auml;tzln, auf Bezirks-, Stadt- und Landesebene, ja sogar auf Weltebene. Erstmals in der Geschichte der Menschheit hat die Mehrheit die Geschicke der Menschheit tats&auml;chlich in den eigenen H&auml;nden und das gesamte menschliche Potential, seine Kreativit&auml;t, seine Erfahrungen und seine Talente werden in den Entscheidungsprozess miteinbezogen. Das ist Demokratie und die Macht geht erstmals wirklich vom &#8222;Volke&#8220; aus.<\/p>\n<p>  <b>Der Staat stirbt ab<br \/> <\/b> <br \/>  Ist der Ausgangspunkt der &#8222;Sozialistischen Demokratie&#8220; noch die Sicherung der Revolution vor der Konterrevolution, beginnt sie als Staat mit ihrem Erscheinen auch abzusterben. In dem Ma&szlig;e, wie sich die neuen Verh&auml;ltnisse durchsetzen, verschwinden auch die Klassen der alten Gesellschaft. Eine Bourgeoisie, die nichts mehr besitzt und somit auch ihre alte Macht verliert, wird nur mehr physisch in den Menschen, die ihr einmal angeh&ouml;rten, weiter existieren. Diese Menschen sind es auch, die die alten Verh&auml;ltnisse wiederherstellen wollen. Je besser und je l&auml;nger sich die neue Gesellschaft entwickelt, umso weniger werden diese Anstrengungen werden, weil sie keine reale Basis in der Gesellschaft mehr vorfinden. In dem Ma&szlig;e, wie die Bourgeoisie verschwindet, h&ouml;rt auch das Proletariat als ihr historischer Konterpart auf, eine Klasse zu sein. Die Klassen verschwinden also, &uuml;brig bleibt letztlich der freie Mensch. Der Staat ist aber immer Mittel der Klassenherrschaft. Der proletarische Staat ist also Mittel der Herrschaft des Proletariats. Wenn also das Proletariat und mit ihm alle Klassen verschwinden, verschwindet auch der Staat und damit jede Herrschaft des Menschen &uuml;ber den Menschen. Es bleiben nur Aufgaben der Verwaltung und Administration. Wie dieser Weg genau vor sich gehen wird, l&auml;&szlig;t sich nicht vorhersagen, seinen Ausgangspunkt kann man\/frau daf&uuml;r umso genauer definieren. Grundbedingung f&uuml;r den Weg zur klassenlosen Gesellschaft, der freien Assoziation freier Menschen, ist die Eroberung der Macht durch die ArbeiterInnenklasse &#8211; das Proletariat eben. Diese Machteroberung manifestiert sich in der Vergesellschaftung der Produktionsmittel &#8211; das hei&szlig;t, dass der Gesellschaft alles geh&ouml;rt. Dieser Punkt ist schlie&szlig;lich die Grundlage daf&uuml;r, dass alle alles mitbestimmen k&ouml;nnen. Aber das ist noch nicht die L&ouml;sung aller Probleme, es ist erst die Grundlage zu einer L&ouml;sung.<\/p>\n<p>  Das Primat der Politik &uuml;ber die &Ouml;konomie w&auml;re erstmals verwirklicht. Demokratisch aufgebaute Strukturen und moderne Kommunikationstechnologien erm&ouml;glichen es Allen, unabh&auml;ngig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe am Mitbestimmungsproze&szlig; teilzunehmen. Sowohl in der &Ouml;konomie, als auch in allen anderen politischen Feldern gilt: Demokratisches Mitarbeiten statt Repr&auml;sentationsdemokratie. Staatswesen und Milit&auml;r werden ersetzt durch freie Zusammenschl&uuml;sse freier Menschen, Nationen und Staaten verschwinden, die Regierung &uuml;ber Menschen verschwindet, was bleibt ist &#8211; um es mit Marx zu sagen &#8211; die &#8222;Administration von Dingen&#8220;.<\/p>\n<p>  <b>Das Potential einer neuen Gesellschaft<br \/> <\/b> <br \/>  Mehr als hundert Jahre nach dem Tod von Marx und Engels und mehr als zehn Jahre nach dem Niedergang der meisten stalinistischen Diktaturen soll der Versuch einer sozialistischen Perspektive im Hinblick auf den heutigen Stand von Technologie und Wissenschaft versucht werden. Keine Zukunftsvisionen, lediglich das Aufzeigen der M&ouml;glichkeiten, welche selbst die gesellschaftlichen Entwicklungen einer kapitalistischen Gesellschaft uns in einer nicht durch das Kapital diktierten Welt bieten k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>  <b>Technik ist nicht wertfrei!<br \/> <\/b> <br \/>  Sp&auml;testens seit Mitte des 20. Jahrhunderts kann vom technischen Fortschritt nicht mehr gesprochen werden, ohne gleichzeitig die Schattenseiten zu nennen. Industrieller Massenmord der Nazis, Atombombe auf Hiroschima sind nur die krassesten Beispiele der &#8222;dunklen Seite&#8220; der kapitalistischen Entwicklung. Technische Errungenschaften k&ouml;nnen nicht mehr, wie dies viele MarxistInnen in den 20er und 30er Jahren glaubten, einfach in ein sozialistisches System &#8222;&uuml;bernommen&#8220; werden. Die (Profit-)Logik des Kapitalismus hat sich l&auml;ngst in die produzierten Waren eingeschrieben, von der Waffenindustrie bis zu Konsumg&uuml;tern mit &#8222;eingebauten Ablaufdatum&#8220;. Lobbies kaufen Patente auf und verhindern so die Realisierung umweltvertr&auml;glicher Produktionen etc. Andererseits w&uuml;rde schon allein die vern&uuml;nftige Anwendung bereits existierender Technologien ausreichen, um zumindest die Grundbed&uuml;rfnisse aller Menschen zu befriedigen. So k&ouml;nnten selbst nach dem heutigen Stand der Agrarwirtschaft zw&ouml;lf(!) Milliarden Menschen ern&auml;hrt werden (bei sechs Milliarden Weltpopulation), w&auml;hrend allein im Jahr 1998 900(!) Millionen Menschen an Unterern&auml;hrung gestorben oder schwer erkrankt sind. W&uuml;rden anstatt &#8222;shareholder value&#8220; (= Hohe Dividenden f&uuml;r Aktion&auml;re) die Bed&uuml;rfnisse der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Menschen zum Ausgangspunkt globaler &Uuml;berlegungen, so w&auml;re es nach heutigem Forschungsstand m&ouml;glich, die Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energietr&auml;ger wie Wind, Sonne oder Erdw&auml;rme umzustellen. &#8222;Umweltschutz&#8220; w&auml;re nicht blo&szlig;es Anh&auml;ngsel von wirtschaftspolitischen &Uuml;berlegungen, sondern integrales Moment aller gesellschaftlicher Eingriffe in die nat&uuml;rliche Umwelt.<\/p>\n<p>  <b>Bildung und Forschung<br \/> <\/b> <br \/>  Von besonderer Bedeutung wird auch die Umgestaltung des Bildungswesens sein. Nach &Uuml;berwindung der Leistungsgesellschaft kann auch im Ausbildungs- und Erziehungsproze&szlig; das gemeinsame und solidarische L&ouml;sen von Problemen zum zentralen Aspekt von Bildung werden. Nicht &#8222;besser sein als die Anderen&#8220;, sondern gemeinsam mit anderen Menschen Ziele zu verwirklichen. Kreatives Lernen abseits von &#8222;Benotung&#8220; und Frontalunterricht w&auml;ren die zentralen Aspekte einer sozialistischen Bildungspolitik. In einer sozialistischen Demokratie stehen f&uuml;r jeden Menschen die gleichen &#8211; und besten &#8211; Ausbildungsm&ouml;glichkeiten offen. Wie in allen gesellschaftlichen Teilbereichen wird auch das Bildungswesen demokratisch, mittels direkter Teilnahme der betroffenen Menschen, organisiert.<\/p>\n<p>  In der Forschung w&uuml;rden nicht zahllose Energien in die Erfindung von T&ouml;tungstechnologien flie&szlig;en, sondern eben in L&ouml;sungen f&uuml;r wirkliche Menschheitsprobleme. Auch w&uuml;rden WissenschafterInnen in den Zwang von Privatinteressen geraten. Es ist eben absurd, dass etwa in der medizinischen Forschung, der Profit im Vordergrund steht und dadurch WissenschafterInnen nebeneinander her arbeiten, um als erste eine L&ouml;sung f&uuml;r das eine oder andere Problem zu finden. Stattdessen sollten sich die &#8222;Forschungsteams&#8220; austauschen und am selben Strang ziehen. Es spielt dann auch keine Rolle mehr, ob sich jemand diese Forschungsergebnisse (z.B. Medikamente) leisten kann oder nicht. Aidskranke w&uuml;rden unabh&auml;ngig davon, ob sie im reichen Norden oder im armen S&uuml;den leben, Zugang zu den neuesten und besten Therapien haben, weil eben die Bed&uuml;rfnisse der Menschen und nicht der Profit einzelner im Mittelpunkt der Gesellschaft steht.<\/p>\n<p>  Kommunikationstechnologien wie das Internet k&ouml;nnen helfen, Demokratisierung und verbesserte Kommunikation zwischen Menschen &#8211; auch entlegener Weltgegenden &#8211; herzustellen; Informationsbeschaffung, unabh&auml;ngig von der geographischen Position. Weltweite Netze nicht mehr zum Zweck der Verschiebung von Spekulationsgewinnen in Milliardenh&ouml;he oder geheimer milit&auml;rischer Informationen, sondern, um kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zu f&ouml;rdern und das ganz ohne &#8222;Cyber-&#8222;, Computer- und Softwaregiganten wie AOL, IBM oder Microsoft und &#8222;Netzpolizei&#8220;.<\/p>\n<p>  <b>Befreite Arbeit<br \/> <\/b> <br \/>  Die &#8222;Freizeit&#8220; w&uuml;rde in einer sozialistisch organisierten Gesellschaft so nicht mehr existieren. Zur Produktion der &#8211; durch gemeinschaftlichen und demokratischen Plan ermittelten &#8211; notwendigen G&uuml;ter, w&uuml;rde auf die Menschen, welche sich an der Produktion beteiligen wollen, aufgeteilt. Rationalisierungsma&szlig;nahmen w&uuml;rden die notwendige Arbeitszeit verk&uuml;rzen, nicht jedoch wie im Kapitalismus Existenzgrundlagen vernichten. Durch die Aufl&ouml;sung der &#8222;Entfremdung der Arbeit&#8220; verschmelzen &#8222;Freizeit&#8220; und &#8222;Arbeitszeit&#8220; zu vielschichtigen und kreativen T&auml;tigkeiten. Kommunikation zwischen Menschen erreicht wieder den Stellenwert, den ihr als essenzielle Komponente des sozialen Daseins eigentlich zusteht. &#8222;Berufe&#8220; sind keine lebenslangen und geschlechtsspezifischen Zuschreibungen mehr. Gesellschaftlich notwendige, aber &#8222;unangenehme&#8220; Arbeiten werden auf alle erwerbsf&auml;higen Menschen gerecht aufgeteilt werden &#8211; nat&uuml;rlich auch die Hausarbeit, (sofern nicht vergesellschaftet). Auch hier gilt: Keine Befreiung der ArbeiterInnen ohne Frauenbefreiung.<\/p>\n<p>  Dazu pa&szlig;t die oft eingebrachte Floskel, dass niemand arbeiten w&uuml;rde, w&uuml;rde er nicht dazu gezwungen. Dieser ebenso alte wie falsche Einwand der selbstherrlichen VertreterInnen der Bourgeoisie wird uns gerne entgegen geworfen. Wie erkl&auml;ren sich diese weisen (meist) Herren dann, dass es ehrenamtliche T&auml;tigkeiten gibt, die von Abertausenden freiwillig geleistet werden. Arbeit ist eben mehr als nur die fremdbestimmte Verrichtung von T&auml;tigkeiten zum Zwecke der Erreichung eines Einkommens. Arbeit ist die Gestaltung des Lebensumfelds, die Produktion notwendiger G&uuml;ter, allgemein gesprochen ein Beitrag des\/der Einzelnen zur Gesellschaft. Befreite selbstbestimmte Arbeit orientiert sich daran, welche F&auml;higkeiten und Bed&uuml;rfnisse der\/die Einzelne hat, wie er\/sie sich am gesellschaftlichen Proze&szlig; sinnvoll beteiligen kann und will. Was sinnvoll ist, bestimmt jedeR Einzelne selbst mit. Der Mensch definiert sich selbst &uuml;ber seinen Beitrag zur Gesellschaft, der Mensch ist eben nichts ohne die Gesellschaft. JedeR trachtet danach, etwas &#8222;aus seinem Leben zu machen&#8220;. Das ist nicht nur durch &#8222;Geldverdienen&#8220; definiert, sondern auch, ob man\/frau das Gef&uuml;hl hat, etwas sinnvolles beizutragen. Im Kapitalismus ist das nat&uuml;rlich ungemein schwieriger, da wer, was, wie produziert, nicht die Menschen bestimmen, die es dann produzieren. In einer sozialistischen Gesellschaft bestimmen aber die ProduzentInnen auch &uuml;ber die Produktion.<\/p>\n<p>  Und was ist mit Arbeiten, die keiner machen will? Die Antwort ist einfach: Wir werden sie abschaffen. Sinnlose, erniedrigende &#8222;Dienstleistungen&#8220;, kraftraubende, gesundheitsch&auml;dliche, monotone Flie&szlig;bandarbeit aller Art, wird, so sie nicht notwendig ist, abgeschafft. In einer Gesellschaft von Gleichen braucht es keine &#8222;Dienstm&auml;dchen&#8220;, &#8222;Hundstr&uuml;mmerlaufklauber&#8220; oder Kinderarbeit in der 3. Welt. Dazu kommt noch, dass viele k&ouml;rperlich schwere Arbeiten auch heute schon weitgehend von Maschinen &uuml;bernommen werden k&ouml;nnten. Das geschieht aber nicht, weil es im manchen Bereichen immer noch (oder schon wieder) billiger ist, menschliche statt maschinelle Arbeitskraft einzusetzen. Da bleibt doch etwas &uuml;brig? Ja, Kanalr&auml;umen, Reinigungsarbeiten, etc. Und wer soll das machen? Alle! Wie soll das ohne Zwang organisiert werden? Wenn die Gesellschaft befindet, das eine Arbeit notwendig ist, wird sie auch bereit sein, sie zu verrichten. Das Schlimmste an diesen T&auml;tigkeiten ist ja nicht, sie verrichten zu m&uuml;ssen, sondern, sie dauernd und ausschlie&szlig;lich zum Wohl anderer, die sich von diesen T&auml;tigkeiten befreien k&ouml;nnen, verrichten zu m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>  <b>Reproduktionsarbeit und die Befreiung der Frau<br \/> <\/b> <br \/>  Einen zentralen Punkt in der Befreiung der Menschheit, stellt sicherlich eine v&ouml;llige Reorganisation der Reproduktionsarbeit (wie Hausarbeit, Kindererziehung etc.) dar. Der Kapitalismus bedient sich hier gewachsener Strukturen, die mit den Klassengesellschaften vor ihm entstanden sind und entwickelt wurden. Diese Struktur bedeutet die Ausbeutung der Frau, diese sich in der Familie als soziales Konstrukt des Kapitalismus manifestiert.<\/p>\n<p>  Mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel alleine ist die Befreiung der Frau von der Reproduktionsarbeit noch nicht erreicht. F&uuml;r &#8222;den Mann&#8220; wird es auch nach einer &#8222;sozialistischen&#8220; Revolution &#8222;angenehmer&#8220; sein, das Essen serviert zu bekommen und sich nicht um Hausarbeit k&uuml;mmern zu m&uuml;ssen. Die klassische sozialistische Argumentation ist die von der Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit. Das hei&szlig;t, die Erziehung der Kinder, das Kochen, das W&auml;schewaschen, etc. wird gemeinschaftlich organisiert: in Kinderg&auml;rten, in Schulen, in Volksk&uuml;chen, in W&auml;schereien etc.. Diese Arbeiten werden aus der Familie herausgenommen, wie &uuml;berhaupt bis zu einem gewissen Grad die Familie als Versorgungsinstitution &uuml;berfl&uuml;ssig wird. Menschen w&uuml;rden dann endlich aus freien St&uuml;cken in selbst gew&auml;hlten Lebensformen zusammenleben und nicht um ihre Versorgung sicherzustellen.<\/p>\n<p>  Der Fortschritt einer neuen Gesellschaft wird sich letztlich auch daran messen m&uuml;ssen, wie weit sie in der Frage der Emanzipation der Frau geht. Ob sie es eben schafft, die notwendige Reproduktionsarbeit, tats&auml;chlich auf die gesamte Gesellschaft, also auch auf die M&auml;nner zu verteilen. Ans&auml;tze dazu sind sicherlich Rotationsprinzipe, &#8222;soziale Monate&#8220;, die regelm&auml;&szlig;ig wiederkehren und so weiter und so fort. Um die alte Gesellschaft aus den K&ouml;pfen zu bringen, werden hier sicher viele neue Methoden und Wege n&ouml;tig sein. Und diese Wege beginnen nicht erst mit der Revolution und bis dahin, bleibt alles wie es ist. Ganz im Gegenteil, diesen Fragen muss bereits heute und jetzt in der sozialistischen Bewegung ein zentraler Stellenwert einger&auml;umt werden. Dazu geh&ouml;ren die Selbstorganisierung von Frauen ebenso, wie der Kampf gegen patriachale Weltbilder in M&auml;nnerk&ouml;pfen &#8211; auch innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Denn eines ist klar, je st&auml;rker das Bewu&szlig;tsein in dieser Frage bereits entwickelt ist, desto besser wird sich eine neue Gesellschaft in diesen Fragen entwickeln k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>  <b>Sozialismus f&auml;llt nicht vom Himmel<br \/> <\/b> <br \/>  Nat&uuml;rlich ist nicht sicher vorhersehbar, wohin und wie sich eine klassenlose Gesellschaft entwickelt. Gesellschaftliche Ver&auml;nderungen sind komplexe Prozesse, und auch mit Beseitigung der kapitalistischen (Un-) Ordnung sind nat&uuml;rlich l&auml;ngst nicht alle Probleme gel&ouml;st. Die Perspektive einer klassenlosen Gesellschaft, die nicht den einheitlichen Menschen schafft, sondern lediglich einheitliche Ausgangsbedingungen zur vielf&auml;ltigen Entwicklung aller Menschen, erfordert gerade jetzt, in Zeiten einer ideologischen Offensive des Kapitals, organisierten Widerstand. Wir m&uuml;ssen schon jetzt die Widerspr&uuml;chlichkeiten des kapitalistischen Systems aufzeigen und angreifen. Die Vertr&ouml;stung auf sp&auml;ter bringt uns einer sozialistischen Gesellschaft keinen Schritt n&auml;her. Schon jetzt m&uuml;ssen wir Probleme, wie die Diskriminierung der Frau, Rassismus, Umweltverschmutzung, soziales Elend, Hunger, um nur einige wenige zu nennen, aufgreifen und versuchen, zu l&ouml;sen. Dass diese L&ouml;sungen im Kapitalismus selbst keine dauerhaften sind, darf uns nicht vom K&auml;mpfen abhalten.<\/p>\n<p>  <b>Die Geschichte ist nicht zu Ende!<br \/> <\/b> <br \/>  Der Kampf um den Sozialismus ist ein integraler Kampf, ein Kampf um Gleichberechtigung der Frau, um saubere Umwelt, ein Kampf gegen den Hunger und gegen den Krieg. Letztlich aber ein Kampf um die Macht &#8211; Macht f&uuml;r die Mehrheit, ihr Schicksal in die eigenen H&auml;nde nehmen zu k&ouml;nnen. Wann mu&szlig; der Kampf gef&uuml;hrt werden, wenn nicht jetzt? Die Geschichte ist nicht zu Ende, wie uns das manche postmodernen Philosophen weis machen wollen, im Gegenteil: Die Geschichte hat noch gar nicht begonnen. Denn, frei nach Friedrich Engels, erst in einer klassenlosen Gesellschaft beginnt die Geschichte der Menschheit und ist ihre Vorgeschichte zu Ende!<\/p>\n<p>  Wir m&uuml;ssen jetzt unsere Energien darauf verwenden, eine Welt vorzubereiten, die eine Welt der freien Menschen sein wird. Viele Schritte sind noch zu tun. Es gilt von neuem, eine einheitliche revolution&auml;re Bewegung zur &Uuml;berwindung des kapitalistischen Systems aufzubauen. Die SOV sieht sich selbst als Teil dieses Projekts. Es liegt in unserer Hand, die Wahl, vor die uns Rosa Luxemburg schon vor mehr als 80 Jahren stellte, richtig zu entscheiden: &#8222;Sozialismus oder Barbarei!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Martin Birkner und Harald Mahrer<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,92],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10404"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10404"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10404\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}