{"id":10382,"date":"2003-02-27T14:37:06","date_gmt":"2003-02-27T14:37:06","guid":{"rendered":".\/?p=10382"},"modified":"2003-02-27T14:37:06","modified_gmt":"2003-02-27T14:37:06","slug":"10382","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/02\/10382\/","title":{"rendered":"Folter &#8211; &#x84;menschlich verst&auml;ndlich&#x93;?!"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Vor zwei Wochen wurde ein brisantes Polizeidokument der Presse zugespielt. Belegt es doch schwarz auf wei&szlig;, dass der Polizeivizepr&auml;sident von Frankfurt einem des Mordes Verd&auml;chtigen mit Folter drohte.<\/font><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\"  style=\"margin-bottom: 0cm; font-style: italic;\"><font size=\"3\">von Torsten Sting, Rostock<\/font><\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Bisher schien es so, dass Folter kein Thema f&uuml;r das &#x84;zivilisierte&#x93; Deutschland sei. Vom Grundgesetz her verboten, war es jahrzehntelang ein Tabuthema. Die Folter schien weit weg. Staaten wie die T&uuml;rkei oder offene Diktaturen ja, aber bei &#x84;uns&#x93;? <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\">  <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Humanit&auml;re Gesinnung?<\/font><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Im konkreten Fall ging es um die Entf&uuml;hrung eines Bankiersohnes im vergangenen Herbst. Der Entf&uuml;hrer wollte Millionen erpressen und wurde von der Polizei gefasst. Das Kind blieb aber verschwunden. Zurecht bestand die Annahme, es gehe um Leben und Tod. Der T&auml;ter machte jedoch keine Angaben zum Verbleib des Jungen. In dieser Situation, so der Polizeibeamte, h&auml;tte er sich entscheiden m&uuml;ssen. Zwischen dem Leben des Kindes und den Rechten des Verd&auml;chtigen auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit. Er veranlasste, dass dem Tatverd&auml;chtigen bei weiterem Schweigen &#x84;Schmerzen&#x93; zuzuf&uuml;gen seien. Es sollte das Handgelenk verdreht und schmerzempfindliche Bereiche der Ohren bearbeitet werden. Ein Polizist, der das ganze ausf&uuml;hren sollte, &#8211; ein Experte? &#8211; wurde extra aus dem Urlaub eingeflogen. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Dass es nicht dazu kam, war einzig dem Umstand geschuldet, dass der Verd&auml;chtige nach der Folger-Androhung die Tat gestand. Nach der Ver&ouml;ffentlichung der Polizeiunterlagen ist nun eine &ouml;ffentliche Debatte entstanden. Von Bedeutung ist, dass der Aufschrei der Emp&ouml;rung unter f&uuml;hrenden Repr&auml;sentanten des &#x84;demokratischen Staates&#x93; sich merklich in Grenzen hielt. Vertreter von Anw&auml;lten und Richterverb&auml;nden nahmen den selbsternannten humanit&auml;ren Gesinnungst&auml;ter in Schutz. Es gebe, so der Tenor, nun mal Grenzf&auml;lle, wo man &#x96; als strikte Ausnahme &#x96; eben so handeln m&uuml;sse, um Leben zu sch&uuml;tzen. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\">  <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Gesellschaftliche Bedeutung des Einzelfalls<\/font><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Es ist die eine Sache, wenn KollegInnen im Betrieb hartes Vorgehen gegen Verbrecher fordern. Nachvollziehbar ist Angst und Emp&ouml;rung welche viele Menschen aus der ArbeiterInnenklasse empfinden wenn es um M&ouml;rder, Vergewaltiger oder Kindersch&auml;nder geht. Das andere ist jedoch, wie Medien, ranghohe Politiker, und andere Vertreter des Staates mit diesen Gef&uuml;hlen umgehen. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Wenn ein eiskalter Erzkonservativer wie Roland Koch davon spricht, dass die Foltervorhaben des Polizeivizepr&auml;sidenten &#x84;menschlich nachvollziehbar&#x93; waren, dann m&uuml;ssen die Alarmglocken ert&ouml;nen. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Jemand der wie kein zweiter f&uuml;r massenhaftes Abschieben von Fl&uuml;chtlingen einsteht und zu allen sozialen Grausamkeiten bereit ist, der verfolgt ganz andere Dinge als das Wohl der Bev&ouml;lkerung. Es ist ein g&auml;ngiger Trick von Leuten wie Koch solch zugespitzten Ereignisse zu nutzen um weitergehende Ziele zu verfolgen. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Niemand wolle die Folter generell wieder einf&uuml;hren, Ausnahmen m&uuml;ssten aber erlaubt sein, so kann man die Aussagen der verschiedenen Protagonisten zusammenfassen. Sie wissen genau, dass sie scheitern w&uuml;rden, wenn sie die generelle Einf&uuml;hrung forderten. Also m&uuml;ssen &#x96; nat&uuml;rlich sehr schreckliche &#x96; aber dennoch Einzelf&auml;lle herhalten um diesen Vorsto&szlig; zu legitimieren. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Schauen wir uns die Vorgehensweise in der Vergangenheit an. Im Zuge von Ma&szlig;nahmen gegen Fu&szlig;ballhooligans nach Ausschreitungen bei der Europameisterschaft 1998 wurden Gesetze versch&auml;rft, die im konkreten Fall die Ausreise von Bundesb&uuml;rgern quasi pr&auml;ventiv unterbinden konnten. Diese Regelung wurden dann aber nat&uuml;rlich nicht nur auf diesen Personenkreis angewendet. Hauptleidtragende waren linke GlobalisierungsgegnerInnen,  welche bei den Protesten gegen die Meetings der M&auml;chtigen  an der Grenze dingfest gemacht wurden. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\">  <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Polarisierung und Klassenstaat<\/font><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Es ist kein Zufall, dass mit der Folter (die von Koch und anderen nat&uuml;rlich nicht als solche bezeichnet wird) zum jetzigen Zeitpunkt ein weiteres Tabuthema geschliffen wird. Dieser Einzelfall wird von bestimmten Vertretern der herrschenden Klasse bewusst daf&uuml;r genutzt, um auch diese Festung sturmreif zu schie&szlig;en. Unz&auml;hlige demokratische Rechte wurden bereits abgeschafft oder stark eingeschr&auml;nkt. Sei es das Asylrecht, die &Uuml;berwachungsm&ouml;glichkeiten durch den gro&szlig;en Lauschangriff, Rasterfahndung, weitergehende Befugnisse f&uuml;r Polizei und Geheimdienste, die Liste lie&szlig;e sich erheblich erweitern. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Aber warum das Ganze? In den vergangenen Jahren haben sich die Gegens&auml;tze zwischen den Klassen in allen L&auml;ndern enorm zugespitzt. Unversch&auml;mter Reichtum auf der einen und immer krassere Angriffe auf Sozialsysteme und zunehmende Armut auf der anderen Seite. Immer gr&ouml;&szlig;ere Teile der arbeitenden und arbeitslosen Bev&ouml;lkerung sind aber nicht mehr bereit, dies alles hin zunehmen. Die Bewegung gegen kapitalistische Globalisierung und die Massendemonstrationen gegen den Irakkrieg bringen dies deutlich zum Ausdruck. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Die relative soziale und politische Stabilit&auml;t der ersten Nachkriegsjahrzehnte ist dahin. Die Kapitalisten und ihre Helfershelfer wie Politiker; Polizei, Armee reagieren darauf in dem sie gegen ihre Feinde im Inneren wie im &Auml;u&szlig;eren sch&auml;rfer vorgehen. Jede Gesetzesversch&auml;rfung egal wie sie begr&uuml;ndet wird, dient deshalb dem Ziel zunehmende Protest und Streikbewegungen besser zerschlagen zu k&ouml;nnen. <\/font> <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Italien ist da ein warnendes Beispiel. Bei den Prosten in Genua im Sommer 2001 wurde erstmals seit langer Zeit wieder ein Demonstrant erschossen. Die anschlie&szlig;ende Verhaftungswelle und die Ausma&szlig;e der Repression wurden selbst von b&uuml;rgerlichen Medien in Anspielung auf das Pinochet-Regime als &#x84;Chilenische Nacht&#x93; bezeichnet. Die kleine, aber herrschende Minderheit bereitet sich darauf vor, in Zukunft auch mit h&auml;rteren Mitteln die gro&szlig;e, beherrschte Mehrheit unter Kontrolle zu halten.<\/font><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\">  <\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Demokratische Rechte verteidigen<\/font><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Es ist eine grundlegende Aufgabe von SozialistInnen gegen die Attacken der Herrschenden auf die demokratischen  Rechte der Arbeiterklasse energischen Widerstand zu leisten. Gesteigerte Repression erschwert den Kampf gegen Verschlechterungen weil die staatliche Seite aufger&uuml;stet und ArbeitnehmerInnen und Arbeitslose eingesch&uuml;chtert werden. Konkret wird so das Kr&auml;fteverh&auml;ltnis zu Gunsten der herrschenden Klasse verschoben. Bei diesem Kampf muss der Zusammenhang mit dem Kampf gegen Sozialabbau, Krieg usw. dargelegt werden, um so die Masse der Arbeiterklasse mobilisieren zu k&ouml;nnen. Letztlich muss aber eines klar sein. Solange ein System existiert welches auf Ausbeutung und der Herrschaft einer Minderheit &uuml;ber eine Mehrheit basiert, sind s&auml;mtliche Errungenschaften immer wieder in Gefahr. Deshalb ist der Kampf f&uuml;r eine umfassende, sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft bitter n&ouml;tig.<\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"margin-bottom: 0cm;\"><font size=\"3\">Vor zwei Wochen wurde ein brisantes Polizeidokument der Presse zugespielt. 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