{"id":10372,"date":"2003-02-25T08:35:12","date_gmt":"2003-02-25T08:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10372"},"modified":"2012-06-04T12:11:37","modified_gmt":"2012-06-04T10:11:37","slug":"10372","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/02\/10372\/","title":{"rendered":"Von dieser Welt?"},"content":{"rendered":"<p>Die 53. Berliner Filmfestspiele<\/p>\n<p>von Aron Amm<br \/> Berlin, den 24. Februar 2003<!--more--> <br \/>Die 53. Internationalen Filmfestspiele Berlin waren ein Grenzgang. Zu den zentralen Motiven geh\u00f6rten Krieg, Flucht und Existenzangst. In mehreren Wettbewerbsbeitr\u00e4gen wie bei \u201eIn This World\u201c, \u201eLichter\u201c und \u201eErsatzteile\u201c wurden die Schicksale von MigrantInnen beobachtet.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Allerdings kam es zu Grenz\u00fcberschreitungen nicht nur auf der Leinwand, sondern auch in der Wahl der Themen und in der Form des Erz\u00e4hlens. Dominierten im Kino der neunziger Jahre Klischees, Kommerz und Konventionen, herrschte im vergangenen Jahrzehnt, einem Jahrzehnt gesellschaftlicher und kultureller Reaktion, auch im Filmgeschehen der R\u00fcckzug ins Private vor, so wird heute vorsichtig und vereinzelt noch, aber schon politischer und experimentierfreudiger, Neuland abgetastet. Dem Filmemacher Michael Winterbottom, der f\u00fcr &#8222;In This World&#8220; den Goldenen B\u00e4ren erhielt, war es m\u00f6glich, mit Hilfe einer Digitalkamera und einer nur zehnk\u00f6pfigen Crew zwei Laiendarsteller in pakistanische Fl\u00fcchtlingslager, zu iranischen Grenzstationen und in Containerschiffe zu begleiten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Berlinale war auch Zeuge von Grenz\u00fcberschreitungen ganz anderer Art. Nicht nur soziale Krise und beginnende gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen wurden wahrgenommen, sondern auch Fragen \u00fcber Funktion und Verst\u00e4ndnis des K\u00fcnstlers am Anfang des 21. Jahrhunderts aufgeworfen. Pr\u00e4gten im vergangenen Jahrzehnt Eitelkeiten und Narzissmus die Szene, so wird diese Nabelschau und Sebstbeweihr\u00e4ucherung ganz allm\u00e4hlich von einer kritischeren Selbstreflexion abgel\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Wenn Kunst und Filmkunst von bleibendem Wert sein soll, dann muss es mit realen Geschehnissen oder aber realen gesellschaftlichen oder zwischenmenschlichen Konflikten in all ihren Widerspr\u00fcchen und Wechselbeziehungen ber\u00fchren und bewegen, auf eine Art und Weise, dass es in einem g\u00e4rt und brodelt und arbeitet. Nur wenige Beitr\u00e4ge auf dieser Berlinale kamen an diesen Anspruch heran. Der Erw\u00e4hnung wert waren die Wettbewerbsfilme &#8222;Lichter&#8220;, &#8222;Blinder Schacht&#8220; und der von Pedro Almodovar mitproduzierte &#8222;My Life Without Me&#8220;, mit der wunderbaren Sarah Polley, einer der beeindruckendsten Nachwuchsschauspielerinnen. Heraus ragte auch Spike Lees &#8222;25th Hour&#8220;, der jedoch inhaltlich nicht \u00fcberzeugte, vielmehr sehr gemischte Gef\u00fchle hinterlie\u00df, irritierte und verst\u00f6rte, in jedem Fall aber Atmosph\u00e4re hatte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Dazu kommen einige Streifen, die nicht im Wettbewerb, sondern nur im Panorama oder im Forum zu sehen waren, denen auch ein deutscher Verleih und ein gr\u00f6\u00dferes Publikum zu w\u00fcnschen sind: Filme wie &#8222;Edi&#8220;, &#8222;The Event&#8220; oder der von Wim Wenders gef\u00f6rderte &#8222;Three Days Of Rain&#8220;, der in einer Sondervorf\u00fchrung gezeigt wurde.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Entt\u00e4uschend hingegen waren die mit Spannung erwarteten neuen Werke von Martin Scorsese (&#8222;Gangs Of New York&#8220;), Zhang Yimou (&#8222;Hero&#8220;), Spike Jonze (&#8222;Adaptation&#8220;) und Thomas Vinterberg, der &#8222;Das Fest&#8220; drehte, und auf der Berlinale mit &#8222;It`s All About Love&#8220; vertreten war.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">Ablehnung des drohenden Irak-Krieges<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Preisverleihung der diesj\u00e4hrigen Berlinale fiel auf den 15. Februar. Die Stunde der Preisvergabe fiel auf den fr\u00fchen Samstagnachmittag \u2013 und dadurch mit der gr\u00f6\u00dften politischen Demonstration in der Geschichte der BRD zusammen. W\u00e4hrend der Menschenstrom von Hunderttausenden, die zum Gro\u00dfen Stern zogen, nicht abrei\u00dfen wollte, \u00fcbergab die Festival-Jury unter dem Vorsitz des Regisseurs Atom Egoyan den Preis f\u00fcr den besten Film am Potsdamer Platz, nur einen Katzensprung entfernt von der Siegess\u00e4ule, an das authentische Fl\u00fcchtlingsdrama \u201eIn This World\u201c. Diese Entscheidung war fraglos eine politische, eine gegen die Achse der Kriegstreiber gerichtete Manifestation des Filmfestes. Ein Wochenende zuvor war in einer Sonderveranstaltung unter dem Titel &#8222;Die humanit\u00e4re Katastrophe eines neuen Golfkriegs&#8220; bereits der Film \u201eDie Kinder von Bagdad\u201c von Uwe Sauermann gezeigt worden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Mag die Antikriegshaltung bei vielen Filmleuten blo\u00df eine Modeerscheinung sein und politisch nicht sehr weit gehen, bringt die Rede des Filmschauspielers Dustin Hoffman bei der Gala \u201eCinema for Peace\u201c am Gendarmenmarkt gegen den drohenden Irak-Krieg dennoch ein tiefer gehendes Misstrauen gegen Bush und das Establishment zum Ausdruck: \u201eIch glaube, dass es seit dem 11. September leider zu einer Manipulation durch die Medien, die in meinem Land den gro\u00dfen Unternehmen geh\u00f6ren, und durch die Regierung gekommen ist, die das Leid jenes Tages f\u00fcr ihre politischen Ziele instrumentalisieren. Der Vietnam-Krieg begann mit einer L\u00fcge: Ausl\u00f6ser war der angebliche Angriff der Nordvietnamesen auf ein Kriegsschiff von uns, das in der Bucht von Tonkin stationiert war. Doch den gab es nie, es war eine L\u00fcge, eine Propagandafabrikation, um mit dem furchtbaren Krieg anzufangen. M\u00f6glicherweise wiederholt sich die Geschichte nun.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Ich frage meine Regierung, die Saddam den gro\u00dfen B\u00f6sen nennt, der er wohl ist: Warum dann haben wir diesem Mann, als wir ihn in der Auseinandersetzung mit dem Iran gut gebrauchen konnten, warum haben wir ihm in dem selben Jahr, in dem er befahl 100.000 Kurden zu t\u00f6ten, f\u00fcnf Millionen Dollar gegeben? Und warum haben wir das im folgenden Jahr auf eine Milliarde erh\u00f6ht?\u201c<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Dustin Hoffman l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass er in die Herrschenden wenig Vertrauen hat. Vielmehr baut er auf eine Massenbewegung von unten, die in seinen Augen sogar in den entlegendsten Gebieten der Vereinigten Staaten im Entstehen ist: \u201eWas k\u00f6nnen wir tun? In meiner Heimat haben wir in den sechziger Jahren einen Pr\u00e4sidenten zum R\u00fccktritt gezwungen.\u201c<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">&#8222;Willkommen in der Wirklichkeit&#8220;!?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Von der politischen und k\u00fcnstlerischen Rebellion und Aufbruchstimmung der sechziger und siebziger Jahre sind die meisten Filmschaffenden heute noch weit entfernt. Damals waren Studierendenrevolten und Massenstreiks, Befreiungsbewegungen in der Kolonialen Welt und Aufst\u00e4nde im Stalinismus begleitet von neuen Ideen und neuen Erz\u00e4hltechniken in der Filmkunst. Angefangen mit der Nouvelle Vague in Frankreich und dem konsequenten Einsatz der Handkamera \u00fcber das Autorenkino (ob Pier Paolo Pasolini, John Cassavetes oder Rainer Werner Fassbinder), \u00fcber die Dokumentation von Klassenk\u00e4mpfen (zum Beispiel Chris Markers &#8222;Rot ist die blaue Luft&#8220;, 1977) und den sozialkritischen Arbeiten von Ken Loach, Susumu Hani und Nagisa Oshima bis zum politischen Film mit dem Engagement gegen den Abbau demokratischer Rechte (&#8222;Der Dialog&#8220;, 1973, &#8222;All The Presidents Men&#8220;, 1976), der Bewegung gegen den Vietnamkrieg (&#8222;M.A.S.H.&#8220;, 1970, &#8222;Apocalypse Now&#8220;, 1976-79), dem Kampf gegen Atomkraft (&#8222;Das China Syndrom&#8220;, 1978) und der Darstellung von Rebellionen und Revolutionen (&#8222;Z&#8220;, 1968, &#8222;Der Mann aus Marmor&#8220;, 1976, und &#8222;Der Mann aus Eisen&#8220;, 1980).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Das Gros der Filmleute lebt im Jahr 2003 nicht \u201ein this world\u201c, sondern noch in ihrer eigenen Welt. Die kleinb\u00fcrgerliche Herkunft der meisten K\u00fcnstler l\u00e4sst die zunehmenden Klassenkonflikte und Spannungen in der Gesellschaft mehr erahnen als erfassen, mehr sp\u00fcren als begreifen. Ein erster Hoffnungsschimmer ist immerhin die Infragestellung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse, das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass wir keineswegs in der besten aller Welten leben.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">In Hans Christian Schmids &#8222;Lichter&#8220; f\u00e4llt an einer Stelle der Satz: &#8222;Willkommen in der Wirklichkeit!&#8220; Das Leitmotiv dieses Filmfestivals? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung \u00fcberschrieb ihre Bilanz der Berlinale mit den Worten \u201eNichts als das Leben\u201c. Im Tagesspiegel kommentierte Jan Schulz-Ojala: \u201eDiese 53. Berlinale wird, gro\u00dfes Wort, in die Geschichte nicht nur dieses Festivals, sondern der Kulturwahrnehmung \u00fcberhaupt eingehen &#8211; gerade weil sie ebenso bescheiden wie aufmerksam war f\u00fcr die wichtigeren Dinge dieser Welt. Die Macher stellten ein Programm zusammen, das die Wirklichkeit ausdr\u00fccklich einlud.\u201c<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">&#8222;In This World&#8220;: \u00dcber-Leben<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Michael Winterbottoms preisgekr\u00f6ntes &#8222;In This World&#8220;, eine britische Filmproduktion, erinnert am Beginn des Films im Off-Kommentar an die 7,9 Milliarden US-Dollar, die im Afghanistan-Krieg verpulvert wurden. Nur ein Zehntel davon steht an Aufbauhilfe zur Verf\u00fcgung \u2013 fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr Kabul bestimmt, das wie ein potemkinsches Dorf ausgeschm\u00fcckt wird als Schaufenster f\u00fcr den Westen, w\u00e4hrend der Rest des Landes erneut im B\u00fcrgerkrieg zwischen den Warlords versinkt. Der Zuschauer begleitet zwei Cousins vom Fl\u00fcchtlingslager im pakistanischen Peshawar \u00fcber Teheran, Triest und Calais bis nach London. Mit der Parkinson-Kamera von Staubpiste \u00fcber Asphaltstra\u00dfe und Gro\u00dfstadtmoloch bis ins Containerloch unter dem Ozean. Der iranische Grenzposten wird erst im zweiten Anauf \u00fcberwunden, mit einem Walkman als Bestechungsmittel. Mit minimalistischen Mitteln wird ein minimalistisches Leben gezeigt. Bei einem kleinen Zwischenstopp, der die beiden w\u00e4hrend der Strapazen kurz verschnaufen l\u00e4sst, erz\u00e4hlt der j\u00fcngere Cousin dem \u00e4lteren, wie die Musik wohl in die Welt gekommen sein mag: In seinen Augen muss sie entstanden sein aus dem Geschirrklirren streitender Eltern. Nicht beide werden London erreichen. Einer von ihnen wird bei der Ankunft nicht mehr &#8222;in dieser Welt&#8220; sein, wie der \u00dcberlebende dem Onkel im fernen Pakistan am Ende der Reise telefonisch \u00fcbermittelt. Die Sequenz des Sterbens &#8211; &#8222;ein visuelles Echo auf den Horror jener Meldung aus dem Juni 2000, dass 58 chinesische Einwanderer in einem Container erstickt seien. Da sitzen die zwei Protagonisten und vierzig andere Fl\u00fcchtlinge in v\u00f6lliger Finsternis, aus der eine verd\u00e4mmernde Taschenlampe Silhouetten aus Panik und Agonie schneidet, und man h\u00f6rt mehr, als das man es sehen w\u00fcrde, wie die Luft langsam knapp wird, wie im Bauch eines Schiffes verzweifelt an die Containerw\u00e4nde getrommelt wird, wie einer nach dem anderen erstickt \u2013 eine Szene, die sich so oder \u00e4hnlich auch in Hans Christian Schmids Film &#8222;Lichter&#8220; und Damjan Kozoles &#8222;Ersatzteile&#8220; wiederfand, aber nirgendwo so eindr\u00fccklich wie bei Winterbottom, der die Klaustrophobie in den dunklen Kinosaal hineinverl\u00e4ngert und auch die Zuschauer in diesen Alptraum einer Welt ohne Mitleid taucht&#8220; (Michael Althen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17. Februar 2003).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;In This World&#8220; schwankt zwischen Dokumentation und Fiktion, kann sich letztendlich jedoch nicht entscheiden. Vielleicht ist das ein Grund daf\u00fcr, dass den Figuren so wenig Leben eingehaucht wird. Schon in Michael Winterbottoms vorherigen Berlinale-Beitrag &#8222;The Claim&#8220; bleiben die Geschichten bei aller akribisch nachgestellter Geschichte (Einwandererschicksale aus Osteuropa im Nordamerika des 19. Jahrhunderts) erschreckend blass. Im Vergleich zu Filmen wie &#8222;Kandahar&#8220; von Mohsen Makhmalbaf oder &#8222;Zeit der trunkenen Pferde&#8220;, dem grandiosen Deb\u00fct von Bahman Ghobadi, bleibt &#8222;In This World&#8220; gegen\u00fcber den handelnden Personen und dem Geschehen auf Distanz, l\u00e4sst einen nicht wirklich mitf\u00fchlen, mitleiden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">&#8222;Lichter&#8220;, &#8222;Blinder Schacht&#8220;: Lichtblicke<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Immer wieder war auf den Pressekonferenzen und in den Publikumsgespr\u00e4chen zu h\u00f6ren, dass der gerade besprochene Film zeitlos w\u00e4re. Der Regisseur Gilles MacKinnon von dem Panorama-Streifen &#8222;Pure&#8220; verstieg sich sogar darauf, dass sein Film, in dem eine heroinabh\u00e4ngige alleinerziehende Mutter in einem Ost-Londoner Arbeiterstadtteil gegen die Sucht, gegen die Dealer und f\u00fcr das Sorgerecht ihrer Kinder streitet, zu jeder Zeit und in jedem Teil der Welt spielen k\u00f6nnte und sich auf den zeitlosen Konflikt von Mutter und Sohn reduzieren lie\u00dfe. Mit &#8222;Lichter&#8220;, einem der drei deutschen Beitr\u00e4ge im Wettbewerb, hat Hans Christian Schmid demgegen\u00fcber einen Film im Berlinale-Wettbewerb pr\u00e4sentiert, der eine Geschichte erz\u00e4hlt, die so vor zehn, f\u00fcnfzehn Jahren nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Endlich einmal Kino von Filmleuten, die die \u2013 realen &#8211; dramatischen Entwicklungen und Ereignisse um sie herum wahrnehmen, einfach draufhalten und dabei fast nebenbei noch eine spannende Geschichte, nein, gleich ein halbes Dutzend spannender Geschichten erz\u00e4hlen: An der deutsch-polnischen Grenze, \u00fcber einen Ort, in dem die Menschen getrennt werden von einem Fluss, von der Oder, die nicht nur das deutsche Frankfurt vom polnischen Slubice trennt, sondern ganze Welten \u2013 und auch wieder nicht, wie der Film zeigt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Da sind Kolja, Anna und Dimitri, drei Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine, die mit allen Mitteln und v\u00f6llig mittellos nach Westen, nach Berlin wollen. Da ist Antoni, ein polnischer Taxifahrer, der dringend ein Kommunionskleid f\u00fcr seine Tochter braucht. Da ist der Zigarettenschmuggler Andreas. Da ist Ingo, der P\u00e4chter eines Matratzen-Discounts, der ohne jede Perspektive verzweifelt versucht, seine Selbstst\u00e4ndigkeit zu erhalten. Da ist eine polnische Dolmnetscherin, die sich zur Prostitution gezwungen sieht, und da sind ein korrupter und chauvinistischer B\u00fcrgermeister und ein ebenso korrupter und chauvinistischer Unternehmer. Das Ganze spielt, abgesehen von einem kurzen Abstecher zum Potsdamer Platz, nur im Grenzgebiet, nur innerhalb von 48 Stunden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Auf der Pressekonferenz zu &#8222;Lichter&#8220; bei den Filmfestspielen wird Schmid, der auch &#8222;23&#8220; (1998) und &#8222;Crazy&#8220; (2000) machte, in der ersten Wortmeldung mit der Frage konfrontiert, ob sein Film nicht zu realistisch sei. Ein Kompliment. Schmid kontert den Vorwurf des Pessimismus, in dem er die einfache Wahrheit ausspricht, dass die geschilderten Schicksale nicht gerade allzuviel Heiterkeit und Unbeschwertheit zulassen. Befragt nach seinem Menschenbild entgegnet Schmid, dass in seinen Augen jeder Mensch verschiedene Eigenschaften, positive und negative, besitzt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;Lichter&#8220; beleuchtet Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland und Zukunftssorgen in Osteuropa ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des Stalinismus. Die Geschichte ist ganz auf Slubice und Frankfurt an der Oder zugeschnitten und gerade deshalb in gewisser Weise allgemeing\u00fcltig &#8211; \u00fcbertragbar zum Beispiel auf den US-amerikanischen und mexikanischen Grenzstreifen. Deutsche, polnische und russische SchauspielerInnen, ein polnischer Kameramann, Bogumil Godfrejow, und die Setsprache Englisch tun ein \u00fcbriges dazu.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;Lichter&#8220; ist gut und solide, aber auch nur so gut und solide, wie ein besseres ZDF-Fernsehspiel, welches Schmids Film im \u00fcbrigen mitfinanziert hat. Auch in &#8222;Lichter&#8220; heulen irgendwann die anscheinend obligatorischen Violinen auf, wie sie in den Vorabend-Programmen jaulen, werden die Charaktere der Protagonisten nicht gen\u00fcgend entwickelt, so dass einige von ihnen am Schluss doch stereotyp bleiben &#8211; allerdings nicht alle. Ganz oben an Devid Striesow als Matratzen-Discount-P\u00e4chter, der jegliche Kunstwelt vergessen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">F\u00fcr den chinesischen Film &#8222;Blinder Schacht&#8220; trotzte der Regisseur Li Yang der Zensur, nahm die DV-Kamera in Bergwerke in der Mongolei mit und h\u00e4lt nach Fertigstellung der Produktion die genauen Drehorte bei der Vorstellung seines Films im Ausland geheim, um die dort arbeitenden Menschen zu sch\u00fctzen. Li Yang erz\u00e4hlt eine wahre Geschichte \u2013 von Song und Tang, zwei armen Minenarbeitern, die einen Kumpel umbringen, ein Grubenungl\u00fcck fingieren, den Toten als Verwandten ausgeben und die Abfindung einstecken. &#8222;Wie kann ich Mitleid haben, wenn keiner mit mir Mitleid hat?&#8220;, fragt Song \u2013 und wird doch schwach beim n\u00e4chsten Opfer, einem naiven Bauernjungen, der letztendlich \u00fcberlebt und selber die Abfindung kassieren darf, weil Song und Tang sich schlie\u00dflich gegenseitig &#8222;eine Grube bauen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Dieser Film, der nebenbei sicherlich die sch\u00f6nste Karaoke-Szene seit Jahren enth\u00e4lt (in der \u00fcber stalinistischen Pseudo-Sozialismus und kapitalistisches Unrecht gespottet wird), erinnert an die 8.000 Bergleute, die heute j\u00e4hrlich in den privatisierten Zechen Chinas ums Leben kommen. Die Dunkelziffer liegt noch viel h\u00f6her. Ein kraftvolles St\u00fcck Kino, das sich um seine Form nicht schert, nur Inhalt hat, und gerade deshalb durch seinen ehrlichen, unverk\u00fcnstelten Realismus beeindruckt, und vielleicht deshalb wiederum auch k\u00fcnstlerisch stark ist. Allerdings beschr\u00e4nkt sich &#8222;Blinder Schacht&#8220; auf die Darstellung verzweifelter Individuen, ohne nach M\u00f6glichkeiten kollektiver Initiativen, nach Auswegen, nach Alternativen zu fragen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">&#8222;The Life Of David Gale&#8220;, &#8222;25th Hour&#8220;: US-Kino im Wettbewerb<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Auch Hollywood versucht sich im politischen Kino. Allerdings nicht ernsthaft. Nach seinem &#8222;Mississippi Burning&#8220;-Rei\u00dfer (1988) und seinem &#8222;The Commitments&#8220;-Sozialkitsch (1900) spielt Alan Parker, dem man bei jedem seiner Streifen anmerkt, dass er als Werbefilmer angefangen hat, bei seinem neuen Streifen, &#8222;The Life Of David Gale&#8220;, mit dem Thema Todesstrafe. Anders als in Tim Robbins &#8222;Dead Man Walking&#8220; (1996) mit Susan Sarandon und Sean Penn oder auch im letztj\u00e4hrigen, leider zu konstruierten Berlinale-Beitrag von Marc Forster, &#8222;Monsters Ball&#8220; mit Halle Berry und Billy Bob Thornton, kann bei Alan Parkers Film mit Kevin Spacey und Kate Winslet von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Problematik keine Rede sein.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Eine Reporterin recherchiert den Fall eines Unidozenten und bekannten Aktivisten gegen die Todesstrafe, dem Vergewaltigung und Mord zur Last gelegt werden und der aus diesem Grund selber zum Tod verurteilt wird. Der Plot beschr\u00e4nkt sich wenig glaubhaft nur auf die Frage nach der Wahrscheinlichkeit von &#8222;Fehlurteilen&#8220;, das Schicksal der zwei Millionen Inhaftierten in den USA, die staatliche Repression, die Inhumanit\u00e4t der Todesstrafe und die sozialen Hintergr\u00fcnde und Ursachen f\u00fcr Gewalt und Kriminalit\u00e4t bleiben v\u00f6llig ausgeblendet. Kevin Spaceys Auftritt bei der Pressekonferenz, in der er auf seine eigene Meinung zur Todesstrafe angesprochen, meinte, dass er das nicht zu beantworten w\u00fc\u00dfte, weil noch nie eine Schwester von ihm ermordet worden w\u00e4re, setzte dem Ganzen die Krone auf.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Nichts als ein spekulativer Umgang mit dem Thema, wo doch die Fakten bekannt sind: &#8222;Vor kurzem erschien eine schockierende Studie: 4.578 Todesurteile aus dem Zeitraum von 23 Jahren (1973 &#8211; 1995) wurden \u00fcberpr\u00fcft. Die Untersuchung ergab, dass bei Revisionsverfahren in 70 Prozent der F\u00e4lle, die in dieser Zeit wiederaufgerollt wurden, gravierende Verfahrensfehler festgestellt wurden. In zwei von drei Wiederaufnahmeverfahren wurde das Todesurteil sogar aufgehoben. Die aufgedeckte Gesamtfehlerrate betrug am Ende stolze 68 Prozent&#8220; (Michael Moore, &#8222;Stupid White Men&#8220;, Piper Verlag).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;25th Hour&#8220; ist der j\u00fcngste Film von Spike Lee, der sich mit &#8222;She\u2018s Gotta Have It&#8220; (1986) und &#8222;Do The Right Thing&#8220; (1989) einen Namen machte. Spike Lee bem\u00fcht sich seit seinen Anf\u00e4ngen um einen politischen Anspruch, \u00fcberzeugte bislang aber kaum. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr seinen uns\u00e4glichen &#8222;Malcolm X&#8220; (1992). Dass er aber ein guter Handwerker ist, der kraftvolle Bilder schaffen und Stimmungen erzeugen kann, beweist er einmal mehr mit seinem diesj\u00e4hrigen Wettbewerbsbeitrag &#8222;25th Hour&#8220;: Ein Film, der vibriert, der etwas von einem Blues hat, in dem Edward Norton einen Drogendealer mimt, der vor dem Antritt einer siebenj\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafe seine letzten 24 Stunden in Freiheit verbringt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Warum aber muss ein Dealer im Mittelpunkt stehen, der in einem komplexbeladenen Englischlehrer (wieder einmal beeindruckend: Philip Seymour Hoffman) und einem Broker seine besten Freunde hat? Warum die Frage danach, was der Mensch aus seinem Leben machen soll, an Hand von Repr\u00e4sentanten des Mittelstandes, die allesamt erkennen, dass sie ihr eigenes Leben gr\u00fcndlich verpfuscht haben \u2013 was einen aber auch gr\u00fcndlich kalt lassen kann. Oder doch nicht? Immerhin ist es auch die Geschichte \u00fcber den Sohn eines pensionierten Feuerwehrmanns im New York nach dem 11. September (\u00fcbrigens mitsamt einer ungew\u00f6hnlichen Liebeserkl\u00e4rung an diese multikulturelle Stadt in Form einer rappenden Hasstirade vor dem Spiegel eines sch\u00e4bigen Kneipenklos). Enron und andere Skandale des US-Establishments werden beim Namen genannt, trotzdem wird suggeriert, dass am Schluss doch alle soziale Schichten und Klassen zusammen geh\u00f6ren und erst gemeinsam das im Film gepriesene Amerika ausmachen, ob Chinese, Italiener oder Puertoricanerin, ob Jude, Afroamerikaner oder Pakistani, ob Drogendealer oder B\u00f6rsenmakler, ob Feuerwehrmann oder Enron-Unternehmer.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">&#8222;Hero&#8220;: Legitimation des chinesischen Unterdr\u00fcckungsapparates?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Eine der gr\u00f6\u00dften Entt\u00e4uschungen auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale war Zhang Yimous neuer Film &#8222;Hero&#8220;. Einen Namen gemacht hatte sich der chinesische Regisseur Zhang Yimou in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren mit Filmen wie &#8222;Rotes Kornfeld&#8220; (1988), &#8222;Rote Laterne&#8220; (1991) und &#8222;Die Geschichte der Qui Ju&#8220; (1992). Filme \u00fcber die Sorgen und N\u00f6te verarmter Bauern im China des zwanzigsten Jahrhunderts. In der &#8222;Geschichte der Qui Ju&#8220;, Zhang Yimous ersten gro\u00dfen Film, der in der Gegenwart angesiedelt ist, k\u00e4mpft die schwangere Qui Ju (Gong Li) nach einem \u00dcbergriff des Dorf-B\u00fcrgermeisters auf ihren Mann unerm\u00fcdlich um Respekt, klagt eine Entschuldigung ein und legt sich mit einer Beh\u00f6rde nach der anderen an.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;Hero&#8220; nun ist ein Ausflug in den Historienfilm. Abgesehen davon, dass &#8222;Hero&#8220; trotz Martial-Arts-Action und durch die Luft gleitender, schwebender Duellanten merkw\u00fcrdig schwerf\u00e4llig bleibt \u2013 ganz im Gegensatz zu dem leichten &#8222;Tiger and Dragon&#8220; (2000) von Ang Lee \u2013 ist der Film in seiner Essenz zutiefst reaktion\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Visuell zweifellos \u00fcberw\u00e4ltigend, wie hier Farben eingesetzt werden: Innerhalb von Minuten, wenn nicht Sekunden f\u00e4rben sich ganze W\u00e4lder rot, gelb und gr\u00fcn. Brilliant, wie mit Farbsymbolik gearbeitet wird: Gew\u00e4nder in Rot (Mord aus Liebe) \u00fcber Gr\u00fcn (Niederlage im Kampf) zu Wei\u00df (Trauer und Entsagung). Duelle werden nicht durch Gewalteinsatz, sondern Willensst\u00e4rke (und der Kunst der Kalligrafie) gewonnen. In seiner Erz\u00e4hlweise erinnert &#8222;Hero&#8220; an Akira Kurosawas gro\u00dfartigen &#8222;Rashomon&#8220; von 1950. In Akira Kurosawas kunstvoll komponierten Film werden dem Publikum als unsichtbares Gericht vier verschiedene Versionen \u00fcber den Tod eines Samurai und die Vergewaltigung seiner Frau angeboten. &#8222;Hero&#8220; zeichnet die Gr\u00fcndung Chinas im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nach mit dem Bestreben des K\u00f6nigs Qin, die sieben Reiche im Land zu unterjochen, um zum Kaiser aufsteigen zu k\u00f6nnen. Wie es dem K\u00f6nig gelingt, sich seiner Widersacher zu entledigen, wird bei Zhang Yimou ebenfalls in mehreren von einander abweichenden, beziehungsweise sich widersprechenden Varianten geschildert.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Mit Chen Kaige (&#8222;Leb wohl, meine Konkubine&#8220;, 1993), der im letzten Jahr dumpf-dummes Hollywood-Kino machte, ist j\u00fcngst schon ein anderer der gro\u00dfen chinesischen Regisseure der so genannten f\u00fcnften und sechsten Generation gescheitert. &#8222;Hero&#8220; ist aber mehr als eine k\u00fcnstlerisch fragw\u00fcrdige Leistung. Vor dem Hintergrund der Niederschlagung des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 kann der Streifen auch als Kommentar zu Krisen und Konflikten im China der Gegenwart verstanden werden. Den Geist &#8222;tiefer Unterw\u00fcrfigkeit&#8220; wirft die chinesische &#8222;Jugendzeitung&#8220; dem Film vor. Zu Recht. Kein Hinweis auf die Gr\u00e4ueltaten des Tyrannen Qin. Kein Wort \u00fcber das Schicksal der 460 Gelehrten beispielsweise, die lebendig begraben wurden. Stattdessen ist die Botschaft von &#8222;Hero&#8220;: Gewalt ruft Gegengewalt hervor. Darum begr\u00e4bt der Widersacher Qins im Finale des Streifens seine Umsturz-Pl\u00e4ne. Zhang Yimous These ist Wasser auf die M\u00fchlen von Chinas KP-F\u00fchrung.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Immer schon war es die Intention der Herrschenden, Aufruhr, Rebellionen und Revolutionen als Akte nackter Gewalt darzustellen und die Aufst\u00e4ndischen mit einem blutdurstigen Mob zu assoziieren. So sind wir es gewohnt, dass die Franz\u00f6sische Revolution von 1789 zum Beispiel als Schreckensherrschhaft bezeichnet wird. In unserem Ged\u00e4chnis soll die Zeit der Jakobiner prim\u00e4r als Zeit der Guillotine erscheinen. H.G. Wells, der alles andere als ein Revolution\u00e4r war, f\u00fchrte dazu aus: &#8222;Im Ganzen wurden, wir m\u00fcssen daran erinnern, in der Schreckenszeit nur wenige Tausende get\u00f6tet und unter diesen Tausenden war sicherlich eine gro\u00dfe Anzahl tatkr\u00e4ftiger Gegner der Republik, die sie nach dem Urteil jener Zeit zu t\u00f6ten berechtigt war (&#8230;) \u00dcber die M\u00e4rtyrer des franz\u00f6sischen Terrors erfahren wir nur deshalb so viel, weil sie adelige, wohlbekannte Pers\u00f6nlichkeiten waren und weil ihr Leidensweg f\u00fcr Propagandazwecke ausgen\u00fctzt wurde. Aber lasst uns der richtigen Einsch\u00e4tzung halber einmal bedenken, was um dieselbe Zeit in den Gef\u00e4ngnissen der Welt vorging. In Britannien und Amerika wurden, w\u00e4hrend der Terror in Frankreich herrschte, wegen Eigentumsdelikten (oft nur ganz geringf\u00fcgigen Vergehen) viel mehr Leute hingeschlachtet als durch das Revolutionstribunal wegen Hochverrats.&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Hauptdarsteller Tony Leung verteidigte in einem Hongkonger Magazin sogar offen den Milit\u00e4reinsatz vom Sommer 1989: &#8222;Die Regierung tat das Richtige \u2013 Stabilit\u00e4t zu erhalten &#8211; das war gut f\u00fcr alle.&#8220; W\u00e4hrend Zhang Yimou in seiner gesamten Karriere mit der Zensur zu k\u00e4mpfen hatte \u2013 sein Film &#8222;Leben!&#8220; ist bis heute verboten \u2013 wird er von der B\u00fcrokratie dieses Mal wie ein &#8222;Held&#8220; gefeiert. Die Post hat eine &#8222;Hero&#8220;-Sonderbriefmarke herausgebracht. Peking hat den Film als offiziellen Oscar-Kandidaten in Hollywood eingereicht.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Zhang Yimou ist in einer Bauernfamilie gro\u00df geworden. Sein Vater war Offizier \u2013 f\u00fcr die Nationalchinesen gegen Maos Armee. Darum wurde die Familie nach 1949 ge\u00e4chtet. In der &#8222;Kulturrevolution&#8220; schickte man Zhang Yimou aufs Land. Vor\u00fcbergehend arbeitete er zwar in einer Textilfabrik, seine Herkunft und sein Lebenslauf haben ihm &#8211; wie vielen anderen Intellektuellen, die aus dem Kleinb\u00fcrgertum stammen &#8211; jedoch den Zugang zur Arbeiterbewegung erschwert, so dass Yimou politisch weniger konsistent ist. Trotz der Radikalisierung der Jugend und der Zunahme von Arbeitsk\u00e4mpfen konnten ihn die Herrschenden offenbar f\u00fcr sich vereinnahmen. Angedeutet hatte sich dieser Kurswechsel Yimous bereits bei seinem letztj\u00e4hrigen Berlinale-Film &#8222;Happy Times&#8220;. Darin gaukelt ein Pension\u00e4r einer blinden Frau die Vermittlung einer Stelle in einem Massagesalon vor \u2013 was auf die Einstellung schlie\u00dfen lassen kann, sich in den bestehenden Verh\u00e4ltnissen bestm\u00f6glich einzurichten, statt nach Alternativen Ausschau zu halten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Leider l\u00e4sst der Werdegang Zhang Yimous Erinnerungen an die Biographie und das Schaffen Elia Kazans wach werden. Kazan war einer der vielseitigsten Regisseure in den USA Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Theaterregisseur, Lehrer am New Yorker &#8222;Actor\u2018s studio&#8220; von Lee Strasberg und als F\u00f6rderer Marlon Brandos und James Deans machte er sich einen Namen. Psychologische Dramen und sozialkritische Reportagen waren sein Metier. Doch brachte er nicht nur &#8222;Viva Zapata!&#8220; (1951) auf die Leinwand, sondern sagte auch in der McCarthy-\u00c4ra gegen antikapitalistische und kommunistische KollegInnen aus, lieferte dabei nicht wenige ans Messer und rettete sich sukzessive in politisch harmlosere Themen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">&#8222;Three Days Of Rain&#8220;, &#8222;The Event&#8220; und &#8222;Edi&#8220;: Drei kleine filmische Ereignisse<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Sehenswert waren die Berlinale-Filme &#8222;Three Days Of Rain&#8220;, &#8222;Edi&#8220; und &#8222;The Event&#8220;. In &#8222;Three Days Of Rain&#8220; werden Kurzgeschichten des russischen Dichters Anton Tschechow in das US-amerikanische Cleveland der Jetztzeit \u00fcbertragen \u2013 und durch die Musik eines Rundfunksenders, der fantastische Blue Note Records- Jazzaufnahmen spielt, zusammengehalten. Warum gelingt es diesem Film, den Zuschauer von den ersten Bildern an f\u00fcr sich einzunehmen? Wahrscheinlich, weil die Kamera reale Figuren mit realen Problemen in einer realen Welt drei Tage oder besser drei N\u00e4chte begleitet: Einen Taxifahrer, der gerade seinen Sohn verloren hat, einen Bahnarbeiter, der vor seiner K\u00fcndigung steht, da dessen Vorgesetzter seine Stelle einem Familienfreund zuschanzen m\u00f6chte, eine drogens\u00fcchtige junge Mutter, die ihr Kind nur als Babysitterin in steinreichem Hause zu Gesicht bekommen kann&#8230;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;Three Days Of Rain&#8220; ist ein Deb\u00fct, das Erstlingswerk von Michael Meredith, der sich mehrere Jahre abstrampeln musste, Freunde und Verwandte Rollen f\u00fcr seinen Film gab und immer erst dann wieder eine neue Episode abdrehen konnte, wenn es ihm gelang erneut Geld aufzutreiben. Dieser Low Budget-Streifen ist im &#8222;Short Cuts&#8220;-Stil gehalten und erinnert an den h\u00fcbschen kanadischen &#8222;Life Before This&#8220;, der vor vier Jahren auf der Berlinale zu sehen war, und bis heute nicht den Weg in die deutschen Kinos gefunden hat.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Unter den Akteuren ist auch ein bekanntes Gesicht: Peter Falk als verarmter Rentner, der dem Alkohol verfallen ist. Peter Falk stellt die Verbindung zum Off-Hollywood, zum Independent-Kino her, war er doch selber mehrmals in den sechziger und siebziger Jahren Darsteller von Filmen eines John Cassavetes (&#8222;Schatten&#8220;, 1959, &#8222;Eine Frau unter Einfluss&#8220;, 1973, &#8222;Gloria&#8220;, 1980). Cassavetes beabsichtigte in seinen Arbeiten immer, &#8222;eine Idee so gut wie m\u00f6glich zu verwirklichen und eine einfache, realistische Geschichte so gut wie m\u00f6glich zu erz\u00e4hlen.&#8220; Das ist ganz offensichtlich auch die Philosophie des Deb\u00fctanten Michael Meredith.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Thom Fitzgeralds &#8222;The Event&#8220; beginnt mit dem Tod des Aids-kranken Matt Shapiro. Da jemand kurz zuvor von der Party aus, wo Matt verstarb, den Notruf gew\u00e4hlt hatte, wird eine Staatsanw\u00e4ltin auf den Fall angesetzt. Damit nimmt jedoch nicht eine gew\u00f6hnliche Kriminalgeschichte ihren Lauf, sondern ein packender Film \u00fcber die Lage von Schwulen im heutigen Nordamerika, \u00fcber Freitod und Sterbehilfe. Im Publikumsgespr\u00e4ch erkl\u00e4rte der Regisseur, dass es in seinem Land ein Justizminister John Ashcroft auf alle diejenigen abgesehen hat, die mit Sterbehilfe in Verbindung stehen, wenn er nicht gerade dabei ist, Osama zu jagen. Eine der Hauptfiguren mimt auch in diesem Film Sarah Polley, die zum ersten Mal in Atom Egoyans &#8222;Das s\u00fc\u00dfe Jenseits&#8220; vor sechs Jahren faszinierte \u2013 im Mittelpunkt steht allerdings keine Person, sondern Greenwich Village und das New York im Herbst 2001.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;Edi&#8220; zeichnet das Leben der beiden Schrotth\u00e4ndler Edi und Jureczek im Polen der Gegenwart. Ohne Freund, Freundin oder Familie hausen sie in einem leerstehenden Fabrikgeb\u00e4ude am Rande der Stadt. Wann Weihnachten ist, das lassen sich die beiden von niemandem vorschreiben, nicht einmal vom lieben Gott. Heiligabend kann f\u00fcr sie mitten im Jahr sein, wenn sie einen ergiebigen Sperrm\u00fcllfund gemacht haben in einem Villenviertel zum Beispiel. Nach Feierabend besorgen sie sich billigen Wein oder Wodka. Jureczek setzt sich vor den Fernseher: &#8222;42 Programme \u2013 das ist das Leben.&#8220; Edi holt aus seiner K\u00fchlschrankbibliothek lieber ein Buch, liest &#8222;Romeo und Julia&#8220; und andere Klassiker. Seine Leidenschaft f\u00fcr Literatur soll schlie\u00dflich sein Leben ver\u00e4ndern: Zwei Alkoholschmuggler zwingen Edi, daf\u00fcr zu sorgen, dass ihre Schwester durchs Abitur kommt. Als diese \u00fcberraschend schwanger wird, vermuten die Gangster in Edi den Vater.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Wie Edi und Jureczek unverhofft zu einem Kind kommen und sich mit dem Kleinen durchs Leben zu schlagen versuchen, erinnert an Charlie Chaplins herrlichen &#8222;The Kid&#8220; (1920). Allerdings scheint der stets gefasste Edi in seiner stoischen Ruhe mehr mit Buster Keaton gemeinsam zu haben. Wie Keaton im &#8222;Navigator&#8220; (1924) oder im &#8222;General&#8220; (1926) nichts ersch\u00fcttert, weil er stets Schlimmeres erwartet hatte, so trotzt auch Edi mit seinem unbewegten Gesicht, das \u00e4u\u00dferste Konzentration verr\u00e4t, allen Irrungen und Wirrungen des Lebens.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">&#8222;Edi ist der erste abendf\u00fcllende Spielfilm von Piotr Trzaskalski. Ohne F\u00f6rdermittel, ohne Fernsehbeteiligung entstanden, kn\u00fcpft Trzaskalski auf das einst spannende, aber l\u00e4ngst totgesagte Autorenkino an. \u00dcber seinen Anspruch l\u00e4sst der Regisseur keinen Zweifel: &#8222;Ich liebe die Filme von Tarkowski, Klimow, Askoldow, Paradzanow, Bresson und versuche, einen \u00e4hnlichen Weg zu gehen wie sie, wie ich \u00fcberhaupt das Autorenkino liebe. Polnische Filmemacher jedoch \u2013 mit Ausnahme von Marek Koterski \u2013 haben diese Art von Kino heutzutage vergessen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Dieser Forum-Beitrag, der auch f\u00fcr den Oscar nominiert wurde, ist nicht nur sehr polnisch in der realistischen Darstellung des gr\u00f6\u00dften osteurop\u00e4ischen Landes zehn Jahre nach der Einf\u00fchrung der Marktwirtschaft, sondern auch auf Grund der Pr\u00e4senz der katholischen Kirche und der Thematisierung des Verh\u00e4ltnisses von Stadt und Land (vierzig Prozent der Bev\u00f6lkerung leben noch immer im l\u00e4ndlichen Raum).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Ergreifend sind die Szenen, in denen Edi sich Gedanken macht \u00fcber seinen Platz im Leben. Als ihm klar wird, dass er sich ein Verh\u00e4ltnis mit der Abiturientin abschminken kann, erkl\u00e4rt er Jureczek, dass man es sich meistens zu sp\u00e4t eingesteht, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man es sich w\u00fcnscht, dass er in diesem Fall jedoch rechtzeitig verstanden \u2013 und sich eingestanden &#8211; hat, dass nicht jeder Traum wahr wird. Nachdem Edi und Jureczek mit dem Kleinen aufs Land gefl\u00fcchtet sind, das Kind dann jedoch wieder abgeben m\u00fcssen, und in die Stadt zur\u00fcckkehren, begr\u00fcndet Edi diesen Schritt mit den Worten: &#8222;Auch wenn es auf dem Land sehr sch\u00f6n war \u2013 hier k\u00f6nnen wir unser eigenes Leben leben.&#8220; Soll das nun Demut und Selbstgen\u00fcgsamkeit in einer immer unmenschlicheren Welt predigen? Oder soll das ein Pl\u00e4ydoyer sein f\u00fcr das Recht eines jeden, ohne jede Bevormundung \u00fcber sein Leben selbst entscheiden zu d\u00fcrfen. Wahrscheinlich schwingt von beidem etwas mit. Jedenfalls verl\u00e4sst man den Kinosaal letztendlich mit sehr gemischten Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">Politisches Kino in Italien und Argentinien<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Armut, Arbeitslosigkeit, Krieg und Fl\u00fcchtlingselend \u2013 all das wird auf der 53. Berlinale aufgegriffen und aufgezeigt, oft dank DV-Kamera an der Zensur vorbei. Aber selten nur findet die Auseinandersetzung mit Gegenwehr und Gegenkultur statt. Es ist kein Zufall, dass gerade in den L\u00e4ndern, in denen die Bewegung weiter ist, auch die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen weiter ist.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Im letzten Jahr war auf der Berlinale \u201eEine andere Welt ist m\u00f6glich\u201c \u00fcber die Ereignisse von Genua zu sehen. Das gleiche italienische Kollektiv, in dem sich Nachwuchsregisseure mit Altmeistern wie Ettore Schola, Francesco Rosi und den Taviani-Br\u00fcdern f\u00fcr diese Arbeit zusammengetan haben, kam auch f\u00fcr einen Film \u00fcber das Weltsozialforum in Porto Alegre wieder zusammen und war auf den diesj\u00e4hrigen Filmfestspielen mit dem Streifen \u201eBriefe aus Pal\u00e4stina\u201c zu sehen. In zehn Geschichten bem\u00fcht sich der Streifen, das Leiden, aber auch den Widerstandsgeist der unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinenserInnen zu vermitteln. Gedreht wurde nur eine Woche, im Sommer 2002, in den besetzten Gebieten, sowie in Israel, in Haifa, Jerusalem, Ramallah und in Tel Aviv.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u201eDas Pal\u00e4stinenserproblem liegt uns seit vielen Jahren am Herzen \u2013 in seiner ganzen Komplexit\u00e4t und mit allem, was es aus der j\u00fcngsten Geschichte der Menschheit, direkt und indirekt, mit sich bringt. Darum schien es uns allen in der Stiftung \u201eCinema nel presente\u201cnahe liegend, \u00fcber einen neuen Kollektivfilm nachzudenken, der die Bedingungen dokumentiert, unter denen die von diesem Problem betroffenen Menschen leben. Oder besser gesagt, der diese Bedingungen \u201eerz\u00e4hlt\u201c. Dabei ist ein Film entstanden, dessen kurze Geschichten aus Fragmenten, Licht, Gesichtern, Fallbeschreibungen bestehen und die vor allem von einem berichten: von der au\u00dferordentlichen kulturellen und intellektuellen, aber auch materiellen, physischen Vitalit\u00e4t dieser unterdr\u00fcckten Menschen\u201c (Stellungnahme der Regisseure).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Eindringlich die Szene, in der eine alte Pal\u00e4stinenserin sich mit ihrem Enkelkind vor den Stufen von Haus und Garten einer j\u00fcdischen Familie niederl\u00e4sst und dem Kleinen erz\u00e4hlt, dass das Geb\u00e4ude, die Zitronenb\u00e4ume und alles andere vor f\u00fcnfzig Jahren Eigentum ihrer Familie waren. Bewegend auch, wie trotz der Allgegenw\u00e4rtigkeit des Krieges Shakespeares \u201eRomeo und Julia\u201c einstudiert wird und neue St\u00fccke mit einfachsten Mitteln auf die B\u00fchne gebracht werden. Bemerkenswert dar\u00fcber hinaus, dass auch ein Friedensmarsch j\u00fcdischer Israelis an einen Grenzposten eingefangen wird und auf diesem Weg auf Ansatzpunkte gemeinsamer Gegenwehr von ArbeiterInnen und Jugendlichen auf beiden Seiten hingewiesen wird.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Politisch noch radikaler ist das argentinische Kollektiv, das mit dem Beitrag \u201eCine Piquetero \u2013 F\u00fcr ein neues Kino in einem neuen Land\u201c auf der Berlinale vertreten war. Dokumentiert werden die Massenproteste und der Aufstand vom Dezember 2001. Kaum zuvor konnten soziale Eruptionen so systematisch aufgezeichnet werden. Die Videotechnik erm\u00f6glicht das diesen Filmemachern, denen es an Ausstattung und Geld mangelt. In dem Streifen werden ein halbes Dutzend Dokumentarfilme gezeigt: Die Rebellion der Massen vom Dezember 2001 (Por un nuevo cine en un nuevo pais), ein R\u00fcckblick auf die Diktatur (Memoria, vacuna contra la muerte), die Aktionen der verarmten RentnerInnen (Tercer tiempo), Darstellung der Konzeption und Organisationform der Piqueteros (Piqueteros carajo!), der Arbeiterkontrolle in Fabriken (Ceramica Zanon) und der Spontanit\u00e4t des Kampfes (Brukman es de los trabajadores).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">Neue, preisg\u00fcnstigere Techniken<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Als innovative und politisch kritischere US-Filmemacher am Beginn des letzten Jahrhunderts gegen Monopolisierung, Trust-Gesetze und Konformismus aufbegehrten, brachen sie seinerzeit in New York alle Zelte ab und zog von der Ost- an die Westk\u00fcste, nach Hollywood. Die sp\u00e4tere &#8222;Traumfabrik&#8220; war urspr\u00fcnglich Zufluchtsort f\u00fcr die so genannten &#8222;Illegalen&#8220;, unabh\u00e4ngige Filmemacher, die sich der Kontrolle durch die gro\u00dfen Filmstudios und Verleihfirmen entziehen wollten, um eigene Wege gehen zu k\u00f6nnen. Mit ihrem Umzug waren sie damals darauf aus, sich aus der Umklammerung der Wall Street zu befreien und den gewaltt\u00e4tigen Bandenkriegen, angeleiert von den Gelds\u00e4cken der dominanten Produktionsfirmen, zu entkommen. In der Tat: &#8222;Es kommt zu \u00dcberf\u00e4llen auf die Ateliers der Unabh\u00e4ngigen, Demolierung der Kameras, Verw\u00fcstung der Dekoration. Die Polizei zuckt die Achseln&#8220; (Curt Riess, &#8222;Die Geburt der Illusion&#8220;, Universitas Verlag).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Heute schafft die Digital-Kamera und die Schnitttechnik am Rechner ganz neue M\u00f6glichkeiten \u2013 ohne horrende Summen aufbringen zu m\u00fcssen. (In den Filmstudios selber kursiert schon der Spruch: Wurde fr\u00fcher jeder Kameramann mit Argwohn be\u00e4ugt, der nach dem cut die Kamera weiter laufen lie\u00df, so st\u00f6\u00dft mittlerweile derjenige auf Kritik, der sich erlaubt, die Kamera w\u00e4hrend der Dreharbeiten \u00fcberhaupt einmal auszuschalten).<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; font-weight: bold;\">Wie frei und wie revolution\u00e4r sind die Film-K\u00fcnstler heute?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">In ihrem Manifest &#8222;F\u00fcr eine freie revolution\u00e4re Kunst&#8220; konstatierten Leo Trotzki und Andre Breton 1938, in einer Zeit von Revolution und Konterrevolution: &#8222;Wir haben von der Leistung der Kunst eine zu hohe Meinung, als dass wir ihr einen Einfluss auf das Schicksal der Gesellschaft abstreiten w\u00fcrden.&#8220; In welchem Ma\u00df l\u00e4sst sich das auf die Filmschaffenden von heute, ebenfalls in einer Zeit bedeutender gesellschaftlicher Umbr\u00fcche, \u00fcbertragen?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">In den letzten zehn, zwanzig Jahren war der Film, von wenigen Ausnahmen abgesehen, armselig. Einige wenige zeichneten sich in j\u00fcngster Zeit durch Einfallsreichstum und Talent aus, kaum aber durch neue Ideen und dem Erfassen gesellschaftlichen Bebens.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Es scheint schon fast ein Gesetz der Serie zu sein, dass Deb\u00fctanten nach einem gelungenen Erstling entt\u00e4uschen, wenn sie alle Mittel zur Verf\u00fcgung haben \u2013 es ihnen aber an einer echten eigenen Idee mangelt. Galt dies letztes Jahr auf der Berlinale im Bezug auf den zweiten Film vom Regisseur Wes Anderson, \u201eThe Royal Tenenbaums\u201c, der durch seinen originellen Erstling \u201eRushmore\u201c (in dem s\u00e4mtliche pseudop\u00e4dagogische Thesen auseinander genommen werden) auf sich aufmerksam machte, so galt das in noch viel gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe f\u00fcr Spike Jonze und seinen Drehbuchautor Charlie Kaufman, die ihre zweite gemeinsame Arbeit, \u201eAdaptation\u201c, pr\u00e4sentierten. In ihrem ersten Film \u201eBeing John Malkovich\u201c (1999) hatten sie sich mit einem immer wiederkehrenden Wunsch der Menschen besch\u00e4ftigt: dem Wunsch, Alltag und Routine einmal zu entkommen, in dem man vor\u00fcbergehend in eine andere Rolle schl\u00fcpft. Jonze und Kaufman hatten dieses existenzielle Thema in &#8222;Being John Malkovich&#8220; nicht nur ein weiteres Mal aufgegriffen und in Szene gesetzt, sondern in seltener Weise auf die Spitze getrieben. In ihrem Erstling lie\u00dfen sie einen arbeitslosen Puppenspieler, (ausgerechnet ein Puppenspieler, einem Meister des Rollenspiels), in einer Zwischenetage eines B\u00fcrohochhauses eine Klappe zum Gehirn von John Malkovich entdecken und andere G\u00e4ste daf\u00fcr zahlen zu lassen, dass sie durch glitschige Zwischenportale eine Viertelstunde in den Kopf Malkovichs reisen d\u00fcrfen. &#8222;Adaptation&#8220;, bei dem Charlie Kaufman ein Drehbuch machte \u00fcber Charlie Kaufman, wie er ein Drehbuch macht \u2013 \u00fcber Orchideen, steigt nicht tiefer ein in Sachen k\u00fcnstlerische Selbstreflexion, sondern d\u00fcmpelt bald (w\u00e4hrender Meryl Streep auf Orchideensuche in Sumpfgebieten beobachtet) vor sich hin: das \u00fcbliche banale \u2018Hollywood frotzelt \u00fcber Hollywood\u2018. Demgegen\u00fcber ist &#8222;Being John Malkovich&#8220; erfrischend und einfallsreich.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Kein Wunder, dass der beste Film der Berlinale vor genau f\u00fcnfzig Jahren, 1953, gedreht wurde: &#8222;Die Reise nach Tokio\u201c von Yazujiro Ozu, anl\u00e4sslich einer Hommage f\u00fcr den japanischen Regisseur, der in diesem Jahr seinen hundersten Geburtstag hat. Ozus Meisterwerk, das erst k\u00fcrzlich von internationalen Filmkritikern bei einer Befragung durch die Zeitschrift \u201eSight and Sound\u201c zu einem der zehn besten Filme aller Zeiten gew\u00e4hlt wurde, erz\u00e4hlt die Geschichte von einem alten Ehepaar auf dem Land, das ihre Spr\u00f6sslinge in der Gro\u00dfstadt besucht und resigniert feststellen muss, wie sehr sich die Kinder von ihnen entfernt haben. Blo\u00df ein Generationenkonflikt \u2013 ein zeitloses Thema? Nat\u00fcrlich, aber bei Ozu noch viel mehr als das. So sind der Zweite Weltkrieg und die Folgen des Krieges unentwegt pr\u00e4sent. Ganz anders als in \u201eThe Hours\u201c beispielsweise, f\u00fcr den Nicole Kidman, Juliane Moore und Meryl Streep mit den Silbernen B\u00e4ren f\u00fcr die beste Darstellung pr\u00e4miert wurden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Auf drei Zeitebenen werden die Geschichten von Virginia Woolfe in den zwanziger beziehungsweise vierziger Jahren, von einer Hausfrau in den F\u00fcnfzigern und von einer Lektorin im New York der Gegenwart miteinander verkn\u00fcpft. In diesem Film von Stephen Daldry (&#8222;Billy Elliott&#8220;, 1999) wird das Grauen des Weltkrieges, der Virginia Woolfes Arbeit an &#8222;Mrs. Dalloway&#8220; 1923 nachhaltig beeinflusste, v\u00f6llig ausgeklammert. Auch ihre Entscheidung, 1941 den Freitod zu w\u00e4hlen, (womit der Film er\u00f6ffnet wird), ist zumindest zu einem wichtigen Teil von der Perspektivlosigkeit einer Frau, die der Fabian Society nahestand, im Angesicht des Faschismus mitbestimmt worden \u2013 was ebenfalls v\u00f6llig au\u00dfen vor bleibt in Stephen Daldrys Werk. Zwar mag der Film andeuten, was patriarchale Strukturen, b\u00fcrgerliche Familie und Diskriminierung lesbischer Liebe f\u00fcr diese Frauen bedeuten, so wirkt er letztendlich wegen seinem Mangel an historischem und zeitgen\u00f6ssischem Verst\u00e4ndnis leblos und steril.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die 53. Berlinale hat widergespiegelt, dass einige der vielversprechenden Filmemacher an Grenzen gesto\u00dfen sind. Sie werfen Fragen auf \u00fcber die Krise der Kunst und der kapitalistischen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts, schrecken jedoch vor den Antworten auf diese elementaren Fragen zur\u00fcck. Allerdings trat bislang noch an jedem historischen Wendepunkt nicht nur jegliche Ignoranz, Dekadenz und Misanthropie all derjenigen Armleuchten, die beharrlich am Bestehenden festhalten wollen, in aller Sch\u00e4rfe zutage, sondern war auch immer Inspiration f\u00fcr neue Gedanken und innovative Erz\u00e4hlformen und Stilmittel. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr die Filmkunst, die gerade einmal hundert Jahre auf dem Buckel hat.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Michael Winterbottom beendete die Pressekonferenz zu &#8222;In This World&#8220; auf der Berlinale mit dem Satz, dass seine Filme die Welt ver\u00e4ndern sollen. Bei Michael Winterbottom klangen dabei allerdings un\u00fcberh\u00f6rbar Selbstzweifel an. Bestimmter antwortete Danis Tanovic, der sich mit Dokumentarfilmen \u00fcber den Krieg in Bosnien-Herzegowina einen Namen machte, auf die Frage der S\u00fcddeutschen Zeitung am 20. Februar 2003, ob er daran glaubt, dass Filme die Welt verbessern k\u00f6nnen: &#8222;Es war Lenin, der die Kraft des Kinos gesehen hat und gesagt hat, dass der Film die Kunst der Zukunft ist. In Amerika kann man sehen, in welchem Ma\u00df die Gesellschaft das Kino nachahmt, oder auch umgekehrt. Filme haben eine ungeheure Macht, man muss nur an all die Filme denken, die in der Geschichte des Kinos zensiert wurden, weil sie gef\u00e4hrliche Botschaften trugen. Ich habe geh\u00f6rt, dass Bush in die gro\u00dfen Filmstudios gegangen ist, um die Filmindustrie in seinem Sinne zu beeinflussen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Danis Tanovic erhielt f\u00fcr seinen ersten Spielfilm &#8222;No Man\u2018s Land&#8220; im vergangenen Jahr den Oscar als bester ausl\u00e4ndischer Film. Er trug auch die Balkan-Episode in dem Film &#8222;11\u201809\u201801&#8220; bei, dem H\u00f6hepunkt des letzten Filmjahres. Bezeichnenderweise ist dieses herausragende Werk, an dem Ken Loach, Samira Makhmalbaf, Mira Nair, Claude Lelouch und andere mitgewirkt haben, innerhalb Europas nur in Deutschland und Frankreich aufgef\u00fchrt worden. In den USA wird dieser Film wohl auch in den n\u00e4chsten Jahren keinen Verleih finden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Auch wenn diese Filmfestspiele einmal mehr ern\u00fcchternd waren, so gaben sie dennoch ein paar Hinweise darauf, dass sich eine nicht unwesentliche Zahl von Filmemachern darum bem\u00fcht, in der Wirklichkeit anzukommen und bereit ist, nicht nur das heutige gesellschaftliche Leben, sondern auch sich selbst zu hinterfragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 53. Berliner Filmfestspiele<\/p>\n<p> von Aron Amm<br \/>\n Berlin, den 24. 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