{"id":10273,"date":"2002-12-22T00:00:00","date_gmt":"2002-12-22T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=10273"},"modified":"2002-12-22T00:00:00","modified_gmt":"2002-12-22T00:00:00","slug":"10273","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/12\/10273\/","title":{"rendered":"Abou Jah Jah &#x96; der belgische Malcolm X?"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Erschie&szlig;ung eines 27-j&auml;hrigen Marokkaners im Antwerpener Stadtteil Burgehout, der die enorme Wut und Frustration von Teilen insbesondere arabisch-st&auml;mmiger Jugendlicher wegen t&auml;glich erfahrener Diskriminierung zum &Uuml;berkochen gebracht hat, ist der Name Abou Jah Jah auch &uuml;ber die belgischen Grenzen hinaus bekannt geworden.<br \/>   <i><br \/>   von Tanja Niemeier, Gent<\/i><!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIn Belgien hat Abou Jah Jah bereits vor dem besagten Mord und den dadurch ausgel&ouml;sten Unruhen die Aufmerksamkeit der Medien erregt.<br \/>   F&uuml;r einen Teil der ImmigrantInnen ist er zum Sprachrohr geworden. Er bringt das zum Ausdruck, was vor allem bei Immigrantenjugendlichen schon lange unter der Oberfl&auml;che g&auml;rt: Wut &uuml;ber t&auml;glichen Rassismus, mangelnde Zukunftsperspektiven, schlechte Aussicht auf vern&uuml;nftige Arbeit und das berechtigte Gef&uuml;hl st&auml;ndig als B&uuml;rger zweiter Klasse behandelt zu werden und zudem noch seine eigene Identit&auml;t aufgeben zu m&uuml;ssen. <br \/>   Schon vor dem Mord hat Abou Jah Jah  begonnen, in Antwerpen Patrouillen zu organisieren, die das Verhalten der Polizei &uuml;berwachen und rassistisches Verhalten der Polizei durch Videokameras dokumentieren sollen. Damit steht er f&uuml;r ein neu gewonnenes Selbstvertrauen von MigrantInnen, sich zur Wehr zu setzen. <br \/>   Durch sein provokatives Auftreten und die Tatsache, dass er vorhandene Probleme anspricht, f&uuml;r die die Politiker keine L&ouml;sung anzubieten haben, hat er sich den Hass nicht nur des extrem rechten Vlaams Blok sondern des gesamten politischen Establishments zugezogen. In den Medien erscheint er oft als Staatsfeind Nummer 1. Verweise auf Malcolm X, den  K&auml;mpfer f&uuml;r die Rechte von schwarzen AmerikanerInnen in den USA in den 60er Jahren sind keine Seltenheit.<br \/>   <b><br \/>   Migrantenliste bei den n&auml;chsten Wahlen<\/b><\/p>\n<p>   Abou Jah Jah ist Mitglied der Arabisch Europ&auml;ischen Liga ( AEL) und will bei den n&auml;chsten Wahlen mit einer Migrantenliste antreten. Auch das ist an sich ein positiver Schritt, da er den Bed&uuml;rfnissen von Teilen der ImmigrantInnen Ausdruck verleihen k&ouml;nnte. Allerdings ist das Programm der AEL und die Stossrichtung einer derartigen Liste eher uneindeutig. Es gibt noch viele Unklarheiten dar&uuml;ber, wer die AEL eigentlich ist, aber deutlich geworden ist an &Auml;u&szlig;erungen Abou Jah Jahs, der die AEL heute verk&ouml;rpert, dass es sich um eine islamische Gruppierung handelt, die, so scheint es zumindest, politische Bezugspunkte zu Hamas, Hisbollah und so weiter hat.<br \/>   Wir, die LSP (Schwesterpartei der SAV in Belgien), begr&uuml;&szlig;en zwar den Schritt der Selbstorganisation von MigrantInnen, haben jedoch die starke Bef&uuml;rchtung, dass sich eine solche Liste mit einem derart begrenzten Programm vollst&auml;ndig in die Isolation man&ouml;vriert und die Gr&auml;ben zwischen der einfachen belgischen Bev&ouml;lkerung und den MigrantInnen verh&auml;rtet. Solange die einfache belgische Bev&ouml;lkerung als eine rassistische Masse gesehen wird, spielt das dem Vlaams Blok in die H&auml;nde.<\/p>\n<p>   <b>Alles, was uns teilt, schw&auml;cht uns<\/b><\/p>\n<p>   Die politische Situation in Antwerpen ist bereits heute sehr zugespitzt. Die soziale Lage in vielen &auml;rmeren Stadtvierteln ist verheerend. Der Haushalt f&uuml;r den sozialen Bereich soll um 38 bis 46 Prozent gek&uuml;rzt werden. Der Vlaams Blok erreichte bei den letzten Kommunalwahlen 33 Prozent und stand in Meinungsumfragen kurz nach den Unruhen sogar bei 40 Prozent. Der einzige Grund, warum der Vlaams Blok nicht in der Stadtregierung sitzt ist der, dass es in Belgien den sogenannten &#x84;Cordon Sanitaire&#x93; gibt. Das bedeutet, dass so viele Parteien wie n&ouml;tig eine Koalition eingehen, um den Vlaams Blok aus der Regierung zu halten. <br \/>   Gute Sache, k&ouml;nnte man meinen. Das Problem ist nur, dass alle etablierten Parteien Politik auf dem R&uuml;cken der einfachen Leute durchziehen und dem Vlaams Blok damit das Feld &uuml;berlassen, um sich als scheinbare Alternative und Partei der kleinen Leute etablieren zu k&ouml;nnen. Dabei setzen sie auf Rassismus.<br \/>   Aus unserer Sicht ist bei den n&auml;chsten Wahlen eine Liste notwendig, die die Gr&auml;ben nicht vertieft, sondern die einfache belgische Bev&ouml;lkerung und die MigrantInnen, die beide unter der sozialen Kahlschlagpolitik der etablierten Parteien zu leiden haben, dichter zusammenzubringen und f&uuml;r gemeinsame Interessen einzustehen. Mit anderen Worten: Sie m&uuml;sste offen sein f&uuml;r die Belange der ausl&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung und das Wahlrecht f&uuml;r alle fordern, sie m&uuml;sste das Recht auf Kontrolle &uuml;ber die Polizei verteidigen, aber dabei gleichzeitig erkl&auml;ren, dass nicht nur MigrantInnen Opfer von Polizeiwillk&uuml;r werden, sondern das Polizeikr&auml;fte auch gegen streikende Arbeiter eingesetzt werden.<br \/>   Vor allem m&uuml;sste diese Liste jedoch die Forderung nach vern&uuml;nftiger, gut bezahlter und gesch&uuml;tzter Arbeit f&uuml;r alle aufstellen und erkl&auml;ren, dass das einzige Hindernis, dass dem im Weg steht, der Kapitalismus ist, der f&uuml;r Profit &uuml;ber Leichen geht.  <\/p>\n<p>   <b>Welche Entwicklung f&uuml;r Abou Jah Jah?<\/b><\/p>\n<p>   Wie bereits erw&auml;hnt, wurde Abou Jah Jah von Teilen der Medien mit Malcolm X in Verbindung gebracht. Das Entscheidende an Malcolm X war jedoch, dass er sich in der letzten Periode seines Lebens &#x96; kurz vor seiner Ermordung &#x96; von der Nation of Islam abwandte. Er verstand, dass es nur m&ouml;glich war, die Situation der schwarzen AmerikanerInnen in den USA zu verbessern, wenn man einen Klassenstandpunkt bezieht, das hei&szlig;t, die Grenze nicht mehr zieht zwischen verschiedenen Hautfarben, Nationalit&auml;ten, Religionen und so weiter, sondern zwischen oben und unten. Sein politisches Erbe, die Black Panther Party for Selfdefence in den USA hat  das in ihr Programm mit aufgenommen, ohne dabei aufzugeben, gegen die Diskriminierung von Schwarzen zu k&auml;mpfen.<br \/>   Es ist nicht auszuschlie&szlig;en, dass sich Abou Jah Jah in diese Richtung entwickeln k&ouml;nnte, aber Abou Jah Jah lebt nicht in derselben Zeit. Zur Zeit von Malcolm X war ein breiteres sozialistisches Bewusstsein in der Gesellschaft vorhanden, durch das Malcolm X beeinflusst wurde. Zwar gehen wir davon aus, dass sich ein solches Bewusstsein in der Zukunft neu entwickeln wird und auch auf Abou Jah Jah Einfluss nehmen k&ouml;nnte, gleichzeitig ist es aber auch nicht ausgeschlossen, dass aufgrund von Mangel an Alternativen der islamische Fundamentalismus Aufschwung erh&auml;lt und Abou Jah Jah weiter in diese Richtung gedr&auml;ngt wird. <\/p>\n<p>   <i>Tanja Niemeier ist Mitglied der Linkse Socialistische Partij, der Schwesterpartei der SAV in Belgien<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Erschie&szlig;ung eines 27-j&auml;hrigen Marokkaners im Antwerpener Stadtteil Burgehout, der die enorme Wut und Frustration von Teilen insbesondere arabisch-st&auml;mmiger Jugendlicher wegen t&auml;glich erfahrener Diskriminierung zum &Uuml;berkochen gebracht hat, ist der Name Abou Jah Jah auch &uuml;ber die belgischen Grenzen hinaus bekannt geworden.<br \/>\n  <i><br \/>\n  von Tanja Niemeier, Gent<\/i><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[145],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10273"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10273"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10273\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10273"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10273"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10273"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}