{"id":10249,"date":"2002-12-07T13:10:08","date_gmt":"2002-12-07T13:10:08","guid":{"rendered":".\/?p=10249"},"modified":"2002-12-07T13:10:08","modified_gmt":"2002-12-07T13:10:08","slug":"10249","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/12\/10249\/","title":{"rendered":"&#x91;&#x91;Wann kommen echte Kampfma&szlig;nahmen?&#x91;&#x91;"},"content":{"rendered":"<p>8.000 Besch&auml;ftigte des &ouml;ffentlichen Dienstes in Bremen auf der Stra&szlig;e <\/p>\n<p>  von Sascha Stanicic<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nSie kamen aus Mainz, Hannover, Wiesbaden, Bremen, Hamburg, Bremerhaven, Berlin, G&ouml;ttingen und vielen anderen St&auml;dten. Unter ihnen waren LehrerInnen, Postbeamte, Feuerwehrleute, PolizistInnen, Telekom-Besch&auml;ftigte, Verwaltungsbeamte. Es waren viele: 8.000. Ihr Ziel: den am 5.12. in Bremen tagenden Innenministern der L&auml;nder einzuheizen und sie zu warnen &#8211; Nullrunde und Besoldungsk&uuml;rzungen f&uuml;r Beamte werden auf erbitterten Widerstand sto&szlig;en. <\/p>\n<p>  Es waren vor allem Beamtinnen und Beamte, die an dieser Demonstration teilnahmen (und die in Bremen selber sogar in einen Warnstreik getreten waren) &#x96; nicht gerade die  traditionelle Speerspitze der Gewerkschaftsbewegung. Und gerade deshalb war diese Demonstration ein Anzeichen f&uuml;r die Wut und Kampfbereitschaft, die in den Betrieben und Verwaltungen herrscht und der Bote eines m&ouml;glichen &#8222;hei&szlig;en Winters&#8220;, der zu Massenprotesten und Streiks gegen die dreisten Provokationen der &ouml;ffentlichen Arbeitgeber in der laufenden Tarifrunde, gegen Hartz und R&uuml;rup und gegen Sozialk&uuml;rzungen in Bund, L&auml;ndern und Kommunen f&uuml;hren w&uuml;rde. Auf vielen selbstgemalten Plakaten und Transparenten machten KollegInnen deutlich, dass sie eine Nullrunde nicht akzeptieren werden &#8211; K&uuml;rzungen bei Beamtenbesoldung, Weihnachts- und Urlaubsgeld schon gar nicht. Feuerwehrleute brachten ihre Kampfbereitschaft auf einem selbstgemalten Transparent auf den Punkt. In Anlehnung an den achtt&auml;gigen Streik der britischen Feuerwehrleute hie&szlig; es dort: &#8222;Englischer Arbeitskampf ist auch bei uns m&ouml;glich! Wir sind soweit. Versprochen!&#8220; <br \/>  Die G&ouml;ttinger GdP (Gewerkschaft der Polizei) hatte in Anlehnung an die Castor-Proteste Plakate und Aufkleber mit der Aufschrift &#8222;Jetzt stellen wir uns quer&#8220; drucken lassen. Basismitglieder der G&ouml;ttinger GdP brachten ihren Unmut mit der Gewerkschaftsf&uuml;hrung auf Transparenten zum Ausdruck. Dort hie&szlig; es: &#x84;GdP-SPD-Verbr&uuml;derung. GdP-Funktion&auml;re halten still, weil ihre Partei SPD es will.&#8220; Und: &#8222;Hallo GdP! Wenn der Erfolg ausbleibt, dann ist die Methode falsch! Wann kommen echte Kampfma&szlig;nahmen?&#8220; Einer der Polizeibeamten, der eines dieser Transparente hochhielt sagte, dass viele seiner KollegInnen nur noch wegen der Haftpflichtversicherung in der Gewerkschaft seien und es auch deshalb dringend n&ouml;tig sei,<br \/>  dass endlich f&uuml;r L&ouml;hne und Geh&auml;lter gek&auml;mpft werde. <\/p>\n<p>  Die RednerInnen, unter ihnen die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange und der verdi-Chef Frank Bsirske, wurden immer wieder von lauten Sprechch&ouml;ren &#8222;Eichel muss weg&#8220;   unterbrochen. Die k&auml;mpferische Stimmung der DemonstrantInnen dr&uuml;ckte sich dann auch in den Reden der Spitzenfunktion&auml;re aus, was einmal mehr best&auml;tigte, dass ein Publikum<br \/>  unmittelbaren Einfluss auf seine RednerInnen nimmt. <br \/>  Eva-Maria Stange wetterte gegen die Million&auml;re und Superreichen in der Republik, die keinen Beitrag zum Gemeinwohl leisten wollen. Sie wies das Argument der leeren &ouml;ffentlichen Kassen zur&uuml;ck und forderte dazu auf die wirklichen Ursachen f&uuml;r die leeren Kassen zu bek&auml;mpfen. Unter gro&szlig;em Applaus fragte sie &#8222;Wieso sollen Millionen Steuern zahlen und die Million&auml;re nicht?&#8220; Ihre Antwort war die Einf&uuml;hrung der Verm&ouml;gensteuer. W&auml;hrend Stange keine klare Aussage zur Gewerkschaftsforderung in der Tarifrunde machte und sich darauf beschr&auml;nkte &Ouml;ffnungsklauseln in der Beamtenbesoldung und eine Nullrunde abzulehnen, sowie die Angleichung von Ost- und Westl&ouml;hnen bis sp&auml;testens 2007 zu fordern, betonte Frank Bsirske, dass die Drei vor dem Komma stehen m&uuml;sse. Er wies darauf hin, dass die Besch&auml;ftigten des &ouml;ffentlichen Dienstes in den letzten zehn Jahren (mit einer Ausnahme) schlechtere Tarifabschl&uuml;sse als in der Privatwirtschaft abgeschlossen haben. Auch die &uuml;berlangen Laufzeiten der Tarifvertr&auml;ge im &ouml;ffentlichen Dienst sprach Bsirske an und kritisierte damit, zumindest indirekt, seine Vorg&auml;nger an der Spitze der Gewerkschaft. Als er berichtete, dass die Arbeitgeber nun den Abbau von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Lohnk&uuml;rzungen und keine Ost-West-Angleichung vorschlugen, rief er den versammelten Kolleginnen und Kollegen zu &#x84;Ja, haben die denn eigentlich den Schuss geh&ouml;rt oder was ist hier los? So nicht! Jedenfalls nicht mit uns!&#x93; Tosender Applaus war immer wieder die Reaktion auf solch deutliche Worte. Die Forderungen von verdi seien demgegen&uuml;ber: eine Lohn- und Gehaltserh&ouml;hung von mehr als drei Prozent, die Angleichung der Ost-L&ouml;hne und &#x96;Geh&auml;lter an den Weststandard bis sp&auml;testens 2007 und eine zeit- und inhaltsgleiche &Uuml;bertragung des Tarifergebnisses auf die Beamtinnen und Beamten. Auch Bsirske forderte die Verm&ouml;gensteuer und rechnete vor, dass diese 15,9 Milliarden Euro einbringen w&uuml;rde und Deutschland damit erst den Durchschnitt von Unternehmensbesteuerung in den OECD-Staaten erreichen w&uuml;rde. Er schimpfte, dass den Reichen Jahr f&uuml;r Jahr Milliarden in den Hintern geschoben werden und nannte diese auch beim Namen: die Familie Holzbrink mit f&uuml;nf bis sechs Milliarden Euro Famlienverm&ouml;gen und die acht Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank, die zusammen 750 Millionen Euro Jahresgehalt beziehen.. Einen Verzicht auf die Verm&ouml;gensteuer bezeichnete Bsirske als &#x84;Sozialhilfe auf h&ouml;chstem Niveau f&uuml;r Gruppen, die das nicht n&ouml;tig haben.&#x93; Er griff auch die Tatsache an, dass die K&ouml;rperschaftssteuer von einer Unternehmenssteuer zu einer Unternehmenssubvention geworden ist und im letzten Jahr 450 Millionen Euro an R&uuml;ckzahlungen an die Konzerne geflossen sind. Und wieder einmal unter gro&szlig;em Applaus sagte er &#x84;Es stimmt etwas nicht, wenn Postbeamte und M&uuml;llwerker mehr Steuern zahlen als DaimlerChrysler oder BMW!&#x93; Und: &#x84;Sparen f&uuml;r Gloria von Thurn und Taxis ist die falsche Botschaft!&#x93;<br \/>  Bsirske erkl&auml;rte, dass die Drei vor dem Komma in der Privatwirtschaft nur durch Warnstreiks und Streiks erreicht werden konnte und das dies auch im &ouml;ffentlichen Dienst zu erwarten sei. Er prophezeite einen harten Winter und rief die DemonstrantInnen dazu auf sich auf einen gro&szlig;en Konflikt einzustellen. Die Beamtinnen und Beamte forderte er auf bei einem Streik nicht Abseits zu stehen. Sie sollen keine Streikbrechert&auml;tigkeiten ausf&uuml;hren, an Demonstrationen teilnehmen und phantasievolle Nadelstiche gegen die Arbeitgeber ausf&uuml;hren. Die Beteiligung von Bremer Beamtinnen und Beamten an der Demonstration im Rahmen eines Warnstreiks weist darauf hin, dass in der Bundesrepublik Zeiten bevorstehen, in denen das Streikverbot f&uuml;r Beamtinnen und Beamte nicht nur in Frage gestellt, sondern auch gebrochen werden wird. Die Bremer Gewerkschaften des &ouml;ffentlichen Dienstes, verdi, GdP, GEW und Transnet, hatten auch schon ein entsprechendes Flugblatt produziert. Sie verteilten eine symbolische Urkunde mit der Aufschrift &#x84;Hiermit verleihen wir der Beamtin\/dem Beamten ___ mit sofortiger Wirkung das Streikrecht auf Lebenszeit&#x93;<\/p>\n<p>  Aktive des Netzwerks f&uuml;r eine k&auml;mpferische und demokratische verdi und SAV-Mitglieder verteilten das Tarifinfo des Netzwerks, machten einen Info-Stand und erfuhren eine positive Resonanz von vielen Kolleginnen und Kollegen. Eine Verk&auml;uferin der &#x84;Solidarit&auml;t &#x96; Sozialistische Zeitung&#x93; konnte 16 Exemplare an DemonstrantInnen verkaufen.<\/p>\n<p>  Die Zeichen im &ouml;ffentlichen Dienst stehen eindeutig auf Sturm. Frank Bsirskes Rede war nicht dazu geeignet, die verdi-Mitgliedschaft auf einen faulen Kompromiss vorzubereiten. Im Gegenteil: sie wird die Erwartungen in die Tarifrunde und die vorhandene Streikbereitschaft noch gesteigert haben. Dass Bsirske eine solche Rede h&auml;lt signalisiert keinen Linksruck in der Gewerkschaftsf&uuml;hrung, sondern den Druck und die hohe Erwartungshaltung an der Basis. Nur wenn dieser Druck gesteigert wird und eine organisierte Form findet, nur wenn die Gewerkschaftsbasis direkt in die Tarifrunde eingreift, nur wenn Bsirske und anderen Spitzenfunktion&auml;rInnen die angebrachte Skepsis entgegengebracht wird, nur dann kann ein erfolgreicher Streik gef&uuml;hrt werden. Denn interessant ist auch, was Bsirske nicht gesagt hat: kein Wort zum Arbeitsplatzabbau bei der Telekom und in anderen Bereichen und kein Wort zur Arbeitszeitverk&uuml;rzung als einzigem Mittel, um Arbeitspl&auml;tze zu schaffen. Kein Wort dazu, dass verdi selber immer wieder Privatisierungen und der Einf&uuml;hrung von Spartentarifvertr&auml;gen zugestimmt hat. Kein Wort dazu, dass die Abschl&uuml;sse der letzten Jahre Reallohnverlust bedeutet haben, kein Wort zu dem neuen Schlichtungsabkommen und keine Erkl&auml;rung, warum &uuml;berhaupt Verhandlungen gef&uuml;hrt werden, wenn verdi tats&auml;chlich nicht bereit sein sollte einen Kompromiss einzugehen. Kein Wort auch zu der erwartenden Streiktaktik und ob verdi die desastr&ouml;se Flexi-Taktik der IG Metall &uuml;bernehmen wird, die den Arbeitgebern nicht weh tut. Und nat&uuml;rlich kein Wort dazu, dass Geld f&uuml;r Krieg und Waffen da ist und der Tarifkampf ein politischer Kampf sein muss gegen eine kapitalistische Regierung, die kapitalistische Politik f&uuml;r die Kapitalisten macht. Stattdessen verbreitete auch Bsirske die keynesianistische Illusion, dass die kapitalistische Krise durch eine Erh&ouml;hung der Massenkaufkraft &uuml;berwunden werden k&ouml;nne. Dem ist mitnichten so: der Kapitalismus ger&auml;t in die Krise aufgrund der ihm innewohnenden Widerspr&uuml;che. Einer dieser Widerspr&uuml;che ist, dass die Massen nicht alle produzierten Waren kaufen k&ouml;nnen, weil sie nur einen Teil der produzierten Werte als Lohn ausgezahlt bekommen. Dies bleibt auch bei einer dreiprozentigen Lohnerh&ouml;hung der Fall. Und wenn wir uns einen gr&ouml;&szlig;eren Anteil des Reichtums der Banken und Konzerne erk&auml;mpfen, werden diese wiederum versuchen mit anderen Mitteln ihre Profite zu maximieren. So lange der kapitalistische Konkurrenzkampf und die Profitproduktion bestehen, solange das kapitalistische System nicht abgeschafft wird, solange wird es auch zu wiederkehrenden Wirtschaftskrisen kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8.000 Besch&auml;ftigte des &ouml;ffentlichen Dienstes in Bremen auf der Stra&szlig;e <\/p>\n<p> von Sascha Stanicic<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10249"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10249"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10249\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}