{"id":10233,"date":"2002-11-21T10:59:39","date_gmt":"2002-11-21T09:59:39","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10233"},"modified":"2013-06-04T14:37:21","modified_gmt":"2013-06-04T12:37:21","slug":"10233","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/11\/10233\/","title":{"rendered":"T&#252;rkei nach dem islamistischen Wahlsieg"},"content":{"rendered":"<p>  Keine von den bisherigen Regierungsparteien konnte ins Parlament   einziehen. Doch auch der gem&#228;&#223;igt-islamistischen AKP-Regierung wird vor   dem Hintergrund der sozialen Krise und der Kriegsgefahr keine Stabilit&#228;t   beschieden sein.<\/p>\n<p>von Claus Ludwig, K&#246;ln<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Parteien, die in den letzten 20 Jahren das politische Geschehen in   der T&#252;rkei gepr&#228;gt haben, wurden durch die Wahl von der Oberfl&#228;che   gefegt. Die st&#228;rkste Regierungspartei, die DSP von Ecevit, fiel von 20   auf 1,2 Prozent. Die faschistische MHP, die 1999 von einer   nationalistischen Welle getragen auf fast 20 Prozent kam, fiel auf 8   Prozent zur&#252;ck. Die liberal-konservativen Parteien DYP und ANAP, beide   Symbole f&#252;r Korruption und Auspl&#252;nderung der Armen, blieben unter zehn   Prozent.<br \/>Die AKP verf&#252;gt mit 35 Prozent der Stimmen &#252;ber eine   Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament, einzige Oppositionspartei ist die   Partei des Staatsgr&#252;nders Atat&#252;rk, die CHP. Wegen dem undemokratischen   Wahlsystem, der Zehn-Prozent-H&#252;rde, sind allerdings nur 50 Prozent der   W&#228;hlerInnen im Parlament repr&#228;sentiert.<br \/>Die AKP konnte   siegen, weil sie nicht mit der Korruption und dem sozialen Kahlschlag   der letzten Jahre identifiziert wird. Tats&#228;chlich ist sie die einzige   &quot;normale&quot; b&#252;rgerliche Partei in der T&#252;rkei, die ihre Positionen in den   Kommunen nicht allein zur Bereicherung der eigenen Leute verwendete,   sondern auch so etwas wie &quot;Sozialpolitik&quot; &#8211; zum Beispiel mit Armenk&#252;chen   und Brot-Verteilstellen &#8211; machte.<\/p>\n<p>Soziale Krise<\/p>\n<p>Die   AKP ist keineswegs radikal. Sie lehnt einen US-Alleingang gegen den Irak   ab, bekennt sich aber zum &quot;Krieg gegen den Terror&quot; und tritt nicht gegen   von der UNO beschlossene Angriffe auf den Irak ein. Sie will den   Beitritt der T&#252;rkei zur EU und begr&#252;&#223;t die Umsetzung der vom   Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) beschlossenen K&#252;rzungs- und   Privatisierungsma&#223;nahmen. Allerdings trat sie im Wahlkampf f&#252;r die   Neuverhandlung der IWF-Bedingungen ein und forderte zum Beispiel   gro&#223;z&#252;gigere Subventionen an die B&#228;uerInnen. T&#252;rkische K&#228;uferInnen   sollten bei Privatisierungen bessere Bedingungen bekommen, die   Belegschaften mehr Mitspracherechte.<br \/>Vor dem Hintergrund der enormen   Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage war die AKP f&#252;r viele die   einzige Alternative zu den traditionellen Parteien. Die Islamisten haben   ihre Hochburgen in den st&#228;dtischen Armenvierteln und in den Kleinst&#228;dten   und D&#246;rfern des anatolischen Kernlandes.<br \/>Seit dem Beginn der   schweren Wirtschaftskrise im Herbst 2000 haben weit &#252;ber eine Millionen   Menschen ihre Arbeit verloren. Die t&#252;rkische Lira ist nur noch halb so   viel wert wie zuvor. Die Wirtschaft ist 2001 um fast acht Prozent   geschrumpft. Dieses Jahr gibt es ein bescheidenes Wachstum, aber es   droht ein erneutes Absacken. Die Stimmung in der arbeitenden Bev&#246;lkerung   ist ged&#228;mpft bis depressiv.<br \/>Die AKP wird daran nichts &#228;ndern.   Auch die faschistische MHP versuchte in der letzten Regierung, sich als   Verteidigerin der Armen aufzuspielen, w&#228;hrend sie die Beschl&#252;sse des IWF   umsetzte. Das klappt einige Monate, aber nicht unbegrenzt. Die AKP wird   ihren guten Ruf, f&#252;r die Armen Politik zu machen, schnell verlieren,   wenn die n&#228;chste Welle an Privatisierungen und K&#252;rzungen kommt, wenn mit   Hilfe des t&#252;rkischen Milit&#228;rs die Angriffe auf den Irak rollen.<\/p>\n<p>Islamistische   Radikalisierung?<\/p>\n<p>Es ist eher unwahrscheinlich, dass diese   Regierung vier Jahre im Amt bleibt. Bei der n&#228;chsten Wahl m&#246;gen die   jetzigen Parlamentsparteien abgestraft werden. Allerdings w&#252;rde die AKP   nicht einfach verschwinden. Sie jetzt als &quot;islamistisch&quot; zu bezeichnen,   ist, betrachtet man nur den Moment, &#252;bertrieben. Doch ihre Wurzeln   liegen im islamischen Fundamentalismus, dem politischen Islam. Sie hat   ihre jetzige St&#228;rke durch &quot;Protestw&#228;hler&quot; bekommen, doch sie hat   durchaus eine gefestigte islamistische Basis. M&#228;chtige Faktoren &#8211; die   Tiefe der sozialen Krise, das Eingreifen des US-Imperialismus gegen   islamische L&#228;nder &#8211; werden Teile der AKP radikalisieren, werden &#252;ber   kurz oder lang zu Machtk&#228;mpfen oder Spaltungen in der islamischen   Bewegung f&#252;hren.<br \/>Zur Zeit h&#228;lt sich das Milit&#228;r zur&#252;ck. 1997   hatten die Gener&#228;le in einem &quot;leisen Putsch&quot; die islamistische   Refah-Partei aus der Regierung gedr&#228;ngt, 2001 deren Nachfolgepartei   verboten. In einer zugespitzten wirtschaftlichen Situation, in der sich   die AKP oder Teile der Partei radikalisieren, kann es erneut zu einer   Aktion der Milit&#228;rs kommen. Dann droht eine gef&#228;hrliche Zuspitzung der   Lage, eine Frontstellung zwischen den repressiven Milit&#228;rs und der   verbitterten Jugend, die sich wegen der Hoffnungslosigkeit der Lage dem   politischen Islam zuwendet. In Algerien hat diese Situation seit dem   Beginn der 90er Jahre zu einem blutigen B&#252;rgerkrieg gef&#252;hrt.<\/p>\n<p>Abschneiden   von DEHAP<\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen der T&#252;rkei haben dabei   nichts zu gewinnen. Weder die korrupten Agenten des IWF, welche die   traditionellen b&#252;rgerlichen Parteien steuern, noch die Milit&#228;rs, welche   die T&#252;rkei und der Glocke dumpfer Repression halten noch die Islamisten,   die von sozialen Wohltaten t&#246;nen aber auch Politik f&#252;r die Reichen   machen und die Gesellschaft entlang religi&#246;ser Linien spalten, bieten   einen Weg nach vorne.<br \/>Nur der Aufbau einer sozialistischen Bewegung,   die sich auf die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen gegen die Auspl&#252;nderung des   Landes st&#252;tzt, kann einen Ausweg aufzeigen.<br \/>Das linke   Wahlb&#252;ndnis DEHAP, bestehend aus der kurdischen Partei HADEP und den   kleinen Linksparteien EMEP und SDP, konnte bei den Wahlen 6,5 Prozent   der Stimmen erobern. Dieses Ergebnis hat viele entt&#228;uscht. An den   Veranstaltungen von DEHAP hatten viele zehntausende Menschen   teilgenommen.<br \/>DEHAP sah sich &#8211; wie schon HADEP 1999 &#8211; massiver   Repression gegen&#252;ber. In den kurdischen Gebieten gab es Wahlf&#228;lschungen,   Milit&#228;r und Polizei drohten D&#246;rfern mit Repressalien, sollte DEHAP viele   Stimmen bekommen.<br \/>Das alleine kl&#228;rt allerdings nicht die Schw&#228;chen   von DEHAP. In Kurdistan ist DEHAP die st&#228;rkste Kraft, auch in den   Vierteln Istanbuls, in denen viele KurdInnen leben, konnte DEHAP gut   abschneiden. Doch der Br&#252;ckenschlag zur t&#252;rkischen Arbeiterklasse ist   nicht gelungen. Die Programmatik von DEHAP ist verschwommen geblieben.   Die kurdische Bewegung ist in den letzten Jahren mehr in die politische   Mitte ger&#252;ckt. Statt gemeinsamer sozialer Interessen von kurdischen und   t&#252;rkischen ArbeiterInnen wurde etwas abstrakt die Frage der   demokratischen Rechte betont. Ohne eine Vorstellung davon zu geben, wie   eine andere Gesellschaft erk&#228;mpft werden kann, ohne klar den Charakter   des t&#252;rkischen Kapitalismus aufzuzeigen, wird die Linke nicht zu einer   gro&#223;en Kraft werden k&#246;nnen. Wenn DEHAP &#252;berwiegend als &quot;Vertreter der   Kurdengebiete&quot; gesehen wird, werden auch viele t&#252;rkische ArbeiterInnen,   die keine nationalistischen Ideen vertreten, sagen: &quot;Ich kann euer   Anliegen verstehen, aber um ehrlich zu sein, haben wir hier ganz andere   Sorgen.&quot;<br \/>Es muss jetzt darum gehen, aus den Abwehrk&#228;mpfen der   kommenden Monate und Jahre, die es unweigerlich geben wird, eine   sozialistische Bewegung aufzubauen, welche ein klares Programm zur   Abschaffung des Kapitalismus mit Forderungen f&#252;r demokratische Rechte   und gegen die Unterdr&#252;ckung in Kurdistan verbindet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Keine von den bisherigen Regierungsparteien konnte ins Parlament<br \/>\n      einziehen. 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