{"id":10224,"date":"2002-11-13T16:36:43","date_gmt":"2002-11-13T16:36:43","guid":{"rendered":".\/?p=10224"},"modified":"2002-11-13T16:36:43","modified_gmt":"2002-11-13T16:36:43","slug":"10224","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/11\/10224\/","title":{"rendered":"Europ&auml;isches Sozialforum in Florenz"},"content":{"rendered":"<p><b><img loading=\"lazy\" src=\"\/media\/images\/ESF-AntiKriegsDemo-Florenz021109.jpg\" width=\"180\" height=\"200\"[ ]align=\"left\"><i><font color=\"#cc0000\">Eine Million demonstrieren gegen den drohenden Irak-Krieg <\/font><\/i><\/b><br \/>    60.000 Menschen aus &uuml;ber 100 Nationen nahmen vom 7. bis 10. November am ersten Europ&auml;ischen Sozialforum (ESF) in Florenz teil. Wie bereits beim Weltsozialforum in Porto Allegre, Brasilien, gab es auch hier vier Tage lang Diskussionen, Veranstaltungen, Workshops &#8230; <\/p>\n<p>    <i>von Davide Bastone, Malena Alderete, Stuttgart, und Sascha Stanicic, Berlin<\/i> <\/p>\n<p>   <small>Dies ist eine ausf&uuml;hrlichere Version des Artikels der in der Solidarit&auml;t Nr. 9 erschien.<\/small><!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nSchon eine Woche zuvor wurden BesucherInnnen des ESF schikaniert: Die italienische Regierung setzte das Schengener Abkommen au&szlig;er Kraft. Zehn Tage lang wurden die Grenz&uuml;berg&auml;nge nach &Ouml;sterreich und Frankreich kontrolliert. Man wollte so verhindern, dass &#x84;St&ouml;rer&#x93; in die toskanische Hauptstadt kommen, hie&szlig; es aus Rom. 1.000 AktivistInnen wurden an den Grenzen zur&uuml;ckgewiesen. Die italienische Regierung hatte erst am Donnerstag entschieden, das Sozialforum und die geplante Gro&szlig;demonstration gegen den drohenden US-Angriff auf den Irak doch nicht zu verbieten. <br \/>    Genutzt haben ihre Einsch&uuml;chterungsversuche nichts: Das ESF und die Demonstration gegen den Krieg waren ein riesiger Erfolg der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung.<\/p>\n<p>    An der Anti-Kriegs-Demonstration am Samstag, dem 9. November, nahmen anstatt der erwarteten 200.000 Menschen, circa eine Million teil. Die Kreativit&auml;t der Bewegung kannte wieder einmal keine Grenzen. Es gab ein Meer von Schildern, Transparenten und Fahnen, einige hatten sich ihre Gesichter bemalt, TrommlerInnen machten Musik und viele tanzten. <br \/>    Es herrschte eine sehr friedliche, festliche und politisierte Stimmung. Die Parolen waren sehr k&auml;mpferisch und st&auml;ndig wurden Arbeiterlieder gesungen.<br \/>    EinwohnerInnen von Florenz, die nicht auf der Stra&szlig;e waren, standen an den Fenstern und beteiligten sich mit Jubel und Beifallsbekundungen. <br \/>    Aus den Fenstern wurden rote Fahnen geschwenkt, wei&szlig;e Bettlaken und die &uuml;berall zu sehende Regenbogen-Friedensfahne rausgeh&auml;ngt, die AnwohnerInnen winkten und applaudierten dem Demozug. Viele erhoben ihre F&auml;uste.<br \/>    An einem Fenster hielt eine Familie ein St&uuml;ck Pappe mit der Aufschrift raus: &#x84;tornate anche domani&#x93; &#8211; &#x84;kommt morgen wieder&#x93;. <br \/>    Aber auch am Stra&szlig;enrand standen Menschenreihen, die auf die DemonstrantInnen warteten. Ein Mann hatte seinen Regenschirm beschriftet und aufgespannt: &#x84;grazie ragazzi&#x93; &#8211; &#x84;Danke Jugend&#x93;. <\/p>\n<p>    <font color=\"#cc0000\"><b>Proteste aus Betrieben und Gewerkschaften<\/b><\/font><\/p>\n<p>    Die Proteste waren auch deshalb so stark, da die italienischen Gewerkschaften sehr gut vertreten waren, allen voran die CGIL aber auch die Cobas und weitere Basisgewerkschaften. Laut der italienischen Tageszeitung &#x84;La Republica&#x93; nahmen 200.000 CGIL-Mitglieder an der Demo teil. Diese stellten auch einen gro&szlig;en Anteil der OrdnerInnen. Leider marschierten diese GewerkschafterInnen nicht gemeinsam in einem Block, der die Macht der Gewerkschaften und der Arbeiterklasse eindrucksvoll h&auml;tte zur Schau stellen k&ouml;nnen. Die Demo richtete sich nicht nur gegen den geplanten Irak-Krieg, sondern zum Beispiel auch gegen die &Auml;nderung des Artikel 18, dem Abbau von K&uuml;ndigungsschutz. <br \/>    Vor allem die Fiat-ArbeiterInnen waren in den Bl&ouml;cken verschiedener Gewerkschaften vertreten. Das Management des italienischen Autoherstellers hatte vergangene Woche Massenentlassungen und die Schlie&szlig;ung des Werks Termini Imerese bei Palermo angek&uuml;ndigt. Dadurch w&uuml;rde die Arbeitsplatzsituation auf Sizilien sich noch weiter verschlechtern. <br \/>    Entsprechend forderte der CGIL-Bezirk Palermo auf einem Transparent in Florenz den Generalstreik gegen die Massenentlassungen. Auch auf einem Podium des ESF hatten Vertreter von CGIL und COBAS davon gesprochen, dass die gesamte italienische Arbeiterbewegung auf die Fiat-Krise reagieren m&uuml;sse. <\/p>\n<p>    <font color=\"#cc0000\"><b>Diskussionen auf dem ESF <\/b><\/font><\/p>\n<p>    Die Debatten auf dem ESF befassten sich vor allem mit den Themenkomplexen &#x84;Globalisierung und Liberalismus&#x93;, &#x84;Krieg und Frieden&#x93; und &#x84;B&uuml;rgerrechte und Demokratie&#x93;. So breit wir die Themenpalette und die Teilnehmerschaft waren auch die ge&auml;u&szlig;erten Meinungen. Abh&auml;ngig von den jeweiligen Ausrichtern von Veranstaltungen, wurde entweder &#x84;brav&#x93; im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung debattiert und &uuml;berlegt, ob diese etwas sozialer gestaltet werden kann, w&auml;hrend auf anderen Veranstaltungen die Notwendigkeit betont wurde, den Kapitalismus als das Grund&uuml;bel der Welt anzuprangern und f&uuml;r seine Abschaffung zu k&auml;mpfen. Die Stimmung, vor allem der jungen italienischen TeilnehmerInnen, war sehr antikapitalistisch. Unterm Strich kann man sagen, dass sich die Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung weiter nach links entwickelt und immer mehr AktivistInnen auf der Suche nach einer grundlegenden Systemalternative sind. Dem wird von den f&uuml;hrenden Organisationen und K&ouml;pfem wie zum Beispiel Attac, aber nicht entsprochen. Sie bieten keine wirkliche Vorstellung an, wie eine andere Welt aussehen und wie sie erreicht werden kann. <br \/>    Eine der gr&ouml;&szlig;ten Veranstaltungen, mit ca. 5.000 TeilnehmerInnen, fand zur Frage &#x84;Parteien in der Bewegung&#8220; statt, daran nahmen unter anderem Fausto Bertinotti, Vorsitzender der Kommunistischen Partei (Rifondazione Comunista &#8211; RC), Christian Str&ouml;bele, Gr&uuml;ner Bundestagsabgeordneter und Bernard Cassen, Pr&auml;sident von Attac Frankreich teil. Auch bei dieser Diskussion dominierte die Kriegsfrage. Bertinotti erkl&auml;rte, dass keine Partei &#x84;die F&uuml;hrung&#x93; der Bewegung &uuml;bernehmen sollte. Er betonte hingegen, dass die Pluralit&auml;t der Bewegung ihre St&auml;rke sei. <br \/>    Obwohl Bertinotti wie kein anderer Redner gefeiert wurde, passt er sich damit der Stimmung in der Bewegung an. Viele AktivistInnen haben eine berechtigte Skepsis gegen&uuml;ber politischen Parteien, denn sie haben die schlechte Erfahrung mit der Verb&uuml;rgerlichung der sozialdemokratischen Parteien und dem Rechtsruck, dem Parlamentarismus und den b&uuml;rokratischen Strukturen der kommunistischen (in Wirklichkeit stalinistischen) Parteien gemacht. Leider hat kein Redner darauf hingewiesen, dass eine solche Diskussion nicht in erster Linie um die Frage der Organisationsform, sondern der politischen Inhalte und Programme gehen muss. Bertinottis Pluralismus ist letztlich ein Verzicht darauf, revolution&auml;r-sozialistische Ideen offensiv zu verbreiten und eine Kampforganisation daf&uuml;r zur Verf&uuml;gung zu stellen. Er, aber auch die anwesenden Redner anderer sozialistischer Gruppierungen, hat die Gelegenheit verpasst die Debatte um eine sozialistische Alternative in den Mittelpunkt des ESF zu stellen. Dies ist umso bedauerlicher und unverst&auml;ndlicher, da&nbsp; Stimmung auf dieser Veranstaltung aber auch insgesamt bei ESF vom fortgeschrittenen Bewusstsein in Italien gepr&auml;gt war. Begriffe wie Sozialismus, Kommunismus und Revolution waren allgegenw&auml;rtig. <br \/>    Nur in Nebens&auml;tzen wurde von den VertreterInnen der linken Parteien auf die Rolle und Kraft der Arbeiterklasse hingewiesen, was bei den zwei vergangenen Generalstreiks in Italien ohnehin offensichtlich wurde. Aber die Bedeutung der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen, vor allem der Gewerkschaften, f&uuml;r den Aufbau einer Bewegung, die tats&auml;chlich eine &#x84;andere Welt&#x93; m&ouml;glich machen kann, wurde kaum betont.<br \/>    Eine lebendige Diskussion &uuml;ber die n&auml;chsten Aufgaben und &uuml;ber den Aufbau der Bewegung, w&auml;re ein wichtiger Schritt gewesen um die Bewegung voranzubringen. <\/p>\n<p>    <b><font color=\"#cc0000\">SAV und CWI beim ESF<\/font><\/b><\/p>\n<p>    Das Komitee f&uuml;r eine Arbeiterinternationale (englische Abk&uuml;rzung: CWI &#x96; die internationale sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen ist) war mit AktivistInnen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, England, Wales, Griechenland, Italien und Deutschland beim ESF vertreten. Unter anderem sprach der kasachische Arbeiterf&uuml;hrer und CWI-Mitglied Aynur Kurmanow bei Veranstaltungen. Er betonte als einziger Redner die Notwendigkeit neue Arbeiterparteien aufzubauen. <br \/>    Am Info-Stand des CWI und bei Veranstaltungen betonten CWI-Mitglieder die Notwendigkeit die Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung mit den allt&auml;glichen K&auml;mpfen der Arbeiterklasse gegen Entlassungen, Werksschlie&szlig;ungen, Sozialabbau und Privatisierungen zu verbinden. Und CWI-Mitglieder sprachen sich deutlich daf&uuml;r aus, dass die andere Welt eine sozialistische Welt sein muss, wenn sie die Krisen und Kriege des Kapitalismus beenden will. <\/p>\n<p>    <font color=\"#cc0000\"><b>Gemeinsam gegen kapitalistische Globalisierung und Krieg <\/b><\/font><\/p>\n<p>    Das Sozialforum und die Demonstration waren trotzdem ein weiterer Erfolg f&uuml;r die Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung. Allen b&uuml;rgerlichen Kommentatoren, die die Bewegung nach dem 11. September 2001 tot geschrieben haben wurde eine klare Botschaft mitgeteilt: Wir sind da und wir werden immer mehr! Zwei Ph&auml;nomene sind dabei von besonderer Bedeutung: Erstens die gr&ouml;&szlig;ere Beteiligung von Gewerkschaften bei diesem ESF als beim Weltsozialforum in Porto Alegre oder &auml;hnlichen Veranstaltungen in der Vergangenheit. Das bietet die Chance den wachsenden Antikapitalismus mit den sozialen und betrieblichen K&auml;mpfen der Arbeiterklasse zu vernetzen. Zweitens die Einheit der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung und der Bewegung gegen den Krieg. Dementsprechend beziehen sich die konkreten Ergebnisse des ESF auf den Aufbau einer massenhaften Protest- und Widerstandsbewegung gegen den drohenden Irak-Krieg. Es wurde festgehalten, dass sowohl am Samstag nach dem Kriegsbeginn als auch am 15.2. in allen europ&auml;ischen Metropolen Massendemonstration durchgef&uuml;hrt werden sollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b><img loading=\"lazy\" src=\"\/media\/images\/ESF-AntiKriegsDemo-Florenz021109.jpg\" width=\"180\" height=\"200\"[ ]align=\"left\"><i><font color=\"#cc0000\">Eine Million demonstrieren gegen den drohenden Irak-Krieg <\/font><\/i><\/b><br \/>\n   60.000 Menschen aus &uuml;ber 100 Nationen nahmen vom 7. bis 10. November am ersten Europ&auml;ischen Sozialforum (ESF) in Florenz teil. Wie bereits beim Weltsozialforum in Porto Allegre, Brasilien, gab es auch hier vier Tage lang Diskussionen, Veranstaltungen, Workshops &#8230; <\/p>\n<p>   <i>von Davide Bastone, Malena Alderete, Stuttgart, und Sascha Stanicic, Berlin<\/i> <\/p>\n<p>  <small>Dies ist eine ausf&uuml;hrlichere Version des Artikels der in der Solidarit&auml;t Nr. 9 erschien.<\/small><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[134],"tags":[144],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10224"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10224"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10224\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}