{"id":10196,"date":"2002-10-28T10:21:01","date_gmt":"2002-10-28T10:21:01","guid":{"rendered":".\/?p=10196"},"modified":"2002-10-28T10:21:01","modified_gmt":"2002-10-28T10:21:01","slug":"10196","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/10\/10196\/","title":{"rendered":"Kuba zwischen Dollar und Lebensmittelkarten"},"content":{"rendered":"<p>Als eine der letzten Bastionen der L&auml;nder, die Kapitalismus und Gro&szlig;grundbesitz abgeschafft haben, ist Kuba den Kapitalisten ein Dorn im Auge.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nSo reihte John Bolton, Staatssekret&auml;r im US-Au&szlig;enministerium, Kuba vor kurzem in die &#x84;Achse des B&ouml;sen&#x93; ein und behauptete, Castros Regime versuche, sich an der Entwicklung biologischer Kampfstoffe. <\/p>\n<p>  von Christoph W&auml;lz, Trier<\/p>\n<p>  Auch US-Pr&auml;sident Bush erkl&auml;rte, dass die USA das Handels- und Reiseembargo gegen Kuba erst aufheben werden, wenn es &#x84;zu politischen und wirtschaftlichen Reformen&#x93; komme.<br \/>  Immer mehr f&uuml;hrende US-PolitikerInnen sprechen sich jedoch f&uuml;r eine Lockerung der Sanktionen aus. Der Grund daf&uuml;r sind die Handelsbeziehungen, die Kuba mit Kanada und Europa unterh&auml;lt. Im internationalen Konkurrenzkampf wollen die US-Konzerne selber dabei sein, wenn mit Kuba Profite zu machen sind.<br \/>  Mit der rot-gr&uuml;nen Regierung hat sich auch der deutsche Kapitalismus verst&auml;rkt um Kontakte nach Kuba bem&uuml;ht. So wurde Kuba von der Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul als erste Regierungsvertreterin der BRD seit 1949 besucht. Auch Hans-Olaf-Henkel (Ex-Chef des Bundes der Deutschen Industrie) lie&szlig; sich ein Treffen mit Castro nicht nehmen.<br \/>  Trotz des Embargos, das Kubas wirtschaftliche Entwicklung und die Versorgung der Bev&ouml;lkerung empfindlich traf, konnte sich Kuba jahrzehntelang als Planwirtschaft behaupten. Das lag auch daran, dass 83 Prozent der Exporte in den Ostblock gingen. Mit drei bis f&uuml;nf Milliarden US-Dollar wurde Kuba j&auml;hrlich von der UdSSR subventioniert. Als der Stalinismus in Osteuropa zusammenbrach, brachte er damit die kubanische Wirtschaft an den Abgrund.<br \/>  Die Krise hatte verheerende soziale Auswirkungen: Mangelern&auml;hrung bei breiten Schichten und Einstellung des &ouml;ffentlichen Personenverkehrs. Kriminalit&auml;t, Korruption und Schwarzmarktgesch&auml;fte explodierten. Die Prostitution nahm wieder zu. Es kam zu Engp&auml;ssen in der Stromversorgung und zur Einf&uuml;hrung von Stromgeb&uuml;hren. Die Gesundheitsversorgung war nur noch mit M&uuml;he aufrecht zu erhalten. Die Folge waren die ersten offenen Unruhen gegen die Castro-Regierung und eine Massenflucht: 32.000 flohen in weniger als einem Monat. <\/p>\n<p>  Dollar-Einf&uuml;hrung<\/p>\n<p>  Um der Krise zu entkommen, beschnitt die Regierung das staatliche Au&szlig;enhandelsmonopol. Castro bem&uuml;hte sich um ausl&auml;ndisches Kapital, das &#x96; wie zum Beispiel der deutsche Konzern Bayer &#x96; in Freihandelszonen Zugriff auf billige kubanische Arbeitkr&auml;fte erhielt. Ab 1993 wurden auch begrenzte Marktmechanismen im Inneren eingef&uuml;hrt. Die Regierung legalisierte den US-Dollar, liberalisierte das Kleingewerbe, f&uuml;hrte Sparprogramme bei den &ouml;ffentlichen Finanzen durch, lie&szlig; die M&auml;rkte f&uuml;r Agrarprodukte wieder zu usw. <br \/>  1995\/96 griff Castro pl&ouml;tzlich das Kleingewerbe, die &#x84;Keimzellen einer einheimischen Bourgeoisie [Kapitalistenklasse]&#x93;, frontal an. Tausende mussten ihre Lizenzen zur&uuml;ckgeben. Dieser Zick-Zack-Kurs zeigt, dass Kubas Wirtschaft nicht durch eine rationale demokratische Planung der Besch&auml;ftigten gef&uuml;hrt wird, sondern durch eine B&uuml;rokratie, die zwischen Plan und Markt laviert.<\/p>\n<p>  Castros Regime<\/p>\n<p>  Castro und seine Guerilla-Armee errichteten nach dem Sturz des Kapitalismus ein Regime nach dem Vorbild der Sowjetunion. Trotzdem haben Castro und Co. zum Teil noch recht hohes Ansehen und sind mit den Honeckers und Gorbatschows nicht zu vergleichen: Sie st&uuml;rzten den Kapitalismus, sie werden verbunden mit den Errungenschaften zum Beispiel im Bildungs- und Gesundheitsbereich, sie waren es, die jahrzehntelang dem Yankee-Imperialismus die Sirn boten.<br \/>  Trotzdem ist die Verteidigung der Errungenschaften der Revolution bei Castro und seinen Leuten in schlechten H&auml;nden: Sie verhindern die Entstehung von Arbeiterdemokratie durch R&auml;te von unten. Sie sind darauf bedacht die Grundlage ihrer Privilegien einerseits gegen den Imperialismus, andererseits aber auch gegen die kubanische Arbeiterklasse zu verteidigen.<\/p>\n<p>  Wirtschaftliche Entwicklung<\/p>\n<p>  Ab 1994 erholte sich die Wirtschaft wieder allm&auml;hlich von der Krise. 1999 gab es sogar ein Wachstum von sechs Prozent. Inzwischen sind die Dollar-&Uuml;berweisungen von ausl&auml;ndischen Verwandten die gr&ouml;&szlig;te Devisenquelle f&uuml;r Kuba, gefolgt vom Zucker-Export und dem Tourismus. <br \/>  Die Masse der KubanerInnen erlebt die glitzernde Dollar-, Waren- und Tourismuswelt nicht als &#x84;Mittel, um Devisen reinzuholen, um die Errungenschaften der Revolution aufrecht zu erhalten&#x93;, f&uuml;r das sie offiziell ausgegeben wird. Denn durch die Dollar-Wirtschaft hat die soziale Ungleichheit zugenommen. <br \/>  Die Tourismusindustrie bietet Luxus f&uuml;r Ausl&auml;nderInnen und Billigjobs f&uuml;r KubanerInnen. Trotzdem geh&ouml;ren die Jobs dort wegen der Dollar-Trinkgelder zu den begehrtesten. Heute steht Kuba auf der Kippe. Die Wiedereinf&uuml;hrung des Kapitalismus ist nicht so weit fortgeschritten wie zum Beispiel in China. Es gibt noch eine grundlegende medizinische Versorgung. Immer noch geht jedes kubanische Kind zur Schule. Aber es ist eine tiefer werdende Spaltung der Wirtschaft entstanden: Dollar und Peso, beziehungsweise Lebensmittelkarten, Markt und Plan. <br \/>  Kapital und Arbeit haben gegens&auml;tzliche Interessen und nur eine Klasse kann die herrschende sein. Die Castro-B&uuml;rokratie &#x96; gerade auch in einer Zeit nach Castro &#x96; wird die Planwirtschaft aufgeben, wenn sie sich vom Weltmarkt den Erhalt ihrer Privilegien erhofft. Es h&auml;ngt von der Arbeiterklasse auf Kuba und dem internationalen Kr&auml;fteverh&auml;ltnis zwischen Arbeiterklasse und Imperialismus ab, ob das verhindert und eine Arbeiterdemokratie erk&auml;mpft werden kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als eine der letzten Bastionen der L&auml;nder, die Kapitalismus und Gro&szlig;grundbesitz abgeschafft haben, ist Kuba den Kapitalisten ein Dorn im Auge.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[142],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10196"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10196"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10196\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10196"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}