{"id":10143,"date":"2010-08-25T00:00:00","date_gmt":"2010-08-24T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10143"},"modified":"2012-07-18T15:26:02","modified_gmt":"2012-07-18T13:26:02","slug":"10143","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/10143\/","title":{"rendered":"Portr&#228;t des Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"<p>  von Leo D. Trotzki, 1933<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h2>  <a href=\"http:\/\/shop.sozialismus.info\/shop\/article_245\/Portr%C3%A4t-des-Nationalsozialismus.html\">als   Brosch&#252;re hier kaufen<\/a><\/h2>\n<\/p>\n<p>  Naive Leute glauben, die K&#246;nigsw&#252;rde stecke im K&#246;nig selbst, in seinem   Hermelinmantel und in der Krone, in seinem Fleisch und Bein. Aber die   K&#246;nigsw&#252;rde ist ein Verh&#228;ltnis zwischen Menschen. Der K&#246;nig ist nur   darum K&#246;nig, weil sich in seiner Person die Interessen und Vorurteile   von Millionen Menschen widerspiegeln. Wenn dieses Verh&#228;ltnis vom Strom   der Ereignisse weggesp&#252;lt wird, erweist sich der K&#246;nig blo&#223; als ein   verbrauchter Herr mit herabh&#228;ngender Unterlippe. Davon d&#252;rfte, aus   frischen Erlebnissen, jener erz&#228;hlen k&#246;nnen, der sich einst Alfons XIII   [1] nannte.<\/p>\n<p>  Der Unterschied zwischen dem F&#252;hrer von Gottes und dem von Volkes Gnaden   ist der, da&#223; dieser darauf angewiesen ist, sich selbst den Weg zu bahnen   oder wenigstens den Umst&#228;nden zu helfen, ihn zu entdecken. Aber jeder   F&#252;hrer ist immer ein Verh&#228;ltnis zwischen Menschen, ein individuelles   Angebot auf eine kollektive Nachfrage. Die Er&#246;rterung &#252;ber die   Pers&#246;nlichkeit Hitlers sind um so hitziger, je mehr man das Geheimnis   seines Erfolges in ihm selbst sucht. Doch ist es schwer, eine andere   politische Gestalt zu finden, die in einem solchen Ma&#223;e Knoten   unpers&#246;nlicher geschichtlicher Kr&#228;fte w&#228;re. Nicht jeder erbitterte   Kleinb&#252;rger k&#246;nnte ein Hitler werden, aber ein St&#252;ckchen Hitler steckt   in jedem von ihnen.<\/p>\n<p>  Das rasche Wachstum des deutschen Kapitalismus vor dem Kriege bedeutete   bei weitem nicht die einfache Aufreibung der Mittelklassen; w&#228;hrend er   einzelne Schichten des Kleinb&#252;rgertums zugrunde richtete, schuf er   wieder neue: Handwerker und Kr&#228;mer um die gro&#223;en Betriebe herum,   Techniker und Angestellte in den Betrieben. Aber w&#228;hrend sie sich   zahlenm&#228;&#223;ig hielten &#8211; das alte und das neue Kleinb&#252;rgertum umfa&#223;ten   nicht viel weniger als die H&#228;lfte des deutschen Volkes -, b&#252;&#223;ten die   Mittelklassen den letzten Schatten von Selbst&#228;ndigkeit ein; sie leben am   Rande der Schwerindustrie und des Bankensystems, sie a&#223;en die Brosamen   vom Tisch der Kartelle, sie lebten von den geistigen Almosen ihrer   fr&#252;heren Theoretiker und Politiker.<\/p>\n<p>  Die Kriegsniederlage verbaute dem deutschen Imperialismus den Weg. Die   &#228;u&#223;ere Dynamik verwandelte sich in die innere, der Krieg ging in die   Revolution &#252;ber. Die Sozialdemokratie, die den Hohenzollern geholfen   hatte, den Krieg bis zum tragischen Ende zu f&#252;hren, verbot dem   Proletariat, nun seinerseits die Revolution bis zum Ende zu f&#252;hren.   Vierzehn Jahre vergingen unter best&#228;ndigen Entschuldigungen der Weimarer   Demokratie f&#252;r ihr eigenes Dasein. Die Kommunistische Partei rief die   Arbeiter zu einer neuen Revolution, erwies sich aber als unf&#228;hig, sie zu   f&#252;hren. Die deutschen Arbeiter gingen durch die Siege und Zusammenbr&#252;che   des Krieges, der Revolution, des Parlamentarismus und des   Pseudobolschewismus. W&#228;hrend die alten b&#252;rgerlichen Parteien sich   restlos verausgabten, war zugleich die Bewegungskraft der Arbeiter   gebrochen.<\/p>\n<p>  Das Nachkriegschaos traf die Handwerker, Kr&#228;mer und Angestellten nicht   weniger heftig als die Arbeiter. Die Landwirtschaftskrise richtete die   Bauern zugrunde. Der Verfall der Mittelschichten konnte nicht ihre   Proletarisierung bedeuten, da ja im Proletariat selbst ein riesiges Heer   chronisch Arbeitsloser entstand. Die Pauperisierung der Mittelschichten   &#8211; mit M&#252;he durch Halstuch und Str&#252;mpfe aus Kunstseide verh&#252;llt &#8211; fra&#223;   allen offiziellen Glauben und vor allem die Lehren vom demokratischen   Parlamentarismus.<\/p>\n<p>  Die Vielzahl der Parteien, das kalte Fieber der wahlen, der fortw&#228;hrende   Wechsel der Ministerien komplizieren die soziale Krise durch das   Kaleidoskop unfruchtbarer politischer Kombinationen. In der durch Krieg,   Niederlage, Reparationen, Inflation, Ruhrbesetzung, Krise, Not und   Erbitterung &#252;berhitzen Atmosph&#228;re erhob sich das Kleinb&#252;rgertum gegen   alle alten Parteien, die es betrogen hatten. Die schweren Frustration   der Kleineigent&#252;mer, die aus dem Bankrott nicht herauskamen, ihrer   studierten S&#246;hne ohne Stellung und Klienten, ihre T&#246;chter ohne Aussteuer   und Freier, verlangten nach Ordnung und nach einer eisernen Hand.<\/p>\n<p>  Die Fahne des Nationalsozialismus wurde erhoben von der unteren und   mittleren Offfiziersschichten des alten Heeres. Die ordensgeschm&#252;ckten   Offiziere und Unteroffiziere konnten nicht darin einwilligen, da&#223; ihr   Heroismus und ihre Leiden nicht allein f&#252;rs Vaterland umsonst hingegeben   sein, sondern auch ihnen selbst keine besonderen Rechte auf Dank   gebracht haben sollten; daher stammte ihr Ha&#223; gegen die Revolution und   das Proletariat. Sie waren unzufrieden damit, da&#223; die Bankiers,   Fabrikanten, Minister sie wieder in die bescheidenen Stellungen von   Buchhaltern, Ingenieuren, Postbeamten und Volksschullehrern schickten &#8211;   daher ihr &quot;Sozialismus&quot;. An der Yser und vor Verdun hatten sie gelernt,   sich und andere aufs Spiel zu setzen und im Kommandoton zu reden, was   dem kleinen Mann im Hinterland m&#228;chtig imponierte. So wurden diese Leute   F&#252;hrer.<\/p>\n<p>  Zu Beginn seiner politischen Laufbahn zeichnete sich Hitler vielleicht   nur durch gr&#246;&#223;eres Temperament, eine lautere Stimme und selbstischer   geistige Beschr&#228;nktheit aus. Er brachte in die Bewegung keinerlei   fertiges Programm mit &#8211; wenn man den Rachedurst des gekr&#228;nkten Soldaten   nicht z&#228;hlt. Hitler begann mit Verw&#252;nschungen und Klagen &#252;ber die   Versailler Bedingungen[2] , &#252;ber das teure Leben, &#252;ber das Fehlen des   Respekts vor dem verdienten Unteroffizier, &#252;ber das Treiben der Bankiers   und Journalisten mosaischen [3] Bekenntnisses. Heruntergekommen,   Verarmte, Leute mit Schrammen und frischen blauen Flecken fanden sich   genug. Jeder von ihnen wollte mit der Faust auf den Tisch hauen. Hitler   verstand das besser als die anderen. Zwar wu&#223;te er nicht, wie der Not   beizukommen sei. Aber seine Anklagen klangen bald wie Befehl, bald wie   Gebet, gerichtet an das ungn&#228;dige Schicksal. Todgeweihte Klassen werden   &#8211; &#228;hnlich hoffnungslosen Kranken &#8211; nicht m&#252;de, ihre Klagen zu variieren   und Tr&#246;stungen anzuh&#246;ren. Alle Reden Hitlers sind auf diesen Ton   gestimmt. Sentimentale Formlosigkeiten, Mangel an Disziplin des Denkens,   Unwissenheit bei buntscheckiger Belesenheit &#8211; all diese Minus   verwandelten sich in ein Plus. Sie gaben ihn die M&#246;glichkeit, im   Bettelsack &quot;Nationalsozialismus&quot; alle Formen der Unzufriedenheit zu   vereinen und die Masse dorthin zu f&#252;hren, wohin sie ihn stie&#223;. Von den   eigenen Improvisationen des Beginns blieb im Ged&#228;chtnis des Agitators   nur das haften, was Billigung fand. Seine politischen Gedanken waren die   Frucht der rhetorische Akustik. So ging die Auswahl der Losungen   vonstatten. So verdichtete sich das Programm. So bildete sich aus dem   Rohstoff der &quot;F&#252;hrer&quot;.<\/p>\n<p>  Mussolini war von Anfang an der sozialen Materie bewu&#223;t als Hitler, dem   der Polizeimystizismus eines Metternich n&#228;her ist als die politische   Algebra Machiavelli[4]. Mussolini ist geistig verwegener und zynischer.   Als Beweis d&#252;rfte gen&#252;gen, da&#223; der r&#246;mische Atheist sich der Religion   lediglich bedient wie der Polizei oder der Justiz, w&#228;hrend sein Berliner   Kollege wirklich an die Unfehlbarkeit der r&#246;mischen Kirche glaubt. In   jener Zeit, als der heutige Diktator Italiens Marx noch f&#252;r &quot;unser aller   unsterblichen Meister&quot; hielt, verteidigte er nicht ohne Geschick die   Theorie, die im Leben der heutigen Gesellschaft vor allem das   Gegeneinderwirken zweier grundlegender Klassen sieht: der Bourgeoise und   des Proletariats. Allerdings, schrieb Mussolini im Jahre 1914, liegen   zwischen ihnen sehr zahlreiche Mittelschichten, die sozusagen das   &quot;einigende Gewebe der menschlichen Kollektive&quot; bilden, aber &quot;in einer   Krisenperiode werden die Mittelschichten ihren Interessen und Ideen   gem&#228;&#223; angezogen von der einen oder der anderen der beiden Hauptklassen.&quot;   Ein sehr wichtiges Theorem! Wie die wissenschaftliche Medizin ihre   Adepten sowohl mit der M&#246;glichkeit ausr&#252;stete, einen Kranken zu heilen,   als auch mit jener, auf k&#252;rzestem Wege einen Gesunden ins Grabe zu   legen, so hat die wissenschaftliche Analyse der Klassenbeziehungen &#8211; die   von ihrem Urheber zur Mobilisierung des Proletariats gedacht war &#8211;   Mussolini, als er ins gegnerische Lager schwenkte, die M&#246;glichkeit   gegeben, die Mittelklassen gegen das Proletariat zu mobilisieren. Hitler   hat die gleiche Arbeit verrichtet, wobei er die Methodologie des   italienischen Faschismus in die Sprache der deutschen Mystik &#252;bersetzte.&#160;<\/p>\n<p>  Die Scheiterhaufen, auf denen die verruchten Schriften des Marxismus   brennen, werfen helles Licht auf die Klassennatur des   Nationalsozialismus. Solange die Nazis als Partei handelten und nicht   als Staatsmacht, fanden sie fast keinen Eingang in die Arbeiterklasse.   Andererseits betrachtete die Gro&#223;bourgeoisie &#8211; auch jene, die Hitler mit   Geld unterst&#252;tzte &#8211; die Nazis nicht als ihre Partei. Das nationale   &quot;Erwachen&quot; st&#252;tzte sich ganz und gar auf die Mittelklassen, den   r&#252;ckst&#228;ndigsten Teil der Nation, den schweren Ballast der Geschichte.   Die politische Kunst bestand darin, das Kleinb&#252;rgertum durch   Feindseligkeit gegen das Proletariat zusammenzuschwei&#223;en. Was w&#228;re zu   tun, damit alles besser werde? Vor allem die niederdr&#252;cken, die unten   sind. Kraftlos vor den gro&#223;en Wirtschaftsm&#228;chten hofft das   Kleinb&#252;rgertum, durch die Zertr&#252;mmerung der Arbeiterorganisationen seine   gesellschaftliche W&#252;rde wiederherzustellen.<\/p>\n<p>  Die Nazis geben ihrem Umsturz den usurpierten Namen Revolution. In   Wirklichkeit l&#228;&#223;t der Faschismus in Deutschland wie auch in Italien die   Gesellschaftsordnung unangetastet. Hitlers Umsturz hat, isoliert   betrachtet, nicht einmal Recht auf den Namen Konterrevolution. Aber man   darf ihn nicht abgesondert sehen, er ist die Vollendung des Kreislaufs   von Ersch&#252;tterungen, der in Deutschland 1918 begann.&#160; Die   Novemberrevolution, die die Macht den Arbeiter- und Soldatenr&#228;ten   &#252;bergab, war in ihrer Grundtendenz proletarisch. Doch die an der Spitze   der Arbeiterschaft stehende Partei gab die Macht dem B&#252;rgertum zur&#252;ck.   In diesem Sinne er&#246;ffnete die Sozialdemokratie die &#196;ra der   Konterrevolution, ehe es der Revolution gelang, ihr Werk zu vollenden.   Solange die Bourgeoisie von der Sozialdemokratie und folglich von den   Arbeitern abh&#228;ngig war, enthielt das Regime aber immer noch Elemente des   Kompromisses. Bald lie&#223; die internationale und die innere Lage des   deutschen Kapitalismus keinen Raum mehr f&#252;r Zugest&#228;ndnisse. Rette die   Sozialdemokratie die Bourgeoisie vor der proletarischen Revolution, so   hatte der&#160; Faschismus seinerseits die Bourgeoisie vor der   Sozialdemokratie zu retten. Hitlers Umsturz ist nur das Schlu&#223;glied in   er Kette der konterrevolution&#228;ren Verschiebungen.<\/p>\n<p>  Der Kleinb&#252;rger ist dem Entwicklungsgedanken feind, denn die Entwicklung   geht best&#228;ndig gegen ihn &#8211; der Fortschritt brachte ihm nichts als   unbezahlbare Schulden. Der Nationalsozialismus lehnt nicht nur den   Marxismus, sondern auch den Darwinismus ab. Die Nazis verfluchen den   Materialismus, weil die Siege der Technik &#252;ber die Natur den Sieg des   gro&#223;en &#252;ber das kleine Kapital bedeuten. Die F&#252;hrer der Bewegung   liquidieren den &quot;Intellektualismus&quot; nicht so sehr deshalb, weil sie   selbst mit einem Intellekt zweiter und dritter Sorte versehen sind,   sondern vor allem, weil ihre geschichtliche Rolle es ihnen nicht   gestattet, irgendeinen Gedanken zu Ende zu f&#252;hren. Der Kleinb&#252;rger   braucht eine h&#246;chste Instanz, die &#252;ber Natur und Geschichte steht,   gefeit gegen Konkurrenz, Inflation, Krise und Versteigerung. Der   Evolution, dem &quot;&#214;konomischen Denken&quot;, dem Rationalismus &#8211; dem   zwanzigsten Jahrhundert &#8211; wird der nationale Idealismus als die Quelle   des Heldischen entgegengestellt. Die Nation Hitlers ist ein   mythologischer Schatten des Kleinb&#252;rgertums selbst, sein pathetischer   Wahn vom tausendj&#228;hrigen Reich auf Erden.<\/p>\n<p>  Um die Nation &#252;ber die Geschichte zu erheben, gab man ihr als St&#252;tze die   Rasse. Den geschichtlichen Ablauf betrachtet man als Emanation der   Rasse. Die Eigenschaften der Rasse werden ohne Bezug auf die   ver&#228;nderlichen gesellschaftlichen Bedingungen konstruiert. Das niedrige   &quot;&#246;konomische Denken&quot; ablehnend, steigt der Nationalsozialismus ein   Stockwerk tiefer, gegen den wirtschaftlichen Materialismus beruft er   sich auf den zoologischen.<\/p>\n<p>  Die Rassentheorie &#8211; wie eigens geschaffen f&#252;r einen anspruchsvollen   Autodidakten, der nach einem Universalschl&#252;ssel f&#252;r alle Geheimnisse des   Lebens sucht &#8211; sieht im Lichte der Ideengeschichte besonders kl&#228;glich   aus. Die Religion des rein germanischen mu&#223;te Hitler aus zweiter Hand   beim franz&#246;sischen Diplomaten und dilettierenden Schriftsteller   Gobineau[5] entlehnen. Die politische Methodologie fand Hitler fertig   bei den Italienern vor. Mussolini hat sich ausgiebig der Marxschen   Theorie des Klassenkampfes bedient. Der Marxismus selbst war die Frucht   einer Verbindung deutscher Philosophie, franz&#246;sischer   Geschichtsschreibung und englischer &#214;konomie. In der Genealogie der   Ideen &#8211; selbst der r&#252;ckschrittlichsten und stumpfsinnigsten &#8211; findet   sich vom Rassismus keine Spur.<\/p>\n<p>  Die Armseligkeit der nationalsozialistischen Philosophie hat die   Universit&#228;tsprofessoren selbstverst&#228;ndlich nicht gehindert, mit vollen   Segeln in Hitlers Fahrwasser einzulenken &#8211; als sein Sieg au&#223;er Frage   stand. Die Jahre der Weimarer Ordnung waren f&#252;r die Mehrheit des   Professorenp&#246;bels eine Zeit der Verwirrung und Unruhe. Die Historiker,   &#214;konomen, Juristen und Philosophen ergingen sich in Vermutungen dar&#252;ber,   welches Lager sich zu guter Letzt als Sieger erweisen werde. Die   faschistische Diktatur beseitigt die Zweifel der Fauste und das   Schwanken der Hamlets auf dem Universit&#228;tskatheder. Aus der D&#228;mmerung   der parlamentarischen Relativit&#228;t tritt die Wissenschaft wiederum in das   Reich des Absoluten ein. Einstein mu&#223;te Deutschland verlassen.<\/p>\n<p>  Auf der Ebene der Politik ist der Rassismus eine aufgeblasene und   prahlerische Abart des Chauvinismus, gepaart mit der Sch&#228;dellehre. Wie   herabgekommener Adel Trost findet in der alten Abkunft seines Blutes, so   bes&#228;uft sich das Kleinb&#252;rgertum am M&#228;rchen von den besonderen Vorz&#252;gen   seiner Rasse. Es verdient Beachtung, da&#223; die F&#252;hrer des   Nationalsozialismus nicht germanische Deutsche sind, sondern   Zugewanderte: aus &#214;sterreich, wie Hitler selbst, aus den ehemaligen   baltischen Provinzen des Zarenreichs, wie Rosenberg, aus den   Koloniall&#228;ndern, wie der augenblickliche Stellvertreter Hitlers in der   Parteileitung, He&#223;, und der neue Minister Darre. Es bedurfte der Schule   barbarischer nationaler Balgerei in den kulturellen Randgebieten, um den   F&#252;hrern die Gedanken einzufl&#246;&#223;en, die sp&#228;ter dann Echo im Herzen der   barbarischsten Klassen Deutschlands fanden.<\/p>\n<p>  Die Pers&#246;nlichkeit und die Klasse &#8211; der Liberalismus und der Marxismus &#8211;   sind das B&#246;se. Die Nation ist das Gute. Doch an der Schwelle des   Eigentums verkehrt sich diese Philosophie ins Gegenteil. Nur im   pers&#246;nliche Eigentum liegt das Heil. Der Gedanke des nationalen   Eigentums ist eine Ausgeburt des Bolschewismus. Obwohl er die Nation   vergottet, will der Kleinb&#252;rger ihr doch nichts schenken. Im Gegenteil   erwartet er, da&#223; die Nation ihm selbst Besitz beschert und diesen dann   gegen Arbeiter und Gerichtsvollzieher in Schutz nimmt.<\/p>\n<p>  Vor dem Hintergrund des heutigen Wirtschaftslebens &#8211; international in   den Verbindungen, unpers&#246;nlich in den Methoden &#8211; scheint das   Rassenprinzip einem mittelalterlichen Ideenfriedhof entstiegen. Die   Nazis machen im voraus Zugest&#228;ndnisse: Im Reich des Geistes wird   Rassereinheit durch den Pa&#223; bescheinigt, im Reich der Wirtschaft aber   mu&#223; sie sich durch Gesch&#228;ftst&#252;chtigkeit ausweisen. Unter heutigen   Bedingungen hei&#223;t das: durch Konkurrenzf&#228;higkeit. So kehrt der Rassismus   durch die Hintert&#252;r zum &#246;konomischen Liberalismus &#8211; ohne politischen   Freiheiten &#8211; zur&#252;ck.<\/p>\n<p>  Praktisch beschr&#228;nkt sich der Nationalismus in der Wirtschaft auf &#8211;   trotz aller Brutalit&#228;t &#8211; ohnm&#228;chtige Ausbr&#252;che von Antisemitismus. Vom   heutigen Wirtschaftssystem sondern die Nazi das raffende oder   Bankkapital als den b&#246;sen Geist ab; gerade in dieser Sp&#228;hre nimmt ja die   j&#252;dische Bourgeoisie einen bedeutenden Platz ein. W&#228;hrender sich vor dem   kapitalistischen System verbeugt, bekriegt der Kleinb&#252;rger den b&#246;sen   Geist des Profits in Gestalt des polnischen Juden im langsch&#246;&#223;igen   Kaftan, der oft keinen Groschen in der Tasche hat. Der Pogrom wir der   Beweis rassischer &#220;berlegenheit.<\/p>\n<p>  Das Programm, mit dem der Nationalsozialismus an die Macht gelangte,   erinnert nur zu sehr an die j&#252;dische Warenh&#228;user der finsteren Provinz.   Was findet man dort nicht alles &#8211; zu niedrigem Preis und in noch   niedrigerer Qualit&#228;t: Die Erinnerung an die &quot;gl&#252;cklichen&quot; Zeiten der   freien Konkurrenz und die vage &#220;berlieferung von der Stabilit&#228;t der   St&#228;ndegesellschaft, Tr&#228;ume von der Auferstehung des Kolonialreichs und   den Wahn von einer geschlossenen Wirtschaft, Phrasen &#252;ber eine R&#252;ckkehr   von r&#246;mischen zum altdeutschen Recht und &#252;ber die Bef&#252;rwortung des   amerikanischen Moratoriums, neidische Feindschaft gegen die Ungleichheit   in Gestalt einer Villa und eines Autos und tierische Furcht vor der   Gleichheit in Gestalt des Arbeiters mit der M&#252;tze und ohne Kragen,   tobender Nationalismus und Angst vor den Weltgl&#228;ubigern &#8211; dieser   internationale Auswurf politischer Gedanken f&#252;llt die geistige   Schatzkammer des neudeutschen Messianismus.<\/p>\n<hr>\n<p>  [1]Alfons XIII (1886-1941), letzter spanischer K&#246;nig, regierte   1902-1931, beg&#252;nstigte 1923 die Diktatur Primo de Riveras (den er 1930   zum R&#252;cktritt veranla&#223;te); er wurde 1931 gest&#252;rtzt und emigrierte ins   faschistische Italien.<\/p>\n<p>  [2]Der Versailler Friedensvertragm, dessen Unterzeichnung durch die   Vertreter der deutschen Regierung von den Siegerm&#228;chten 1919 ultimativ   erzwungen wurde, sollte den Frieden in Europa durch Beschneidung des   wirtschaftlichen und milit&#228;rischen Potentials des deutschen   Imperialismus sichern (Gebietsabtrennung, Reparationen, Abr&#252;stung).<\/p>\n<p>  [3]j&#252;dischen<\/p>\n<p>  [4]Niccolo Machiavelli (1469-1527) florentinischer Schriftsteller,   Diplomat und Macht-Theoretiker. Seine Reflexionen kreisen um das Problem   der Stabilisierung der italienischen Republiken und F&#252;rstent&#252;mer nach   Innen und Au&#223;en.<\/p>\n<p>  [5]J.SA.Comte de Gobineau (1816-1882), frz.Schriftsteller und Diplomat   entwickete eine Ideologie der &quot;arischen Rasse&quot; von der Nietzsche,   Wagner, H.St.Chamberlain, G.Sorel und M.Barres beeinflu&#223;t wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      von Leo D. 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