{"id":10135,"date":"2002-09-12T11:40:40","date_gmt":"2002-09-12T11:40:40","guid":{"rendered":".\/?p=10135"},"modified":"2002-09-12T11:40:40","modified_gmt":"2002-09-12T11:40:40","slug":"10135","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10135\/","title":{"rendered":"Wahlausgang v&ouml;llig offen"},"content":{"rendered":"<p><i>Sascha Stanicic, 12. September 2002<\/i><\/p>\n<p>  Elf Tage vor den Bundestagswahlen ist der Ausgang derselben v&ouml;llig offen.  W&auml;hrend es monatelang danach aussah, dass die Regierung Schr&ouml;der\/Fischer die Quittung f&uuml;r vier Jahre neoliberale Politik verpasst bekommt, haben die Ereignisse der letzten Wochen das Rennen wieder offen gestaltet.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nAlle  Meinungsforschungsinstituten sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU\/CSU und SPD.  Infratest\/dimap prognostiziert ein Patt zwischen SPD\/Gr&uuml;nen und CDU\/CSU\/FDP, w&auml;hrend Emnid und Forschungsgruppe Wahlen einen einprozentigen Vorsprung f&uuml;r die traditionellen b&uuml;rgerlichen Parteien sehen und das Allensbach-Institut einen 2,8-prozentigen Vorsprung f&uuml;r CDU\/CSU und FDP sieht. Allensbach hatte zwar 1998 die besten Vorhersagen erarbeitet, ist aber auch als CDU\/CSU-nahes Institut bekannt.  Interessant ist hier, dass Allensbach seine Prognosen in dieser Woche drastisch korrigiert hat und SPD und CDU\/CSU nun auch gleichauf sieht. Alle Institute au&szlig;er Forsa sehen die PDS unter der 5-Prozent-Marke. Sollte die PDS aber &uuml;ber den Gewinn von drei Direktmandaten in den Bundestag einziehen, w&uuml;rde das wahrscheinlich bedeuten, dass weder rot-gr&uuml;n noch schwarz-gelb eine eigene Mehrheit zustande bringen w&uuml;rden. Eine Gro&szlig;e Koalition ist dann nicht ausgeschlossen, wenn sie auch nicht die einzige Option ist. Eine Ampelkoalition w&auml;re ebenso m&ouml;glich, wie die Ausrufung baldiger Neuwahlen..<\/p>\n<p>  Die Aufholjagd der SPD wurde durch Ereignisse beg&uuml;nstigt, die nicht vorhersehbar waren. Die Flutkatastrophe hat ohne Zweifel der Regierung gen&uuml;tzt, die sich als schnell und entschlossen handelnd pr&auml;sentieren konnte. Vor allem aber haben sich Stoiber und die CDU\/CSU dumme und peinliche Fehler in diesem Zusammenhang erlaubt.<br \/>  Vor allem hilft die Positionierung gegen einen Krieg gegen den Irak und die Aussage, dass sich die Bundeswehr unter keinen Umst&auml;nden an einem solchen Krieg beteiligen w&uuml;rde der SPD und den Gr&uuml;nen.<br \/>  &Uuml;ber 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung sind in Umfragen gegen einen solchen Krieg. Viele sehen im US-Pr&auml;sidenten Bush die gr&ouml;&szlig;te Gefahr, was ja auch bei den Massenprotesten zum Bush-Besuch im Mai deutlich wurde. Dabei gehen Schr&ouml;der und Fischer weiter, als es den Kapitalisten in Deutschland Recht sein kann. <br \/>  Den US-Alleingang nicht mitzumachen und sich auch &ouml;ffentlich dagegen zu stellen ist sehr wohl im Interesse des deutschen Kapitals. Wir haben in fr&uuml;heren Artikeln und Analysen mehrfach darauf hingewiesen, dass in diesem Konflikt auch die tiefer liegenden Konflikte zwischen dem Kapital in Europa und den USA zum Ausdruck kommen. Das zeigt sich auch darin, dass keine europ&auml;ische Regierung uneingeschr&auml;nkt dem Vorgehen von Bush Junior folgt und selbst der britische Regierungschef Tony Blair einige kritische Worte fand, bevor er sich am letzten Wochenende deutlich auf die Seite der USA geschlagen hat. Die europ&auml;ischen Strategen des Kapitals sehen deutlich die unkalkulierbaren Konsequenzen eines Angriffs auf den Irak &#x96; sowohl f&uuml;r den gesamten Nahen Osten, der ein kurz vor der Explosion stehendes Pulverfass darstellt, als auch f&uuml;r ihre eigenen L&auml;nder, in denen eine massenhaft Antikriegsbewegung zu erwarten ist. Das unilaterale Vorgehen der USA ist auch nicht im Interesse der anderen kapitalistischen M&auml;chte. Sie wollen mitreden und auch mitk&auml;mpfen, wenn solche Auseinandersetzungen ausgefochten werden. In diesem Sinne ist der Widerstand gegen Bush (wobei die EU hier keine einheitliche Position vertritt und EU-interne Spannungen zum Ausdruck kommen) auch der Versuch durch eine UNO-F&uuml;hrung eines m&ouml;glichen Krieges gr&ouml;&szlig;eren Einfluss darauf auszu&uuml;ben. Au&szlig;erdem sind die &ouml;konomischen Interessen der USA in der Region nicht deckungsgleich mit denen der anderen imperialistischen westlichen Staaten. Diese w&uuml;rden lieber Gesch&auml;fte mit Bagdad machen, als es zu bombardieren. F&uuml;r die USA und Gro&szlig;britannien geht der Zugriff auf die irakischen &Ouml;lquellen aber nur durch den Sturz von Saddam Hussein und die Einsetzung eines US-freundlichen Regimes. <br \/>  Trotzdem geht Schr&ouml;der zu weit und seine Aussagen ergeben sich aus einer aus dem Wahlkampf entstandenen Eigendynamik. Tats&auml;chlich ist die Position der CDU\/CSU wohl eher Ausdruck der deutschen Kapitalinteressen. Kritik &uuml;ben und einen US-Alleingang ablehnen, aber nicht die T&uuml;r zu einer m&ouml;glichen Kriegsbeteiligung zuschlagen. Schr&ouml;der nimmt in Kauf, dass er nach den Wahlen entweder umkippen muss und sich doch an einem Krieg beteiligen muss &#8211; das k&ouml;nnte durch die Konstruktion neuen Beweise gegen Saddam erreicht werden und\/oder dadurch, dass man Saddam zwingt, den Einsatz der Waffeninspektoren abzulehnen, m&ouml;glich ist aber auch eine indirekte Unterst&uuml;tzung zum Beispiel durch die &Uuml;bernahme des Oberkommandos in Afghanistan &#x96; oder dass er eine Politik durchziehen muss, mit der in Widerspruch zum deutschen Kapital ger&auml;t und das Verh&auml;ltnis zu den USA tats&auml;chlich belastet.<\/p>\n<p>  Aber Schr&ouml;ders Positionierung zum drohenden Krieg gegen den Irak ist wahrscheinlich der entscheidende Grund f&uuml;r die wachsende Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die SPD. Von allen Wahlkampfveranstaltungen und Kundgebungen wird berichtet, dass tosender Applaus aufkommt, wenn sich die RednerInnen gegen die US-Kriegspl&auml;ne aussprechen. Es ist damit gegl&uuml;ckt das Thema Arbeitslosigkeit in den Hintergrund zu dr&auml;ngen. Au&szlig;erdem k&ouml;nnen so fr&uuml;here SPD- und Gr&uuml;nen-W&auml;hlerInnen, die aufgrund der unsozialen Politik und der bisherigen Kriegsbeteiligungen diesmal gar nicht oder PDS w&auml;hlen wollten, doch mobilisiert werden. Dadurch konnte bei Teilen ein gewisser Anti-Stoiber-Effekt erzielt werden, was auch mit der deutlichen Positionierung der Gewerkschaftsf&uuml;hrung f&uuml;r Rot-Gr&uuml;n zusammenh&auml;ngt. Das geht aber nicht mit einer Begeisterung f&uuml;r Schr&ouml;der einher, sondern mehr Leute haben sich entschieden, dass aus ihrer Sicht &#x84;kleinere &Uuml;bel&#x93; zu w&auml;hlen.<br \/>  Schr&ouml;der versucht aber nicht nur solche W&auml;hlerInnen zu mobilisieren. Mit seinem Gerede vom &#x84;deutschen Weg&#x93; versucht er auch den Nationalismus zu bedienen. <br \/>  Die Zahl der unentschlossenen W&auml;hlerInnen ist Umfragen zufolge in den letzten Wochen deutlich gesunken.<\/p>\n<p>  Die raschen Ver&auml;nderungen in den Meinungsumfragen dr&uuml;cken aber auch einen tieferliegenden Prozess aus: die Bindungen an die Parteien sind stark gelockert, was gr&ouml;&szlig;ere Schwankungen m&ouml;glich macht. Das dr&uuml;ckt wiederum die grunds&auml;tzliche Entfremdung breiter Teile der Arbeiterklasse und der Jugend von den etablierten Parteien aus. <\/p>\n<p>  Deshalb m&uuml;ssen wir sagen: der Wahlausgang ist v&ouml;llig offen. Jeder Versuch eine genaue Vorhersage zu treffen w&auml;re unter den gegebenen Bedingungen Spekulation. Eines nur ist sicher: die Arbeiterklasse, die Arbeitslosen, die Jugend, die ImmigrantInnen, die Frauen, die Alten werden die VerliererInnen sein, egal wie die Wahlen ausgehen.<\/p>\n<p>  Vom Standpunkt des Wiederaufbaus der Arbeiterbewegung in den n&auml;chsten Jahren w&auml;re aber eine Fortsetzung der rot-gr&uuml;nen Regierungskoalition besser, denn dies w&uuml;rde der Sozialdemokratie nicht die Gelegenheit geben in der Opposition die soziale Rhetorik zu verst&auml;rken. Der Differenzierungsprozesse zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie w&uuml;rden bei einer Fortsetzung der Schr&ouml;derregierung beschleunigt vonstatten gehen und die Basis f&uuml;r eine neue Arbeiterpartei k&ouml;nnte schneller entstehen. Das gilt paradoxerweise auch f&uuml;r eine Wahlniederlage der PDS. Wir haben immer erkl&auml;rt, warum es f&uuml;r die Arbeiterklasse ein Vorteil ist, wenn die PDS als reformistische Partei, im Bundestag ist, denn sie hat wenigstens in einigen Fragen eine oppositionelle Haltung eingenommen (Kriegsbeteiligungen, Rentenreform etc.). Eine Rausfallen der PDS aus dem Parlament w&uuml;rde zweifelsohne auch eine Schicht von Linken entt&auml;uschen und kurzzeitig frustrieren. Aber die Frage nach einer neuen linken Partei w&uuml;rde sich f&uuml;r viele linke AktivistInnen stellen, denn die PDS w&auml;re als Projekt f&uuml;r eine solche Partei dann in den Augen von vielen endg&uuml;ltig gescheitert.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><i>Sascha Stanicic, 12. September 2002<\/i><\/p>\n<p> Elf Tage vor den Bundestagswahlen ist der Ausgang derselben v&ouml;llig offen.  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