{"id":10134,"date":"2002-09-11T12:15:27","date_gmt":"2002-09-11T12:15:27","guid":{"rendered":".\/?p=10134"},"modified":"2002-09-11T12:15:27","modified_gmt":"2002-09-11T12:15:27","slug":"10134","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10134\/","title":{"rendered":"&#8222;History of British Trotskyism&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Einige Bemerkungen zu Ted Grants &#8222;History of British Trotskyism&#8220;<br \/>  Die Geschichte der Workers&#x92; International League (WILL) und der Revolutionary Communist Party (RCP) im Gro&szlig;britannien der 1930er und 1940er Jahre ist ein spannendes Kapitel in der Geschichte des Trotzkismus. Sie ist auch reich an wichtigen Lehren und sollte von der heutigen Generation marxistischer Revolution&auml;re und Revolution&auml;rinnen studiert werden.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie Haltung dieser beiden Organisationen zu taktischen Fragen, zur Kriegspolitik und die Auseinandersetzungen &uuml;ber die Analyse der neuen Weltlage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit den F&uuml;hrern der Vierten Internationale sind Meilensteine bei der Weiterentwicklung der Ideen des Trotzkismus. Sie stellen auch Teil des politisch-theoretischen Fundaments des Komitees f&uuml;r eine Arbeiterinternationale (CWI) dar. Ted Grant war bis 1991 Mitglied unserer Internationale und eine ihrer historischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten. Er verk&ouml;rperte &uuml;ber viele Jahre die Kontinuit&auml;t unserer Tendenz bei der Verteidigung und Weiterentwicklung marxistischer Theorie und Methode. Dass er dieser Methode dann selber untreu wurde, als er sich weigerte die tiefgreifenden Ver&auml;nderungen nach dem Zusammenbruch des Stalinismus mit all ihren Auswirkungen f&uuml;r die Arbeiterbewegung zu erfassen, wird dem\/der informierten und aufmerksamen LeserIn seines Buches sicher auffallen. <\/p>\n<p>  Grant, Jock Haston und andere F&uuml;hrer des britischen Trotzkismus in den 30er und 40er Jahren zeichneten sich durch eine Eigenschaft aus, die den F&uuml;hrern der Vierten Internationale fehlte: sie waren in der Lage Ver&auml;nderungen wahrzunehmen, auch wenn diese zu vorher aufgestellten Perspektiven und Analysen im Widerspruch standen. Sie haben nicht versucht die real existierende  Welt in ihr Weltbild hinein zu pressen, sie haben die Welt so genommen, wie sie sich entwickelte, haben sie analysiert und auf dieser Basis Prognosen erstellt. So waren sie fr&uuml;her als andere in der Lage die St&auml;rkung des Stalinismus nach dem Zweiten Weltkrieg zu erkennen; zu akzeptieren, dass dieser auf b&uuml;rokratische Art und Weise soziale Revolutionen in Osteuropa durchf&uuml;hrte und den Kapitalismus abschaffte; festzustellen, dass der Kapitalismus in keine Niedergangsphase eintrat, sondern expandierte. W&auml;hrend die Mehrheit der F&uuml;hrer der Internationale an Trotzkis Worten wie ein Pfaffe an Bibelversen festhielt ohne diese im Lichte der ver&auml;nderten Bedingungen zu hinterfragen, waren Grant, Haston und andere in der Lage grundlegend richtige Positionen zu den wichtigsten Fragen, die sich der marxistischen Bewegung stellten, auszuarbeiten. Diese historische Leistung muss anerkannt werden. Sie ist untrennbar verbunden mit der Entstehung unserer Str&ouml;mung im internationalen Trotzkismus. W&auml;hrend Ted Grant und seine Unterst&uuml;tzerInnen in der internationalen Str&ouml;mung um den britischen Socialist Appeal die personelle Kontinuit&auml;t f&uuml;r sich in Anspruch nehmen k&ouml;nnen, nehmen wir die politische und methodologische Kontinuit&auml;t f&uuml;r uns in Anspruch. Ohne Grant mit Plechanow vergleichen zu wollen, sei dieser nur als Beispiel daf&uuml;r angef&uuml;hrt, dass pers&ouml;nliche Kontinuit&auml;ten noch keine Garantie f&uuml;r politische Prinzipientreue sind.<\/p>\n<p>  Grants Text basiert auf Vortr&auml;gen, die er in den 70er Jahren gehalten hat. Darunter leidet vielfach der Stil und auch die Tiefe der theoretischen Darstellungen. Zu nah liegen sie am gesprochenen Wort, dass immer dazu tendiert politische und theoretische Erkl&auml;rungen etwas verk&uuml;rzt und vereinfacht darzustellen. Es wird zwar ausf&uuml;hrlich aus historischen Dokumenten zitiert, aber zu selten der Vorteil genutzt, dass f&uuml;nfzig Jahre nach den zu berichtenden Ereignissen ein gr&ouml;&szlig;erer Zusammenhang erkl&auml;rt werden kann und Parallelen zu sp&auml;teren Erfahrungen der Arbeiterbewegung und vor allem der heutigen Situation gezogen werden k&ouml;nnen. Darum verliert das Buch ein St&uuml;ck des erzieherischen Werts, den es aus Sicht des Marxismus haben k&ouml;nnte &#8211; es gibt kaum Beispiele f&uuml;r die Anwendung der marxistischen Methode in der heutigen Zeit.<\/p>\n<p>  Das beste Beispiel f&uuml;r dieses Manko ist die Frage des Entrismus. Grant erkl&auml;rt sehr genau und richtig, warum keine Taktik als Dogma betrachtet werden darf und auf der Bewertung der konkreten Situation basieren muss. Er f&uuml;hrt das Pro und Contra f&uuml;r die Arbeit innerhalb der Labour Party w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs und in der Periode danach aus. Er gibt korrekterweise zu, dass er und seine GenossInnen einen Fehler machten, als sie der Aufl&ouml;sung der RCP 1949 und der Aufnahme der entristischen Taktik zustimmten. W&uuml;rde er eine historische Analogie zur Entwicklung der Labour Party nach 1989\/90 anstellen, m&uuml;sste er &auml;hnliche Argumente f&uuml;r eine flexible Taktik und gegen den Entrismus anf&uuml;hren. Grant verzichtet darauf und auch Rob Sewell verzichtet darauf in seinem Nachwort, denn er stellt keinen Zusammenhang zwischen den Lehren aus den 30er und 40er Jahren und der Situation seit 1989\/90 her. Das zeigt: Grant, Sewell und GenossInnen haben diese Lehren nicht gezogen. Die Methode Grants aus den 30er und 40er Jahren musste sp&auml;testens in den fr&uuml;hen 90er Jahren (r&uuml;ckblickend kann man sagen, dass ein solcher Schritt wahrscheinlich schon Mitte der 80er Jahre sinnvoll gewesen w&auml;re) dazu f&uuml;hren die Arbeit innerhalb der Sozialdemokratie zu beenden und offene Arbeit zu beginnen &#8211; selbst wenn man nicht zu der Analyse der Verb&uuml;rgerlichung der Arbeiterparteien gekommen ist (und auch wir sind zu dieser Schlussfolgerung erst gekommen, nachdem wir in den meisten L&auml;ndern schon die entristische Taktik beendet hatten). Er und seine GenossInnen haben aber diese Methode nicht angewendet, sondern haben &#8211; &auml;hnlich der F&uuml;hrer der Vierten Internationale nach Trotzkis Tod &#8211; auf von der Realit&auml;t &uuml;berholten Annahmen bestanden ohne diese auf der Grundlage einer ver&auml;nderten Situation kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n<p>  Wie unpolitisch sie dabei vorgeben demonstriert Rob Sewell in seinem Nachwort, wenn er sich mit der Spaltung des Komitees f&uuml;r eine Arbeiterinternationale 1991\/92 auseinandersetzt. Schon in Grants Text f&auml;llt ein Hang zur Personalisierung politischer Konflikte auf. Keine Frage, dass &#8211; gerade in kleinen Organisationen &#8211; der Pers&ouml;nlichkeit eine gro&szlig;e Rolle zukommen kann. In positiver Hinsicht sind in den 30er und 40er Jahren Grant, Haston und Ralph Lee daf&uuml;r Beispiele, in negativer Hinsicht ist Gerry Healy auch zweifelsfrei ein Beispiel daf&uuml;r. Prinzipienlosigkeit, Prestigesucht und andere Charaktereigenschaften k&ouml;nnen auch eine wichtige Rolle bei der politischen Entwicklung einer Organisation und ihrer F&uuml;hrung spielen, aber im Kern sind die politischen Fragen entscheidend &#8211; und sind &uuml;brigens auch gar nicht von den Charaktereigenschaften ihrer Protagonisten zu trennen. Es sind immer die schwachen Charaktere, die Wankelm&uuml;tigen, die Feiglinge, die auch politisch prinzipienlos sind.<br \/>  Rob Sewell schreibt &uuml;ber die Spaltung einer Organisation nach einer tiefgreifenden historischen Z&auml;sur &#8211; der Wiederherstellung kapitalistischer Verh&auml;ltnisse in den vormals stalinistischen Gesellschaften. Ted Grant hatte in seinem Text Trotzki zitiert, der sagte, dass Spaltungen von revolution&auml;ren Organisationen bei wichtigen historischen Wendepunkten oftmals unvermeidlich sind. Sewell nutzt diese Aussage nicht, um die politischen Meinungsverschiedenheiten zu erkl&auml;ren und &#8211; zehn Jahre nach dieser Spaltung &#8211; den Versuch einer ersten historischen Bilanz zu ziehen. Er reduziert die Ursache f&uuml;r die Spaltung weitgehend auf die Rolle und die Charaktereigenschaften einer Person &#8211; Peter Taaffe. Sewell kommt nicht einmal auf die Idee die Frage aufzuwerfen, aus welchem Grund die Mehrheit der F&uuml;hrung des CWI und der britischen Sektion Peter Taaffe &uuml;berhaupt folgen sollte, wenn es nicht wichtige politische Erw&auml;gungen gegeben hat &#x96; allein das angeblich niedrige politische Niveau f&uuml;hrt er an (in einer Organisation, in der Sewell selber viele Jahre der Organisationssekret&auml;r war). Diese Methode ist eines Marxisten unw&uuml;rdig, denn sie ist unpolitisch. Selbst wenn die pers&ouml;nlichen Vorw&uuml;rfe gegen Taaffe eine Grundlage h&auml;tten, w&uuml;rde ein Marxist sich mit den politischen Argumenten in erster Linie auseinandersetzen. Doch die Vorw&uuml;rfe haben keine Grundlage. Tats&auml;chlich empfand Ted Grant jede abweichende Meinung als einen pers&ouml;nlichen Affront. Doch uns interessieren die politischen Argumente. Diese behandelt Sewell aber nicht. Er behandelt nicht die tiefgreifenden Ver&auml;nderungen in der Labour Party, den unvergleichlichen Rechtsruck und die Flucht von ArbeiterInnen aus den Parteistrukturen. Die Tatsache, dass die Jugendorganisation von Labour, die LPYS, die die Bastion der Militant Tendency war, von der Parteib&uuml;rokratie geschlossen wurde, findet nicht einmal Erw&auml;hnung. Er ordnet den Rechtsruck bei Labour nicht ein und bewertet ihn nicht &#8211; interessanterweise f&uuml;hrt er auch keine positiven Beispiele an, die die entristische Taktik des Socialist Appeal seit der Spaltung als korrekt unterst&uuml;tzen k&ouml;nnten (er gibt keine Beispiele f&uuml;r die praktische Arbeit des Socialist Appeal in der Arbeiterbewegung der 90er Jahre &#x96; wahrscheinlich, weil die Gruppierung au&szlig;er der Erstellung verschiedener Publikationen kaum in Erscheinung getreten ist). Auslassungen sind Sewells Methode. Er erw&auml;hnt die Nachwahlen in Walton (als vermeintlich schlechtes Wahlergebnis einer unabh&auml;ngigen Kandidatur) und vergisst die Wahlerfolge von Scottish Militant Labour oder der Socialist Party zu erw&auml;hnen. Er spricht davon, dass Dave Nellist seinen Parlamentssitz verloren hat, ohne zu erw&auml;hnen, dass er nach wie vor Stadtrat ist und in diesem Jahr f&uuml;r die Socialist Party wieder in den Stadtrat gew&auml;hlt wurde. <br \/>  Die Meinungsverschiedenheiten bez&uuml;glich der Entwicklungen in Russland finden genauso keine Erw&auml;hnung, wie schon in den Jahren zuvor gef&uuml;hrte Auseinandersetzungen &uuml;ber &ouml;konomische Perspektiven oder die Haltung von Marxisten im Golfkrieg. All diese Auseinandersetzungen (deren politischer Inhalt in Peter Taaffes Buch &#8222;Rise of Militant&#8220; nachzulesen sind) haben einen gemeinsamen Charakterzug: Ted Grant, Rob Sewell und andere haben, vor dem Hintergrund einer sich rapide ver&auml;ndernden Weltlage, an alten Positionen schematisch festgehalten und waren unf&auml;hig die Methode anzuwenden, die Grant selber in den 30er und 40er Jahren angewendet hatte. <\/p>\n<p>  Nicht einmal bei der Wahrheit kann Sewell bleiben, wenn er zum Beispiel behauptet, dass seine Gruppe die Mehrheit der Internationale nach der Spaltung gestellt hat. Von &uuml;ber 30 L&auml;ndern, in denen das CWI operierte nennt er acht Sektionen, in denen seine Str&ouml;mung angeblich die Mehrheit hatte (angeblich, denn auf Belgien traf das sicher nicht zu und die pakistanische Sektion war in der Mitte gespalten) und behauptet auf dieser Grundlage, sie sei die Mehrheit gewesen. Nigeria, Russland, S&uuml;dafrika, Brasilien, Australien, Indien, die Niederlande, Tschechien und andere Sektionen finden nicht einmal Erw&auml;hnung, weil Sewells und Grants Gruppe dort keine Unterst&uuml;tzung fanden. Die Mehrheitsverh&auml;ltnisse in den gew&auml;hlten Leitungsgremien der Internationale werden auch &#x84;vergessen&#x93;. Es ist absolut zweitrangig, welche Gruppierung die Mehrheit hatte, zumindest ist das kein Argument f&uuml;r die politische Korrektheit ihrer Argumente, aber Unwahrheiten sind ein starkes Argument gegen Sewell und die Socialist Appeal-Str&ouml;mung. <\/p>\n<p>  Das Buch beinhaltet viele wichtige Lehren &#8211; in positiver wie in negativer Hinsicht. Gemeinsam mit Sam Bornsteins und Al Richardsons zweib&auml;ndiger Geschichte &uuml;ber den britischen Trotzkismus ist es sicher das bisher interessanteste Dokument &uuml;ber eine wichtige und leider viel zu wenig diskutierte Phase des internationalen Trotzkismus. Eine tiefgreifende Geschichte der Entwicklung der Vierten Internationale nach dem Zweiten Weltkrieg, die eine wirkliche Bilanz all der debattierten Fragen zieht, muss aber noch geschrieben werden.<\/p>\n<p>  Zweifelhaft am vorliegenden Buch ist auch der zu erkennende Beginn eines Personenkults um Ted Grant herum. Es war schon &uuml;berraschend als die pakistanische Sektion der Socialist Appeal-Str&ouml;mung ein Poster ver&ouml;ffentlichte, in dem Ted Grant in einer Reihe mit Marx, Engels, Lenin und Trotzki abgebildet wurde. &Uuml;berraschen tut auch, dass Sewell von der &#8222;Grant Tendenz&#8220; spricht &#x96; eine Darstellung die einer marxistischen Str&ouml;mung fremd sein sollte und keine Praxis in unseren Reihen vor der Spaltung 1991\/92 hatte &#8211; im Gegenteil waren wir stolz darauf unsere Organisation nicht an einer Person festzumachen, auch wenn Grants Beitrag anerkannt wurde. So ist das Buch der Versuch Ted Grant ein Denkmal zu Lebzeiten zu bauen. Grant wird ein Denkmal verdient haben und es wird nach dem Erfolg der sozialistischen Revolution errichtet werden. Es wird ein kritisches Denkmal sein und die Bewertung seiner Rolle f&uuml;r den internationalen Trotzkismus wird differenziert und ehrlich gezogen werden. <\/p>\n<p>  Sascha Stanicic<br \/>  SAV-Bundessprecher<br \/>  19.7.2002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige Bemerkungen zu Ted Grants &#8222;History of British Trotskyism&#8220;<br \/>\n Die Geschichte der Workers&#x92; International League (WILL) und der Revolutionary Communist Party (RCP) im Gro&szlig;britannien der 1930er und 1940er Jahre ist ein spannendes Kapitel in der Geschichte des Trotzkismus. 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