{"id":10114,"date":"2002-09-06T10:47:51","date_gmt":"2002-09-06T08:47:51","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10114"},"modified":"2013-06-04T14:37:28","modified_gmt":"2013-06-04T12:37:28","slug":"10114","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10114\/","title":{"rendered":"T&uuml;rkei vor einem islamistischen Wahlsieg?"},"content":{"rendered":"<p><i>Vor dem Hintergrund der schwersten Rezession seit 1945 wird in der T&uuml;rkei am 3. November ein neues Parlament gew&auml;hlt. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist<\/p>\n<p>  <\/i>Bei einer von der Deutschen Bank in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage lag die islamistische Gerechtigskeits- und Entwicklungspartei (AKP) mit 19 Prozent vorn und w&uuml;rde die absolute Mehrheit bekommen. Wegen der 10 Prozent-H&uuml;rde w&uuml;rde als einzige weitere Partei die faschistische Nationale Bewegungspartei (MHP) ins Parlament kommen.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p align=\"right\"><a href=\"\/modules.php?name=Content&#038;pa=showpage&#038;pid=5\"><img src=\"\/media\/images\/ssz.gif\"[ ]border=\"0\"><\/a><\/p>\n<p>  <i>von Claus Ludwig, K&ouml;ln<\/i><br \/>  Die Partei des amtierenden Ministerpr&auml;sidenten Ecevit, die &#x96; weder demokratische noch linke &#x96; Demokratische Linkspartei (DSP) w&uuml;rde von 22 auf 2 Prozent fallen. Die Wahlen waren urspr&uuml;nglich f&uuml;r das Fr&uuml;hjahr 2004 angesetzt. Sie mussten vorgezogen werden, weil die Regierung aus DSP, MHP und ANAP auseinander fiel und die Mehrheit im Parlament verloren hatte.<br \/>  Die T&uuml;rkei befindet sich in der schwersten Krise ihrer Geschichte. Sie begann im Herbst 2000 mit dem Zusammenbruch mehrerer Banken. Durch die Inflation haben Lohnabh&auml;ngige, kleine Gewerbetreibende und B&auml;uerInnen nahezu die H&auml;lfte ihres Einkommens verloren. Im Fr&uuml;hjahr 2001 wurden innerhalb weniger Monate 500.000 Arbeitspl&auml;tze vernichtet.<br \/>  Die Zahlungsunf&auml;higkeit der T&uuml;rkei wurde durch einen 16-Milliarden-Dollar-Kredit des Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF) vorl&auml;ufig verhindert. Im Gegenzug verlangt der IWF die Abschaffung der wenigen noch verbliebenen sozialen Errungenschaften, eine umfassende Privatisierung und die &Ouml;ffnung der T&uuml;rkei f&uuml;r ausl&auml;ndische Konzerne. Damit wird die Wirtschaftskrise weiter versch&auml;rft.<br \/>  Die IWF-Pl&auml;ne sehen vor, bis zum Fr&uuml;hjahr 2003 die staatlichen Geldinstitute Halk Bank, Vakif Bank und Ziraat Bank zu privatisieren. Seit dem Beginn der Privatisierungsma&szlig;nahmen wurden schon Tausende Arbeitspl&auml;tze vernichtet. Die Aufhebung des staatlichen Monopols auf Alkohol und Tabak durch die Privatisierung des TEKEL-Konzerns wird weitere Jobs kosten.<br \/>  Der boomende Tourismus und die Unterst&uuml;tzung vieler Menschen durch in Europa lebende Verwandte waren Faktoren, die verhindert haben, dass die Lage in der T&uuml;rkei so explodiert wie in Argentinien.<\/p>\n<p>  Demokraten gegen Nationalisten?<\/p>\n<p>  In den Medien hierzulande wird die Lage oft so dargestellt, als w&auml;re es zur Regierungskrise gekommen, weil die von EU und IWF verlangten Reformen allzu z&ouml;gerlich umgesetzt wurden.  Doch die Regierung z&ouml;gerte bei der Umsetzung, weil weitgehende Privatisierungs-Ma&szlig;nahmen und damit einhergehende Entlassungen zu gr&ouml;&szlig;erer Unruhe und Widerstand gef&uuml;hrt hatten. Die MHP kann sich nur in den Meinungsumfragen halten, weil sie sich als Verteidigerin der t&uuml;rkischen Unabh&auml;ngigkeit und der Armen aufspielt.<br \/>  Angeblich stehen sich in der T&uuml;rkei zwei Lager gegen&uuml;ber. Auf der einen Seite die &#x84;modernen&#x93; Politiker Cem, &Ouml;zkan und Dervis, zusammen mit dem Unternehmerverband T&Uuml;SIAD, einem Teil der Medien und Intellektuellen. Sie treten f&uuml;r einen schnellen Eintritt in die EU ein, f&uuml;r die Umsetzung der IWF-Pl&auml;ne und f&uuml;r die &#x84;Demokratisierung&#x93; der T&uuml;rkei. Sie waren verantwortlich f&uuml;r die Gesetze zur Abschaffung der Todesstrafe und zur begrenzten Legalisierung der kurdischen Sprache. Ihnen angeschlossen hat sich die Mutterlandspartei ANAP, die traditionelle USA- und EU-nahe b&uuml;rgerliche Partei, weniger &#x84;Mutter der Nation&#x93; als vielmehr Mutter der Korruption und der Dorf- und Regionalf&uuml;rsten. Diese Truppe wird als &#x84;demokratisch&#x93; bezeichnet.<br \/>  Auf der anderen Seite stehen die MHP, der Generalstab der Armee und teilweise die auseinander fallende DSP. Sie protestieren gegen die Lockerung der repressiven Gesetze und den Ausverkauf der t&uuml;rkischen Wirtschaft, versuchen so, sich die Unterst&uuml;tzung der B&auml;uerInnen, Gewerbetreibenden und ArbeiterInnen zu sichern.<br \/>  Die Regierung Ecevit setzte sich nicht zuf&auml;llig aus beiden Lagern zusammen. W&auml;hrend die &#x84;Demokraten&#x93; nicht demokratisch sind, setzen sich MHP und Milit&auml;r nicht f&uuml;r den Schutz der arbeitenden Menschen ein.<br \/>  Die &#x84;Demokraten&#x93; waren jahrelang daran beteiligt, die Repression zu versch&auml;rfen. In den kurdischen Gebieten herrscht die Armee, trotz Einstellung der Aktionen der kurdischen Guerilla finden Massenverhaftungen, Folterungen und Morde durch staatliche Kr&auml;fte statt. Der Hungerstreik der linken politischen Gefangenen f&uuml;hrte durch vom Staat organisierte Massaker und das bewusste Verhungern-Lassen zu bisher 93 Toten.<\/p>\n<p>  Islamisten<\/p>\n<p>  Sicher scheint, dass die islamistische AKP ein gutes Ergebnis bei den Wahlen erzielen wird. Sie ist bisher dadurch in Erscheinung getreten, dass sie kaum in Erscheinung getreten ist. Sie wendet sich verbal gegen die sozialen Folgen der Krise und stellt sich als Vertreterin der &#x84;kleinen Leute&#x93; dar. Sie kann davon profitieren, dass die arbeitenden Menschen zurecht die Durchsetzung von Konzerninteressen durch die &#x84;Demokraten&#x93; f&uuml;rchten, aber auch die Nase voll haben von den Repressionen durch Milit&auml;r und MHP und diesen auch nicht zutrauen, das Land wirtschaftlich weiter zu entwickeln.<br \/>  Bei den Wahlen 1999 erzielte die AKP-Vorg&auml;ngerin FP 15,2 Prozent, obwohl viele keinen Sinn darin sahen, eine Partei zu w&auml;hlen, die das Milit&auml;r kurz zuvor mit einem &#x84;leisen Putsch&#x93; aus der Regierung entfernt hatte. Heute gibt sich die AKP etwas gem&auml;&szlig;igter, stellt sich eher als die anatolische Variante der CSU denn als t&uuml;rkische Taliban dar. Dass weckt Hoffnungen, das Milit&auml;r k&ouml;nnte die Islamisten z&auml;hneknirschend akzeptieren.<\/p>\n<p>  Krise der Linken<\/p>\n<p>  Dass sich die Faschisten der MHP als Verteidiger der Interessen der arbeitenden Massen aufspielen k&ouml;nnen und die AKP vielen als Alternative erscheint, ist Ausdruck der Schw&auml;che der Linken und der Arbeiterbewegung in T&uuml;rkei und Kurdistan.<br \/>  Die ehemals st&auml;rkste Organisation, die in KADEK umbenannte PKK hat sich faktisch vom Klassenkampf losgesagt. Sie hofft auf eine Ann&auml;herung an die EU und auf eine Demokratisierung &uuml;ber diesen Weg. &Auml;hnlich verh&auml;lt sich die legale kurdische Demokratische Partei des Volkes (HADEP).<br \/>  Auf Wahlebene wird HADEP trotz der Schw&auml;chen die einzige reale Option f&uuml;r viele Linke sein.<br \/>  Die anstehenden Wahlen werden so oder so von einer reaktion&auml;ren Kraft gewonnen werden. Der Wiederaufbau der Linken und der Arbeiterbewegung ist die entscheidende Aufgabe. SozialistInnen in der T&uuml;rkei m&uuml;ssen sich auf den zu erwartenden Widerstand der Jugend und der ArbeiterInnen gegen Arbeitsplatzabbau und Privatisierung st&uuml;tzen, die auf den Tellerrand des eigenen Landes beschr&auml;nkte Sichtweise der t&uuml;rkischen Linken &uuml;ber Bord werfen und die internationalen Aspekte des Kampfes gegen die kapitalistische Globalisierung hinein tragen. Zu K&auml;mpfen wird es in den n&auml;chsten Jahren kommen, egal, wer an der Regierung ist. Es geht darum, aus diesem Widerstand eine neue sozialistische Kraft aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><i>Vor dem Hintergrund der schwersten Rezession seit 1945 wird in der T&uuml;rkei am 3. November ein neues Parlament gew&auml;hlt. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist<\/p>\n<p> <\/i>Bei einer von der Deutschen Bank in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage lag die islamistische Gerechtigskeits- und Entwicklungspartei (AKP) mit 19 Prozent vorn und w&uuml;rde die absolute Mehrheit bekommen. Wegen der 10 Prozent-H&uuml;rde w&uuml;rde als einzige weitere Partei die faschistische Nationale Bewegungspartei (MHP) ins Parlament kommen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[329],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10114"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10114"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10114\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}