{"id":10096,"date":"2002-09-04T14:07:21","date_gmt":"2002-09-04T14:07:21","guid":{"rendered":".\/?p=10096"},"modified":"2002-09-04T14:07:21","modified_gmt":"2002-09-04T14:07:21","slug":"10096","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10096\/","title":{"rendered":"Ausl&auml;nderInnen als Reserve f&uuml;r den Arbeitsmarkt &#x96; ein kapitalisti"},"content":{"rendered":"<p>von Georg K&uuml;mmel (August 2002)<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nMexikanerInnen in den USA, KoreanerInnen in Japan, NordafrikanerInnen in Frankreich, T&uuml;rkInnen in Deutschland &#x96; in allen wirtschaftlich starken kapitalistischen L&auml;ndern arbeiten Ausl&auml;nderInnen. Sie wurden mehr oder weniger systematisch angeworben. <br \/>  In Deutschland begann dieser Prozess Ende des 19. Jahrhunderts angesichts des zeitweise rasanten Wachstums der kapitalistischen Wirtschaft. Sie sollten als &#x84;Konjunkturpuffer&#x93; funktionieren. Ein Vertreter der Industrie beschrieb im Jahre 1910 die Vorteile: &#x84;Die M&ouml;glichkeit f&uuml;r die deutsche Industrie, ausl&auml;ndische Arbeiter heranzuziehen, wird besonders wertvoll in den Zeiten der Hochkonjunktur, wenn es gilt, den sprunghaft gesteigerten Bedarf des heimischen wie des ausl&auml;ndischen Marktes zu befriedigen &#8230; Andererseits ist die Industrie bei dem Abflauen der Konjunktur und einer Erleichterung des Arbeitsmarktes in der Lage, zun&auml;chst die ausl&auml;ndischen Arbeiter abzusto&szlig;en &#8230;&#x93;. <br \/>  Arbeitskr&auml;ftemangel in Zeiten der Hochkonjunktur st&auml;rkte die Position der ArbeiterInnen und f&uuml;hrte zu h&ouml;heren Lohnforderungen. Diesem Effekt konnte man durch den Import von Arbeitskr&auml;ften entgegenwirken.<br \/>  Die Besch&auml;ftigung der ausl&auml;ndischen ArbeiterInnen war immer nur vor&uuml;bergehend gewollt. Deshalb wurden f&uuml;r sie Sondergesetze, eben Ausl&auml;ndergesetze, geschaffen. Wichtigstes Element dieser Gesetze war die Befristung und Bindung des Aufenthaltsrechts an einen Arbeitsplatz.<br \/>  In absoluten Zahlen spielte die Besch&auml;ftigung von Ausl&auml;nderInnen bis in die 1960er Jahre keine gro&szlig;e Rolle. Abgesehen nat&uuml;rlich von den ZwangsarbeiterInnen im I. und II. Weltkrieg.<br \/>  Das erste Anwerbeabkommen f&uuml;r sogenannte GastarbeiterInnen wurde 1955 mit Italien geschlossen. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland war noch gro&szlig;, aber regional gab es schon Engp&auml;sse, und bei anhaltendem Aufschwung war ein rasch wachsender Bedarf an Arbeitkr&auml;ften absehbar. Weitere Anwerbeabkommen folgten: 1960 mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der T&uuml;rkei. <br \/>  In einer Untersuchung Anfang der 60er Jahre &uuml;ber den wirtschaftlichen Nutzen der Ausl&auml;nderbesch&auml;ftigung f&uuml;r die Unternehmen hei&szlig;t es: &#x84;Der bei uns arbeitende Ausl&auml;nder stellt in der Regel seine besten Jahre zur Verf&uuml;gung. F&uuml;r die Betriebe ergibt sich daraus der Vorteil, dass nur in seltenen F&auml;llen ein &auml;lterer oder nicht mehr voll arbeitsf&auml;higer ausl&auml;ndischer Mitarbeiter aus sozialen Gr&uuml;nden mit durchgezogen werden muss.&#x93;<br \/>  Bevor sie &auml;lter wurden, sollten sie wieder gehen. Abh&auml;ngig von der zuk&uuml;nftigen Konjunkturlage sollten sie durch neue ersetzt werden oder auch nicht. Die Ausl&auml;nderpolitik stellte sich ganz in den Dienst der kurzfristigen und zeitlich schwankenden Bed&uuml;rfnisse der Wirtschaft.<br \/>  Doch die Unternehmer standen vor einem Dilemma: Einerseits wollten sie ausl&auml;ndische ArbeiterInnen, ledig und mobil, die sie auch jederzeit wieder auf die Heimreise schicken konnten. Nur unter dieser Voraussetzung dienten die Ausl&auml;nderInnen als billige und willige Arbeitskr&auml;fte. Um diese Vorteile zu erhalten, h&auml;tte man sie aber nur saisonal besch&auml;ftigen d&uuml;rfen oder ein Rotationsprinzip einf&uuml;hren m&uuml;ssen. Aber kein Unternehmer hatte Interesse, &#x84;seine&#x93; Ausl&auml;nderInnen, die angelernt waren und etwas Deutsch verstanden, nach einer gewissen Zeit wieder gegen ungelernte auszutauschen. Deshalb blieben die Ausl&auml;nderInnen im Durchschnitt immer l&auml;nger und ein wachsender Teil stellte sich auf einen Daueraufenthalt in Deutschland ein und holte die Familie nach. <br \/>  Deshalb begann Anfang der 70er Jahre eine Debatte &uuml;ber den volkswirtschaftlichen Nutzen der Ausl&auml;nderbesch&auml;ftigung. Aus Sicht der Wirtschaft taugten diese Ausl&auml;nderInnen nicht mehr als Konjunkturpuffer. Die Kosten f&uuml;r Erziehung und Schulbesuch der Kinder lagen nicht mehr bei dem Heimatland, sondern im eigenen. <br \/>  Ausl&auml;nderpolitik war immer Wirtschaftspolitik. Es dauerte nicht lange, und die abnehmenden Vorteile aus der Besch&auml;ftigung ausl&auml;ndischer ArbeiterInnen f&uuml;hrte zu einem Wechsel in der Politik. SPD-Bundeskanzler Willy Brandt sagte 1973 in seiner Regierungserkl&auml;rung, &#x84;dass wir sehr sorgsam &uuml;berlegen, wo die Aufnahmef&auml;higkeit unserer Gesellschaft ersch&ouml;pft ist und wo soziale Vernunft und Verantwortung Halt gebieten.&#x93; Ende 1973 wurde der Anwerbestopp f&uuml;r GastarbeiterInnen aus Nicht-EG-L&auml;ndern verf&uuml;gt. (Die EG &#x96; Europ&auml;ische Gemeinschaft &#x96; war die Vorl&auml;uferin der EU.) Er ist im Grundsatz bis heute g&uuml;ltig.<br \/>  Mitte der 70er endete der lange Nachkriegsaufschwung, und in Westdeutschland wurde Massenarbeitslosigkeit zu einer dauerhaften Erscheinung. Ein gr&ouml;&szlig;erer Bedarf an ausl&auml;ndischen Arbeitskr&auml;ften war nicht mehr zu erwarten.<br \/>  Die Propaganda seitens der Regierungsparteien und der Wirtschaft gegen&uuml;ber Ausl&auml;nderInnen verlief immer nach dem selben Muster: In Zeiten der Hochkonjunktur wurden volkswirtschaftliche und andere Vorteile der Ausl&auml;nderbesch&auml;ftigung hervorgehoben. In den 60er Jahren wurde die Anwerbung von Ausl&auml;nderInnen als Beitrag zur V&ouml;lkerverst&auml;ndigung gepriesen. In Zeiten r&uuml;ckl&auml;ufiger Konjunktur wurden vor Gefahren f&uuml;r die Nation gewarnt und die Andersartigkeit der Ausl&auml;nderInnen betont. <br \/>  Schon im Jahre 1908 wu&szlig;te das &#x84;Correspondenzblatt&#x93; der Gewerkschaften zu berichten: &#x84;Polizei und Unternehmertum reichten sich in holder Eintracht die Hand, um die mit gro&szlig;en Versprechungen herangelockten Arbeiter wieder loszuwerden &#8230;  Der Patriotismus der Unternehmer schlug die kr&auml;ftigsten T&ouml;ne an &#x96; weil man diese Leute nicht mehr brauchte.&#x93;<br \/>  Die Unternehmer und ihre politischen Vertreter haben Ausl&auml;nderInnen immer nur als Arbeitskr&auml;fte gesehen, die man gerade gebrauchen kann oder auch nicht. Daran hat sich bis heute nichts ge&auml;ndert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Georg K&uuml;mmel (August 2002)<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10096"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10096"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10096\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}