{"id":10092,"date":"2002-09-04T13:56:13","date_gmt":"2002-09-04T11:56:13","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10092"},"modified":"2012-05-29T13:08:31","modified_gmt":"2012-05-29T11:08:31","slug":"10092","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10092\/","title":{"rendered":"B&uuml;rokratie erdrosselt Planwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>von Claus Ludwig<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie Frage ist nicht, ob Planung als Methode in der Wirtschaft eingesetzt wird. Die Fragen sind, zu welchem Zweck geplant wird, f&uuml;r die Abdeckung der Bed&uuml;rfnisse der Menschheit oder f&uuml;r die Erzielung des gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Profits und von wem, von untereinander in Konkurrenz stehenden Konzernen oder von der organisierten arbeitenden Bev&ouml;lkerung.<br \/>  Als Beispiele f&uuml;r die Unf&auml;higkeit einer geplanten Wirtschaft dienen die Sowjetunion und der Ostblock, der nach 1989 zusammenbrach. Bilder von niedrigem Lebensstandard und maroden Betrieben bestimmen bei allen Berichten das Bild dieser L&auml;nder. Nach bundesdeutschen Ma&szlig;st&auml;ben war der wirtschaftliche Zustand kl&auml;glich, doch im Weltma&szlig;stab sah das anders aus. Den Massen in der Sowjetunion ging es damals besser als der Mehrheit der Weltbev&ouml;lkerung, die Grundbed&uuml;rfnisse waren gedeckt. Allerdings konnten die Staaten nicht den sozialistischen Anspruch einl&ouml;sen, den Kapitalismus zu &uuml;berholen und ein produktiveres System aufzubauen, sondern gerieten ab den 70er Jahren in eine Krise und blieben immer mehr hinter den entwickelten kapitalistischen L&auml;ndern zur&uuml;ck.<br \/>  Die revolution&auml;ren Sozialisten in Ru&szlig;land, die Bolschewiki, hatten nie die Vorstellung, allein im r&uuml;ckst&auml;ndigen Ru&szlig;land eine fortgeschrittene Gesellschaft, den Sozialismus, aufzubauen. Sie sahen die Revolution in Ru&szlig;land als den ersten Schritt einer internationalen Revolution. Ohne die Verbindung mit der entwickelten Technik Westeuropas und der USA und der dortigen Arbeiterklasse, so meinte Lenin, w&auml;re die Revolution vom Scheitern bedroht. Zur Unterentwicklung kamen die Folgen des B&uuml;rgerkrieges hinzu, als sich der Arbeiterstaat gegen die bewaffnete Konterrevolution und ausl&auml;ndische Interventionstruppen behaupten mu&szlig;te. Trotz dieser Umst&auml;nde st&uuml;rzte sich die von der Revolution begeisterte Industriearbeiterschaft in die Arbeit und schaffte es mit enormen Anstrengungen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.<br \/>  Doch auf politischer Ebene war die Macht der demokratischen Arbeiterr&auml;te ausgeh&ouml;hlt. Nur die Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit und die Beseitigung der materiellen Not erm&ouml;glichen eine Teilnahme der Arbeiterklasse an der Verwaltung und Planung und somit den demokratischen Aufbau einer sozialistischen Planwirtschaft.<br \/>  Die revolution&auml;re Regierung hatte zeitweilig Privilegien eingef&uuml;hrt und Kontrollmechanismen au&szlig;er Kraft gesetzt, um die wenigen Spezialisten bei Laune zu halten und den Krieg zu &uuml;berstehen. Es bildete sich auf der Grundlage der Mangelwirtschaft eine abgehobene Schicht von Funktion&auml;ren heraus, die ein Interesse am Erhalt ihrer Privilegien entwickelte. Unter ihrem Repr&auml;sentanten Stalin entri&szlig; diese b&uuml;rokratische Schicht der Arbeiterklasse in wenigen Jahren die politische Macht und thronte als besondere soziale Schicht auf der Planwirtschaft.<br \/>  Aus Gr&uuml;nden der politischen Machterhaltung war sie gezwungen, die Planwirtschaft von oben zu regulieren. Sie schuf einen Polizeistaat und ein entsprechendes geistiges Klima. Kritik und freie Meinungs&auml;u&szlig;erung, die notwendigen Mechanismen f&uuml;r den Aufbau einer Planwirtschaft, wurden au&szlig;er Kraft gesetzt.<br \/>  Die B&uuml;rokratie wurde somit zu einer Bremse der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch trotz dieser Bremse erlebte die Sowjetunion einen unvergleichlichen Aufschwung. Von einem r&uuml;ckst&auml;ndigen Agrarland mit hoher Analphabetenrate wurde das Land bis zum 2. Weltkrieg in einen Industriestaat mit einem ausgebildeten Proletariat verwandelt.<br \/>  Im II. Weltkrieg eroberten die deutschen Truppen den gesamten industrialisierten Westen der UdSSR. Trotzdem gelang es, die Industrie am Ural-Gebirge innerhalb weniger Monate neu aufzubauen und durch eine gewaltige Steigerung der Produktion die sowjetische Kriegsmaschine derart ins Laufen zu bringen, da&szlig; die Rote Armee die Niederlage Hitler-Deutschlands nahezu im Alleingang besiegelte.<br \/>  Ein kapitalistisches Land h&auml;tte diese Entwicklung nicht vollziehen k&ouml;nnen. Nur das Nicht-Vorhandensein der Konkurrenz und des Profitprinzips, die zentrale Zusammenfassung der gesamten Volkswirtschaft und die ungeheure Motivation der sowjetischen ArbeiterInnen und Bauern konnten dies schaffen.<br \/>  Auch nach dem Krieg wurde die Sowjetunion in zwei Jahrzehnten wiederaufgebaut und konnte zum Lebensstandard halb-entwickelter kapitalistischer L&auml;nder wie Portugal oder Griechenland aufschlie&szlig;en. Das Wachstum der Sowjetunion war gr&ouml;&szlig;er als das der kapitalistischen L&auml;nder, obwohl sich das Land nicht auf die Ausbeutung der &#x84;3. Welt&#x93; st&uuml;tzte, sondern aus politischen Gr&uuml;nden sogar wirtschaftlich unvorteilhafte Verbindungen einging, z.B. durch den Kauf von kubanischem Zucker weit &uuml;ber dem Weltmarktpreis.<br \/>  Doch ohne die Einbeziehung der Produzenten und Konsumenten auf allen Ebenen mu&szlig; die geplante Wirtschaft letztendlich scheitern. Trotzki, zusammen mit Lenin einer der F&uuml;hrer der Russischen Revolution und Gegner der stalinistischen B&uuml;rokratie, erkl&auml;rte dies schon 1936 in seinem Buch &#x84;Verratene Revolution&#x93;:<\/p>\n<p>  &#x84;Das Geschw&uuml;r des B&uuml;rokratismus, das in der Gro&szlig;industrie vielleicht nicht so offen ist, zerfri&szlig;t au&szlig;er den Genossenschaften die Leicht- und Nahrungsmittelindustrie, die Kolchosen, die kleine &ouml;rtliche Industrie, d.h., alle die Wirtschaftszweige, die der Bev&ouml;lkerung am n&auml;chsten stehen &#8230; Gigantische Fabriken nach fertigen westlichen Mustern kann man auch auf b&uuml;rokratisches Kommando errichten, freilich dreimal so teuer. Aber je weiter der Weg geht, umso mehr l&auml;uft die Wirtschaft auf das Problem der Qualit&auml;t hinaus, die der B&uuml;rokratie wie ein Schatten entgleitet. Die Sowjetproduktion scheint wie vom grauen Stempel der Gleichg&uuml;ltigkeit gezeichnet. In einer nationalisierten Wirtschaft setzt Qualit&auml;t Demokratie f&uuml;r Erzeuger und Verbraucher, Kritik- und Initiativf&auml;higkeit voraus, d.h., Bedingungen, die mit einem totalit&auml;ren Regime von Angst, L&uuml;ge und Kriecherei unvereinbar sind.&#x93;     <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Claus Ludwig<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[88,92,126],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10092"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10092"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10092\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10092"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10092"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10092"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}