{"id":10087,"date":"2002-09-04T12:57:51","date_gmt":"2002-09-04T12:57:51","guid":{"rendered":".\/?p=10087"},"modified":"2002-09-04T12:57:51","modified_gmt":"2002-09-04T12:57:51","slug":"10087","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10087\/","title":{"rendered":"Die Aufgaben der antikapitalistischen Bewegung nach Genua &#x96; wie weiter?"},"content":{"rendered":"<p>von Sascha Stanicic (August 2001)<br \/> <!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n&#8222;Alle, die an der Demonstration von 300.000 gegen den G8-Gipfel am 21. Juli diesen Jahres teilgenommen haben, werden darauf als einen historischen Tag zur&uuml;ckblicken &#8211; einen H&ouml;hepunkt. Danach wird nichts mehr so sein wie zuvor &#8211; in den Leben der TeilnehmerInnen, in der antikapitalistischen Bewegung oder in Italien.&#8220; (Clare Doyle, Komitee f&uuml;r eine Arbeiterinternationale) Die Demonstrationen von Genua waren ein gro&szlig;er Erfolg f&uuml;r die globale Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung. Am 21. Juli demonstrierten 300.000 Menschen aus aller Welt, vor allem aber italienische ArbeiterInnen und Jugendliche &#8211; mehr als doppelt so viele wie erwartet. Damit hat die antikapitalistische Bewegung einen neuen H&ouml;hepunkt erreicht und die Reichen und M&auml;chtigen der Welt einmal mehr in Angst und Schrecken versetzt.<br \/>   Genua hat sie mit noch gr&ouml;&szlig;erer Sorge erf&uuml;llt, als vorherige Proteste. Nicht nur wegen der Gr&ouml;&szlig;e der Demonstrationen, sondern vor allem weil in Genua ansatzweise der Br&uuml;ckenschlag der antikapitalistischen AktivistInnen zur Arbeiterklasse stattfand. 90 Prozent der DemonstrantInnen kamen aus Italien. Die linksreformistische &#8222;Partei der kommunistischen Neugr&uuml;ndung&#8220; (Rifondazione Communista), die unabh&auml;ngigen Basisgewerkschaften COBAS, die Metallarbeitergewerkschaft (Fiom) spielten eine entscheidende Rolle auf den Demonstrationen. So waren die Proteste nicht nur gegen die G8 gerichtet, sondern auch gegen die neue Rechtsregierung unter dem Medienmogul Silvio Berlusconi.<\/p>\n<p>  Staatsgewalt<\/p>\n<p>  Diese reagierte unmissverst&auml;ndlich auf den massenhaften Protest von unten: die Polizei griff die Demonstrationen permanent mit Tr&auml;nengas an, der Demonstrant Carlo Giuliani wurde erschossen, hunderte verhaftet, verpr&uuml;gelt, gefoltert.<br \/>  Doch die Herrschenden konnten nicht verhindern, dass die Botschaft von Genua die ganze Welt erreichte: eine andere Welt ist m&ouml;glich! Eine Welt ohne Armut, Hunger und Ausbeutung.<br \/>  Die Herrschenden hatten eine klare Strategie, um diese Botschaft im Geschrei &uuml;ber Gewaltausbr&uuml;che unh&ouml;rbar zu machen. Sie setzten Polizeiprovokateure ein und lie&szlig;en Faschisten auf den Demonstrationenw&uuml;ten, um ein Bild der Eskalation und der Gewalt &uuml;ber die Medien verbreiten zu k&ouml;nnen. Damit verfolgten sie ein deutliches Ziel: sie wollten die Demonstration und die ganze antikapitalistische Bewegung in den Augen der Massen diskreditieren, sie wollten die AktivistInnen, die sich an den Demonstrationen beteiligten, einsch&uuml;chtern und die Aufm&auml;rsche mit Gewalt zerschlagen, sie wollten die Bewegung in sogenannte &#8222;Gewaltlose&#8220; und &#8222;Gewaltt&auml;tige&#8220; spalten. Diese Spaltung dient auch dazu. die politisch moderateren Teile der Bewegung in das kapitalistische Establishment weiter einzubinden.<br \/>  Doch mit all ihrem Geld, ihrer Macht und Kontrolle &uuml;ber Zeitungen und Fernsehsender konnten die Herrschenden nicht verhindern, dass die Wahrheit sichtbar wurde. Dem Mythos, die Polizei reagiere bei solchen Demonstrationen nur auf gewaltt&auml;tige Autonome wurde der Boden entzogen. Die Provokationen und die Gewalt gehen vom Staate aus &#x96; und auf das Volk los!<br \/>   Und ihre Heuchelei wird immer mehr Menschen bewusst: dort sitzen die F&uuml;hrer der sieben reichsten Wirtschaftsm&auml;chte und ihr russischer Kollege Putin zusammen und beklagen angebliche Gewalt von DemonstrantInnen. Ihre Entscheidungen und das System, das sie repr&auml;sentieren und verteidigen, lassen die H&auml;lfte der Menschheit mit weniger als drei DM am Tag leben, ein Drittel aller Kinder an Unterern&auml;hrung leiden. Der Kapitalismus &uuml;bt tagt&auml;glich brutale Gewalt an der Mehrheit der Weltbev&ouml;lkerung aus. Der russische Pr&auml;sident Putin ist in Tschetschenien f&uuml;r einen V&ouml;lkermord verantwortlich, vor zwei Jahren bombardierte die NATO (Rest-) Jugoslawien &#8211; wenn sich diese Herren &uuml;ber Gewalt auf Demonstrationen beklagen ist das, als ob ein M&ouml;rder sich &uuml;ber eine Ohrfeige beschwert.<\/p>\n<p>  Herausforderung f&uuml;r die Bewegung<\/p>\n<p>  F&uuml;r die antikapitalistische Bewegung stellt der Erfolg und der Verlauf der Ereignisse von Genua eine neue Herausforderung dar. Die Frage, wie es weitergehen soll wird weltweit von tausenden Aktiven diskutiert. Die Bewegung hat schon einiges erreicht: sie hat es geschafft die Globalisierungsfetischisten in der &ouml;ffentlichen Debatte in die Defensive zu dr&auml;ngen, sie hat in den letzten zwei Jahren weltweit Millionen mobilisiert und sie hat begonnen die gesellschaftliche Isolierung der Linken zu durchbrechen. Aber es gibt in der Bewegung zur Zeit mehr Fragen als Antworten. Die Zukunft der Bewegung entscheidet sich mit der politischen Richtung, die die Bewegung einschl&auml;gt. Dabei stellen sich viele Fragen: was sind unsere Ziele? Mit welchen Mitteln f&uuml;hren wir unseren Kampf? Wer sind unsere Verb&uuml;ndeten und wer sind unsere Gegner? Was sind die n&auml;chsten Aufgaben? <\/p>\n<p>  Die Lehren von Genua<\/p>\n<p>   Die wichtigste Lehre aus Genua muss sein, die Verbindung zwischen den antikapitalistischen Protesten und der konkreten Gegenwehr von ArbeiterInnen, Arbeitslosen und Jugendlichen gegen die Umsetzung der neoliberalen Politik in den L&auml;ndern, Kommunen und Betrieben zu f&uuml;hren. Die einsetzende Weltwirtschaftskrise wird zu Massenentlassungen und Betriebsschlie&szlig;ungen f&uuml;hren. Staaten und Kommunen geraten in immer tiefere Finanzkrisen und w&auml;lzen diese durch Sozialk&uuml;rzungen, Privatisierungen und Stellenabbau auf die Masse der Bev&ouml;lkerung ab. Antikapitalistische AktivistInnen m&uuml;ssen eine Hauptaufgabe darin sehen den Widerstand vor Ort gegen solche Ma&szlig;nahmen anzusto&szlig;en, zu unterst&uuml;tzen, zu organisieren und damit die Bewegung gegen kapitalistische Globalisierung auf breitere Beine zu stellen. Den &ouml;rtlichen und betrieblichen Widerstand kann man mit den n&auml;chsten gro&szlig;en internationalen Mobilisierungen verbinden. Diese werden Ende Septemberin den USA die  Demonstration gegen die n&auml;chste Tagung von IWF und Weltbank in Washington D.C. sein und in Europa der n&auml;chste EU-Regierungsgipfel am 14. Dezember in Br&uuml;ssel (schon vorher wird es im belgischen L&uuml;ttich und Gent Demonstrationen gegen kleinere EU Tagungen geben).<br \/>   Um diese Demonstrationen zu einem Erfolg zu machen ist auch eine antikapitalistische Offensive in den Gewerkschaften n&ouml;tig. Diese sind die potenziell m&auml;chtigsten Organisationen, denn sie bestehen aus Millionen von Lohnabh&auml;ngigen. W&uuml;rden diese ihre Kraft mittels Streiks einsetzen, k&ouml;nnte die Bewegung ganz neue Gipfel erklimmen. Ein Generalstreik in Br&uuml;ssel k&ouml;nnte den EU-Gipfel im Dezember unm&ouml;glich machen. Die Arbeiterklasse (die Klasse der Lohnabh&auml;ngigen und Erwerbslosen) ist aufgrund ihrer Stellung in der Wirtschaft die potenziell st&auml;rkste Kraft in der Gesellschaft und die einzige, die eine grundlegende Ver&auml;nderung durchsetzen kann. Deshalb sollte es ein vordringliches Ziel der antikapitalistischen Bewegung sein, von einer haupts&auml;chlich von Jugendlichen gepr&auml;gten Bewegung auch zu einer Bewegung von Arbeiterinnen und Arbeitern zu werden. Die Einbeziehung der Gewerkschaften in die antikapitalistische Bewegung wird zur Zeit von den rechten und b&uuml;rokratischen Gewerkschaftsf&uuml;hrungen blockiert. Deshalb m&uuml;ssen antikapitalistische AktivistInnen in die Gewerkschaften eintreten und gemeinsam mit linken und oppositionellen GewerkschafterInnen Druck von unten machen und Antr&auml;ge zur Unterst&uuml;tzung der Demonstration in Br&uuml;ssel und zur aktiven Beteiligung am weltweiten Aktionstag gegen die WTO-Tagung am 9. November einbringen. <\/p>\n<p>  Sozialismus<\/p>\n<p>   Wenn eine andere Welt erreicht werden soll, so muss uns klar sein, dass dies nicht mit den Reichen und M&auml;chtigen m&ouml;glich ist, sondern nur gegen sie. Die Orientierung einiger VordenkerInnen der Bewegung und einiger F&uuml;hrerInnen von Organisationen wie ATTAC auf die Einbeziehung der Parlamente und von Regierungenweist in die falsche Richtung. Einbindung in das kapitalistische Establishment wird bedeuten, dass der Bewegung die Spitze genommen wird. Sie liefe Gefahr zu einem zahnlosen Tiger zu werden, wie es Organisationen wie die Jusos heute sind oder sich in eine staatstragende Kraft, wie es die Gr&uuml;nen heute sind, zu verwandeln. Die wichtigste politische Frage, die sich stellt ist aber die nach den gesellschaftlichen Zielen der Bewegung. Bei der antikapitalistischen Demonstration am 1. Mai in London konnte man auf einem Transparent &#8222;Schafft den Kapitalismus ab und ersetzt ihn durch etwas Netteres&#8220; lesen.<br \/>  Dieser Spruch dr&uuml;ckt das vorherrschende Bewusstsein in der Bewegung aus. Die meisten wissen, wogegen sie sind, haben aber keine Vorstellung von einer alternativen Gesellschaftsform. Auch die verbreitete Losung &#8222;Eine andere Welt ist m&ouml;glich&#8220; beantwortet nicht die Frage, wie diese Welt gestaltet sein soll. Die SAV sagt: Eine andere Welt ist m&ouml;glich &#8211; wenn es eine sozialistische Welt ist!&#8220; Forderungen nach einer demokratischen Kontrolle der Finanzm&auml;rkte, nach einer gerechten Verteilung von Reicht&uuml;mern, nach fairem Handel zwischen industrialisierter und neokolonialer Welt sind im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft reine Utopie. Im Kapitalismus wird immer der Profit und die private Konkurrenz herrschen. Organisiert sich die Arbeiterklasse und k&auml;mpft sie entschlossen f&uuml;r Verbesserungen, so sind den Kapitalisten Zugest&auml;ndnisse abzutrotzen, doch diese werden sp&auml;testens in der n&auml;chsten Wirtschaftskrise wieder in Frage gestellt und zur&uuml;ckgenommen. Der Kapitalismus ist und bleibt ein krisenhaftes System, das nicht im Interesse der Mehrheit der Weltbev&ouml;lkerung einzusetzen ist. Letztlich ist wahr, worauf SozialistInnen immer hingewiesen haben: man kann nur das kontrollieren und f&uuml;r die Allgemeinheit einsetzen, was der Allgemeinheit auch geh&ouml;rt. An der Notwendigkeit der &Uuml;berf&uuml;hrung der zentralen Wirtschaftseinheiten von Banken und Konzernen in &ouml;ffentliches Eigentum, an der demokratischen Kontrolle und Verwaltung dieser verstaatlichten Betriebe und an der Ausarbeitung eines demokratischen Wirtschaftsplanes zur Beendigung der Profitlogik und des Konkurrenzkampfes f&uuml;hrt deshalb kein Weg vorbei, wenn eine andere Welt erreicht werden soll.<\/p>\n<p>  Mit aller Gewalt?<\/p>\n<p>  Die Frage, die nach Genua in der &Ouml;ffentlichkeit und unter AktivistInnen am hei&szlig;esten diskutiert wurde, war die sogenannte &#8222;Gewaltfrage&#8220;. Die Medien und Regierenden fordern die &#8222;GlobalisierungskritikerInnen&#8220; fast t&auml;glich auf, sich von Gewalt zu distanzieren. Dass diese Frage eigentlich an Silvio Berlusconi und seine pr&uuml;gelnden Carabinieri gerichtet werden m&uuml;sste, wird geflissentlich ignoriert.<br \/>   Tatsache ist, dass die Gewalt von Genua von staatlicher Seite organisiert, angeheizt und geduldet wurde. Tatsache ist deshalb, dass die wichtigsteFrage, mit der sich die Aktiven der Bewegung auseinandersetzen m&uuml;ssen ist, wie sich Demonstrationen in Zukunft gegen Polizeigewalt und Provokateure verteidigen k&ouml;nnen. Tatsache ist auch, dass &#8211; konfrontiert mit Polizeiangriffen &#8211; einige Jugendliche zu Steinen gegriffen haben, um sich zur Wehr zu setzen oder ihrer Wut und Frustration freien Lauf zu lassen. Tatsache ist aber auch, dass es einzelne autonome und anarchistische Gruppen gibt, die Verfechter von individuellen Randaleaktionen, wie das Zerst&ouml;ren von Banken und Gesch&auml;ften oder physische Angriffe kleiner Gruppen und Einzelpersonen auf die Polizei sind und daf&uuml;r politische Argumente anf&uuml;hren.<br \/>  F&uuml;r die Bewegung stellt sich daher die Frage: mit welchen Mitteln k&ouml;nnen wir erfolgreich k&auml;mpfen und wie setzen wir diese kollektiv um? Die anzuwendenden Mittel sind nicht von den politischen Vorstellungen zu trennen, sie ergeben sich sogar daraus.<br \/>  Wenn anarchistische Gruppen nicht das Vertrauen haben, die Mehrheitder Arbeiterklasse von dem Ziel einer grundlegenden Ver&auml;nderung der Gesellschaft zu &uuml;berzeugen, ergibt sich daraus eine Konzeption von radikalen Minderheitenaktionen, die stellvertretend f&uuml;r die Massen selber den Kapitalismus irgendwie sch&auml;digen sollen. SozialistInnen gehen davon aus, dass der Kapitalismus nur abgeschafft werden kann, wenn die Mehrheit der Arbeiterklasse durch Streiks und Generalstreiks, Betriebsbesetzungen und die Bildung von Arbeiterr&auml;ten die B&uuml;hne der Geschichte betritt. Um dies zu erreichen m&uuml;ssen wir heute nicht den Kampf um die Macht f&uuml;hren, sondern erst einmal den Kampf darum, die Massen f&uuml;r ein antikapitalistisches und sozialistisches Programm zu gewinnen. Aktionsformen m&uuml;ssen daher vor dem Hintergrund entschieden werden, ob sie dabei helfen breitere Teile der Arbeiterklasse zu erreichen, zu mobilisieren und in die Bewegung einzubinden. Das kann dazu f&uuml;hren, dass manche Aktionsformen in bestimmten Situationen richtig und in anderen falsch sein k&ouml;nnen. Ein Prinzip ist f&uuml;r SozialistInnen dabei, dass auf Massenmobilisierungen gesetzt wird und nicht auf radikale Minderheitenaktionen. Wenn zum Beispiel s&uuml;dkoreanische ArbeiterInnen zur Verteidigung ihrer Arbeitspl&auml;tze in den Streik treten und ihre besetzten Betriebe mit Eisenstangen gegen Polizeieins&auml;tze verteidigen, ist das genauso richtig, wie die Aktionen der belgischen Stahlarbeiter von Forges de Clabeq, die vor einigen Jahren Bulldozer gegen Polizeibarrikaden eingesetzt haben. Dies waren jedoch Massenaktionen, die von den aktiven Teilen der Arbeiterklasse selber getragen wurden und auf breite Sympathien trafen. &Auml;hnliche Symapthien gibt es f&uuml;r das Anz&uuml;nden von Banken oder f&uuml;r individuelle Angriffe auf PolizistInnen am Rande von Demonstrationen nicht (nicht zuletzt, weil davon auch ArbeiterInnen betroffen werden &#8211; die Menschen, die &uuml;ber einer Bank oder McDonald&acute;s wohnen, deren Auto in Flammen aufgeht oder die ihren Job in einer zerst&ouml;rten McDonald&acute;s Filiale verlieren).<br \/>  VerfechterInnen solcher Aktionen sagen, nur dadurch w&uuml;rde Medienresonanz erreicht (ganz nach dem Motto &#8222;jeder Stein eine Schlagzeile&#8220;), andere hoffen durch die gro&szlig;en Sch&auml;den Gipfeltreffen in Zukunft unm&ouml;glich, weil unfinanzierbar zu machen (wobei jeder gr&ouml;&szlig;ere Streik zu mehr wirtschaftlichem Schaden f&uuml;hren w&uuml;rde) und sehen darin einen Weg den Kapitalismus konkret zu sch&auml;digen und das staatliche Gewaltmonopol in Frage zu stellen.<br \/>  Wir halten diese Argumente f&uuml;r falsch und in der Abw&auml;gung mit dem politischen Schaden, den individuelle Randale anrichtet, auch f&uuml;r wenig schwerwiegend. Schl&auml;gereien mit der Polizei und brennende McDonald&acute;s-Filialen f&uuml;hren eher dazu, dass die Medien sich in ihrer Berichterstattung auf die &#8222;Gewalt&#8220; konzentrieren und weniger &uuml;ber die Gr&ouml;&szlig;e der Proteste und deren politische Ziele berichten. Die wirtschaftlichen Sch&auml;den werden von Versicherungen ausgeglichen oder durch Lohnk&uuml;rzungen oder &auml;hnliches von der Arbeiterklasse bezahlt. Jede entschlossene Massenaktion, jeder Streik, jede Stra&szlig;enblockade stellt das staatliche Gewaltmonopol in Frage &#8211; aber massenhaft und kollektiv und nicht individuell und vereinzelt.<br \/>  Das entscheidende Argument aber bleibt: Randale ist offensichtlich im Interesse der Herrschenden, denn sonst h&auml;tten sie in Genua keine Polizeiprovokateure eingesetzt, um genau diese Randale anzuzetteln. Es war nicht zu erkennen, ob hinter einer schwarzen Maske ein &#8222;ehrlicher&#8220; Autonomer oder ein Polizeiprovokateur steckte. Dies kann man nicht leugnen und daraus ergibt sich auch die Antwort auf die Frage, wem die Auseinandersetzungen von Genua gedient haben. Solche Jugendlichen, die sich in ihrer Wut an Randaleaktionen beteiligt haben und solche Autonome, die diese bewusst und geplant begangen haben, helfen damit de facto &#8211; ob sie es wollen oder nicht &#8211; dem kapitalistischen Staat. Deshalb war es richtig, dass viele DemonstrationsteilnehmerInnen in Genua gegen RandaliererInnen vorgegangen sind und ihre Demonstrationsbl&ouml;cke nicht f&uuml;r sie ge&ouml;ffnet haben.<br \/>  Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen individuellen Randaleaktionen und Selbstverteidigung gegen Polizeiangriffe bei Demonstrationen wie in Genua flie&szlig;end. Die Fernsehbilder und entsprechenden Kommentare verschweigen nat&uuml;rlich die Komplexit&auml;t solcher Ereignisse. So haben auch VertreterInnen der &#8222;Tute Bianche&#8220; (&#8222;Die wei&szlig;en Overalls&#8220;), einer Gruppe die Gewaltlosigkeit zum Prinzip hat, erkl&auml;rt, dass sie sich gegen die massiven Polizeiangriffe mit Steinen zur Wehr setzen mussten.<br \/>  Wie sollen sich also Demonstrationen gegen Polizeigewalt verteidigen und welche Mittel sollen angewendet werden, um die imperialistischen Gipfeltreffen zu verhindern?<\/p>\n<p>  Tute Bianche<\/p>\n<p>  Eine Gruppe, die in den letzten zwei Jahren eine neue Aktionsform entwickelt hat sind die eben diese &#8222;Tute Bianche&#8220;. Sie stehen f&uuml;r eine &#8222;militante Gewaltlosigkeit&#8220; und setzen direkt ihre K&ouml;rper ein, um zum Beispiel den Zugang in abgesperrte Tagungsareale zu bekommen oder sind bei Demonstrationen in Italien in Abschiebegef&auml;ngnisse eingedrungen, um diese symbolisch zu schlie&szlig;en. Dabei setzen sie bewusst keine offensive Gewalt ein, sondern sch&uuml;tzen sich nur durch gepolsterte Kleidung, Helme etc. In Italien konnten sie durch ihre Aktionen eine gro&szlig;e Medienaufmerksamkeit erlangen und waren im Kampf f&uuml;r die Schlie&szlig;ung von Abschiebegef&auml;ngnissen sogar erfolgreich (allerdings auf der Grundlage der Mobilisierung zehntausender DemonstrantInnen). Die Taktik der Tute Bianche beinhaltet viele richtige Aspekte: ziviler Ungehorsam, Bereitschaft zur Konfrontation, Defensivtaktik, breite Mobilisierungen. Leider vertreten sie keinerlei politisches Programm, sondern definieren sich ausschlie&szlig;lich durch ihre Aktionsform. Sie sind zwar der Gruppe &#8222;Ya Basta&#8220; entsprungen, die sich an den Zapatisten orientieren, verstehen sich aber als eine Bewegung, die offen f&uuml;r alle diejenigen sind, die an der Aktionsform teilnehmen wollen. Ohne ein politisches Programm k&ouml;nnen die &#8222;Tute Bianche&#8220; jedoch unm&ouml;glich zu einer Kraft werden, die der Bewegung eine Perspektive geben kann, auch wenn ihre Aktionsform viel Richtiges beinhaltet. Denn die politischen Fragen, die in der Bewegung aufkommen brauchen eine politische Antwort und die Frage der anzuwendenden Mittel ist eine taktische Frage, die im Zweifelsfall den politischen Fragen untergeordnet ist. <\/p>\n<p>  F&uuml;r Massenaktionen<\/p>\n<p>  Die SAV steht f&uuml;r Massenmobilisierungen und kollektive Massenaktionen bei den Demonstrationen gegen die kapitalistischen Institutionen. Wir unterst&uuml;tzen Blockaden von Gipfeln und andere Formen direkter Aktionen, wenn sie auf der Grundlage demokratischer Entscheidungen und Massenbeteiligung stattfinden. Vor allem treten wir daf&uuml;r ein, die organisierte Arbeiterbewegung f&uuml;r die antikapitalistischen Proteste zu gewinnen. Die effektivsten direkten Aktionen sind Streiks, Generalstreiks und Betriebsbesetzungen. Ein Generalstreik in der Stadt, in der ein Gipfeltreffen stattfindet, w&auml;re die kraftvollste und effektivste Gegendemonstration.<br \/>  Es ist auch die Verantwortung der Gewerkschaftsf&uuml;hrung, dass die Demonstration in Genua diesen Verlauf nehmen konnte. Sie h&auml;tten die Macht nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen auf die Stra&szlig;e zu bringen und die Demonstrationen durch gut organisierte und ausgestattete, massenhafte Ordnerdienste gegen Polizeiangriffe und Provokationen zu verteidigen. Und mit einer anderen Politik und einer anderen F&uuml;hrung k&ouml;nnte die Arbeiterbewegung den Jugendlichen, die aus verst&auml;ndlicher Wut und Frustration &uuml;ber die herrschenden Verh&auml;ltnisse sich an einzelnen Randaleaktionen beteiligen, eine Perspektive f&uuml;r einen erfolgreichen, kollektiven Kampf gegen den Kapitalismus bieten.<br \/>  Doch die antikapitalistische Bewegung kann nicht darauf warten, dass die Gewerkschaften von unten erneuert werden und wieder zu Kampforganisationen der Arbeiterklasse gemacht worden sind. Der Schutz von Demonstrationen ist hier und heute eine dr&auml;ngende Aufgabe. Es war ein Fehler, dass das Genoa Social Forum (GSF &#x96; das Organisationsb&uuml;ndnis der Demonstration vom 21. Juli) bewusst darauf verzichtet hat, Ordnerdienste f&uuml;r die Demonstration zu organisieren. Es ist naiv, diese Aufgabe der Polizei zuzuschreiben, wie es ein Sprecher des GSF nach den Demonstrationen gemacht hat.<br \/>  Demokratische Vorbereitungskonferenzen sollten Demonstrations- und Ordnerleitungen w&auml;hlen, in denen die wichtigsten beteiligten Organisationen vertreten sind. Die Ordnerdienste sollten gut vorbereitet werden und zu ihrer Verteidigung ausgestattet werden (&auml;hnlich der &#8222;Tute Bianche&#8220; zum Beispiel mit Schutzkleidung, aber auch mit Schildern oder Kn&uuml;ppeln zur Verteidigung). Das Vorgehen auf Demonstrationen muss entsprechend der konkreten Lage vor Ort demokratisch entschieden werden (also Fragen, ob Blockaden organisiert werden k&ouml;nnen, die es den TeilnehmerInnen von Gipfeln unm&ouml;glich machen k&ouml;nnten, den Gipfel zu erreichen; ob versucht werden soll durch massenhaftes Vordringen der Demonstration Polizeiketten zu durchbrechen und in die abgesperrten Teile der jeweiligen Stadt vorzudringen; wie sich verhalten werden soll, falls das gelingt bzw. es Polizeiangriffe auf die Demonstration gibt etc.). Solange allen beteiligten Gruppen die Freiheit der Propaganda und eigener Aktionsformen, die nicht im direkten Widerspruch zu den Mehrheitsentscheidungen stehen, zugestanden wird, sollte dann auch von allen erwartet werden, dass sie sich an demokratisch gefasste Beschl&uuml;sse halten. Denn solche Gruppen, die der Mehrheit von DemonstrantInnen ihre individuellen Randaleaktionen aufzwingen, handeln nicht nur destruktiv, sondern auch undemokratisch und stellen sich so leider au&szlig;erhalb der antikapitalistischen Bewegung. W&auml;hrend wir alle Opfer staatlicher Repression und Verfolgung verteidigen, treten wir daf&uuml;r ein, dass in der antikapitalistischen Bewegung eine offene Auseinandersetzung &uuml;ber die Frage der anzuwendenden Mittel stattfindet. Manche autonome Gruppen weisen jede Kritik mit dem Vorwurf, dies w&uuml;rde die Bewegung spalten zur&uuml;ck. Wir appelieren an diese Gruppen ihre Taktik zu &uuml;berdenken und sich der Diskussion zu stellen, wie die Bewegung gemeinsam und geschlossen aufgebaut werden kann. Denn die Herrschenden f&uuml;rchten nicht kaputte Fensterscheiben von Banken oder Tankstellen. Das regeln schon die Versicherungen. Sie f&uuml;rchten eine Massenbewegung, die sich gegen den Kapitalismus wehrt und diesen in Frage stellt. Daher versuchen sie die Bewegung zu spalten und Unruhe und Misstrauen zu s&auml;en. Am meisten f&uuml;rchten sie, dass einer Tages kein Demonstrant mehr anreisen muss, um einen Gipfel lahm zu legen, weil das die Besch&auml;ftigten der jeweiligen Stadt mit einem Generalstreik selbst erledigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Sascha Stanicic (August 2001)<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[134],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10087"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10087"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10087\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10087"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10087"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10087"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}