{"id":10085,"date":"2002-09-04T12:54:04","date_gmt":"2002-09-04T12:54:04","guid":{"rendered":".\/?p=10085"},"modified":"2002-09-04T12:54:04","modified_gmt":"2002-09-04T12:54:04","slug":"10085","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10085\/","title":{"rendered":"ATTAC &#x96; Wie weiter?"},"content":{"rendered":"<p>von Sascha Stanicic<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIm Jahr 2001 ist die Bewegung gegen kapitalistische Globalisierung in Deutschland angekommen. Seit den Demonstrationen gegen die WTO-Tagung in Seattle im Herbst 1999 breitet sich diese Bewegung &uuml;ber den ganzen Erdball aus und hat Hunderttausende und Millionen von Jugendlichen, ArbeiterInnen und Intellektuellen mobilisiert. Sie hat es geschafft, die neoliberale Globalisierungsideologie in die Defensive zu dr&auml;ngen und laut und deutlich ihren Anspruch formuliert: &#x84;Eine andere Welt ist m&ouml;glich!&#x93;<br \/>  ATTAC ist eine von verschiedenen Organisationen, die diese Bewegung hervorgebracht hat. In Deutschland ist ATTAC seit Sommer 2001 rasant gewachsen. Damit ist ATTAC zum zurzeit wichtigsten organisierten Ausdruck der Bewegung geworden. Eine solch dynamische Entwicklung bedeutet zwangsl&auml;ufig, dass ATTAC in einem st&auml;ndigen Prozess der Ver&auml;nderung ist. Im April wird der n&auml;chste bundesweite Ratschlag (eine Art Bundeskonferenz) stattfinden, auf der &uuml;ber die programmatischen Inhalte, Selbstverst&auml;ndnis und Struktur von ATTAC debattiert werden wird.<br \/>  ATTAC hat sich in Frankreich als Bewegung f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer Steuer auf Devisentransaktionen (Tobinsteuer) gegr&uuml;ndet. In Deutschland als B&uuml;ndnis verschiedener Nichtregierungsorganisationen (NGO&#x92;s) begonnen, hat sich ATTAC von Beginn an breiter mit Fragen der internationalen Finanzm&auml;rkte und der Globalisierung besch&auml;ftigt. Mit den Auswirkungen der Demonstrationen von G&ouml;teborg und Genua, dem 11. September und dem Krieg gegen Afghanistan und dem Zulauf von Tausenden neuen Mitgliedern hat sich die Palette der Themen, die von ATTAC aufgegriffen werden, enorm erweitert. ATTAC-Hochschulgruppen besch&auml;ftigen sich mit Abbau und Privatisierung von Bildung, die Pl&auml;ne zur Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme sind zu einem Schwerpunktthema geworden und nicht zuletzt spielte ATTAC eine wichtige Rolle in der Bewegung gegen den Afghanistan-Krieg.<br \/>  Einige ATTAC-Mitglieder warnen vor einer thematischen Beliebigkeit und fordern, ATTAC solle sich auf &ouml;konomische und soziale Fragen konzentrieren. Diese Konzentration ergibt sich aus der ganzen Geschichte von ATTAC, sollte aber nicht von ATTAC-F&uuml;hrungskreisen festgeschrieben werden. Mit dem Zulauf von neuen Mitgliedern und der Entwicklung neuer gesellschaftlicher Probleme (oder alter Probleme, die eine neue Aktualit&auml;t gewinnen) sollte ATTAC flexibel neue Themen behandeln und seine Aufgabe darin sehen, die tieferen &ouml;konomischen Ursachen f&uuml;r gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen.<\/p>\n<p>  Was ist ATTAC?<\/p>\n<p>  ATTAC ist zweifelsfrei ein neues Ph&auml;nomen. In ATTAC sind Leute zusammen gekommen, die die verschiedensten politischen Ideen und Richtungen vertreten, es eint sie die Kritik an der herrschenden Wirtschaftspolitik. Diese Vielfalt wird von vielen als St&auml;rke von ATTAC betrachtet. Und es ist sicher wahr, dass ATTAC diesen rasanten Aufstieg nehmen konnte, weil eine gro&szlig;e Offenheit besteht, verschiedene Ideen zuzulassen und zu debattieren. Also finden sich bei ATTAC GewerkschafterInnen, Friedensbewegte, 3.-Welt-AktivistInnen und SozialistInnen. Diese Vielfalt dr&uuml;ckt den heutigen Zustand der globalisierungskritischen Bewegung aus: Die meisten wissen, wogegen sie sind, aber nicht, wof&uuml;r sie sind. Ein Forum f&uuml;r offene Diskussionen und die Entwicklung von Ideen ist dringend n&ouml;tig. Doch diese Vielfalt und Offenheit kann zu einem Problem werden, wenn sie zu Stillstand und Unverbindlichkeit f&uuml;hrt. Die Bewegung gegen kapitalistische Globalisierung steht nicht still. Die TeilnehmerInnen an den Demonstrationen in G&ouml;teborg, Genua, Br&uuml;ssel haben Erfahrungen gemacht und daraus politische Schl&uuml;sse gezogen. Ereignisse wie der Krieg gegen Afghanistan und der Volksaufstand in Argentinien werfen neue Fragen auf, fordern die Ausarbeitung konkreter politischer und &ouml;konomischer Alternativen und haben die politischen Ansichten vieler ATTAC-Mitglieder ver&auml;ndert. Zweifelsfrei geht der Bewusstseinsprozess nach links und stellt mehr und mehr die kapitalistische Marktwirtschaft insgesamt in Frage. Wenn ATTAC nicht von den Ereignissen &uuml;berholt werden will, muss es in der Lage sein, Schlussfolgerungen zu ziehen und Positionen einzunehmen &#x96; und mit diesen Positionen Handlungsf&auml;higkeit zu erlangen.<\/p>\n<p>  B&uuml;ndnis oder mehr?<\/p>\n<p>  ATTAC verbindet Elemente eines Organisationsb&uuml;ndnisses und einer Mitgliederorganisation. Das ist gut und richtig so. Tatsache ist aber, dass die Mehrheit der Leute, die in den ATTAC-Gruppen aktiv sind, Einzelmitglieder sind und keiner anderen Organisation angeh&ouml;ren beziehungsweise nicht als OrganisationsvertreterInnen bei ATTAC mitarbeiten. Das bedeutet, dass die Einzelmitglieder auch ein h&ouml;heres Gewicht in den ATTAC-Strukturen haben sollten als die Mitgliedsorganisationen. Es bedeutet auch, dass ein Konsensprinzip bei Entscheidungsfindungen nicht l&auml;nger praktikabel ist. Ein Konsensprinzip im Sinne einer hundertprozentigen Zustimmung (beziehungsweise im Umkehrschluss der Bedingung, dass niemand ein Veto gegen einen bestimmten Beschluss vorbringt) f&uuml;hrt im Zweifelsfall zu L&auml;hmung und Handlungsunf&auml;higkeit. Einen Konsens in Diskussionen anzustreben ist eine Sache, eine andere Sache ist es, Einzelpersonen oder kleinen Minderheiten de facto ein Vetorecht einzur&auml;umen. Das hat dann auch nichts mehr mit Demokratie zu tun. Lebendige Demokratie sollte auf aktives Handeln ausgerichtet sein. Viele ATTAC-Mitglieder stimmen zu, dass es kein Vetorecht geben sollte, wollen aber auch die Einheit der ATTAC-Organisation wahren und sprechen sich deshalb gegen Entscheidungsfindung durch einfache Mehrheiten aus. Dem kann dadurch begegnet werden, dass Entscheidungen mit einer Zweidrittel- oder Dreiviertel-Mehrheit gef&auml;llt werden.<br \/>  Auch auf bundesweiter Ebene m&uuml;ssen demokratische, verbindliche und transparente Strukturen existieren. Die Praxis, den bundesweiten Ratschlag als eine Vollversammlung aller ATTAC-Mitglieder durchzuf&uuml;hren, ist faktisch nicht demokratisch, da die Teilnahme von zuf&auml;lligen Faktoren abh&auml;ngt (zum Bespiel von der &ouml;rtlichen N&auml;he zum Tagungsort), so dass eine repr&auml;sentative Teilnahme nicht zu gew&auml;hrleisten ist. W&auml;hrend solche Versammlungen f&uuml;r alle ATTAC-Mitglieder zug&auml;nglich sein sollten und auch das Rederecht nicht eingeschr&auml;nkt werden sollte, sollten doch nur Delegierte abstimmungsberechtigt sein. Dazu muss ein Delegiertenmodell gefunden werden, das den Regionalgruppen entsprechend ihrer Mitgliederzahl das gr&ouml;&szlig;te Gewicht gibt und den Mitgliedsorganisationen auch eine Vertretung garantiert. Hierbei sollten alle Mitgliedsorganisationen ber&uuml;cksichtigt werden und nicht nur solche mit bundesweiter Pr&auml;senz (denn faktisch ist es so, dass einige kleinere Organisationen eine aktivere Rolle bei ATTAC spielen als so manche gr&ouml;&szlig;ere Mitgliedsorganisation).<\/p>\n<p>  Politische Ausrichtung<\/p>\n<p>  Der bundesweite Ratschlag wird auch die Erneuerung der ATTAC-Grundsatzerkl&auml;rung diskutieren. Dies muss vor dem Hintergrund der ver&auml;nderten gesellschaftlichen Situation geschehen. Krieg, Abbau demokratischer Rechte und die Folgen der Weltwirtschaftskrise m&uuml;ssen dabei ihren Niederschlag finden und zu einer Zuspitzung der ATTAC-Programmatik f&uuml;hren. In diesem und den n&auml;chsten Jahren werden weitere L&auml;nder wirtschaftlichen Zerfall und Staatsbankrott erfahren, wie zurzeit Argentinien. Auch in der Bundesrepublik wird es zu Betriebsschlie&szlig;ungen und Sozialk&uuml;rzungen als Folge der Rezession kommen. Solche Ereignisse werden zweifelsfrei zu Widerstand f&uuml;hren. An diesem Widerstand sollte ATTAC sich beteiligen und ihn mitgestalten.<br \/>  Als SozialistInnen sind wir der &Uuml;berzeugung, dass es im Rahmen des Kapitalismus keinen Ausweg aus der Spirale von Krisen und Kriegen geben kann und dass die Marktwirtschaft &uuml;berwunden werden muss, um eine Welt zu schaffen, in der die Bed&uuml;rfnisse von Mensch und Natur im Mittelpunkt stehen und nicht die Profite der Banken und Konzerne. F&uuml;r sozialistische Ideen treten wir in allen Bewegungen, den Gewerkschaften und sozialen K&auml;mpfen ein. Wir sind uns gleichzeitig bewusst, dass die Mehrzahl der Leute, die heute bei ATTAC aktiv sind, noch keine sozialistischen Schlussfolgerungen gezogen haben. W&auml;hrend wir einerseits daf&uuml;r eintreten, die Diskussion &uuml;ber eine Systemalternative innerhalb von ATTAC zu verst&auml;rken, sind wir gleichzeitig der Meinung, dass die Zeit gekommen ist, in der ATTAC-Programmatik weitergehende Fragen aufzuwerfen und Forderungen zu den dr&auml;ngendsten Problemen von Arbeitslosigkeit und Privatisierungen aufzustellen. Deshalb haben SAV-Mitglieder unten stehenden Vorschlag f&uuml;r eine neue ATTAC-Grundsatzerkl&auml;rung erarbeitet und stellen ihn zur Diskussion. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Sascha Stanicic<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[134],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10085"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10085"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10085\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}