{"id":10082,"date":"2002-09-04T12:46:58","date_gmt":"2002-09-04T12:46:58","guid":{"rendered":".\/?p=10082"},"modified":"2002-09-04T12:46:58","modified_gmt":"2002-09-04T12:46:58","slug":"10082","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10082\/","title":{"rendered":"Paul Krugman"},"content":{"rendered":"<p>von Lorenz Blume<br \/> <!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nIn Sozialdemokratie und Gewerkschaften werden die Ideen des amerikanischen &Ouml;konomen Paul Krugman schon seit einigen Jahren hei&szlig; gehandelt. Oskar Lafontaine beispielsweise beruft sich in seinen B&uuml;chern und Reden immer wieder auf die wirtschaftspolitischen Vorschl&auml;ge Krugmans. Wer ist Paul Krugman, was ist der Kern seiner Ideen und warum wird er von Teilen der SPD als Guru verehrt?<br \/>  Paul Krugman, Jahrgang 1953, ist Professor f&uuml;r &Ouml;konomie am elit&auml;ren Massachusetts Institute of Technology. Nach seiner Promotion 1977 arbeitete er &#8211; nach eigenen Aussagen mit gemischten Gef&uuml;hlen &#8211; ein Jahr f&uuml;r den Coun-cil of Economic Advisers unter Pr&auml;sident Reagan. 1991 erhielt er die John-Bates-Clark-Medaille, die alle zwei Jahre an den besten &Ouml;konomen unter Vierzig verliehen wird und Chancen auf einen sp&auml;teren Nobelpreis er&ouml;ffnet. 92 unterst&uuml;tzte er die Wahlkampagne Clintons und wurde als m&ouml;glicher Vorsitzender des Council of Economic Advisers der Clinton-Regierung gehandelt. Sehr zu seiner Ver&auml;rgerung ging dieser Posten jedoch an den von ihm ungeliebten Robert Reich. <br \/>  Neben zahlreichen Aufs&auml;tzen in &ouml;konomischen Fachzeitschriften wurde er vor allem durch seine f&uuml;r ein breiteres Publikum geschriebenen B&uuml;cher (The age of diminished expectations, 1989 und The return of depression economics, 1999) und seine wirtschaftspolitischen Kolumnen im Economist, Fortune und Slate bekannt.<\/p>\n<p>  &#x84;Finanzm&auml;rkte &#x96; Spielwiesen f&uuml;r Raubritter&#x93;<\/p>\n<p>  Inhaltlich zeichnen sich Krugmans Ver&ouml;ffentlichungen neben einer originellen, witzigen und oft polemischen Sprache, auf der sicherlich auch ein Teil seines Kultstatus beruht, vor allem dadurch aus, dass er sich nicht scheut, Probleme zu benennen, die von anderen b&uuml;rgerlichen &Ouml;konomen meist totgeschwiegen werden. So sorgte im Clinton-Wahlkampf vor allem seine &Auml;u&szlig;erung f&uuml;r Furore, dass in der Reagan-&Auml;ra 70 Prozent des Wachstums des durchschnittlichen Familieneinkommens nur dem reichsten Prozent aller Familien zugute kam (Incidents from my career, in: A. Heertje (Hrsg.): Makers of Modern Economics, 1995). <br \/>  Er beschreibt die weltweiten Finanzm&auml;rkte als Spielwiese f&uuml;r Raubritter, auf denen es m&ouml;glich ist, dass eine einzelne Person an einem Tag 4 Milliarden Dollar verspekuliert (wie zum Beispiel ein Angestellter der Sumitomo Corp. mit Kupferanleihen) und macht diese Spekulationsblasen im gleichen Atemzug daf&uuml;r verantwortlich, dass so wenig investiert wird und Arbeitslosigkeit entsteht (How copper came a cropper, in: Slate Magazin 7\/15\/96.). <br \/>  Er weist darauf hin, dass die sogenannte &#x84;new economy&#x93; (Informations- und Kommunikationswirtschaft), die nun von den Unternehmern nach dem Zusammenbruch der asiatischen Tigerstaaten als der neueste Beweis daf&uuml;r, dass der Kapitalismus doch funktioniert, pr&auml;sentiert wird, maximal zehn Prozent aller Arbeitspl&auml;tze stellen wird und man sich blo&szlig; nicht der Illusion hingeben sollte, es entst&uuml;nden jetzt &uuml;berall Silicon Valleys (Entertainment Values: Will Capitalism go Hollywood?, in: Slate Magazin 1\/22\/98).<\/p>\n<p>  Keynes und Staatseingriffe<\/p>\n<p>  So &#x84;rebellisch&#x93; seine Fragestellungen und Problembeschreibungen auch sein m&ouml;gen, schon seine Erkl&auml;rung der Ursachen derselben macht deutlich, dass Krugman sehr auf seine Reputation als b&uuml;rgerlicher &Ouml;konom bedacht und alles andere als systemkritisch ist. Den Marxismus verachtet er und &uuml;berh&auml;uft ihn mit Hohn und Spott. Er ist ein gl&uuml;hender Anh&auml;nger von John Maynard Keynes, dem britischen &Ouml;konom, der zwar ein teilweises Versagen der Marktwirtschaft zugesteht, aber der Idee anh&auml;ngt, dass dieses Versagen durch intelligente Eingriffe des Staates zu beheben sei.<br \/>  Krugman sieht dieses Marktversagen im wesentlichen darin, dass zwischen den Unternehmen unvollst&auml;ndige oder monopolistische Konkurrenz herrscht und diese nicht mit konstanten Skalenertr&auml;gen sondern steigenden Skalenertr&auml;gen rechnen k&ouml;nnen, das hei&szlig;t, mehr von einem Produkt zu produzieren bringt &uuml;berproportional mehr Ertr&auml;ge. So erkl&auml;rt er auch, warum der Gro&szlig;teil des Handels heute nicht mehr zwischen Entwicklungs- und Industriel&auml;ndern stattfindet, wie es eigentlich nach der auf Ricardo zur&uuml;ckgehenden klassischen Theorie komparativer Vorteile (L&auml;nder mit arbeitsintensiver Produktion handeln mit kapitalintensiv produzierenden L&auml;ndern) sein m&uuml;sste, sondern zwischen den Industriel&auml;ndern. Krugman gilt als Mitbegr&uuml;nder der &#x84;Neuen Handelstheorie&#x93;. Mit dem gleichen Konzept steigender Skalenertr&auml;ge und monopolistischer Konkurrenz erkl&auml;rt er auch die Entstehung von St&auml;dten und das Auseinanderdriften armer und reicher Regionen.<br \/>  Von einer Anarchie des Marktes will Krugman allerdings nichts wissen. Bei ihm gibt es zwar kein allgemeines Marktgleichgewicht, keine unsichtbare Hand, die alles zur Besten regelt, wie es sich die neoliberalen &Ouml;konomen vorstellen, allerdings immerhin multiple Gleichgewichte, die nat&uuml;rlich alles unbestimmter und komplexer werden lassen (und auch den historischen Zufall als entscheidende Gr&ouml;&szlig;e mitber&uuml;cksichtigen m&uuml;ssen), aber den Kapitalismus abschaffen, muss man deshalb noch lange nicht.<\/p>\n<p>  Zinspolitik<\/p>\n<p>  Seine wirtschaftspolitischen Vorschl&auml;ge beschr&auml;nken sich dementsprechend &#8211; wiederum ganz im Sinne von Keynes &#8211; darauf, b&uuml;rgerlichen Politikern Tipps zu geben, wie sie den Kapitalismus besser managen k&ouml;nnen.<br \/>  Im Spektrum des Keynesianismus befindet er sich dann sogar eher auf dem rechten als auf dem linken Fl&uuml;gel. So unterst&uuml;tzt er aus dem keynesianischen Instrumentekasten vor allem das Instrument der Zinssenkungen in wirtschaftlichen Abschwungphasen, um Investitionen zu verbilligen. Die Ausweitung der Staatsquote, aktive Arbeitsmarktpolitik oder die Schaffung eines &ouml;ffentlichen Besch&auml;ftigungssektors &#8211; alles Forderungen linker Keynesianer &#8211; lehnt er dagegen vehement ab (Warum brauchen wir einen anderen Arbeitsmarkt, Prof. Krugman?, in: FAZ-Beilage Nr. 956). Zur Eind&auml;mmung der W&auml;hrungsspekulation pl&auml;diert er wie Oskar Lafontaine f&uuml;r feste Wechselkurszielzonen, die Arbeitslosigkeit will er durch mehr Bildung und eine lockere Geldpolitik bek&auml;mpfen, sozialpolitisch bef&uuml;rwortet er die Idee von Lohnsubventionen.<\/p>\n<p>  Den Kapitalismus besser managen?<\/p>\n<p>  Da Krugman den Kapitalismus nicht beseitigen sondern nur &#x84;verbessern&#x93; will, arrangiert er sich schon mal mit den unver&auml;nderbaren Symptomen des Kapitalismus. Er ist ein fanatischer Anh&auml;nger der Freihandelstheorie und steht auch der Globalisierung eher unkritisch gegen&uuml;ber. Schlechte Jobs sind f&uuml;r ihn besser als keine. Dass in Superm&auml;rkten viele Helfer existieren, die f&uuml;r die Kunden die T&uuml;ten packen, findet er ein gutes Zeichen.<br \/>  F&uuml;r Deutschland schl&auml;gt er im wesentlichen drei Dinge vor: die Bundesbank auffordern, die Zinsen zu senken, mehr in Bildung investieren und die Sozialsysteme deregulieren. &#x84;Wenn man auf dem europ&auml;ischen Kontinent nach einem Modell sucht, dem man nacheifern will, w&auml;re es vielleicht ergiebiger, nicht nach Nordamerika, sondern nach Gro&szlig;britannien zu schauen (Warum ist Amerika ein gutes Vorbild, Professor Krugman?, in: FAZ-Beilage Nr. 957)&#x93;. Er ist sich zwar nicht so sicher, ob die Deutschen eine Politik a&#x92;la Thatcher haben wollen, aber es k&ouml;nnte ja auch eine Art Zwischenl&ouml;sung geben, so eine Art moderaten Thatcherismus.<br \/>  Kein Wunder, dass Krugman mit diesen wirtschaftspolitischen Vorschl&auml;gen ein offenes Ohr in den Reihen der Sozialdemokratie findet, die h&auml;nderingend nach einer Rechtfertigung f&uuml;r ihre Politik des Sozialabbaus sucht, aber bitte sch&ouml;n in fortschrittlicher Verpackung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Lorenz Blume<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[134],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10082"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10082"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10082\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}