{"id":10049,"date":"2002-08-29T16:07:25","date_gmt":"2002-08-29T14:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=10049"},"modified":"2012-08-21T12:12:20","modified_gmt":"2012-08-21T10:12:20","slug":"10049","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/08\/10049\/","title":{"rendered":"Konsum ankurbeln"},"content":{"rendered":"<p>\u201eH\u00f6here L\u00f6hne gef\u00e4hrden Arbeitspl\u00e4tze\u201c \u2013 schreien die Unternehmer, weil sie die Kosten in die H\u00f6he treiben und Wettbewerbsnachteile bringen. <br \/> \u201eH\u00f6here L\u00f6hne schaffen Arbeitspl\u00e4tze\u201c \u2013 sagen meist die Gewerkschaften, weil sie die Nachfrage ankurbeln und die Konjunktur beleben. Wer hat recht?<\/p>\n<p>von Angela Bankert, VORAN 204 im April 1999<br \/> <!--more--><br \/> \u00a0<br \/> Schaut man sich die Reallohnverluste der 90er Jahre bei gleichzeitig steigender Arbeits-losigkeit an, dann haben die Gewerkschaften recht damit, da\u00df Lohnverzicht die Arbeitslosigkeit nicht abbaut (Bleibt nur die Frage, warum die Ge-werkschaftsspitzen die schlechten Lohnangebote dann akzeptiert und im Kohl\u00b4schen \u201eB\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit\u201c Lohnverzicht im Tausch f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze angeboten haben). Schaut man sich die in diesem Jahr etwas besseren Tarifabschl\u00fcsse und die trotzdem steigende Arbeitslosigkeit an, die in den kommenden 12-18 Monaten aller Voraussicht nach noch zunehmen wird, dann scheinen die Unternehmer recht zu haben. <br \/> Dies zeigt zun\u00e4chst eines: es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Lohnh\u00f6he einerseits und Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit andererseits (au\u00dfer, da\u00df hohe Dauerarbeitslosigkeit das Lohnniveau dr\u00fcckt.) Wenn niedrige L\u00f6hne f\u00fcr bl\u00fchende Konjunktur und Vollbesch\u00e4ftigung sorgen w\u00fcrden, dann m\u00fc\u00dften die L\u00e4nder der sog. Dritten Welt mit ihren Hungerl\u00f6hnen zu den f\u00fchrenden Wirtschaftsnationen bei geringer Arbeitslosigkeit geh\u00f6ren, was bekanntlich nicht der Fall ist. Tats\u00e4chlich aber geraten Staaten mit ganz unterschiedlichem Lohnniveau gleicherma\u00dfen in die Krise, wie z.B. derzeit Japan und Indonesien.<\/p>\n<p>Keynesianismus und Monetarismus<\/p>\n<p>\u201eZu hohe L\u00f6hne\u201c sind nicht die Ursache von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise. Und der Neoliberalismus, demzufolge die Diktatur des Marktes schon alles alleine lenke, ist in den letzten 20 Jahren gr\u00fcnd-lich gescheitert. Das ist sie in der Geschichte schon einmal. Denn auch der klassische Wirtschaftsliberalismus ging von den Selbstheilungskr\u00e4ften des Marktes aus und war allein auf Geldwertstabilit\u00e4t fixiert \u2013 bis zur Weltwirtschaftskrise 1929. Daraus wurden Lehren gezogen, die nach dem britischen Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes \u201eKeynesianismus\u201c genannt werden: staatliche Rahmenlenkung, Ankurbelung der Nachfrage, Senkung der Zinsen und eine antizyklische Haushaltspolitik, d.h. erh\u00f6hte staatliche Ausgaben auch durch h\u00f6here Verschuldung in der Krise und zur\u00fcckhaltende Ausgabenpolitik und Abbau der Staatsschulden durch erh\u00f6hte Steuereinnahmen im Aufschwung. <br \/> In der ein oder anderen Mischung wurde diese Politik nach der Weltwirtschaftskrise 1929 bis in die 70er Jahre in den meisten Industriestaaten verfolgt. Doch funktionierte sie nur begrenzt. Im langen Nachkriegsaufschwung konnte sie die zyklischen Bewegungen, das Auf und Ab des Kapitalismus immerhin abmildern, wenn auch nicht verhindern. Sie versagte jedoch g\u00e4nzlich in der ersten weltweit gleichzeitigen Rezession Mitte der 70er Jahre. Das Problem bei der staatlichen Nachfrage-Ankurbelung ist: woher nimmt der Staat das Geld? Nimmt er es von den Arbeitnehmern, beschneidet er den Massenkonsum. Nimmt er es von den Kapitalisten, beschneidet er deren Profite und sie investieren weniger. Erh\u00f6ht er die Kreditaufnahme, m\u00fcssen die Schulden bedient werden \u2013 wiederum aus wessen Taschen? siehe oben. Erweitert er die Geldmenge, so wirkt dies inflation\u00e4r. Und genau das ist in den 70er Jahren passiert, als auch Industrienationen mit teils zweistelligen Inflationsraten geschlagen waren. Diese Erfahrungen f\u00fchrten zu einer Abkehr vom Keynesianismus und erneuten Hinwendung zum Liberalismus, nunmehr Neoliberalismus und Monetarismus genannt (letzteres wegen der Fixierung auf Geld-mengensteuerung und Geldwertstabilit\u00e4t). So pendelt die kapitalistische Wirtschaftspolitik in diesem Jahrhundert zwischen diesen beiden Rezepten hin und her, ohne die Probleme je in den Griff zu kriegen. Das ist auf kapitalistischer Grundlage auch nicht m\u00f6glich. Denn das System hat keinen \u201eFehler\u201c, den man durch diese oder jene Politik beheben k\u00f6nnte \u2013 das System selbst ist der Fehler.<\/p>\n<p>Grundwiderspr\u00fcche<\/p>\n<p>Der Kapitalismus ist in fundamentalen Widerspr\u00fcchen verfangen. Einer davon: Der Arbeitslohn ist aus Sicht des einzelnen Kapitalisten zun\u00e4chst mal ein Kostenfaktor, den er m\u00f6glichst niedrig halten m\u00f6chte. Andererseits will er seine Waren aber auch absetzen und braucht entsprechend kaufkr\u00e4ftige Nachfrage. Alle anderen Kapitalisten sollen also m\u00f6glichst hohe L\u00f6hne zahlen, damit die Leute seine Waren kaufen k\u00f6nnen. Doch da jeder Kapitalist das ebenso sieht, bleibt das Ganze ein Nullsummenspiel. Dasselbe gilt f\u00fcr den \u201eStandortwettbewerb\u201c ganzer Volkswirtschaften. Die Kapitalisten wollen m\u00f6glichst niedrige Produktionskosten und -l\u00f6hne am heimischen Standort, dessen Binnennachfrage dadurch geschw\u00e4cht wird, um im Export auf anderen M\u00e4rkten zu gl\u00e4nzen. Da dies aber jedes Land versucht, ist es global auch ein Nullsummenspiel. Das ist nicht einfach durch Steigerung der Massenkaufkraft zu beheben. Der Keynesianismus ber\u00fccksichtigt nicht, da\u00df Profite auch Nachfrage ausl\u00f6sen: neben Luxuskonsum die Nachfrage nach Investitionsg\u00fctern und Maschinen. Aber wenn zuk\u00fcnftige Investitionen nicht mehr so lohnend sind wie vorherige, weil z.B. auf den Finanzm\u00e4rkten h\u00f6here Renditen winken, dann wird nicht mehr investiert \u2013 \u00fcbrigens egal wie niedrig die L\u00f6hne sind \u2013 Anlagen werden stillgelegt, Menschen arbeitslos, die Abw\u00e4rtsspirale setzt ein. Da\u00df die Renditen auf in der Produktion investiertes Kapital nicht mehr hoch genug sind, hat nicht nur etwas mit Massennachfrage zu tun, sondern ist Folge des Grundwiderspruchs des Kapitalismus: da\u00df nur f\u00fcr den privaten Profit und in Konkurrenz zueinander gewirtschaftet wird. Dies f\u00fchrt zu Rationalisierung und wachsendem Anteil an totem Kapital (neue Maschinen und Anlagen) in der Produktion, wodurch die Anwendung lebendige Arbeit aus dem Produkti-onsproze\u00df verdr\u00e4ngt wird. Doch die Quelle von Mehrwert und Profit, von neuem Reichtum einer Gesellschaft, ist ausschlie\u00dflich die menschliche Arbeit. Es f\u00fchrt au\u00dferdem zu \u00dcberproduktionskrisen, weil jeder einzelne Kapitalist aus seiner betriebswirtschaftlichen Profitsicht einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Marktanteil erobern m\u00f6chte. Das m\u00f6chten alle, und so bauen sie insgesamt \u00dcberkapazit\u00e4ten auf, die dann zur Krise f\u00fchren und in der Krise vernichtet werden. Das kapitalistische Profit- und Konkurrenzprinzip macht die Marktwirtschaft chaotisch und f\u00fchrt immer wieder in grundlegende Krisen, die durch keine b\u00fcrgerliche Wirtschaftspolitik zu verhindern sind. Nur wenn das Privateigentum an den Produktionsmitteln und die kapitalistischen Profitprinzipien aufgehoben werden, k\u00f6nnen Gesellschaft und Politik die Instrumente in die Hand bekommen, um den von uns allen erwirtschafteten Reichtum sinnvoll einzusetzen \u2013 durch eine demokratische Planung der Wirtschaft, ausgerichtet an den Bed\u00fcrfnissen von Mensch und Umwelt statt am Profit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#x84;H&ouml;here L&ouml;hne gef&auml;hrden Arbeitspl&auml;tze&#x93; &#x96; schreien die Unternehmer, weil sie die Kosten in die H&ouml;he treiben und Wettbewerbsnachteile bringen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[122,78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10049"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10049"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10049\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10049"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}