{"id":10043,"date":"2010-08-28T18:39:35","date_gmt":"2010-08-28T18:39:35","guid":{"rendered":".\/?p=10043"},"modified":"2010-08-28T18:39:35","modified_gmt":"2010-08-28T18:39:35","slug":"10043","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/10043\/","title":{"rendered":"Bolschewismus und Stalinismus"},"content":{"rendered":"<p>  von Leo Trotzki, geschrieben am 28. August 1937<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Reaktion&#228;re Epochen wie die unsere zersetzen und schw&#228;chen nicht nur die   Arbeiterklasse und isolieren ihre Avantgarde, sondern dr&#252;cken auch das   allgemeine ideologische Niveau der Bewegung herab und werfen das   politische Denken auf bereits l&#228;ngst durchlaufene Etappen zur&#252;ck.<br \/>Die   Aufgabe der Avantgarde besteht unter diesen Umst&#228;nden vor allem darin,   sich nicht von dem allgemeinen, r&#252;ckw&#228;rts flutenden Strom davontragen zu   lassen &#8211; es hei&#223;t gegen den Strom schwimmen. Wenn ein ung&#252;nstiges   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis es nicht erlaubt, die fr&#252;her eroberten politischen   Positionen zu wahren, gilt es, sich wenigstens auf den ideologischen   Positionen zu halten, denn sie sind der Ausdruck einer teuer bezahlten   vergangenen Erfahrung. Dummk&#246;pfen erscheint eine solche Politik als   &quot;Sektierertum&quot;. In Wirklichkeit bereitet sie nur einen gigantischen   neuen Sprung vorw&#228;rts vor, zusammen mit der Welle des kommenden   historischen Aufschwungs.<\/p>\n<p>Die Reaktion gegen den Marxismus und   gegen den Bolschewismus<\/p>\n<p>Gro&#223;e historische Niederlagen rufen   unvermeidlich eine Umwertung hervor, die sich im allgemeinen in zwei   Richtungen vollzieht. Auf der einen Seite trachtet das Denken der wahren   Avantgarde, bereichert um die Erfahrung der Niederlagen und mit Z&#228;hnen   und Klauen das Erbe des revolution&#228;ren Gedankens verteidigend, auf   seiner Grundlage neue Kader f&#252;r die k&#252;nftigen Massenk&#228;mpfe heranzuziehen.<br \/>Auf   der anderen trachtet das &#252;ber die Niederlage erschrockene Denken der   Routiniers, Zentristen und Dilettanten, die Autorit&#228;t der revolution&#228;ren   Tradition zu zerst&#246;ren, und kehrt unter dem Schein der Suche nach   &quot;Neuem&quot; weit zur&#252;ck.<br \/>Man k&#246;nnte eine F&#252;lle von   Beispielen ideologischer Reaktion anf&#252;hren, die &#252;brigens zumeist die   Form der Prostration (Selbsterniedrigung) annimmt. Die gesamte Literatur   der II. und III. Internationale wie ihrer zentristischen Satelliten vom   Londoner B&#252;ro besteht im Grunde aus derartigen Beispielen. Nicht die   Spur einer marxistischen Analyse. Nicht ein ernster Versuch, die Ursache   einer Niederlage zu erhellen.<br \/>Nicht ein neues, eigenes Wort &#252;ber die   Zukunft. Nichts als Schablone, Routine, Trug und vor allem Sorge um die   eigene b&#252;rokratische Selbsterhaltung. Ein Dutzend Zeilen eines   beliebigen Hilferding oder Otto Bauer gen&#252;gen einem, um Verwesungsgeruch   zu sp&#252;ren.<br \/>Von den Theoretikern der Komintern ganz zu schweigen.   Der verherrlichte Dimitrow ist unwissend und banal wie ein Kr&#228;mer in der   Kneipe. Das Denken dieser Leute ist zu faul, um dem Marxismus zu   entsagen: sie prostituieren ihn. Nicht sie interessieren uns jetzt.   Kehren wir zu den &quot;Neuerern&quot; zur&#252;ck.<br \/>Der ehemalige   &#246;sterreichische Kommunist Willy Schlamm widmete den Moskauer Prozessen   eine Brosch&#252;re mit dem sprechenden Titel &quot;Diktatur der L&#252;ge&quot;. Schlamm   ist ein begabter Journalist, dessen Interessen haupts&#228;chlich auf   Tagesfragen gerichtet sind. Die Kritik der Moskauer Schwindelprozesse   sowie die Aufdeckung der psychologischen Mechanik der &quot;freiwilligen   Gest&#228;ndnisse&quot; gelingen Schlamm vortrefflich. Doch nicht zufrieden damit,   will er eine neue Theorie des Sozialismus aufstellen, die uns in Zukunft   vor Niederlagen und Schwindel beh&#252;ten soll.<br \/>Da aber Schlamm   durchaus kein Theoretiker und sogar sichtlich mit der   Entwicklungsgeschichte des Sozialismus wenig bekannt ist, so kehrt er   unter dem Anschein einer neuen Offenbarung ganz zum vormarxistischen   Sozialismus zur&#252;ck, dazu in dessen deutscher, d.h. r&#252;ckst&#228;ndigster,   s&#252;&#223;lichster und widerlichster Art<br \/>Schlamm verzichtet auf   die Dialektik, auf den Klassenkampf, von der Diktatur des Proletariats   gar nicht zu reden. Die Aufgabe der Umgestaltung der Gesellschaft l&#228;uft   f&#252;r ihn auf die Verwirklichung einiger &quot;weniger&quot; Moralweisheiten hinaus,   mit denen er die Menschen bereits unter der kapitalistischen Ordnung zu   f&#252;ttern sich anschickt.<br \/>In Kerenskis Zeitung Neues Ru&#223;land (ein   altes Provinzblatt, herausgegeben in Paris) wird Willy Schlamms Versuch,   den Sozialismus mit einer Spritze sittlicher Lymphe zu fetten, nicht nur   mit Freude, sondern auch mit Stolz aufgenommen: Dem ganz richtigen   Kommentar der Redaktion zufolge kommt Schlamm zu den Prinzipien des   echt-russischen Sozialismus, der schon l&#228;ngst dem trockenen und   engherzigen Klassenkampf die heiligen Grunds&#228;tze des Glaubens, der   Hoffnung und der Liebe entgegenstellte.<br \/>Zwar stellte die   Originaldoktrin der russischen &quot;Sozialrevolution&#228;re&quot; in ihren Pr&#228;missen   nur eine R&#252;ckkehr zum Sozialismus des vorm&#228;rzlichen Deutschlands dar. Es   w&#228;re jedoch allzu ungerecht, von Kerenski eine n&#228;here Bekanntschaft mit   der Ideengeschichte zu fordern als von Schlamm. Viel wichtiger ist der   Umstand, da&#223; der mit Schlamm sich solidarisierende Kerenski als   Regierungsoberhaupt der Urheber der Verfolgungen gegen die Bolschewiki   als Agenten des deutschen Generalstabs war, d.h. den gleichen Schwindel   organisierte, gegen den Schlamm heute mottenzerfressene metaphysische   Absolute mobilisiert.<br \/>Der psychologische Mechanismus der gedanklichen   Reaktion Schlamms und seinesgleichen ist sehr einfach. Eine gewisse   Zeitlang nahmen diese Leute an einer politischen Bewegung teil, die auf   den Klassenkampf schwor und in Worten an die materialistische Dialektik   appellierte. In &#214;sterreich wie in Deutschland endete die Sache mit einer   Katastrophe.<br \/>Schlamm zieht eine summarische Schlu&#223;folgerung: Dahin   haben uns Klassenkampf und Dialektik gebracht! Und da die Auswahl der   Offenbarungen durch die geschichtlichen Erfahrungen und &#8230; die   pers&#246;nlichen Kenntnisse beschr&#228;nkt ist, st&#246;&#223;t unser Reformator auf der   Suche nach Neuem auf bereits l&#228;ngst beiseitegeworfenen Tr&#246;delkram, den   er tapfer nicht nur dem Bolschewismus, sondern auch dem Marxismus   entgegenstellt.<br \/>Auf den ersten Blick erscheint die von Schlamm   vertretene Abart der ideologischen Reaktion allzu primitiv (von Marx &#8230;   zu Kerenski), als da&#223; es sich lohnte, dabei zu verweilen. Allein,   tats&#228;chlich ist sie ungemein lehrreich: Gerade dank ihrer Primitivit&#228;t   bildet sie ein allgemeines Kennzeichen aller anderen Reaktionsformen,   vor allem derjenigen, die sich in dem summarischen Verzicht auf den   Bolschewismus &#228;u&#223;ert.<\/p>\n<p>Zur&#252;ck zum Marxismus?<\/p>\n<p>Im   Bolschewismus fand der Marxismus seinen grandiosesten geschichtlichen   Ausdruck. Unter dem Banner des Bolschewismus wurde der erste Sieg des   Proletariats errungen und der erste Arbeiterstaat errichtet. Diese   Tatsachen wird keine Kraft der Welt mehr aus der Geschichte streichen.   Aber da die Oktoberrevolution im gegenw&#228;rtigen Stadium zum Triumph der   B&#252;rokratie gef&#252;hrt hat, mit ihrem System der Unterdr&#252;ckung,   Raubherrschaft und F&#228;lschung &#8211; zur &quot;Diktatur der L&#252;ge&quot;, wie Schlamm   treffend sagte &#8211; so sind viele formale und oberfl&#228;chliche Geister zu der   summarischen Schlu&#223;folgerung geneigt: Man kann nicht den Stalinismus   bek&#228;mpfen, ohne auf den Bolschewismus zu verzichten.<br \/>Schlamm   geht, wie wir bereits sagten, noch weiter: Der zum Stalinismus entartete   Bolschewismus ist selbst aus dem Marxismus entstanden &#8211; man kann   folglich nicht den Stalinismus bek&#228;mpfen und dabei auf den Grundlagen   des Marxismus bleiben. Die weniger Konsequenten, aber Zahlreicheren   sagen hingegen: &quot;Man mu&#223; vom Bolschewismus zum Marxismus zur&#252;ckkehren.&quot;   Auf welchem Wege? Zu welchem Marxismus?<br \/>Bevor der Marxismus in der   Form des Bolschewismus &quot;bankrott&quot; gemacht hat, erlitt er in der Form der   Sozialdemokratie Schiffbruch. Die Losung &quot;Zur&#252;ck zum Marxismus&quot; bedeutet   somit einen Sprung &#252;ber die Epoche der II. und III. Internationale &#8230;   zur I. Internationale? Aber auch diese erlitt seinerzeit Schiffbruch. Es   hei&#223;t also letzten Endes zur&#252;ckkehren &#8230; zu den gesammelten Schriften   Marx&quot; und Engels&quot; &#8230; Diesen heroischen Sprung kann man machen, ohne   sein Arbeitszimmer zu verlassen oder auch nur die Pantoffeln auszuziehen.<br \/>Wie   aber dann von unseren Klassikern (Marx starb 1883, Engels 1895) zu den   Aufgaben der neuen Epoche gelangen und dabei einige Jahrzehnte   theoretischen und politischen Kampfes umgehen, darunter den   Bolschewismus und die Oktoberrevolution? Niemand von denen, die Verzicht   auf den Bolschewismus als eine historisch &quot;bankrotte&quot; Str&#246;mung   vorschlagen, hat neue Wege gewiesen.<br \/>Die Sache l&#228;uft somit auf einen   einfachen Ratschlag hinaus, das Kapital zu studieren. Dagegen ist nichts   einzuwenden. Aber das Kapital haben auch die Bolschewiki studiert und   dabei gar nicht schlecht. Das hat jedoch die Entartung des Sowjetstaates   und die Inszenierung der Moskauer Prozesse nicht verhindert.<\/p>\n<p>Ist   der Bolschewismus f&#252;r den Stalinismus verantwortlich?<\/p>\n<p>Ist es   jedoch wahr, da&#223; der Stalinismus ein gesetzm&#228;&#223;iges Produkt des   Bolschewismus ist, wie es die gesamte Reaktion annimmt, wie es Stalin   selbst behauptet und wie es die Menschewiki, Anarchisten und gewisse   linke Doktrin&#228;re, die sich f&#252;r Marxisten halten, meinen?<br \/>&quot;Wir   haben ja immer gesagt&quot;, sprechen sie, &quot;seit dem Verbot der anderen   sozialistischen Parteien, der Unterdr&#252;ckung der Anarchisten, seit der   Aufrichtung der Bolschewikidiktatur in den Sowjets konnte die   Oktoberrevolution zu nichts anderem als zur Diktatur der B&#252;rokratie   f&#252;hren. Der Stalinismus ist die Fortsetzung und zugleich der Bankrott   des Leninismus.&quot;<br \/>Der Fehler dieser Argumentation beginnt bei der   stillschweigenden Gleichsetzung von Bolschewismus, Oktoberrevolution und   Sowjetunion. Der historische Proze&#223;, der im Kampf feindlicher Kr&#228;fte   besteht, wird hier durch eine Entwicklung des Bolschewismus im   luftleeren Raum ersetzt.<br \/>Indes ist der Bolschewismus nur eine   politische Str&#246;mung, die zwar eng mit der Arbeiterklasse verkn&#252;pft, aber   nicht mit ihr identisch ist. Aber au&#223;er der Arbeiterklasse existieren in   der UdSSR &#252;ber hundert Millionen Bauern, verschiedenartigste   V&#246;lkerschaften, ein Erbe von Unterdr&#252;ckung, Armut und Unbildung.<br \/>Der   von den Bolschewiki errichtete Staat spiegelt nicht nur das Denken und   Wollen der Bolschewiki wider, sondern auch das Kulturniveau des Landes,   die soziale Zusammensetzung der Bev&#246;lkerung, den Druck der barbarischen   Vergangenheit und des nicht weniger barbarischen Weltimperialismus.<br \/>Den   Entartungsproze&#223; des Sowjetstaats als eine Evolution des reinen   Bolschewismus darstellen, hei&#223;t, die soziale Wirklichkeit ignorieren   namens eines einzigen durch die reine Logik von ihr abgesonderten   Elementes.<br \/>Es gen&#252;gt eigentlich, diesen elementaren Fehler beim Namen   zu nennen, damit von ihm keine Spur mehr &#252;brigbleibt. Der Bolschewismus   selbst jedenfalls identifizierte sich nie mit der Oktoberrevolution noch   mit dem aus ihr hervorgegangenen Sowjetstaat<br \/>Der Bolschewismus   betrachtet sich als einen Faktor der Geschichte, ihren &quot;bewu&#223;ten&quot; Faktor   &#8211; einen sehr bedeutenden, aber nicht entscheidenden &#8211; &quot;historischen   Subjektivismus&quot; haben wir uns nie schuldig gemacht. Den entscheidenden   Faktor auf dem gegebenen Fundament der Produktivkr&#228;fte sahen wir im   Klassenkampf, dabei nicht blo&#223; im nationalen, sondern im internationalen   Ma&#223;stab.<br \/>Als die Bolschewiki an die Besitzertendenzen der Bauern   Zugest&#228;ndnisse machten, strenge Regeln f&#252;r die Aufnahme in die Partei   aufstellten, diese Partei von fremden Elementen s&#228;uberten, andere   Parteien verboten, die NEP (Neue &#214;konomische Politik) einf&#252;hrten, zu   &#220;bergabe von Betrieben in Konzessionen Zuflucht nahmen oder   diplomatische Abkommen mit imperialistischen Regierungen trafen, zogen   sie &#8211; die Bolschewiki &#8211; Teilschl&#252;sse aus der Grundtatsache, die ihnen   von Anfang an klar war, n&#228;mlich da&#223; die Machteroberung, so wichtig sie   an sich auch ist, die Partei durchaus nicht zum allm&#228;chtigen Herrn des   historischen Prozesses machte.<br \/>Mit der Herrschaft &#252;ber den Staat   besitzt die Partei allerdings die M&#246;glichkeit, mit einer ihr bis dahin   nicht zug&#228;nglichen Kraft auf die Entwicklung der Gesellschaft   einzuwirken, daf&#252;r aber unterliegt sie auch selbst einer verzehnfachten   Einwirkung von Seiten aller &#252;brigen Elemente dieser Gesellschaft.<br \/>Durch   die direkten Schl&#228;ge der feindlichen Kr&#228;fte kann sie von der Macht   hinweggefegt werden. Bei langwierigen Entwicklungstempi kann sie, sich   an der Macht haltend, innerlich entarten. Gerade diese Dialektik des   historischen Prozesses verstehen die sektiererischen R&#228;sonneure nicht,   die in der F&#228;ulnis der Stalinb&#252;rokratie ein vernichtendes Argument gegen   den Bolschewismus finden wollen.<br \/>Im Grunde sagen diese Herren:   Schlecht ist die revolution&#228;re Partei, die nicht in sich die Garantie   gegen ihre eigene Entartung enth&#228;lt. Angesichts eines derartigen   Kriteriums ist der Bolschewismus nat&#252;rlich gerichtet: Einen Talisman hat   er nicht. Doch dieses Kriterium ist eben falsch.<br \/>Das   wissenschaftliche Denken verlangt eine konkrete Analyse: Wie und warum   zersetzte sich die Partei? Niemand au&#223;er den Bolschewiki selbst hat   bisher eine solche Analyse gegeben. Diese aber brauchten deswegen nicht   mit dem Bolschewismus zu brechen.<br \/>Im Gegenteil, in ihrem Arsenal   fanden sie alles Notwendige, um sein Schicksal zu erkl&#228;ren. Die   Schlu&#223;folgerung, zu der sie gelangten, lautete: Nat&#252;rlich ist der   Stalinismus aus dem Bolschewismus &quot;erwachsen&quot;, aber nicht logisch   erwachsen, sondern dialektisch: nicht als revolution&#228;re Bejahung,   sondern als thermidorianische Verneinung. Das ist durchaus nicht ein und   dasselbe.<\/p>\n<p>Die Grundprognose des Bolschewismus<\/p>\n<p>Allein, die   Bolschewiki mu&#223;ten nicht erst die Moskauer Prozesse abwarten, um   nachtr&#228;glich die Ursachen f&#252;r die Zersetzung der herrschenden Partei der   UdSSR zu erkl&#228;ren. Sie sahen lange vorher die theoretische M&#246;glichkeit   einer solchen Entwicklungsvariante und sprachen beizeiten davon.<br \/>Erinnern   wir uns an die Prognose, die die Bolschewiki nicht nur am Vorabend der   Oktoberrevolution, sondern schon einige Jahre vorher aufstellten. Die   besondere Kr&#228;ftegruppierung im nationalen und internationalen Ma&#223;stab   f&#252;hrt dazu, da&#223; das Proletariat in einem so r&#252;ckst&#228;ndigen Land wie   Ru&#223;land zuerst an die Macht gelangen kann.<br \/>Doch eben diese   Kr&#228;ftegruppierung l&#228;&#223;t auch im voraus erkennen, da&#223; ohne einen mehr oder   weniger baldigen Sieg des Proletariats in den fortgeschrittenen L&#228;ndern   ein Arbeiterstaat in Ru&#223;land nicht standhalten wird. Das auf sich   angewiesene Sowjetregime wird zerfallen oder entarten, genauer: zuerst   entarten, und dann zerfallen.<br \/>Ich pers&#246;nlich habe mehr als einmal   dar&#252;ber geschrieben, bereits seit 1905. In meiner Geschichte der   russischen Revolution (siehe den Anhang zum zweiten Band: &quot;Sozialismus   in einem Lande?&quot;) sind diesbez&#252;gliche Aussagen der F&#252;hrer des   Bolschewismus von 1917 bis 1923 gesammelt.<br \/>Alle laufen auf eines   hinaus: Ohne Revolution im Westen wird der Bolschewismus liquidiert   werden, entweder von der inneren Konterrevolution oder durch   Intervention von au&#223;en, oder durch beides zusammen.<br \/>Lenin   insbesondere hat oft darauf hingewiesen, da&#223; die B&#252;rokratisierung des   Sowjetregimes keine technische oder organisatorische Frage ist, sondern   der m&#246;gliche Beginn einer sozialen Entartung des Arbeiterstaates.<br \/>Auf   dem XI. Parteikongre&#223; vom M&#228;rz 1922 sprach Lenin &#252;ber die   &quot;Unterst&#252;tzung&quot;, welche gewisse b&#252;rgerliche Politiker im besonderen der   liberale Professor Ustraljew, seit der Zeit der NEP Sowjetru&#223;land   angedeihen zu lassen beschlossen. &quot;Ich bin f&#252;r die Unterst&#252;tzung der   Sowjetmacht in Ru&#223;land&quot;, sagt Ustraljew, &quot;weil sie den Weg betreten hat,   der sie zu einer gew&#246;hnlichen b&#252;rgerlichen Macht hinf&#252;hren wird.&quot;<br \/>Die   zynische Stimme des Feindes zieht Lenin dem &quot;s&#252;&#223;lichen kommunistischen   Geschw&#228;tz&quot; vor. Mit strenger N&#252;chternheit warnt er die Partei vor der   Gefahr: Alle Dinge, von denen Ustraljew spricht, sind m&#246;glich. Das mu&#223;   man klar sagen. Die Geschichte kennt Wendungen aller Arten: Sich auf   &#220;berzeugung, Ergebenheit und andere vorz&#252;gliche Seeleneigenschaften zu   verlassen, ist in der Politik durchaus keine ernste Sache.<br \/>Die   vorz&#252;glichen Eigenschaften haben eine kleine Anzahl von Leuten, aber das   historische Endergebnis bestimmen die gigantischen Massen, die, wenn die   geringe Anzahl Leute ihnen nicht entgegenkommt, zuweilen mit dieser   geringen Anzahl Leute nicht allzu h&#246;flich verfahren. Mit einem Wort: Die   Partei ist nicht der einzige Entwicklungsfaktor und, in gro&#223;en   geschichtlichen Ma&#223;st&#228;ben, nicht der entscheidende.<br \/>&quot;Es   kommt vor, da&#223; ein Volk ein anderes Volk besiegt&quot;, fuhr Lenin auf   demselben Kongre&#223; fort &#8211; dem letzten, der mit seiner Teilnahme stattfand   &#8211;, &quot;&#8230;das ist sehr einfach und allen verst&#228;ndlich. Aber was geschieht   mit der Kultur der V&#246;lker? Das ist nicht so einfach. Ist das Siegervolk   dem besiegten Volk kulturell &#252;berlegen, so zwingt es ihm seine Kultur   auf, ist es aber umgekehrt, so pflegt der Besiegte dem Sieger seine   Kultur aufzuzwingen.<br \/>Ist nicht etwas &#228;hnliches in der Hauptstadt der   RSFSR geschehen! Und ergab es sich nicht dort, da&#223; 4.700 Kommunisten   (fast eine ganze Division, und die allerbesten von allen) der fremden   Kultur unterlagen?&quot;<br \/>Das wurde Anfang 1922 gesagt, und zwar nicht   zum ersten Mal. Die Geschichte wird nicht von wenigen, wenn auch   &quot;allerbesten&quot; Menschen gemacht; noch weniger: diese &quot;besten&quot; k&#246;nnen im   Geiste der &quot;fremden&quot;, d.h. der b&#252;rgerlichen Kultur entarten. Nicht nur   kann der Sowjetstaat vom sozialistischen Wege abgehen, sondern auch die   bolschewistische Partei unter ung&#252;nstigen historischen Bedingungen ihren   Bolschewismus einb&#252;&#223;en.<br \/>Aus dem deutlichen Verst&#228;ndnis   dieser Gefahr entstand die Linke Opposition, die sich endg&#252;ltig im Jahre   1923 bildete. Tagaus, tagein die Entartungssymptome registrierend,   trachtete sie, dem heranr&#252;ckenden Thermidor den bewu&#223;ten Willen der   proletarischen Avantgarde gegen&#252;berzustellen. Allein, dieser subjektive   Faktor erwies sich als unzureichend.<br \/>Die &quot;gigantischen Massen&quot;, die   nach Lenin den Ausgang des Kampfes entscheiden, wurden der inneren   Entbehrungen und des zu langen Wartens auf die Weltrevolution m&#252;de. Die   Massen verloren den Mut. Die B&#252;rokratie bekam die Oberhand. Sie   sch&#252;chterte die proletarische Avantgarde ein, trat den Marxismus mit   F&#252;&#223;en, prostituierte die bolschewistische Partei. Der Stalinismus   siegte. In Gestalt der Linken Opposition brach der Bolschewismus mit der   Sowjetb&#252;rokratie und ihrer Komintern. Das ist der wirkliche Gang der   Entwicklung.<br \/>Freilich, im formellen Sinne ist der Stalinismus aus dem   Bolschewismus hervorgegangen. Die Moskauer B&#252;rokratie f&#228;hrt auch heute   noch fort, sich Bolschewistische Partei zu nennen. Sie benutzt einfach   die alte Banderole, um besser die Massen zu betr&#252;gen. Um so kl&#228;glicher   sind die Theoretiker, die die Schale f&#252;r den Kern und den Schein f&#252;r das   Wesen nehmen. Indem sie Stalinismus und Bolschewismus gleichsetzen,   leisten sie den Thermidorianern den besten Dienst und spielen somit eine   klare reaktion&#228;re Rolle.<br \/>Bei der Entfernung aller anderen   Parteien vom politischen Schauplatz m&#252;ssen die entgegengesetzten   Interessen und Tendenzen der verschiedenen Bev&#246;lkerungsschichten in dem   einen oder anderen Grade in der herrschenden Partei zum Ausdruck kommen.   In dem Ma&#223;e, wie der politische Schwerpunkt sich von der proletarischen   Avantgarde zur B&#252;rokratie verschob, wandelte sich die Partei sowohl der   sozialen Zusammensetzung wie auch der Ideologie nach.<br \/>Infolge des   ungest&#252;men Verlaufs der Entwicklung erlitt sie in den letzten f&#252;nfzehn   Jahren eine sehr viel radikalere Entartung, als die Sozialdemokratie   w&#228;hrend eines halben Jahrhunderts. Die heutige &quot;S&#228;uberung&quot; zieht   zwischen Bolschewismus und Stalinismus nicht nur einen blutigen Strich,   sondern einen ganzen Strom von Blut.<br \/>Die Ausrottung der gesamten   alten Generation der Bolschewiki, eines erheblichen Teils der mittleren   Generation, die am B&#252;rgerkrieg teilgenommen hatte, und jenes Teils der   Jugend, der die bolschewistischen Traditionen am ernstesten aufnahm,   beweist nicht nur die politische, sondern durch und durch physische   Unvereinbarkeit des Stalinismus und des Bolschewismus. Wie kann man das   nicht sehen?<\/p>\n<p>Stalinismus oder &quot;Staatssozialismus&quot;?<\/p>\n<p>Die   Anarchisten ihrerseits wollen im Stalinismus ein organisches Produkt   nicht nur des Bolschewismus und des Marxismus, sondern des   &quot;Staatssozialismus&quot; &#252;berhaupt sehen. Sie sind einverstanden, die   patriarchalische, bakuninsche &quot;F&#246;deration der freien Gemeinden&quot; durch   eine zeitgem&#228;&#223;ere &quot;F&#246;deration der freien R&#228;te&quot; zu ersetzen. Aber sie   sind nach wie vor gegen den zentralisierten Staat.<br \/>In der Tat: der   eine Zweig des &quot;staatlichen&quot; Marxismus, die Sozialdemokratie, wurde, als   sie an die Macht kam, eine offene Agentur des Kapitals. Der andere   erzeugte eine neue privilegierte Kaste. Es ist klar: Die Quelle des   &#220;bels liegt im Staate.<br \/>Unter einem breiten historischen   Gesichtswinkel kann man in dieser &#220;berlegung ein Korn Wahrheit finden.   Der Staat als Zwangsapparat ist zweifellos eine Quelle politischer und   moralischer Verseuchung. Das gilt, wie die Erfahrung zeigt, auch f&#252;r den   Arbeiterstaat.<br \/>Man kann folglich sagen, der Stalinismus ist das   Produkt eines Zustandes der Gesellschaft, wo diese es noch nicht   vermochte, die Zwangsjacke des Staates abzustreifen. Doch diese These,   die zur Beurteilung des Bolschewismus oder des Marxismus nichts liefert,   kennzeichnet nur den allgemeinen Kulturstand der Menschheit und vor   allem das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Proletariat und Bourgeoisie.<br \/>Nachdem   wir uns mit den Anarchisten dar&#252;ber geeinigt haben, da&#223; der Staat, sogar   der Arbeiterstaat, ein Erzeugnis der Klassenbarbarei ist, und da&#223; die   wahre menschliche Geschichte mit der Abschaffung des Staates beginnen   wird, erhebt sich vor uns in all ihrer Macht die Frage: Welche Wege und   Methoden sind imstande, letzten Endes zur Abschaffung .des Staates zu   f&#252;hren? Die j&#252;ngste Erfahrung bezeugt, da&#223; es jedenfalls nicht die   Methoden des Anarchismus sind.<br \/>Die F&#252;hrer des spanischen   Arbeiterbundes (CNT), der einzigen bedeutenden anarchistischen   Organisation auf der Erde, wurden in der kritischen Stunde b&#252;rgerliche   Minister. Ihren offenen Verrat an der Theorie des Anarchismus erkl&#228;rten   sie mit dem Druck &quot;au&#223;erordentlicher Umst&#228;nde&quot;.<br \/>Aber   hatten nicht seinerzeit die F&#252;hrer der deutschen Sozialdemokratie   dasselbe Argument angef&#252;hrt? Nat&#252;rlich, der B&#252;rgerkrieg ist kein   friedlicher, kein gew&#246;hnlicher, sondern ein &quot;au&#223;erordentlicher Umstand&quot;.   Doch gerade auf diese &quot;au&#223;erordentlichen Umst&#228;nde&quot; bereitet sich jede   ernsthafte revolution&#228;re Organisation vor.<br \/>Die Erfahrung   Spaniens bewies nochmals, da&#223; man in unter &quot;normalen Umst&#228;nden&quot;   herausgegebenen B&#252;chern den Staat &quot;verneinen&quot; kann, da&#223; aber die   Bedingungen der Revolution keinen Raum f&#252;r die &quot;Verneinung&quot; des Staates   lassen, sondern im Gegenteil die Eroberung des Staates verlangen.<br \/>Wir   gedenken den spanischen Anarchisten durchaus nicht vorzuwerfen, nicht   mit einem Federstrich den Staat liquidiert zu haben. Die revolution&#228;re   Partei ist, selbst wenn sie die Macht erobert hat (wozu die spanischen   Anarchistenf&#252;hrer trotz des Heldentums der anarchistischen Arbeiter   nicht imstande waren) durchaus noch nicht der allm&#228;chtige Herr der   Gesellschaft.<br \/>Doch um so unerbittlicher klagen wir die anarchistische   Theorie an, die f&#252;r friedliche Zeiten ganz tauglich schien, aber auf die   man verzichten mu&#223;, sobald die &quot;au&#223;erordentlichen Umst&#228;nde&quot; &#8230; der   Revolution eintreten. In der alten Zeit begegnete man Gener&#228;len &#8211;   wahrscheinlich begegnet man ihnen heute auch noch &#8211; die meinten, am   sch&#228;dlichsten f&#252;r die Armee sei der Krieg. Kaum besser sind die   &quot;Revolution&#228;re&quot;, die da klagen, die Revolution zerst&#246;re ihre Doktrin.<br \/>Die   Marxisten sind sich mit den Anarchisten bez&#252;glich des Endzieles, der   Liquidierung des Staates, vollkommen einig. Der Marxismus bleibt   &quot;staatlich&quot; nur, soweit die Liquidierung des Staates nicht vermittels   der einfachen Ignorierung des Staates erreicht werden kann.<br \/>Die   Erfahrung des Stalinismus widerlegt nicht die Lehre des Marxismus,   sondern best&#228;tigt sie auf umgekehrte Weise. Die revolution&#228;re Doktrin,   die das Proletariat lehrt, sich in einer Lage richtig zu orientieren und   sie aktiv auszunutzen, enth&#228;lt selbstverst&#228;ndlich keine automatische   Siegesgarantie. Doch daf&#252;r ist der Sieg nur mit Hilfe dieser Doktrin   m&#246;glich. Diesen Sieg darf man sich au&#223;erdem nicht als einmaligen Akt   vorstellen.<br \/>Es gilt, die Frage in der Perspektive einer gro&#223;en Epoche   zu fassen. Der erste Arbeiterstaat auf niedriger wirtschaftlicher   Grundlage und vom Imperialismus umzingelt &#8211; verwandelt sich in die   Gendarmerie des Stalinismus. Doch der wirkliche Bolschewismus erkl&#228;rte   dieser Gendarmerie den Kampf auf Leben und Tod.<br \/>Um sich zu halten,   ist der Stalinismus gezwungen, heute geradezu einen B&#252;rgerkrieg gegen   den Bolschewismus unter dem Namen des &quot;Trotzkismus&quot; zu f&#252;hren, nicht nur   in der UdSSR, sondern auch in Spanien. Die alte Bolschewistische Partei   ist tot, aber der Bolschewismus erhebt &#252;berall seinen Kopf.<br \/>Den   Stalinismus aus dem Bolschewismus oder aus dem Marxismus abzuleiten, ist   ganz dasselbe, wie, im breiteren Sinne, die Konterrevolution aus der   Revolution abzuleiten. Nach dieser Schablone bewegte sich stets das   liberalkonservative und sp&#228;ter das reformistische Denken. Die Revolution   hat, kraft der Klassenstruktur der Gesellschaft, stets die   Konterrevolution erzeugt.<br \/>Beweist das nicht, fragt der Pharis&#228;er, da&#223;   die revolution&#228;re Methode irgend einen inneren Fehler hat? Weder die   liberalen noch die Reformisten haben jedoch bisher &quot;&#246;konomischere&quot;   Methoden zu entdecken verstanden.<br \/>Aber wenn es auch nicht leicht ist,   Die Wirklichkeit des lebendigen historischen Prozesses zu verstehen, so   ist es dagegen nicht schwer, den Wechsel seiner Wellen rationalistisch   zu deuten, logisch den Stalinismus aus dem &quot;Staatssozialismus&quot;, den   Faschismus aus dem Marxismus, die Reaktion aus der Revolution, mit einem   Wort, die Antithese aus der These herzuleiten. Auf diesem Gebiet, wie   auf vielen anderen, ist das anarchistische Denken der Gefangene des   liberalen Rationalismus. Das echte revolution&#228;re Denken ist unm&#246;glich   ohne Dialektik.<\/p>\n<p>Die politischen &quot;S&#252;nden&quot; des Bolschewismus als   Quelle des Stalinismus<\/p>\n<p>Die Argumentation der Rationalisten nimmt   zuweilen, wenigstens &#228;u&#223;erlich, konkreteren Charakter an. Den   Stalinismus leiten sie nicht aus dem Bolschewismus in seiner Gesamtheit,   sondern aus seinen politischen S&#252;nden ab. (Einer der deutlichsten   Vertreter dieses Typus des Denkens ist der franz&#246;sische Autor eines   Buches &#252;ber Stalin, B. Souvarine.) Von den Tatsachen und Dokumenten her   stellen Souvarines Arbeiten eine lange, gewissenhafte Forschung dar.<br \/>Jedoch   die Geschichtsphilosophie des Verfassers &#252;berrascht durch ihre   Vulgarit&#228;t. Zwecks Erl&#228;uterung allen folgenden historischen Unheils   sucht er nach dem Bolschewismus innewohnenden Fehlern. Der Einflu&#223; der   realen Bedingungen des geschichtlichen Prozesses auf den Bolschewismus   existiert f&#252;r ihn nicht. (Selbst H. Taine mit seiner Theorie des   &quot;Milieu&quot; stand Marx n&#228;her als Souvarine.) Die Bolschewiki &#8211; sagen uns   Gorter, Pannekoek, einige deutsche &quot;Spartakisten&quot; usw. &#8211; vertauschen die   Diktatur des Proletariats gegen die Diktatur der Partei, Stalin   vertauschte die Diktatur der Partei gegen die Diktatur der B&#252;rokratie.   Die Bolschewiki vernichteten alle Parteien au&#223;er ihrer eigenen, Stalin   erstickte die bolschewistische Partei im Interesse der bonapartistischen   Clique.<br \/>Die Bolschewiki anerkannten die Notwendigkeit, an den alten   Gewerkschaften und am b&#252;rgerlichen Parlament teilzunehmen. Stalin   befreundete sich mit der Gewerkschaftsb&#252;rokratie und mit der   b&#252;rgerlichen Demokratie. Derlei Gegen&#252;berstellungen kann man nun   anf&#252;hren, so viel man will. Trotz ihrer &#228;u&#223;erlichen Schlagkraft sind sie   vollkommen leer.<br \/>Das Proletariat kann nicht anders an die Macht   gelangen, als in der Person seiner Avantgarde. Schon die Notwendigkeit   einer Staatsmacht entspringt dem ungen&#252;genden Kulturniveau der Massen   und ihrer Verschiedenartigkeit. In der zur Partei organisierten   revolution&#228;ren Avantgarde kristallisiert sich das Freiheitsstreben der   Massen. Ohne Vertrauen der Klasse zur Avantgarde, ohne Unterst&#252;tzung der   Avantgarde durch die Klasse kann von Machteroberung keine Rede sein. In   diesem Sinne sind die proletarische Revolution und die Diktatur Sache   der gesamten Klasse, aber nicht anders als unter der F&#252;hrung der   Avantgarde. Die Sowjets sind nur die organisierte Form der Verbindung   zwischen Avantgarde und Klasse. Dieser Form einen revolution&#228;ren Inhalt   geben kann nur die Partei. Das ist durch die positive Erfahrung der   Oktoberrevolution und durch die negative Erfahrung anderer L&#228;nder   (Deutschland, &#214;sterreich, schlie&#223;lich Spanien) bewiesen.<br \/>Niemand   hat praktisch gezeigt oder auch nur versucht, auf dem Papier zu   erkl&#228;ren, wie das Proletariat ohne politische F&#252;hrung durch die Partei,   die wei&#223;, was sie will, die Macht erobern k&#246;nne. Wenn diese Partei die   Sowjets politisch ihrer F&#252;hrung unterwirft, so &#228;ndert diese Tatsache an   sich ebensowenig am Sowjetsystem wie die Herrschaft der konservativen   Mehrheit am System des britischen Parlamentarismus.<br \/>Was das Verbot   der anderen Sowjetparteien betrifft, so entsprang es jedenfalls nicht   der Theorie des Bolschewismus, sondern war eine Ma&#223;nahme zum Schutz der   Diktatur in einem r&#252;ckst&#228;ndigen und ersch&#246;pften, von allen Seiten von   Feinden umgebenen Land. Den Bolschewiki war von Anfang an klar, da&#223;   diese Ma&#223;nahme, die sp&#228;ter durch das Verbot von Fraktionen innerhalb der   herrschenden Partei selbst erg&#228;nzt wurde, eine gewaltige Gefahr   ank&#252;ndigte. Jedoch die Quelle der Gefahr lag nicht in der Doktrin oder   Taktik, sondern in der materiellen Schw&#228;che der Diktatur, in der   Schwierigkeit der inneren und der Weltlage. H&#228;tte die Revolution auch   nur in Deutschland gesiegt, das Erfordernis, die anderen Sowjetparteien   zu verbieten, w&#228;re sofort hinf&#228;llig geworden. Da&#223; die Herrschaft einer   einzigen Partei juristisch zum Ausgangspunkt f&#252;r das stalinistische   totalit&#228;re System diente, ist ganz unbestreitbar. Aber die Ursache   dieser Entwicklung liegt nicht im Verbot der anderen Parteien als einer   zeitweiligen Kriegsma&#223;nahme, sondern in der Niederlagenreihe des   Proletariats in Europa und Asien.<br \/>Dasselbe gilt f&#252;r den Kampf gegen   den Anarchismus. In der heroischen Epoche der Revolution marschierten   die Bolschewiki mit den wirklich revolution&#228;ren Anarchisten Arm in Arm.   Der Verfasser dieser Zeilen er&#246;rterte h&#228;ufig mit Lenin die Frage, ob es   nicht m&#246;glich sei, den Anarchisten gewisse Gebietsteile zu &#252;berlassen,   damit sie im Einverst&#228;ndnis mit der betreffenden Bev&#246;lkerung mit ihrer   Staatslosigkeit die Probe aufs Exempel machen. Doch die Bedingungen des   B&#252;rgerkriegs, der Blockade und des Hungers lie&#223;en keinen Raum f&#252;r   derartige Pl&#228;ne.<br \/>Der Kronst&#228;dter Aufstand? Aber die   revolution&#228;re Regierung konnte selbstverst&#228;ndlich nicht den   aufst&#228;ndischen Matrosen eine die Hauptstadt beschirmende Festung   &quot;schenken&quot;, nur weil der reaktion&#228;ren Bauern- und Soldatenmeuterei sich   einige fragw&#252;rdige Anarchisten angeschlossen hatten. Die konkrete   historische Analyse der Ereignisse l&#228;&#223;t keinen heilen Fleck an den   Legenden, die Unwissenheit und Sentimentalit&#228;t um Kronstadt, Machno und   andere Episoden der Revolution geflochten haben.<br \/>Es bleibt nur die   Tatsache, da&#223; die Bolschewiki von Anfang an nicht nur &#220;berzeugung,   sondern auch Zwang anwandten, h&#228;ufig von der sch&#228;rfsten Art.   Unbestreitbar ist auch, da&#223; die aus der Revolution erwachsene B&#252;rokratie   darin ein Zwangssystem in ihren H&#228;nden monopolisierte. Jede   Entwicklungsetappe, selbst wenn es sich um so katastrophenartige Etappen   handelte wie Revolution und Konterrevolution, ergibt sich aus der   vorhergehenden Etappe. wurzelt in ihr und tr&#228;gt davon gewisse Z&#252;ge.<br \/>Die   Liberalen, einschlie&#223;lich des Paares Webb, behaupten stets, die   bolschewistische Diktatur steIle nur eine Neuausgabe des Zarismus dar.   Sie verschlossen dabei die Augen vor solchen Kleinigkeiten wie der   Abschaffung der Monarchie und der St&#228;nde, der &#220;bergabe des Bodens an die   Bauern, der Enteignung des Kapitals, der Einf&#252;hrung der Planwirtschaft,   der atheistischen Erziehung usw.<br \/>Ganz ebenso verschlie&#223;t das   liberal-anarchistische Denken die Augen davor, da&#223; die bolschewistische   Revolution mit all ihren Unterdr&#252;ckungsma&#223;namen eine Umw&#228;lzung der   sozialen Verh&#228;ltnisse im Interesse der Massen bedeutete, w&#228;hrend Stalins   thermidorianische Umw&#228;lzung der Sowjetgesellschaft im Interesse einer   privilegierten Minderheit geschieht. Es ist klar, da&#223; in den   Gleichsetzungen des Stalinismus mit dem Bolschewismus nicht die Spur   eines sozialistischen Kriteriums enthalten ist.<\/p>\n<p>Fragen der Theorie<\/p>\n<p>Einer   der wichtigsten Z&#252;ge des Bolschewismus ist sein strenges und   anspruchsvolles, ja k&#228;mpferisches Verhalten zu Fragen der Doktrin.   Lenins 26 B&#228;nde werden auf immerdar ein Muster h&#246;chster theoretischer   Gewissenhaftigkeit bleiben. Ohne diese seine Grundeigenschaft w&#252;rde der   Bolschewismus nie seine historische Rolle erf&#252;llt haben.<br \/>Das   direkte Gegenteil davon ist auch in dieser Beziehung der grobe und   ungebildete, durch und durch empirische Stalinismus. Bereits vor mehr   als zehn Jahren erkl&#228;rte die Opposition in ihrer Plattform: &quot;Seit Lenins   Tod wurde eine ganze Reihe neuer Theorien geschaffen, deren einziger   Sinn ist, theoretisch das Abgleiten der Stalingruppe vom Wege der   internationalen proletarischen Revolution zu rechtfertigen.&quot;<br \/>Vor   einigen Tagen erst schrieb der amerikanische Sozialist Liston M. Oak,   der an der spanischen Revolution teilgenommen hat: &quot;In Wirklichkeit sind   die Stalinisten jetzt die &#228;u&#223;ersten Revisionisten Marx und Lenins &#8211;   Bernstein hat auch nicht halb so weit zu gehen gewagt wie Stalin in der   Revision von Marx.&quot;<br \/>Das ist ganz richtig. Man mu&#223; nur   hinzuf&#252;gen, da&#223; Bernstein wirklich theoretische Bed&#252;rfnisse hatte: Er   versuchte redlich, die reformistische Praxis der Sozialdemokratie mit   ihrem Programm in Einklang zu bringen. Die Stalinb&#252;rokratie aber hat   nicht nur nichts mit dem Marxismus gemein, sondern ihr ist &#252;berhaupt   jegliche Doktrin oder jegliches System fremd.<br \/>Ihre &quot;Ideologie&quot; ist   ganz und gar von einem Polizeisubjektivismus durchdrungen, ihre Praxis   vom Empirismus der nackten Gewalt. Dem eigentlichen Wesen ihrer   Interessen gem&#228;&#223; ist die Usurpatorenkaste ein Feind der Theorie. Sie   kann weder vor sich noch anderen ihre soziale Rolle verantworten. Stalin   revidiert Marx und Lenin nicht mit der Feder der Theoretiker, sondern   mit den Stiefeln der GPU.<\/p>\n<p>Fragen der Moral<\/p>\n<p>&#220;ber die   &quot;Amoral&quot; des Bolschewismus beschweren sich gew&#246;hnlich besonders die   hochn&#228;sigen Nullit&#228;ten, denen der Bolschewismus die billigen Masken   abgerissen hat. Kleinb&#252;rger, Intellektuelle, demokratische,   &quot;sozialistische&quot;, literarische, parlamentarische und andere Kreise haben   ihre konventionelle Werte oder ihre konventionelle Sprache zwecks   Verbergung des Fehlens jeglicher Werte.<br \/>Diese breite und   buntscheckige Gesellschaft f&#252;r gegenseitiges Inschutznehmen &#8211; &quot;leben und   leben lassen!&quot; &#8211; vertr&#228;gt ganz und gar nicht die Ber&#252;hrung der   marxistischen Lanzette auf ihrer empfindlichen Haut. Die zwischen den   verschiedenen Lagern hin- und herpendelnden Theoretiker, Schriftsteller   und Moralisten waren und sind der Meinung, da&#223; die Bolschewiki   absichtlich die Meinungsverschiedenheiten &#252;bertreiben, zu loyaler   Zusammenarbeit au&#223;erstande sind und durch ihre Intrigen die Einheit der   Arbeiterbewegung st&#246;ren.<br \/>Dem empfindlichen und &#252;belnehmenden   Zentristen schien es vor allem immer, da&#223; die Bolschewiki ihn   &quot;verleumden&quot; &#8211; nur weil sie seine eigenen halben Gedanken bis zu Ende   f&#252;hrten: Er selbst ist dazu ganz unf&#228;hig. Indessen ist nur diese   kostbare Eigenschaft, n&#228;mlich Unduldsamkeit gegen jede Halbheit und   jedes Ausweichen imstande, die revolution&#228;re Partei zu erziehen, die   sich von keinen &quot;au&#223;erordentlichen&quot; Umst&#228;nden &#252;berrumpeln l&#228;&#223;t.<br \/>Die   Moral einer jeden Partei entspringt letzten Endes aus den historischen   Interessen, die sie vertritt. Die Moral des Bolschewismus, die   Selbstverleugnung, Uneigennutz, Mut, Verachtung f&#252;r allen Flitter und   Trug &#8211; die besten Eigenschaften der menschlichen Natur! &#8211; enth&#228;lt,   entspringt aus der revolution&#228;ren Unvers&#246;hnlichkeit im Dienste der   Unterdr&#252;ckten. Die Stalinb&#252;rokratie imitiert auch auf diesem Gebiet die   Worte und Gesten des Bolschewismus.<br \/>Wo aber &quot;Unvers&#246;hnlichkeit&quot; und   &quot;Unbeugsamkeit&quot; mit dem Polizeiapparat verwirklicht werden, der im   Dienste einer privilegierten Minderheit steht, dort werden sie zu einer   Quelle der Demoralisierung und des Gangsterismus. Nicht anders als mit   Verachtung kann man die Herren behandeln, die den revolution&#228;ren   Heroismus der Bolschewiki mit dem b&#252;rokratischen Zynismus der   Thermidorianer gleichsetzen.<br \/>Und auch heute noch zieht es, trotz der   dramatischen Tatsachen der letzten Periode, der Durchschnittsspie&#223;er vor   zu meinen, im Kampfe zwischen dem Bolschewismus (&quot;Trotzkismus&quot;) und dem   Stalinismus handle es sich um Zusammenst&#246;&#223;e pers&#246;nlicher Ambitionen oder   bestenfalls um den Kampf zweier &quot;Schattierungen&quot; des Bolschewismus.<br \/>Den   gr&#246;bsten Ausdruck verlieh dieser Ansicht Norman Thomas, der F&#252;hrer der   amerikanischen sozialistischen Partei. &quot;Es gibt wenig Grund, zu   glauben&quot;, schreibt er (Socialist Review, Sept. 1937, S.6), &quot;da&#223; wenn   Trotzki statt Stalin gewonnen (!) h&#228;tte, es mit den Intrigen,   Verschw&#246;rungen und dem Schreckensregime in Ru&#223;land zu Ende w&#228;re.&quot; Und   dieser Mensch h&#228;lt sich f&#252;r einen Marxisten.<br \/>Mit demselben   Recht k&#246;nnte man sagen: &quot;Es gibt wenig Grund, zu glauben, da&#223;, wenn   statt Pius, der XI., Norman der I., auf den r&#246;mischen Stuhl erhoben   worden w&#228;re, die katholische Kirche sich in ein Bollwerk des Sozialismus   verwandelt haben w&#252;rde.&quot; Thomas begreift nicht, da&#223; es sich nicht um ein   Match zwischen Stalin und Trotzki, sondern um den Antagonismus zwischen   B&#252;rokratie und Proletariat handelt.<br \/>Allerdings ist in der UdSSR   die herrschende Schicht auch heute noch gezwungen, sich dem nicht   vollkommen liquidierten Erbe der Revolution anzupassen, dabei   gleichzeitig durch direkten B&#252;rgerkrieg (blutige S&#228;uberungen,   Massenausrottungen der Unzufriedenen) einen Wechsel des sozialen Regimes   vorbereitend. Aber in Spanien tritt die Stalinclique bereits heute offen   als Schutzwehr der b&#252;rgerlichen Ordnung gegen den Sozialismus auf. Der   Kampf gegen die bonapartistische B&#252;rokratie verwandelt sich vor unseren   Augen in Klassenkampf: zwei Welten, zwei Programme, zweierlei Moral.<br \/>Wenn   Thomas glaubt, der Sieg des sozialistischen Proletariats &#252;ber die   niedertr&#228;chtige Vergewaltigerkaste werde das Sowjetregime nicht   politisch und moralisch regenerieren, so zeigt er damit nur, da&#223; er   trotz all seinen Vorbehalten, Schweifwedeleien und frommen Seufzern der   Stalinb&#252;rokratie viel n&#228;her steht als den Arbeitern. Wie alle anderen,   die den Bolschewismus der &quot;Amoral&quot; zeihen, hat sich Thomas einfach nicht   bis zur revolution&#228;ren Moral erhoben.<\/p>\n<p>Die Tradition des   Bolschewismus und die Vierte Internationale<\/p>\n<p>F&#252;r die &quot;Linken&quot;, die   den Versuch machten, zum Marxismus unter Umgehung des Bolschewismus   &quot;zur&#252;ckzukehren&quot;, lief die Sache gew&#246;hnlich auf einzelne Allheilmittel   hinaus: Boykott der alten Gewerkschaften, Boykott des Parlaments,   Schaffung &quot;echter&quot; Sowjets. All das konnte im Fieber der ersten Tage   nach dem Krieg au&#223;erordentlich tief erscheinen. Aber heute, im Lichte   der gemachten Erfahrung, haben diese Kinderkrankheiten sogar als Kuriose   ihr Interesse verloren.<br \/>Die Holl&#228;nder Gorter und Pannekoek, einige   deutsche &quot;Spartakisten&quot;, die italienischen Bordigisten erkl&#228;rten sich   unabh&#228;ngig vorn Bolschewismus nur, weil sie einen seiner Z&#252;ge k&#252;nstlich   &#252;bertrieben seinen anderen Z&#252;gen gegen&#252;berstellten. Von diesen &quot;linken&quot;   Tendenzen blieb nichts &#252;brig, weder praktisch noch theoretisch: ein   indirekter, aber wichtiger Beweis daf&#252;r, da&#223; der Bolschewismus f&#252;r   unsere Epoche die einzige Form des Marxismus ist.<br \/>Die   bolschewistische Partei bewies in der Tat eine Paarung h&#246;chster   revolution&#228;rer K&#252;hnheit mit politischem Realismus. Sie stellte zum   erstenmal das Verh&#228;ltnis zwischen Avantgarde und Klasse her, das allein   den Sieg zu sichern vermag. Sie zeigte in der Erfahrung, da&#223; das B&#252;ndnis   des Proletariats mit den unterdr&#252;ckten Massen des l&#228;ndlichen und   st&#228;dtischen Kleinb&#252;rgertums nur m&#246;glich ist durch den politischen Sturz   der traditionellen Parteien des Kleinb&#252;rgertums. Die bolschewistische   Partei zeigte der gesamten Welt, wie man einen bewaffneten Aufstand   durchf&#252;hrt und die Macht ergreift.<br \/>Die da der Parteidiktatur   eine Abstraktion von Sowjets gegen&#252;berstellen, sollten begreifen, da&#223;   die Sowjets nur dank der F&#252;hrung der Bolschewiki sich aus dem   reformistischen Sumpf auf das Niveau einer Staatsform des Proletariats   erhoben. Die bolschewistische Partei verwirklichte eine richtige Paarung   der Kriegskunst mit marxistischer Politik im B&#252;rgerkrieg.<br \/>Selbst   wenn es der Stalinb&#252;rokratie gel&#228;nge, die wirtschaftlichen Grundlagen   der neuen Gesellschaft zu zerst&#246;ren, die unter F&#252;hrung der   bolschewistischen Partei gemachte Planwirtschaftserfahrung wird f&#252;r   immer in die Geschichte eingehen als eine der gr&#246;&#223;ten Schulen f&#252;r die   gesamte Menschheit. All das k&#246;nnen nur Sektierer nicht sehen, die,   gekr&#228;nkt &#252;ber die erhaltenen blauen Flecke, dem historischen Proze&#223; den   R&#252;cken kehren.<br \/>Doch das ist nicht alles. Die bolschewistische   Partei konnte ein so grandioses &quot;praktisches&quot; Werk nur deshalb leisten,   weil sie jeden ihrer Schritte mit der Theorie beleuchtete. Der   Bolschewismus hat diese nicht geschaffen. Der Marxismus gab sie. Aber   der Marxismus ist eine Theorie der Bewegung, nicht des Stillstands. Nur   Aktionen grandiosen geschichtlichen Ausma&#223;es konnten die Theorie selbst   bereichern.<br \/>Der Bolschewismus lieferte einen wertvollen Beitrag zum   Marxismus durch seine Analyse der imperialistischen Epoche als einer   Epoche von Kriegen und Revolutionen; der b&#252;rgerlichen Demokratie in der   Epoche des faulenden Kapitalismus; des Verh&#228;ltnisses zwischen   Generalstreik und Aufstand; der Rolle der Partei, der Sowjets und der   Gewerkschaften in der Epoche der proletarischen Revolution; durch seine   Theorie des Sowjetstaates, der &#220;bergangswirtschaft, des Faschismus und   Bonapartismus in der Epoche des kapitalistischen Verfalls; schlie&#223;lich   durch die Analyse der Bedingungen f&#252;r die Entartung der   bolschewistischen Partei und des Sowjetstaates selber.<br \/>M&#246;ge man eine   andere Stimme nennen, die den Schlu&#223;folgerungen und Verallgemeinerungen   des Bolschewismus etwas Wesentliches hinzuzuf&#252;gen h&#228;tte. Vandervelde, de   Brouckere, Hilferding, Otto Bauer, Leon Blum, Zyromski, von Major Attlee   und Norman Thomas gar nicht zu reden, leben theoretisch von den   abgestandenen Resten der Vergangenheit. Die Entartung der Komintern   kommt am deutlichsten darin zum Ausdruck, da&#223; sie theoretisch auf das   Niveau der II. Internationale herabgerutscht ist. Alle Arien von   Zwischengruppen (die Unabh&#228;ngige Arbeiterpartei Gro&#223;britanniens, die   POUM und dergleichen) passen jede Woche neue zuf&#228;llige Ausz&#252;ge von Marx   und Lenin ihren jeweiligen Bed&#252;rfnissen an. Von diesen Leuten K&#246;nnen die   Arbeiter nichts lernen.<br \/>Ernstes Verhalten zur Theorie, zusammen mit   der gesamten Tradition Marx&quot; und Lenins, haben sich nur die Erbauer der   Vierten Internationale zu eigen gemacht. M&#246;gen die Spie&#223;er dar&#252;ber   l&#228;cheln, da&#223; zwei Jahrzehnte nach dem Oktobersieg die Revolution&#228;re   wieder auf die Position bescheidener propagandistischer Vorbereitung   zur&#252;ckgeworfen sind.<br \/>Das Gro&#223;kapital ist in dieser Frage wie in   anderen viel scharfsichtiger als die kleinb&#252;rgerlichen Spie&#223;er, die sich   f&#252;r Sozialisten oder Kommunisten ausgeben: Nicht von ungef&#228;hr   verschwindet das Thema der Vierten Internationale nicht aus den Spalten   der Weltpresse. Das brennende historische Bed&#252;rfnis nach einer   revolution&#228;ren F&#252;hrung verspricht der IV. Internationale ein   au&#223;ergew&#246;hnlich schnelles Wachstumstempo. Die wichtigste Garantie ihrer   k&#252;nftigen Erfolge ist der Umstand, da&#223; sie nicht abseits vom gro&#223;en   historischen Weg entstand, sondern organisch aus dem Bolschewismus   erwuchs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      von Leo Trotzki, geschrieben am 28. 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