{"id":10005,"date":"2002-08-25T13:13:21","date_gmt":"2002-08-25T13:13:21","guid":{"rendered":".\/?p=10005"},"modified":"2002-08-25T13:13:21","modified_gmt":"2002-08-25T13:13:21","slug":"10005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/08\/10005\/","title":{"rendered":"Deutschland vor den Wahlen:<br>Die Qual der Wahl"},"content":{"rendered":"<p>Vieles sieht danach aus, dass der 22. September das Ende einer kurzen rot-gr&uuml;nenEpisode in der Bundesrepublik Deutschland markieren wird. Nachdem der konservativeHelmut Kohl 16 Jahre lang Kanzler der drittgr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaftder Welt war, hat es sein Nachfolger Schr&ouml;der in nur vier Jahren geschafft,die sich am Boden befindende konservative CDU\/CSU wieder aufzubauen und ihreinen Wahlsieg in greifbare N&auml;he zu r&uuml;cken.<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\n<i>Dieser Artikel von Sascha Stanicic, Bundessprecher der Sozialistischen Alternative, wurde f&uuml;r &#8222;Socialism today&#8220;, das monatliche theoretische Magazin unserer Schwesterpartei in England und Wales, der Socialist Party, geschrieben<\/i><\/p>\n<p> Noch 1999 waren 13 der 15 EU-Staaten von sozialdemokratisch gef&uuml;hrtenKabinetten regiert, heute sind es noch f&uuml;nf. Warum? Weil die sogenannten&#x84;Mitte-Links-Regierungen&#x93; die Hoffnungen der W&auml;hlerinnen und W&auml;hlerentt&auml;uschten und bei den n&auml;chsten Wahlen viele zu Hause bliebenbeziehungsweise das neoliberale Original in Form der traditionellen rechtsb&uuml;rgerlichenParteien w&auml;hlten statt die sozialdemokratische Kopie.<\/p>\n<p> Kohls Abwahl im Herbst 1998 war auch eine Folge der Massenproteste der Arbeiterklassein den Jahren 1996 und 1997. Eine halbe Million GewerkschafterInnen waren1996 nach Bonn marschiert. Sp&auml;ter streikten Metallbesch&auml;ftigtef&uuml;r die Verteidigung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Bergleutebesetzten den Bonner Regierungsbezirk zur Verteidigung ihrer Arbeitspl&auml;tze.Kohl hatte keines der dr&auml;ngendsten Probleme gel&ouml;st, allen voranblieb die Massenarbeitslosigkeit auf schwindelerregenden H&ouml;hen. Stattder von ihm in Ostdeutschland versprochenen &#x84;bl&uuml;henden Landschaften&#x93;erhielt die Bev&ouml;lkerung der fr&uuml;heren DDR die gr&ouml;&szlig;teDeindustrialisierungswelle der deutschen Geschichte inklusive Arbeitsplatzvernichtungund sozialer Verelendung. <br \/> Die Wut gegen 16 Jahre arbeitnehmerfeindlicher Politik brachte den Regierungswechsel.Auch wenn SPD und B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen in vielen Stadt- und Landesregierungen&uuml;ber die 90er Jahre hinweg Sozialk&uuml;rzungen und Privatisierungenbetrieben haben, hatte ein Teil der Arbeiterklasse gewisse Hoffnungen mitdiesem Regierungswechsel verbunden. &#x84;Schlimmer kann es ja nicht mehr werden&#x93;,war die Einstellung vieler. Und da war ja auch noch der als &#x84;links&#x93; geltendeOskar Lafontaine als Finanzminister in der Regierung, der den &#x84;Genossen derBosse&#x93; Gerhard Schr&ouml;der vielleicht in die Schranken weisen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p> &#8230; und es kam schlimmer<\/p>\n<p> Lafontaine streckte schon nach einem halben Jahr die Segel. Seine an keynesianistischenIdeen orientierten wirtschaftspolitischen Vorstellungen standen im Widerspruchzur Doktrin des Neoliberalismus, der die deutschen Kapitalisten und Schr&ouml;derfolgten. Lafontaine wurde gegangen, obwohl er die Krise des Kapitalismusnur besser managen wollte &#x96; nach einer beispiellosen Kampagne, die die Sundazu verleitete ihn als den &#x84;gef&auml;hrlichsten Mann Europas&#x93; zu bezeichnen.Wie er sp&auml;ter einmal selber sagte, dachte die SPD, sie sei nun an derMacht, um dann festzustellen, doch nur an der Regierung zu sein. <br \/> Der Regierungswechsel f&uuml;hrte nicht zu einem Politikwechsel. Die rot-gr&uuml;neKoalition kn&uuml;pfte nahtlos an der Politik der Kohlregierung an: Sozialabbau,Umverteilung zugunsten der Reichen, Privatisierungen. Die Wahlversprechenan die ArbeiterInnen wurden gr&ouml;&szlig;tenteils vergessen. Das gilt zumBeispiel f&uuml;r die Wiedereinf&uuml;hrung der von Kohl abgeschafften Verm&ouml;genssteuerund die Abschaffung des Anti-Streik-Paragraphen 116.<br \/> Tats&auml;chlich hat die Schr&ouml;der\/Fischer-Regierung aber die Hoffnungen,die Teile der Bev&ouml;lkerung in sie gesetzt haben, dazu genutzt Angriffevorzubereiten und durchzuf&uuml;hren, die Kohl sich kaum h&auml;tte erlaubenk&ouml;nnen. <br \/> Der Arbeits- und Sozialminister Riester, ehemaliger zweiter Vorsitzenderder Gewerkschaft IG Metall, f&uuml;hrte eine Rentenreform durch, die denEinstieg in die Privatisierung der Altersvorsorge darstellt und zu h&ouml;herenBeitr&auml;gen und niedrigeren Bez&uuml;gen f&uuml;hrt. <br \/> Mit der sogenannten &Ouml;ko-Steuer wurde eine weitere Massensteuer eingef&uuml;hrt,die die Arbeiterklasse belastet und der Umwelt nichts n&uuml;tzt. &#x84;Gr&uuml;ne&#x93;Umweltpolitik hat dazu gef&uuml;hrt, dass unter dem irref&uuml;hrenden Motto&#x84;Ausstieg aus der Kernenergie&#x93; tats&auml;chlich der Fortbestand der Atomkraftwerkef&uuml;r die n&auml;chsten 32 Jahre festgeschrieben wurde. <br \/> Die Steuerreform beg&uuml;nstigte die Unternehmen und die aktuellen Pl&auml;neder speziell eingesetzten Kommission unter Vorsitz des VW-Managers Hartz(sogenannte Hartz-Kommission) sieht die sch&auml;rfsten Angriffe auf dieRechte der Besch&auml;ftigten und Arbeitslosen vor. <br \/> Messen lassen wollte sich Schr&ouml;der am Abbau der Massenarbeitslosigkeit.Auch auf aktuellen Wahlkampfplakaten ist zu lesen, dass sein Ziel sei, &#x84;dassjeder Arbeit hat&#x93;. Doch sein bescheidenes Ziel die Arbeitslosigkeit auf 3,5Millionen zu senken wurde verfehlt. Im August waren, als Folge der wirtschaftlichenKrise und der kapitalistischen Politik der Regierung,  wieder &uuml;ber4 Millionen arbeitslos &#x96; offiziell, denn die wahren Zahlen liegen deutlichh&ouml;her. <\/p>\n<p> Kriegskabinett<\/p>\n<p> Die sozialdemokratisch-gr&uuml;ne Regierung hat wirklich versucht den Kapitalistenjeden Wunsch von den Augen abzulesen. Das gilt nicht zuletzt f&uuml;r dieMilitarisierung deutscher Au&szlig;enpolitik. Jahrzehntelang war der deutscheKapitalismus ein &ouml;konomischer Riese und politischer Zwerg &#x96; aufgrundder durch die Niederlage des Hitlerfaschismus im Zweiten Weltkrieg entstandenenweltweiten Nachkriegsordnung. Mit der Einheit und der Restaurierung des Kapitalismusin der ehemaligen DDR und den anderen fr&uuml;heren stalinistischen L&auml;ndernsoll nun ein Schlussstrich unter 50 Jahre Nachkriegszeit gezogen werden.Das deutsche Kapital will auch politisch &#x96; und milit&auml;risch &#x96; wiederweltweit an vorderster Front dabei sein. Deshalb Forderungen von GerhardSchr&ouml;der nach einem st&auml;ndigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat und dieBeteiligung deutscher Soldaten an den ersten Kriegseins&auml;tzen seit demEnde des Zweiten Weltkriegs. Siebzehn Mal hat die Schr&ouml;der-Regierungdie Entsendung von deutschen Soldaten in alle Teile der Welt beschlossen.Diese stehen jetzt auf dem Balkan, am Horn von Afrika, in Kuwait, in Afghanistanund weiteren Regionen. <br \/> Wie sind dann die j&uuml;ngsten &Auml;u&szlig;erungen von Schr&ouml;der undanderen Regierungspolitikern zu bewerten, die sich deutlich gegen eine deutscheBeteiligung an einem m&ouml;glichen Krieg der USA gegen den Irak &#x96; selbstwenn dieser unter UNO-Mandat gef&uuml;hrt werden sollte &#x96; ausgesprochen haben?Die letzten vier Jahre haben bewiesen, dass dahinter keine prinzipielle anti-militaristischeHaltung stecken kann. Vor allen Dingen aber ist es alles andere als wahrscheinlich,dass eine deutsche Regierung eine solche Haltung einnimmt, wenn es tats&auml;chlichzum Krieg kommen sollte. W&uuml;rde Schr&ouml;der es ernst meinen, m&uuml;ssteer die deutschen Soldaten aus Kuwait sofort abziehen. Aber es ist Wahlkampfund 81 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung spricht sich nach Umfragengegen eine deutsche Beteiligung an einem Irak-Krieg aus. Im Mai demonstrierten&uuml;ber 50 000 gegen George W. Bush, als dieser Berlin besuchte. Nach demWahlkampf lassen sich schnell neue Fakten konstruieren: dann wird eben dochbewiesen, dass Saddam Hussein Verbindungen zur Al Qaida unterh&auml;lt oderes werden neue Berichte &uuml;ber angebliche irakische Massenvernichtungswaffenaus der Schublade gezaubert. Auch der Aufruf der irakischen b&uuml;rgerlichenOpposition f&uuml;r einen Milit&auml;rschlag kann dann ins Feld gef&uuml;hrtwerden. Die deutsche Haltung dr&uuml;ckt aber auch die bestehenden Interessenskonfliktezwischen den USA und der Europ&auml;ischen Union in der Irak-Frage aus. <br \/> Vor allem sehen die weitsichtigeren Strategen des Kapitals die unkalkulierbarenFolgen eines Krieges gegen den Irak, sowohl f&uuml;r den Nahen Osten alsauch f&uuml;r die f&uuml;hrenden kapitalistischen Staaten, in denen eineMassenbewegung gegen den Krieg sicher w&auml;re. Sie versuchen auch die unvergleichlicheMacht und Dominanz und das unilaterale Vorgehen des US-Imperialismus einzud&auml;mmen.Aber sie haben auch divergierende wirtschaftliche Interessen und die europ&auml;ischenBosse w&uuml;rden lieber Gesch&auml;fte mit Bagdad machen, als es zu bombardieren.<\/p>\n<p> Korruption und R&uuml;cktritte<\/p>\n<p> In den letzten Jahren folgte ein politischer Skandal dem n&auml;chsten. Nachdemzuerst die CDU betroffen war und der ehemalige Kanzler Kohl wegen der Annahmeillegaler Parteispenden von seinen Partei&auml;mtern zur&uuml;cktreten musste,waren in den letzten Monaten vor allem SozialdemokratInnen und Gr&uuml;nebetroffen. In der fr&uuml;heren SPD-Hochburg Nordrhein-Westfahlen wurdenmehrere Korruptionsf&auml;lle aufgedeckt. Erst vor wenigen Wochen wurde VerteidigungsministerScharping wegen dubioser Geldgesch&auml;fte mit einem PR-Manager von KanzlerSchr&ouml;der entlassen. Kurze Zeit sp&auml;ter traten der gr&uuml;ne Politiker&Ouml;zdemir und der PDS-F&uuml;hrer Gregor Gysi von ihren &Auml;mtern zur&uuml;ck,weil sie dienstlich erworbene Bonusmeilen bei der Deutschen Lufthansa Fluggesellschaftzu privaten Zwecken genutzt hatten. <br \/> Diese Kette von Aff&auml;ren, Korruptionsf&auml;llen und Skandalen steigertdie Entfremdung in der Arbeiterklasse und der Jugend von den etabliertenParteien und allen b&uuml;rgerlichen Institutionen. Die Vertrauenskrise desKapitalismus wird so immer tiefer und der Boden wird bereitet f&uuml;r rechtspopulistischeKr&auml;fte, wie auch in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern. Die Wahlbeteiligungsinkt in Deutschland kontinuierlich und auf kommunaler und Landesebene hates in den letzten Jahren nicht wenige &Uuml;berraschungsergebnisse gegeben.Die SPD hat in ihrer traditionellen Hochburg Nordrhein-Westfahlen bei denKommunalwahlen 1999 einen tiefen Einbruch erlitten. Bei den Landtagswahlenin Sachsen-Anhalt im April 2002 erlebte die SPD &#x96; nach acht Jahren von derPDS unterst&uuml;tzter Regierung &#x96; einen Einbruch von 36 Prozent auf 20 Prozent.Bei den Wahlen in Hamburg im September 2001 konnte die rechtspopulistischePartei der Rechtsstaatlichen Offensive des Richters Schill knapp 20 Prozenterzielen und gelangte auf Anhieb in die Stadtregierung. Dieser Partei istes aber bisher nicht gelungen eine ernst zu nehmende bundesweite Strukturaufzubauen und sie wird es wahrscheinlich nicht schaffen die F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rdezu &uuml;berspringen und in den Bundestag einzuziehen, was nicht zuletztdaran liegt, dass sich die konservative CDU\/CSU mit Edmund Stoiber einenKandidaten gek&uuml;rt hat, der das rechtspopulistische W&auml;hlerpotenzialmit rassistischen und reaktion&auml;ren Spr&uuml;chen sehr gut bedienen kann.<\/p>\n<p> Streiks und Proteste<\/p>\n<p> Die Unzufriedenheit und Wut in der Arbeiterklasse und der Jugend zeigt sichauf der Wahlebene nur eingeschr&auml;nkt, weil es keine starke linke Alternativein Form eine k&auml;mpferischen Arbeiterpartei gibt. In diesem Jahr habensich Wut und Unzufriedenheit aber immer mehr in Streiks und Protesten vonArbeiterInnen und Jugendlichen ausgedr&uuml;ckt. <br \/> So gab es auch in Deutschland einen deutlichen Anstieg betrieblicher undgewerkschaftlicher K&auml;mpfe, wenn auch noch nicht auf einer mit Italien,Spanien oder Portugal vergleichbaren Stufe. Aber in diesem Jahr gab es Streiksf&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne in der Metall- und Bauindustrie. Diese wurdengefolgt von Warnstreiks und Streiks bei der Telekom, der Post, den Banken,in der Druckindustrie, dem Einzelhandel. <br \/> Hintergrund dieser Streiks ist die Stagnation der Reall&ouml;hne &uuml;berdie letzten zwanzig Jahre. Diese sind zwischen 1980 und 2000 um 0,4 Prozentgesunken, w&auml;hrend die Nettogewinne der Kapitalisten um 96,5 Prozentgestiegen sind. Die mit der Einf&uuml;hrung des Euro verbundenen Preissteigerungenhaben die Stimmung f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne unter den Besch&auml;ftigtennoch verst&auml;rkt. Die Warnstreiks und Streiks sind umso bedeutender, weilsie w&auml;hrend einer Wirtschaftskrise und in einem Wahljahr stattfinden.Sie wurden aufgrund des Drucks von unten gegen den Willen der Gewerkschaftsf&uuml;hrungendurchgesetzt. <br \/> Proteste gab es auch unter Studierenden gegen die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren.In Nordrhein-Westfahlen, wo ein Drittel aller Studierenden leben, hat esStreiks an vielen Hochschulen gegeben und es kam zu lokalen und &uuml;berregionalenGro&szlig;demonstrationen. In Hamburg demonstrierten sogar 70 000 LehrerInnen,Sch&uuml;lerInnen und Studierende gegen K&uuml;rzungen und Privatisierungenim Bildungswesen. <\/p>\n<p> Gewerkschaften<\/p>\n<p> Die F&uuml;hrungen der Gewerkschaften haben in den 90er Jahren eine dramatischenRechtsruck durchlaufen. Statt f&uuml;r die Interessen ihrer Mitglieder zuk&auml;mpfen, betreiben sie Co-Management und tragen viele Angriffe auf dieArbeiterklasse mit. Eine lange Liste von Gewerkschaftsf&uuml;hrerInnen habendie Seiten gewechselt und sind in Regierungen bzw. Regierungsinstitutioneneingetreten oder zu Managern in privatisierten Betrieben geworden. Die Unzufriedenheitan der Basis ist gro&szlig; und viele ArbeiterInnen haben leider die Schlussfolgerunggezogen die Gewerkschaften zu verlassen. In manchen Bereichen, wie unterCall-Center-Besch&auml;ftigten hat das schon zur Bildung von Selbstorganisationsstrukturenunabh&auml;ngig von den Gewerkschaften gef&uuml;hrt. Aber der Druck von untenw&auml;chst. Die Situation ist zwar noch nicht so weit entwickelt, wie inbritischen Gewerkschaften, wo einige linke F&uuml;hrerInnen gew&auml;hltwurden. Aber die Bildung einer bundesweiten Initiative zur Vernetzung dergewerkschaftlichen Linken sind Anzeichen f&uuml;r die Entstehung einer starkenlinken Opposition in den Gewerkschaften in der Zukunft, wenn unter dem Eindruckder Rezession und scharfer Angriffe K&auml;mpfe gef&uuml;hrt werden m&uuml;ssen.<\/p>\n<p> Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung<\/p>\n<p> Nach den Massendemonstrationen von Genua im Sommer 2001 hat sich die Bewegunggegen die kapitalistische Globalisierung auch in Deutschland entwickelt.Wichtigster organisatorischer Ausdruck ist die Organisation Attac. Diesehat innerhalb weniger Monate mehrere hundert Gruppen in &uuml;ber einhundertSt&auml;dten bilden k&ouml;nnen und ist von 400 auf &uuml;ber 6 000 Mitgliederangewachsen. Attac vertritt ein Programm zur Reformierung des Kapitalismusund spricht sich gegen Privatisierungen der sozialen Sicherungssysteme, f&uuml;rdie Einf&uuml;hrung einer Steuer auf Devisentransaktionen (sogenannte Tobinsteuer)und gegen Krieg aus. Attac fordert aber auch eine neue Weltwirtschaftsordnung&#x96; ohne eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie diese aussehen k&ouml;nnte.Innerhalb von Attac gibt es aber eine Offenheit auch &uuml;ber sozialistischeIdeen zu diskutieren. Attac hat sich auch an den wichtigen Demonstrationengegen den Afghanistan-Krieg und gegen den Bush-Besuch beteiligt und ruftzusammen mit den Gewerkschaftsjugenden f&uuml;r den 14. September zu einerbundesweiten Gro&szlig;demonstration gegen Neoliberalismus und f&uuml;r sozialeGerechtigkeit auf. SozialistInnen arbeiten bei Attac mit und argumentierenf&uuml;r eine klare antikapitalistische Ausrichtung der Organisation. <\/p>\n<p> Die PDS<\/p>\n<p> Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) ist die ehemalige Staatsparteider stalinistischen DDR (Ostdeutschland). Nach der Vereinigung von West-und Ostdeutschland hat sie sich zu einer &#x84;normalen&#x93; reformistischen Linksparteientwickelt. Mit ca. 90 000 Mitgliedern ist sie in Ostdeutschland eine kleineMassenpartei, hier bekommt sie bis zu 20 Prozent der W&auml;hlerstimmen.In Westdeutschland ist sie eine marginalisierte Kraft mit weniger als 4 000Mitgliedern und ein bis zwei Prozent der Stimmen. <br \/> W&auml;hrend die PDS zwar die einzige Partei im Parlament ist, die nichtden Kapitalinteressen verpflichtet ist und sich zum Beispiel gegen deutscheKriegsbeteiligung und gegen die Rentenreform ausgesprochen hat, so ist siein Ostdeutschland auf kommunaler und auf L&auml;nderebene zu einer Regierungsparteigeworden, die Sozialk&uuml;rzungen und Privatisierungen mittr&auml;gt. DerGrund dieser &#x84;Realpolitik&#x93; ist die Akzeptanz der Marktwirtschaft durch diePDS-F&uuml;hrung. Den Sozialismus tr&auml;gt die Partei nur noch im Namen.Sie verfolgt eine rein parlamentarische Strategie und spielt kaum eine Rollebei au&szlig;erparlamentarischen Bewegungen und Mobilisierungen. <br \/> Sie ist Teil der Landesregierungen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.Gerade in Berlin tr&auml;gt sie ein unvergleichliches Programm von Sozialabbau,Stellenk&uuml;rzungen und Privatisierungen mit. Es ist nur eine Frage derZeit, dass die PDS der SPD vollst&auml;ndig ins kapitalistische Lager folgt.Es sei denn, die Partei bricht vorher zusammen.<br \/> Dies ist nicht auszuschlie&szlig;en. Nachdem der wichtigste Kopf der Partei,Gregor Gysi zur&uuml;ckgetreten ist, sehen viele Umfragen die PDS nicht mehrim Bundestag. F&uuml;r viele Menschen war die Antikriegshaltung der wichtigsteGrund PDS zu w&auml;hlen. Die verlogenen Aussagen von Schr&ouml;der und Fischergegen den Irak-Krieg k&ouml;nnten der PDS jetzt weitere Stimmen kosten. Dask&ouml;nnte auch das Angebot der PDS F&uuml;hrung an Schr&ouml;der, diesenzum Kanzler zu w&auml;hlen, wenn SPD und Gr&uuml;ne keine eigene Mehrheithaben sollten.<br \/> Einer der Vordenker der Partei, der Europaabgeordnete Andr&eacute; Brie hatschon vorgeschlagen, dass Gregor Gysi und Oskar Lafontaine eine neue linkePartei gr&uuml;nden sollten. Auf der Grundlage der bisherigen Politik vonGysi und Lafontaine w&uuml;rde eine solche Partei keine Alternative anbieten,aber allein die Bildung einer neuen Linkspartei w&uuml;rde die Frage einerneuen Politik auf die Tagesordnung stellen und viele ArbeiterInnen und Jugendlichebegeistern. In einer Online-Umfrage des Magazins &#x84;Der Spiegel&#x93; erkl&auml;rten&uuml;ber 40 Prozent der TeilnehmerInnen, sie k&ouml;nnen sich vorstelleneine solche Partei zu w&auml;hlen. <br \/> Daf&uuml;r gibt es zur Zeit keine Anzeichen, aber nach einem m&ouml;glichenrechtsb&uuml;rgerlichen Wahlsieg im Herbst ist mittelfristig auch nichtsauszuschlie&szlig;en.<\/p>\n<p> &#x84;Stoppt Stoiber&#x93;?<\/p>\n<p> Der konservative Kanzlerkandidat Edmund Stoiber ist ein besonders reaktion&auml;rerVertreter der Kapitalisten. Es ist keine Frage, dass es f&uuml;r eine weitereVersch&auml;rfung der rassistischen Politik und f&uuml;r Angriffe auf dieRechte der Arbeiterklasse, wie die Aush&ouml;hlung des Fl&auml;chentarifsund die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes steht. Was die Arbeiterklasseunter einer Stoiber-Regierung erwartet personifiziert sein Kandidat f&uuml;rdas Amt des Wirtschaftsministers Lothar Sp&auml;th. Dieser ist Vorstandsvorsitzenderder ostdeutschen Jenoptik AG und hat dort seit 1991 tausende Arbeitspl&auml;tzeabgebaut und die Arbeitszeit f&uuml;r die Besch&auml;ftigten verl&auml;ngert.Dementsprechend profitiert Stoiber nur von der gro&szlig;en Entt&auml;uschungmit SPD und Gr&uuml;nen. Es gibt keine Begeisterung f&uuml;r ihn und es istzu erwarten, dass die Wahlbeteiligung einmal mehr auf ein Rekordtief fallenwird. <br \/> Die Gewerkschaftsf&uuml;hrungen und einige Linke, wie die deutsche Schwesterorganisationder britischen Socialist Workers Party, betreiben eine &#x84;Stoppt Stoiber&#x93;-Politik.Damit wird der Eindruck erweckt, Schr&ouml;der sei das kleinere &Uuml;bel.Logische Konsequenz ist eine direkte oder indirekte Unterst&uuml;tzung f&uuml;reine Stimmabgabe f&uuml;r die SPD (wobei die deutsche SWP bis Mitte Augustkeinen Wahlaufruf ver&ouml;ffentlicht hatte, in &auml;lteren Artikeln aberdazu aufrief SPD und PDS zu w&auml;hlen). Die Logik &#x84;Schr&ouml;der w&auml;hlen,um Stoiber zu verhindern, kommt einer Erpressung der Arbeiterklasse gleich.SozialistInnen d&uuml;rfen sich darauf nicht einlassen. Tatsache ist, dassdie Verantwortung f&uuml;r den m&ouml;glichen Regierungswechsel einzig undallein bei der rechten Politik von SPD und Gr&uuml;nen liegt. Um Stoiberzu stoppen, muss deshalb Schr&ouml;ders Politik bek&auml;mpft werden. EineFortsetzung der rot-gr&uuml;nen Regierung nach dem 22. September w&uuml;rdeeine Fortsetzung dieser unsozialen Politik bedeuten. Deshalb m&uuml;ssenSozialistInnen f&uuml;r aktiven Widerstand und Mobilisierungen gegen Stoiberund Schr&ouml;der eintreten und gleichzeitig eine grundlegende politische,eine sozialistische Alternative anbieten. <\/p>\n<p> Programm der SAV<\/p>\n<p> Die Sozialistische Alternative f&uuml;hrt eine k&auml;mpferische Wahlkampagneunter zwei Hauptlosungen: &#x84;Nein zur Politik f&uuml;r Banken und Konzerne&#x93;und &#x84;Widerstand gegen Stoiber und Schr&ouml;der&#x93;.<br \/> Insbesondere wenden wir uns gegen die Privatisierungen im Bildungs- und Gesundheitswesen,gegen die Pl&auml;ne die Arbeitslosenunterst&uuml;tzung zu k&uuml;rzen undden Billiglohnsekttor auszuweiten und gegen die dominierende Kriegspolitik.<br \/> Wir f&uuml;hren unsere Kampagne auf Grundlage eines klaren sozialistischenProgramms und fordern eine klare Umverteilung von oben nach unten, die drastischeBesteuerung von Gewinnen und Verm&ouml;gen, eine deutliche Arbeitszeitverk&uuml;rzungbei vollem Lohn- und Personalausgleich. Wir erkl&auml;ren gleichzeitig, dasssolche Ma&szlig;nahmen nur dauerhaft gesichert werden k&ouml;nnten durchdie &Uuml;berf&uuml;hrung der Banken und Konzerne in &ouml;ffentliches Eigentumbei demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bev&ouml;lkerungund durch die Ersetzung der kapitalistischen Marktwirtschaft durch eine demokratischegeplante Wirtschaft. Das Motto der antikapitalistischen Bewegung &#x84;Eine andereWelt ist m&ouml;glich&#x93; erg&auml;nzen wir mit &#x84;Eine sozialistische Welt istn&ouml;tig.&#x93;<br \/> Wir f&uuml;hren eine Mobilisierungskampagne zu Gro&szlig;demonstration am14. September in K&ouml;ln durch und betonen, dass Widerstand n&ouml;tigsein wird, egal wie die Wahlen ausgehen werden. Eine zentrale Forderung unseresWahlkampfes ist der Aufbau einer neuen breiten Massen-Arbeiterpartei. SPDund PDS sind keine Mittel um die Interessen der Millionen ArbeiterInnen undJugendlichen politisch zu verteidigen. Dazu bedarf es einer neuen Kraft.<br \/> Die SAV stellt in sieben St&auml;dten KandidatInnen f&uuml;r die Erststimmeauf. Das deutsche Wahlsystem sieht zwei Stimmen vor: die Erststimme w&auml;hltdie DirektkandidatInnen im Wahlkreis, die Zweitstimme wird f&uuml;r die Listender verschiedenen Parteien abgegeben. F&uuml;r die Zusammensetzung des Parlamentsist die Zweitstimme entscheidend. Die PDS ist die einzige Partei, die aufbundesweiter Ebene gegen Krieg und Sozialabbau eintritt und es w&auml;reeine Entt&auml;uschung f&uuml;r viele Linke und GewerkschafterInnen, wenndie PDS den Einzug in den Bundestag nicht schaffen sollte. Mangels einerbundesweit vertretenen, starken linken Alternative w&uuml;rde ein Einzugder PDS in den Bundestag die Kritik am neoliberalen Kurs von Stoiber undSchr&ouml;der ausdr&uuml;cken. Deshalb spricht sich die SAV daf&uuml;r aus,die Zweitstimme der PDS zu geben und ruft gleichzeitig jeden und jede aufselbst f&uuml;r den Aufbau einer neuen Arbeiterpartei aktiv zu werden. <\/p>\n<p> Perspektiven oder wird die Flut Schr&ouml;der retten?<\/p>\n<p> Die &Uuml;berflutungen in vielen Teilen Deutschlands hatten schrecklicheKonsquenzen f&uuml;r tausende Menschen und f&uuml;r die Infrastruktur unddie Wirtschaft. Die Schr&ouml;derregierung versucht die Situation zu nutzen.Sie verspricht schnelle Hilfe und hat die n&auml;chste Stufe der Steuerreformvon 2003 auf 2004 verschoben, was 6,9 Milliarden Euro zum Wiederaufbau derzerst&ouml;rten Gebiete mobilisieren soll. Die Kosten der Zerst&ouml;rungliegen wahrscheinlich jedoch dreimal so hoch. SPD und Gr&uuml;ne versuchensich als kompetent in Umweltfragen zu pr&auml;sentieren w&auml;hrend Stoibernicht einmal einen Umweltsprecher in seinem Wahlkampfteam hat. Folglich habenSPD und Gr&uuml;ne in Umfragen um ein, zwei Prozentpunkte zugelegt. Das magden Ausgang der wahlen wieder etwas offener gestalten, aber es &auml;ndertnichts an der Tatsache, dass alles danach aussieht, dass die rot-gr&uuml;neRegierung abgew&auml;hlt wird. Es ist offen, wie eine neue Regierung aussehenwird. Die Kapitalisten haben mit Stoiber und Schr&ouml;der zwei Kandidaten,mit denen sie sehr gut leben k&ouml;nnen &#x96; auch wenn die Unternehmer mittlerweiledeutlich machen, dass sie Stoiber als Kanzler bevorzugen w&uuml;rden. Esist m&ouml;glich, dass eine Koalition aus CDU\/CSU und der liberalen FDP eineMehrheit erh&auml;lt, aber auch eine gro&szlig;e Koalition ist nicht ausgeschlossen.Selbst eine CDU\/CSU-Alleinregierung ist theoretisch nicht ausgeschlossen,wenn PDS und Gr&uuml;ne den Einzug ins Parlament nicht schaffen w&uuml;rden.Und um die letzte, wenn auch unwahrscheinlichste Option nicht unerw&auml;hntzu lassen: auch eine Koalition aus SPD, Gr&uuml;nen und FDP ist eine theoretischeM&ouml;glichkeit. <br \/> Egal welche dieser Optionen zur Realit&auml;t wird: die Arbeiterklasse kannnur verlieren. <br \/> Die weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage wird aber schon schnellneue K&auml;mpfe der Besch&auml;ftigten auf die Tagesordnung setzen. Verteidigungsk&auml;mpfezum Erhalt von Arbeitspl&auml;tzen und ganzen Betrieben oder gegen Pl&auml;neL&ouml;hne zu k&uuml;rzen und Arbeitszeiten zu verl&auml;ngern stehen an.Zum Jahresende beginnt die Tarifrunde im &ouml;ffentlichen Dienst, die zuStreiks f&uuml;hren kann. Die sogenannten &#x84;Pl&auml;ne zur Bek&auml;mpfungder Arbeitslosigkeit&#x93; werden nach den Wahlen von jeder Regierung umgesetztwerden und zu scharfen Angriffen auf Arbeitslose und Besch&auml;ftigte f&uuml;hren.Eine Zunahme der sozialen Polarisierung und von K&auml;mpfen ist deshalbdie Aussicht f&uuml;r Deutschland. <br \/> Solche Arbeiterk&auml;mpfe k&ouml;nnen einher gehen mit einer m&ouml;glichenMassenbewegung gegen einen Irak-Krieg und mit der Bewegung gegen die kapitalistischeGlobalisierung. Sie werden an den Gewerkschaften nicht spurlos vorbei gehen,sondern die Entwicklung einer linken Opposition beschleunigen. <br \/> Und immer mehr ArbeiterInnen und Jugendliche werden die Notwendigkeit einerneuen politischen Interessenvertretung erkennen. Diese Erkenntnis k&ouml;nnteschneller um sich greifen, sollte die PDS nicht in den Bundestag einziehen.<br \/> Vor diesem Hintergrund wird sich auch der Aufbau der Sozialistischen Alternativebeschleunigen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vieles sieht danach aus, dass der 22. September das Ende einer kurzen rot-gr&uuml;nenEpisode in der Bundesrepublik Deutschland markieren wird. 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